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Cocktails in London Nordost: Delikatessen in Dalston

Bars 13.12.2016

Im Hitchcock-Klassiker North by Northwest trinkt Cary Grant einen Gibson im Zug. In East by Northeast trinkt sich Peter Eichhorn durch den Nordosten Londons. Dabei entdeckt unser MIXOLOGY-Autor ein breites Spektrum wundervoller Locations, von der gemütlichen Nachbarschaftsbar bis zum namenlosen Mixologentempel. Cheers!

London bleibt das Eldorado für Cocktail-Enthusiasten. Die Selbstverständlichkeit des Ausgehens und des Trinkens zeigt sich in der Themse-Metropole so vielfältig und alltäglich wie nirgendswo sonst in Europa. Immer wieder rückt dabei ein neues Stadtviertel in den Fokus der Ausgehfreude. Vorgestern war Notting Hill der Hotspot, gestern waren es Hoxton und der Osten der Hauptstadt, demnächst mag sich in Farringdon einiges tun, wenn der neue Zentralbahnhof fertig ist. Heute aber ziehen wir nordwärts nach Dalston, Shacklewell und Stoke Newington.

Eine lange, schnurgerade Straße zieht sich in Nord-Süd-Richtung entlang zahlreicher Imbisse, Supermärkte, diverser Geschäfte und so mancher unspektakulären Gaststätte. Die roten Doppeldecker fahren im Minutentakt vorbei, die Aura der Umgebung ist international und weitestgehend touristenfrei. Im Süden heißt die Straße Kingsland Road und Kingsland High Street, im Norden wechselt der Name dann zu Stoke Newington Road und Stoke Newington High Street.

Highwater – Freude am Hochwasser

Mittendrin reflektiert das warme Licht der Highwater Bar auf die regennasse Straße und verspricht entspannte Einkehr. Ein verwinkelter Tresen mit zahllosen Flaschen sowie gemütliche Tische und Backsteinwände verströmen eine Laid Back-Atmosphäre für ein Feierabendbier, wie beispielsweise ein unwiderstehliches Lagunitas IPA oder die Spezialitäten von Curious Brew aus Kent.

Erst auf den zweiten Blick fallen dem Gast die Zutaten an der Mixstation und ein sorgfältiges Mise-en-Place auf. Eine Tafel an der Rückwand verweist unauffällig auf Klassiker von Hot Toddy bis Hanky Panky. Den Höhepunkt bildet aber die vom Bartender überreichte Karte, die ausschließlich Eigenkreationen enthält. Herrlich der „Pine Wood“ mit Wild Turkey, Punt e Mes, geräuchertem Meersalz und Ananas.

Die Drinks sind perfekt abgeschmeckt und werden mit Bedacht und Sorgfalt gemixt. Uneitel serviert und sympathisch dargeboten von dem Bartender, der aus Polen stammt, aber bereits über reichlich internationale Erfahrung verfügt. „London ist die beste Bar-Stadt der Welt“, erklärt er. Er selbst und das Highwater tragen definitiv dazu bei. Wer wünscht sich nicht so eine Nachbarschafts-Bar?

Victory Mansion – Bar & Dining

Einige Schritte Nordwärts führen zum Victory Mansion, das sich der Literatur und Kultur des vergangenen Jahrhunderts widmet, wie die Betreiber Stuart Binks, Benji Purslow und Chefkoch Sam Wilkinson berichten. Schöne Hölzer und angenehmes Licht verklären auf den ersten Blick, um was für eine Art von Gastronomie es sich handelt. Tatsächlich sind Gäste, die einen raschen Drink schätzen, genauso willkommen wie jene, die den Abend dort mit Aperitif, Mehrgang-Menü und Digestif verbringen.

Mediterran inspirierte Küche trifft auf britisches Sunday Roast. Rings um die Bar bestimmt Nostalgie mit schönen Details die Atmosphäre: da eine uralte Registrierkasse, dort historische Werbetafeln von Spirituosen, flankiert von floraler Jugendstil-Ornamentik an den Wänden.

Die Cocktail-Karte teilt sich in Kapitel wie „Gonzo“, „Beatnik“, „True Confessions“ oder „Dystopian“. Der „A Clockwork Orange“ hat es in sich. Fein abgestimmt die Kombination aus Plymouth Gin, Pampelmusen-Genever, Mandarine, Campari und Amaro. Im Kellergeschoss steht ein hübscher Raum im 1970er-Design für Partys und Veranstaltungen zur Verfügung.

Original Sin – Schöner Schlauch im Souterrain

Noch ein Stück weiter gen Norden lauert die Sünde. Original Sin lautet der Name der Bar, hinter der die Macher des Happiness Forgets stecken – jener Bar am Hoxton Square, die alljährlich in „The World’s 50 Best Bars“ auf die vorderen Plätze gewählt wird.

Nun eröffnete ein Ableger, der aber viel hübscher und entspannter daherkommt. Den schmalen Eingang kann der Passant leicht übersehen. Eine steile Treppe führt in den Untergrund, wo zunächst ein Billardtisch ins Auge sticht. Holzvertäfelte Wände und diskrete Messinglampen sorgen für stimmungsvolle und diskrete Beleuchtung. Ein ewig langer Tresen erstreckt sich durch den Raum. Parallel dazu warten Sitznischen zugabteilartig auf trinkfreudige Vierer-Runden. Holz und Metall geben dem Raum eine stimmungsvolle 1900er-Aura.

Die Drink-Auswahl fällt nicht leicht, die Cocktails strotzen vor Kreativität. Klassische Zutaten und Shortdrink-Philosophie werden hochinspiriert zusammengefügt, um etwas Neues zu erschaffen. Wie wäre es mit dem „Deadball“ aus Cognac, Pineau des Charentes, Zitrone, Pastis und IPA? Oder vielleicht ein „Duke“ mit Junipero Gin, Cynar, Cold Brew-Kaffee, Tonic Water und Grapefruit? Sympathisches Personal (das lange Wege laufen muss), grandiose und überraschende Drinks und eine bezaubernde Atmosphäre sorgen für ein Bar-Highlight, das den Weg nordwärts absolut lohnt.

Three Sheets – Drei frische Laken

Ein Hauch von Speakeasy umweht die Bar, die tagsüber als Café in Betrieb ist. Ursprünglich hieß das Café „Betty’s“, bevor es zur „Between the Sheets“-Bar wurde, die nun eben Three Sheets heißt. Der kleine Gastraum ist unglaublich schlicht und minimalistisch gehalten: ein sachlicher Tresen mit Marmorplatte und klassischen Barhockern. Kein unnützer Zierrat an den Wänden, ein einstufiges Backboard verrät nichts von der Inspiration, die in die Gläser kommt.

Die Londoner kennen Max Venning aus der Drinks Factory von Tony Conigliaro. Nun eröffnete er gemeinsam mit seinem Bruder ein eigenes Projekt. Die Karte ist klein, aber sie wechselt beinahe wöchentlich. Im Wesentlichen enthält sie drei Kapitel: One Sheet, Two Sheets und Three Sheets. Auch wenn es die Bar erst kurze Zeit gibt, so gilt der French 75 bereits als Haus-Klassiker. Die Variante mit Star of Bombay Gin, Verjus, geklärter Zitrone, Orangenblütenwasser und Moscato wird in der Bar karbonisiert und aus Champagnerflaschen eingeschenkt.

Untitled – Namenloser Nordosten?

Wenn sich in der Londoner Barszene etwas Bemerkenswertes tut, dann ist der legendäre Bar-Impresario und Mega-Mixologe Tony „Tony C.“ Conigliaro nicht weit.  Auch der Macher hinter 69 Colebrooke Row und Bar Termini erkennt das Potenzial der Gegend und eröffnet noch diesen Dezember – in Kriechweite des Three Sheets – seine namenlose Bar.

Untitled lautet der Name der Bar, deren Cocktails ebenfalls keine Namen tragen werden. In der Karte, die ausschließlich aus Eigenkreationen des Barteams bestehen wird, beschreibt ein Wort den jeweiligen Drink in Aussehen, Duft und Geschmack. Die Gäste werden sich um einen großen Tisch für ca. 20 Personen versammeln, der das zentrale Element in der Bar bildet. Das Design soll von Andy Warhol inspiriert sein.

Worauf warten wir noch. Auf in den Nordosten Londons, wo Hochwasser, Sünde und das Namenlose wartet. Cheers, London!

Photo credit: Artikelbild via Three Sheets Bar.

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