Tales of the Cocktail in New Orleans 2010 (I)

Von Helmut Adam | Juli 23, 2010 um 21:40 | Keine Kommentar | Porträts, Veranstaltungen | Tags:

Ein erster Bericht von Tales of the Cocktail, der jährlichen Veranstaltung für Barprofis und Cocktailenthusiasten in den USA, mit einem Blick auf die Barindustrie als öknomischen Faktor.

New Orleans. Juli. Gefühlte 80% Luftfeuchtigkeit. 34 Grad. Ich weiß, dieser Sommer sieht ähnliche Temperaturen in Zentraleuropa. Trotzdem ist das Klima in der amerikanischen Stadt, in die jedes Jahr Cocktail-Enthusiasten aus der ganzen Welt einfallen, äußerst fordernd. Man bewegt sich von einer Klimanalagen-bewehrten Zone zur nächsten. Dazwischen liegt eine Mauer aus feuchter Hitze, die Passanten zwingt, sich strategisch im Schatten der Häuser zu bewegen.

Tales of the Cocktails hat sich zum Mythen-umwobenen jährlichen Treffen der amerikanischen und internationalen Barindustrie entwickelt. Begonnen hat alles im Jahr 2001, als Ann Tuennerman erstmals Touren durch die Bars von New Orleans anbot. Diese geführten Touren waren so erfolgreich, dass sie nach einem Jahr eine Presseveranstaltung organisierte, um das Jubiläum zu feiern. Die Resonanz auf diese kleine Veranstaltung an der Carousel Bar des Monteleone war wiederum so groß, dass man im folgenden Jahr Seminare an einem fixen Ort anzubieten begann: dem Hotel Monteleone (siehe Bild).

Ein Fixpunkt der Barindustrie

Dieses Hotel ist seitdem Dreh- und Angelpunkt der Tales of the Cocktail. Wer Kontakte in der Branche sucht, muss sich nur ein paar Stunden in die Lobby des Monteleone stellen und seine Visitenkarten bereithalten. Praktisch alles, was Rang und Namen in der Branche hat, vom berühmten Bartender über den bekannten Spirituosen-Autor bis zum Bar-Blogger, gibt sich dort die Klinke in die Hand.

Diese Ansammlung von Leuten, die dieses Jahr laut Mit-Organisator Paul Tuennerman höchstwahrscheinlich die Schwelle von 20’000 während der Veranstaltungswoche überschreiten wird, führt natürlich auch zu einem enormen Social-Media-Buzz. Dieser ist allerdings weniger ein "Angeber-Modus", sondern purer Enthusiasmus darüber, eine Woche ausschließlich unter Gleichgesinnten zu verbringen, wo man zu Hause in der Kleinstadt schräg angesehen wird, wenn man über Volleiswürfel und den Hard Shake redet. Tales sind für die Vereinigten Staaten das, was der Bar Convent für Deutschland bedeutet. 

Die #fb-totc-Aktion befremdete hier in New Orleans denn auch eher, als dass sie als lustig empfunden wurde. Die Botschaft wurde nicht so richtig verstanden. Frau Tuennerman wiederum dürfte sich, auf der Suche nach unangemeldeten Side Events, die von Seiten Tales mit Verve bekämpft werden, wie Don Quijote vorgekommen sein.

Der Kampf um die Aufmerksamkeit

Tatsächlich wird von Seiten mancher Sponsoren hinter vorgehaltener Hand die restriktive Politik der Tales-Organisation kritisiert. Sie toleriert keine Alleingänge von Firmen außerhalb des vorgegebenen Rahmens, was viele als Beschneidung ihrer Kreativität empfinden. Hier in New Orleans geht es für die Firmen darum, durch möglichst interessante Konzepte auf ihre Marken aufmerksam zu machen und möglichst viele der Multiplikatoren, die Tales besuchen, zu erreichen und von ihrer Mission zu überzeugen.

Die Marke Ricard etwa organisierte gestern ein nächtliches Petanque-Event. Dafür wurde die Straße vor dem Monteleone gesperrt und mit Sand aufgefüllt. Hendricks wiederum schmiss vor zwei Tagen eine riesige Party einem Palast, der viele an das Epos "Vom Winde verweht" erinnerte. Der stark im amerikanischen Markt engagierte Leblon-Cachaca schickte gestern Botschafter in grünen Affenkostümen auf die Straße und Bols verleiht täglich Hollandfahrräder, mit denen man das French Quarter erkunden kann.

Eine auch in Deutschland bekannte Cachaca-Marke entzog sich dieses Jahr erstmals der Tales-Struktur und mietete das Dach eines Gebäudes samt Pool, um dort eine Lounge einzurichten, über die ich aber "auf keinen Fall" berichten soll, was ich hier unter Einhaltung journalistischer Sorgfaltspflicht auch vermeide. ;)

Die soziale Komponente von Tales

Was Tales aber auch bedeutet, ist ein willkommener Zufluss von Geld in eine Stadt, die vom Schicksal nicht geschont wurde. New Orleans hat sich von der Zerstörung durch den Hurrikan Katrina im Jahr 2005 noch nicht erholt. "Wir hängen immer noch zu stark vom Tourismus ab", erzählte mir gestern bei einem Abendessen in einem Lokal, das etwas abseits der berühmt-berüchtigten Bourbon Street liegt, meine Tischnachbarin, die aus einer in vierter Generation in der Stadt lebenden Familie stammt. Das führe dazu, dass sich "jede Naturkastastrophe sofort auf das Einkommen der Stadt" auswirke.

Die aktuelle Ölkatastrophe im angrenzenden Golf von Mexiko etwa hat bereits zur Entlassung von Personal und zur Schließung einiger Betriebe geführt. Die vielen auf Meeresgerichte spezialisierten Restaurants werden, so wir es aussieht, auf Jahre verschiedene lokale Delikatessen nicht mehr anbieten können.

Tales of the Cocktail allerdings spült jedes Jahr, komme was wolle, mehr Besucher in die Stadt. Und das zu einer Zeit, in der sonst viele Restaurants schließen und die Hotels ihre Belegschaft reduzieren. Der Sommer ist in New Orleans die schwache Saison, daher sind gerade im Dienstleistungssektor, in dem die Tales-Besucher ihr Geld (äußerst freizügig) ausgeben, die Menschen enorm dankbar, dass diese Veranstaltung stattfindet. Tales hat daher durchaus auch eine soziale Komponente, die bei aller Fokussierung auf das Geschäft der Barindustrie erwähnt werden muss.

Ann und Paul Tuennerman schätzen die Werschöpfung, die durch Tales of the Cocktails stattfindet, für dieses Jahr auf über 10 Millionen Dollar. Man muss den Veranstaltern für ihr Engagement und die großartige Veranstaltung, die sie auf die Beine gestellt haben, Respekt aussprechen. Im Vergleich zu meinem Besuch vor zwei Jahren wurden einige Mängel in der Organisation behoben und die Seminare auf weitere Räume in der Nähe des Montelone verteilt. Von Europa ausgesehen ist es eine weite Reise nach New Orleans. Man muss sie, auch aufgrund der damit verbundenen Kosten, wirklich nicht jedes Jahr antreten. Aber wer sich einmal dazu aufgerafft hat, wird es nicht bereuen.

 

Verwandte Beiträge zum Thema:

1) Blogging the Tales (Teil 1) (mixology.eu)

2) Bloging the Tales (Teil 3) (mixology.eu)

 

Links:

www.talesblog.com 

www.talesofthecocktail.com

Der Autor

Helmut Adam

Helmut Adam ist Herausgeber von Mixology, Magazin für Barkultur, trinkt gerne Negronis, Tequila und den einen oder anderen Gin & Tonic. Bevor er sich zum Bar Manager an der Mixology Bar aufschwang, arbeitete er als Bartender in Zürich, Wien, Berlin und London.

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