Arnd Henning Heißen und die (Aromen)Essenz der Dinge

Bars 9.12.2016

Arnd Henning Heißen ist ein Wanderer in einem eigenen Aromenuniversum. Nun bring er Essenzen auf den Markt. Der umtriebige Barchef des The Ritz-Carlton in Berlin ist aber noch lange nicht am Ziel seiner Mission angekommen.

Gleich vorneweg: Jeder hat das gute Recht, Arnd Henning Heißen und seine Aromenspielereien für Humbug zu halten. Vielleicht muss man es sogar. Zumindest zu Beginn. Da fallen vom umgänglichen Bar-Chef des The Ritz-Carlton, Berlin nämlich Sätze wie: „Mango steht für eine materialistische Seite. Damit ist keine plumpe Vorliebe für Geld gemeint, sondern dafür, sich gerne Sachen zu gönnen. Ich mag Mango im Winter, da bin ich materialistischer als im Sommer und trage Hosen aus gutem Stoff. Zedernholz steht für ein Bedürfnis nach Sicherheit, Vetiver für eine Vorliebe für Struktur und Ordnung. Mango, Zedernholz und Vetiver – das wäre für mich meine Kitchen Aid-Kaffeemaschine: ein schönes Objekt, sauber, gut, zuverlässig.“

OPEN YOUR MIND

Heißen sagt diese Dinge mit einer Selbstverständlichkeit, wie Pep Guardiola über Ballbesitz referiert. Deswegen ist auch eines jeden Pflicht, genau zuzuhören und sich mit dem Kopf hinter der Bar Fragrances sowie des The Curtain Club auf seine Duftwiese zu begeben. Denn auf dieser bewegt er sich mit einer blinden Sicherheit und spielerischen Leichtigkeit, die längst auch auf sein Team im Berliner Luxushotel umgesprungen ist. Für Heißen sind Düfte nicht einfach Düfte, und Aromen sind schon gar nicht einfach nur Aromen. Vielmehr symbolisieren Aromen und Geschmacksvorlieben etwas Tieferes im Menschen: seine Wünsche, Ängste, Bedürfnisse. Was soviel heißt wie: Sie verraten uns mehr, als der Mensch, dieses oftmals verwirrte, spielende, imageverblendete Wesen, es mit seinen Worten vermag.

Auf dieses Verständnis der Welt hat sich der gebürtige Ingolstädter begeben, seit er vor Jahren erstmals einen Duft als Cocktail übersetzte: „Jicky“ von Guerlain, einem Klassiker aus dem Jahre 1889, neben Kölnisch Wasser das älteste heute noch erhältliche Parfum der Welt.

„Als ich angefangen habe, Parfums als Cocktails zu übersetzen, haben mich die meisten angeguckt als wäre ich der letzte Idiot“, räumt der Mexiko-Fan ein, „ich bin alles andere als offene Türen eingelaufen. Aber ich habe irgendwann verstanden: Parfums bestehen aus echten, natürlichen Zutaten, die destilliert werden. So wie Gin auch. Die Zutaten von Parfums hören sich an wie tolle Cocktails. Dann habe ich Parfumbücher an Gäste rausgegeben, die ihre Düfte wiedererkannten. Diese habe ich nachgebaut, und diese Begeisterung hat das Ganze ins Rollen gebracht.“

Denn offensichtlich ist da was. Und es ist mehr als der simple Aha!-Effekt eines übersetzten Duftes, den man im eigenen Badezimmer stehen hat. Wenn man sich lange genug mit Arnd Henning Heißen unterhält, rutscht man doch zunehmend unsicher hin und her auf dem Stuhl; erst Recht, wenn er deine Parfums zerlegt und dich in ein Kreuzverhör nimmt: Ehemaliger Bartender (check!), der Bananengeschmack in der Bar in jeglicher Form umgangen ist (check!) – aber mal Acqua di Gio verwendet hat (check!) und zu Hause eigentlich ganz gern Bananen isst (check!). „Kein Wunder“, grinst Heißen, „viele Bartender verwenden Acqua di Gio, das einen hohen Bananenanteil in der Kopfnote hat, aber sagen, dass sie Banane hassen – dabei tragen sie Banane im Duft.“

I PUT A SMELL ON YOU

Eben: So ist der Mensch, ständig im Kampf mit dem, was er ist und dem, was er sein will. Düfte sollen in diese Ritzen eindringen, an denen Worte vergeblich klopfen; sollen das Image einreißen, das Worte erst aufbauen. Und so geht es munter weiter im Aromenhoroskop: den Geruch von Patschuli mögen gesellige Charaktere, denen Authentizität wichtig ist; Orangenblüte ist etwas für Menschen, die sich konzentrieren wollen; Litschi zieht eher Zeitgenossen an, die gerne Komplimente hören. So hat Heißen in den Jahren, die seit „Jicky“ vergangen sind, eine Aromenpartitur aufgebaut, die er spielt bis zur Perfektion. Wenn man so will: Die Aromen sind die Goldberg-Variationen, und Heißen ist Glenn Gould.

Ganz egal jedenfalls, wie man dazu steht: Jede Wette, dass man nach einem Gespräch mit ihm etwas verwandelt auf der Straße steht; vielleicht, denkt man dann, sollte man die Umwelt tatsächlich wieder anders wahrnehmen; vielleicht sollte man etwas mehr schnuppern als schnacken. Der grandiose, stets filigrane und doch wunderbar komplexe Geschmack seiner Cocktails – ob sie nun „Vetiver Rock”, „The Man under the Fern Tree“ oder „Un Matin D’Orage“ heißen – mag dafür nicht unverantwortlich sein.

Aber Heißen möchte nicht nur den Blick auf die Mitmenschen und das eigene Ich durch seine ins Glas übersetzte Aromatherapie aufbrechen. Das Leben insgesamt soll offener betrachtet werden. Dinge und Gegebenheiten, die nicht nur durch die Mühen des Alltags, sondern generell durch die Bequemlichkeit und Arroganz des Lebens in westlichen Wohlstandskulturen als störend angesehen werden, sollen in einem anderen Blickwinkel betrachtet werden.

„Nehmen wir zum Bespiel den Regen: Er wird im Allgemeinen als negativ angesehen. Im Drink ‚Un Matin D’Orage‘ geht es um das Reinigende, Frische. Shiso ist wie Gras, Ingwer und Ylang-Ylang bringen Würze, Jasmin die Frische, Magnolie ist euphorisierend. Das ist Natur pur: feucht, frisch, leicht würzig. Ich habe bei dem Duft das Bild vor Augen, barfuß über den Rasen zu laufen. Es hat die ganze Nacht geregnet, kein Rauch liegt in der Luft, und das Gras unter den Füßen gibt etwas nach.“

BOTANICAL FUSION

Um der Welt den Aufbruch zu dieser Reise zu ermöglichen, auf der er bereits einigen Vorsprung besitzt, hat Heißen nun eine Serie von Aromenessenzen auf den Markt gebracht, die – nur so nebenbei – auch einfach nur ziemlich gut schmecken. Als „Botanical Fusion“ hat er sie mit seiner Geschäftspartnerin Valeryia Fridman, einst bei Christian Dior in der Parfumindustrie tätig, entwickelt.

Die erste Reihe umfasst sieben Extrakte, und es sind nicht von ungefähr die, deren Namen relativ häufig fällt, wenn man sich mit ihm unterhält: Bergamotte („beruhigend“), Sandelholz („man braucht ein Gefühl von Zuhause“), Zedernholz („stärkend, gibt das Gefühl von Sicherheit“), Jasmin („sinnlich, für sehr atmosphärisch orientierte Menschen“), Tanne („ausgleichend“), Patschuli („diesen Menschen ist Authentizität wichtig“) und Vetiver („aphrodisierend und trotzdem strukturliebend“).

Die natürlich gewonnenen Extrakte kommen in sehr ansprechenden 15-ml Fläschchen und liegen preislich bei 37,90 bis 49,90 Euro. Zwei Tropfen auf 1 Liter Sirup bringen laut Heißen bereits die gewünschte Wirkung der Aromenentfaltung. „Im alkoholfreien Kontext schiebt sich ihr Geschmack zu Beginn in den Vordergrund, im alkoholischen Kontext beim Abgang“, fasst er die Anwendung kurz zusammen. Natürlich lassen sich auch alle kombinieren – nicht zuletzt die Methode, die er selbst in seinen Drinks anwendet.

HAUT UND HAAR

Dass damit jedoch nicht das Ende der Aromenfahnenstange erreicht ist, kann sich ausrechnen, wer dem Aromentüftler zuhört. Vielleicht bringt die nächste Reihe der Essenzen ja Eichenmoos. Das schmeckt laut Heißen genau wie Tequila Blanco, und wer Eichenmoos mag, achte besonders auf seine Haut und seine Haare. Was im Umkehrschluss nichts anderes hieße, als dass Menschen, die Tequila Blanco mögen, ebenfalls auf ihre Haut und Haare achten.

Es steht jedem frei, diese Behauptung an seinen Gästen, Freunden und Partnern zu überprüfen …

Photo credit: Foto via Tim Klöcker.

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