Sundowner statt Happy Hour. Die Giftbude auf Wangerooge.

Bars 19.7.2013

Auf Wangerooge, der zweitkleinsten von sieben bewohnten Ostfriesischen Inseln, gibt es im Grunde genommen nur zwei Dinge: Natur und Tourismus. Die beschauliche Insel gehört zum Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer und ist geprägt von dem für die Nordsee typischen Landschaftsbild bestehend aus Strand, Dünen, Gräsern und flachen Wiesen. Neben ursprünglicher Natur bietet die Insel eine florierende touristische Infrastruktur für Jung und Alt. Unweiten von Strand, inklusive zugehöriger Körbe und Promenade. Nordseeromantik vom Feinsten.

Dank dem Bartender Eyck Thormann ist das idyllische, friesische Kleinod seit April dieses  Jahres um eine Attraktion reicher. Seiner früheren Wirkungsstätte Hamburg den Rücken kehrend, hat sich Eyck Thormann gemeinsam mit seinem Bruder Mirco aufgemacht Richtung Eiland und die hanseatische Hektik eingetauscht gegen ostfriesische Entschleunigung. Direkt an der Strandpromenade Wangerooges haben sich die beiden Thormanns niedergelassen. Mirco Thormann führt das regional ausgerichtete Restaurant Strandlust und Eyck Thormann ist Barchef in der nebenan liegenden Giftbude.

Dat gift wat

Zunächst sei klargestellt, das Gift in Giftbude ist keine Anspielung auf die Toxizität des ausgeschenkten Alkohols, sondern leitet sich vom althochdeutschen Wort Gift her, das übersetzt so viel wie Gabe beziehungsweise geben bedeutet. Die auf jeder Insel obligatorische Giftbude hat sich zur Zeit der Entstehung des Nord- und Ostseetourismus verbreitet, als Stätte in der Gästen Speis und Trank geboten wurde.

Um das Geben, um genauer zu sein, um das Gastgeben, geht es Eyck Thormann in seiner kleinen Giftbude. Denn genau das, hat er in seinen elf Jahren als Bartender im Christiansen’s in Hamburg gelernt. Sein Ziel ist es, mittels Drinks und dem Barambiente ein unkompliziertes Urlaubsfeeling zu vermitteln.

Inspiriert durch seine letztjährige Reise nach Kuba hat sich Eyck Thormann für das Motto „Von Insel zu Insel“ entschieden. Neben kubanisch klassischen Variationen vom Mojito und Daiquiri macht Thormann auf seiner Cocktailkarte Abstecher nach England, besucht die Tiki-Kultur Ozeaniens und selbstverständlich übersetzt er typisch norddeutsche Vegetation und Lebensart in eigene Cocktailkreationen. Provokante Experimente findet man auf der Karte der Giftbude vergebens. Denn Eyck Thormann vertraut auf die klassischen Cocktailrezepte und ist nicht allzu sehr an modernen Twists und Spielereien interessiert. Was jedoch keineswegs bedeutet, dass Eyck Thormann nicht auf der Suche nach Innovationen ist. So war er beispielsweise einer der ersten Bartender in Deutschland, der ernstzunehmende Versuche mit Tee als Cocktailzutat gemacht hat und bereits im Jahr 2009 zusammen mit dem Tee-Unternehmen Samova ein eigenes Buch über Tee-Cocktails veröffentlicht. Für die Giftbude interessieren ihn jedoch vor allem, Zutaten die eine kulinarische und kulturelle Bedeutung auf Wangerooge haben. So finden beispielsweise Zutaten wie Sanddorn, Apfel oder der omnipräsente Ostfriesentee zukünftig mannigfaltige Verwendung in seinen Drinks.

Typisch friesisch

Statt die Leute mit Happy Hour und Schleuderpreisen zum maßlosen und spottbilligen Alkoholkonsum zu animieren, versucht Thormann das Konzept vom sogenannten Sundowner zu etablieren, der vielmehr zum Genießen, Entspannen und Verweilen einlädt. Ein Konzept, das ohnehin den unaufgeregten Einheimischen fortgeschrittenen Alters, den Familien und den Nordseereisenden deutlich mehr zusagt und schon jetzt durchweg auf Zustimmung stößt.

Auch das Interieur der Giftbude ist geprägt von nautischer Bodenständigkeit. Kernstück des Backboards bildet ein eigens restaurierter, englischer Apothekerschrank, über dem Tresen hängen alte Schiffsstrahler, auf den Tischen stehen hier und da Segelschiffe und an einer Wand hängt eine riesige Seekarte. Auf die Ohren gibt es in der Giftbude Gemischtes mit Wiedererkennungswert. Von Elvis, über hawaiianische Klänge bis zur handgemachten Live-Musik. Es soll vor allem Spaß und gute Laune machen und jeden einladen mitzufeiern. Denn Eyck Thormann findet, dass gutgemachte Drinks in entspannter Atmosphäre etwas für jeden sind.

Wenn die Lichter dann irgendwann auch in der Giftbude ausgehen, genießt Eyck Thormann seinen ganz persönlichen Sundowner – ein kaltes, feinherbes Jever.

 

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