Vor kurzem ergab es sich, dass ich in einer Woche zwei Cocktailkarten zugeschickt bekam. Und interessanterweise lagen zwischen diesen beiden Karten Welten. Die eine erreichte mich als PDF-Datei, die andere als gebundenes, dickes "Buch". Die eine kam aus Großbritannien, die andere aus Deutschland. Ich werde hier im Blog beide Kartenkonzepte vorstellen. Wie sich vielleicht der eine oder andere unserer Leser erinnern kann, habe ich 2006 beim Bols Barcoaching verschiedene Cocktailkarten vorgestellt und deren Struktur analysiert. Ähnlich werde ich auch hier vorgehen.
Die Karte aus Großbritannien ist von der Match Bar Group in London, die Karte, die ich aus Deutschland erhielt, die der Capri Lounge in Köln. In diesem Beitrag werde ich auf das Drinks Menü der Match Bar Group eingehen. Im Bild oben sieht man den Rückumschlag.
Zugänglichkeit
Das Cover der Cocktailkarte fordert den Gast dezidiert dazu auf: "Nimm mich mit!" Wer den Schwund von schönen Cocktailkarten in Bars kennt, muss auch die Souveränität dieser Kommunikation anerkennen. Die Match Bars sind in London seit Jahren führend und ein Standard, was Ausbildung und Qualität ihrer Bartender anbetrifft. Wie andere bekannte Bars in London ist man es auch in den Match Bars gewohnt, dass viele Karten mitgenommen werden. Man macht daraus einfach pragmatisch eine Werbung, so etwas wie eine ausführlichere Visitenkarte. Dafür wird die Karte dann natürlich sehr günstig produziert, mit Heftklammerung und einfachem verstärktem Glanzkarton. Das erspart entnervte Diskussionen beim Team-Meeting, wieso am Wochenende wieder 15 Cocktailkarten verschwunden sind und an welcher Station das passiert sei etc.
Volumen& Inhalt
Mit 18 Seiten Inhalt bleibt die Karte übersichtlich. Von den 18 Seiten behandeln nur 12 das Getränke- und Speiseangebot. Die anderen Seiten widmen sich den Hintergründen der Bar undunterhält mit ausgesuchten Zitaten über das Wesen der Bar. Was man in London vor allem verstanden hat, ist, dass es unsinnig ist, eine Karte mit 200 Rezepturen zu überfrachten. Die Match Cocktailkarte umfasst rund 30 Cocktails. Und genau das ist auch das empfehlenswerte Maximum. Alles andere überfordert erfahrungsgemäß den Gast.
Unter "Classics" hat man vorsorgend auch die Drinks zusammengefasst, die von weniger erfahrenen Konsumenten bestellt werden. Für diese ist es wichtig, sich in der Karte zu "finden". Ähnliches hat auch David Wiedemann in seiner neuen Bar Reingold gemacht, auch wenn es seiner ursprünglichen Intention, nur innovative Sachen anzubieten, entgegenstand. Man darf den Gast, so er es wünscht, fordern, niemals aber überfordern.
Auch die Cocktailrubriken zeigen, worauf sich das Haus konzentriert. Unter "The Magnificant Seven" sind sieben Londoner Dauerbrenner zusammengefasst, die zum Teil auf Barguru Dick Bradsell zurückgehen, der für das Angebot der Match Bars bei Eröffnung verantwortlich zeichnete. Dale DeGroff, der seit Jahren einen Teil des Schulungsprogramms der Gruppe leitet, hat ebenso eine eigene Rubrik bekommen.
Unterscheidungsmerkmale (oder Verbote)
Was mir besonders gefällt an der Match-Karte ist die Seite mit den "Nos". Sie signalisiert Selbstbewußtsein und kommuniziert auf elegante, papierene Weise, dass man in den Match Bars nicht alles zulässt und bestimmte Sachen ablehnt oder nicht anbietet. Genauso wie britische Radiosender bewußt verschiedene Künstler nicht spielen, legt die Karte klar fest, dass sie auch im Cocktailangebot einige Sachen auf keinen Fall zubereiten wird: "No Apple Martinis, No Chocolate Martinis."
Die "Nos" ersparen dem Personal viel Kommunikation und vor allem Diskussionen. Ich selbst habe unzählige Male erlebt, wie sich Gäste gegenüber dem Personal aufgeplusterten und einen höflichen Hinweis über die Einhaltung der Hausregeln schließlich nur vom Manager akzeptierten. Gerade in der Millionenmetropole London, in der man täglich und stündlich wie in einem Ameisenhaufen von Menschen umschwirrt ist, beharren viele Leute bis zur absoluten Peinlichkeit auf einem eingebildeten (VIP-)Status.
Fazit
Alles in allem halte ich die Match Bar Cocktailkarte für sehr gelungen. Sie ist natürlich auch das Werk einer erfahrenen Crew und wird routiniert jedes Jahr komplett umgeschrieben und erneuert. Ihre Inhalte sind übersichtlich, der Gast findet sich schnell zurecht und bekommt, selbst bei erstmaligem Besuch, innerhalb von Minuten einen Überblick, wo er sich befindet und was dort angeboten wird.
Was aber ist für mich das Hauptmerkmal der Karte? Es ist die Offenheit im Umgang damit. Man muss schmunzeln, wenn man sieht, wie Bartendern hier im Forum verkrampft ein kleines Espumarezept hüten. Die Match Bar Group hat kein Problem damit, dass ihre Inhalte verbreitet und kopiert weden. Denn sie weiss, dass damit auch der Ruf und die Marke der Match Bars kontinuierlich gestärkt werden. Gründer und Eigentümer der Match Bar Group, Jonathan Downey, schrieb mir demnach auch: "Please use it as you wish."
Hier kann man die komplette Karte im Detail betrachten und herunterladen:
Weitere Cocktailkarten
funky_kriz (3 years ago)
Weiß jemand wo ich Cocktailglas Piktogramme, wie in dieser Karte verwendet, finden kann. Ich möchte solche in unsere neue Karte einbauen. Der unerfahrene Cocktaildrinker kann sich so besser vorstellen, was er bekommen wird. Vielen Dank im Vorraus!