Mixology 2.0: Von Email bis Facebook

Von Redaktion | September 25, 2007 um 14:06 | 2 Kommentare | Allgemein | Tags: , , , , , ,

 In meinem ersten Blogeintrag zum Start unserer neuen Seite hatte ich schon einmal angekündigt, hier über Wissenswertes bezüglich Internettechnik zu berichten. Ich denke, nur maximal 1/3 der Leser hier auf dem Blog hat beispielsweise schon einmal etwas von RSS-Feeds gehört und vermutlich nutzt selbige nur wiederum 1/4 von diesen. Aber mit diesem komplizierten Beispiel möchte ich nicht beginnen. Nachdem ein Social Network namens "Tagged" meine gesamten Kontakte angespamt hatte, brachte ich mich kürzlich unter Zugzwang mit der Ankündigung, etwas über selbige zu schreiben. Ich hole aber etwas weiter aus und nenne dabei ein paar wichtige Stationen im Internet, was Bardinge anbetrifft.

Harry Johnson hätte es sich wohl nicht träumen lassen, dass über 100 Jahre später seine beruflichen Erben täglich rund 2 Stunden vor einer von innen erleuchteten Kiste sitzen würden, während sie mit ihren Fingern auf einem geriffelten Brett eigenartig stochernde Bewegungen vollführen.

Der Bartender der Jetztzeit ist täglich im Internet. So selbstverständlich wie er am Abend sein Mis en place herrichtet und nach dem Ende der Schicht den Tresen reinigt. Allein dieser Umstand führte dazu, dass unsere Branche, die Barindustrie, innerhalb von 10 Jahren um einen Quantensprung vorangekommen ist. Im Internet findet man nahezu alles, was man an fachlicher Information benötigt. Man kann sich mit einem Knopfdruck von Kollegen empfohlene Bücher bestellen. Und ist ein Jerry Thomas einmal vorübergehend vergriffen, so surft man einfach auf den Blog von Darcy O`Neil namens The Art of Drink und findet dort alle Kapitel fein säuberlich abrufbar. Hat man eine fachliche Frage, so stellt man sie einfach in ein Forum und bekommt meist innerhalb von 24 Stunden Antwort. Und seit ein paar Monaten bildet man sogar seinen Arbeitsalltag im Internet ab. Das Zauberwort heißt "Soziale Netzwerke". Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sollen im Folgenden die verschiedenen Formen der Online-Kommunikation vorgestellt werden.

Email

 Das Email ist die einfachste Form der Kommunikation und der Klassiker unter den Internetdiensten. Es ermöglicht eine unglaublich schnelle und einfache, tagesaktuelle Kommunikation. Ich selber kam (nach meiner Einschätzung) erst relativ spät zur elektronischen Post. Im Grunde genommen begann ich sie erst 1999 in London richtig zu nutzen, um mit meinen Freunden und Kollegen auf dem Festland in Kontakt zu bleiben. Nach meiner Schicht in Teatro (mittlerweile residiert dort ein anderes Lokal) in Soho, lief ich nachts regelmäßig die paar Meter hoch zur Tottenham Court Road, wo ein damals gerade neu errichtetes Easy Internet mit zig Terminals ein angenehmes Surfen ermöglichte. Die Gastronomie ist ein schnelllebiges Geschäft, man verliert sich schnell aus den Augen. Hier ein einfaches Beispiel, was die Email veränderte: Nach einer Wintersaison am Arlberg und der darauf folgenden sommerlichen Anstellung auf einem Kreuzfahrtschiff, das die Arktis durchschippert, bekommt man plötzlich den Posten als Barchef in einem ehemaligen Betrieb angeboten und möchte den Ex-Arbeitskollegen nachholen, mit dem man so hervorragend im Team gearbeitet hat. Früher eine mühsame Suche, verbunden mit dem Abtelefonieren aller früheren Betriebe, schickt man heute einfach eine Email mit der Frage, wo der Kollege gerade sei und ob er Interesse an dem Job habe.

Zu meinem Erstaunen gibt es immer noch Bartender, die keine Email-Adresse besitzen. Wenn mir ein solcher wieder einmal sein Leid über die mangelnde Dynamik seiner Karriere klagt, amüsiert mich das. Mein Plädoyer für die Nutzung neuer Medien und die Vernetzung der Bartender untereinander ist hinlänglich bekannt.

Foren

Die erste Plattformkommunikation im Internet waren sogenannte "News Groups". Auf diese stellten man eine fachliche Frage ein und andere Mitglieder einer solchen Gruppe konnten an Ort und Stelle ihre Meinung zum besten geben, egal wo auf der Erde sie sich aufhielten. Diese Gruppen bezeichnet man heute allgemein als Foren.

 Ein Forum hat der Email gegenüber den Vorteil, dass man mit mehreren Personen in eine öffentliche Diskussion oder Unterhaltung eintreten kann. Gleichzeitig kann man auf einfache Weise den Verlauf der Kommunikation verfolgen, da er archiviert wird. Das erste größere Forum für Bartender war das Forum von Webtender. Später folgten Egullet, das vor allem sehr fortschrittliche Connaisseure beherbergt und das heute schon fast Kultstatus genießende Drinkboy. Drinkboy hat sich zum Nabel der englischsprachigen Kommunikation unter Bartendern entwickelt. Wir von Mixology starteten 2003 ein erstes Forum für professionelle Bartender im deutschsprachigen Raum, das wir auf unsere neue Internetseite übernahmen.

Newsletter

Der Newsletter ist eine Form des Emails, die aber in der Regel nicht zu einer Kommunikation führt. Sie ist eine Information, die an zig Benutzer per Mail versandt wird. Newsletter waren vor allem bei Beginn des großen Internet-Booms ein wichtiges Marketinginstrument. Heute haben sie ihre Bedeutung etwas eingebüßt, weil sich das Nutzerverhalten geändert hat. Die Menschen sind häufiger online und rufen viele Informationen täglich ab. Die jüngste Generation unter den Bartendern verbringt schon mehr Zeit am Computer als vor dem Fernseher. Newsletter sind allerdings gut für die zielgenaue Ankündigung von Events und wichtigen Ereignissen. Gary Regan von Ardent Spirits macht den bekanntesten Newsletter für Bartender. In letzter Zeit habe ich allerdings etwas das Interesse an ihnen verloren, weil sie einen stärkeren Vermarktungs- und USA-Fokus bekommen haben. Wir bei Mixology versenden seit 2004 regelmäßig Newsletter. Legendär ist die Erinnerung an unseren Erdbeer-Maracuja-Newsletter, von dem im Forum noch Nachwehen zu sehen sind, der uns zum ersten Mal die Wirksamkeit und Reichweite demonstrierte, die ein solches Kommunikationswerkzeug besitzt. Wir versuchen, die Frequenz unserer Newsletter auf einen Monatsrhythmus zu beschränken. Unseren Newsletter kann man hier auf der rechten Seite abonnieren.

Blogs

Blogs sind eine ganz große Sache. Und wenn ich so begeistert starte, muss ich auch davon überzeugt sein. Blogs begannen ab ca. 2002 bekannter zu werden als Kommnikationswerkzeug. Man beschreibt sie ganz gerne mit Internettagebüchern. Tatsächlich sind Blogs eine Mischform von mehreren Dingen. In vielen Aspekten kann man sie wie einen täglichen Newsletter betrachten, der irgendwo öffentlich angeschlagen wird. Gleichzeitig bieten sie aber auch die Möglichkeit des Kommentars und des Dialogs von Lesenden und Schreiber. Damit nutzen Blogs also auch ein Foren-Element. Das spannende an Blogs ist allerdings, dass sie das Internet persönlich machen. In Blogs schildern Menschen ihren Berufsalltag oder beschreiben das Entstehen eines Projektes. Man kann so auf sehr persönliche Erfahrungen anderer Menschen im eigenen Geschäftsfeld zurückgreifen, was dem Internet noch einmal einen Bedeutungsschub gab. In den USA gibt es schon länger eine extrem quirlige Barblog-Szene. Wir begannen 2005 mit einem ersten Blogprojekt als Versuchsballon, das wir Anfang 2007 mit dem Relaunch unserer Internetseite konsequent fortführten. Für unsere Autoren führten wir zu diesem Zweck ein Blogseminar in Hamburg durch, zu dem wir den bekannten Blogger Robert Basic einluden. Im Ambiente einer kleinen Cocktailbar erklärte er den (von einer nächtlichen Kieztour gezeichneten) Teilnehmern die Software und Art der Kommunikation von Blogs. Auf diesem Treffen wurde auch das Fundament für das Netzwerk der Traveling Mixologists gelegt, dass in einem Blogformat geführt wird. Stark involviert sind dort bekanntlich die Bitters Blogger. Ein sehr authentisches Beispiel für einen bloggenden Bartender ist der Thekenmeister.

Social Networks

Was wäre nun, wenn man alle genannten Elemente, Email, Newsletter, Forum und das persönliche Element der Blogs in ein Medium überführt? Das Ergebnis wird seit Monaten immer populärer und wird mit dem Begriff der „Sozialen Netzwerke" umschrieben. In diesen Netzwerken verbindet man sich mit seinen Bekannten, Freunden, Geschäftspartnern und Gleichgesinnten. Dies geschieht in der Absicht gefunden zu werden und mit anderen Kontakt zu halten. Ein bekanntes soziales Netzwerk ist Myspace. Dieses (ursprünglich amerikanische) Netzwerk wurde vor allem in der Musikerszene zu einem Muss. Fast jede Band hat heute eine Myspace-Seite, auf der sie ihre neuen Singles zum Download bereitstellt oder ihre Tourdaten bekannt gibt. Ich persönlich finde Myspace nicht attraktiv. Man bekommt dort haufenweise Spam-Kontakte und das Design der Seite ist schlicht schäbig.

Im deutschsprachigen Raum startete als erstes Netzwerk OpenBC durch, das sich später in Xing umbenannte. Xing bietet eine normale Mitgliedschaft und eine zu bezahlende Premium-Migliedschaft an. Ohne die Premium-Mitgliedschaft kann man die Funktionen nur sehr eingeschränkt nutzen. Mir war die Funktionalität von Xing nie eine Premium-Migliedschaft wert. Xing ist für mich eher eine statische Profilseite, wo man mich finden kann und wo ich die neuen Kontaktdaten eines Freundes oder eines geschäftlichen Kontaktes einsehen kann. Quais als ein "Xing für die Getränkeindustrie" gründete sich letztes Jahr About Drinks. Dort sind viele Leute aus der Getränkebranche im wirklich allerweitesten Sinne registriert. Mir ist die Funktionsweise dieses Netzwerkes zu kompliziert. Sie besitzt auch nicht genug Dynamik für mich. About Drinks veröffentlicht allerdings regelmäßig Infos und Presse-Mitteilungen aus der Branche, die den einen oder anderen interessieren könnten. Eine Web 2.0-Seite muss sich meiner Meinung nach dem Nutzer innerhalb von Minuten erschließen, sonst ist sie wertlos.

Der Vollständigeit halber sollte man hier wohl auch noch Second Life erwähnen, eine (kommerzielle) 3D-Welt mit ebenfalls starkem Netzwerk-Charakter. Nachdem mich dieses Programm eine Stunde durch eine Testwelt geschleust hatte, ohne, dass ich die wichtigsten Funktionen herausgefunden hatte, deinstallierte ich das "Spielchen" sofort wieder. Ich habe keine Zeit dafür, Gebrauchsanleitungen durchzulesen. Das dies auch anderen so geht, zeigt die Tatsache, dass der mediale Hype um Second Life auch schon wieder abgeklungen ist. Wer gerne Computerspiele benutzt, für den ist es vielleicht von Reiz.

Facebook

Und aus genau dem oben erwähnten Grund der einfachen Zugänglichkeit ist das englischsprachige Netzwerk Facebook seit mehreren Monaten der Stern am Bartender-Himmel. Innerhalb von wenigen Wochen war plötzlich das Who-Is-Who der europäischen Barszene dort registriert. Facebook ist aufgrund seiner größtmöglichen Offenheit so erfolgreich. Das Netzwerk, das ursprünglich nur für Studenten bestimmt war, erlaubt mittlerweilen anderen Anbietern eigene Applikationen in Facebook einzubinden. Die Nutzung des Netzwerkes ist darüber hinaus gratis und in einem ansprechenden Design gestaltet. Man kann Fotos hochladen, in Gruppen einsortieren und gezielt Teilnehmern eines speziellen Events zugänglich machen.

 Ein Statusbericht (hier im Screenshot mein Beispiel von heute) sagt täglich, wo sich die Kollegen gerade befinden. Ich erfahre zum Beispiel, dass sich John Gakuru von Sagatiba gerade in Tokyo aufhält und an seinem Jetlag laboriert und dass sich Jake Burger in Leeds gerade einen Westbourne Grove Negroni gönnt, während er über seiner neuen Barkarte grübelt. Das macht Spaß und wirkt sehr persönlich. Ich habe beispielsweise Jake daraufhin gleich eine Nachricht auf Facebook geschickt, mit der Frage, was denn ein Westbourne Grove Negroni sei. Die Antwort kam prompt: ein Negroni mit Martin Miller´s Westbourne Gin. Währendessen fragt mich z.B. jemand auf der Event-Mitteilung für unseren Bar Convent Berlin an, ob es schon Neues über das Programm gebe. Diese kleinen Beispiele zeigen, wie funktional und wirksam Facebook ist.

Allerdings muss man auch lernen mit sozialen Netzwerken umzugehen. Es ist schädlich, Kontakte und Freundschaftsanfragen nur anzunehmen, um eine Vielzahl an solchen vorweisen zu können. Die echten und nützlichen Kontakte sind nur die, die man mit einer Person verbinden kann, die man auch persönlich getroffen hat. Ich selbst sortiere nach einer Lernphase mittlerweile sehr sorgfältig, wen ich bestätige und wen nicht. Auch gibt es auf Facebook eine Vielzahl an Entertainment-Modulen, die sich zu Zeitfressern entwickeln können, wenn man zuviel davon installiert. Man sollte sie auf ein vernünftiges Maß beschränken.

Es sind noch nicht einmal 10 Jahre her, seit das Email zum Standard zu werden begann. Demgegenüber ist Facebook schon mehrere Quantensprünge weiter. Es ist derzeit das Nonplusultra an Internetkommunikation und wird von manchen schon als das neue Google gehandelt. Ein Blick lohnt sich. Die fortschrittlichsten Bartender sind alle schon dort versammelt.

 

Link:

www.facebook.com

 

Text: Helmut Adam

Der Autor

2 Kommentare

  1. Mike Triobar (4 years ago)

    ein wunderbares Plaedoyer fuer Bloging und Social Networking…
    ich erlaube mir es nun als Standardwerk zu nutzen,
    wenn mich jemand fragt warum ich pro Tag drei-vier Stunden vor diesem
    von innen beleuchteten Koffer sitze.
    Gratuliere Helmut – wohl einer der angenehmsten Artikel zu diesem Thema
    die ich jemals gelesen habe.

  2. nimue (4 years ago)

    Ich wusste doch, die üblichen Verdächtigen werden das unbedingt erforderliche Lob bestens formulieren. Chapeau!

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