bars in montenegro

Montenegro, in einem Land ohne Bars

Bars 23.5.2017

Das kleine Land auf der Balkanhalbinsel hat in etwa so viele Einwohner wie Frankfurt am Main. Bars in Montenegro zu finden gestaltet sich jedoch wesentlich schwieriger. Zumindest, wenn man nach einem gepflegten Cocktail Ausschau hält. Aber: ebenerdig und geradlinig kann ja jeder.

In Berlin ist man es gewöhnt, in Lissabon, Paris oder Rom auch, ebenso in südeuropäischen Hauptstädten wie Zagreb oder Belgrad: Es existiert ein von Bars gesäumtes Nachtleben und man stellt bisweilen Spirituosen her, die noch bisweilener sogar in andere Länder exportiert werden. Und damit ist nicht der in Bologna produzierte Bitter „Montenegro Amaro“ gemeint, der allein seinen Namen von der Prinzessin Elena von Montenegro, einer italienischen Königin, borgt.

Man hat sich daran gewöhnen dürfen, dass es in den meisten Hauptstädten möglich ist, im Schlendergang nach der Bar mit dem besten Whiskey Sour zu suchen, dass darüber hinaus eine Bar existiert, in der ein vermeintlich bester Bartender der Stadt den Shaker schüttelt und dass man danach einen Bericht darüber schreiben kann, in welcher Bar die deliziösesten Drinks dargereicht werden. Nicht so in Montenegro.

Bars in Montenegro: Nostalgie und Nervosität

Montenegro ist aus diversen Gründen kein Mitgliedsstaat der EU, sondern hält seit dem Jahr 2010 den Status des Beitrittskandidaten inne. Ein Stichwort, weswegen dem so ist, wäre die Pressefreiheit. Kritische Journalisten leben hier ziemlich gefährlich, und in der Rangliste für Pressefreiheit nimmt Montenegro den sagenhaften Platz 106 von 180 ein.

Da es mit der EU derzeit also noch nicht so recht klappen will, boomt das Geschäft mit europäischen Ausweisen ziemlich. Erst im Jahr 2006 von Serbien unabhängig geworden, unterscheidet sich die Sprache nicht besonders vom Serbisch-Kroatischen. „Dobro“ ist „gut“, „hvala“ noch immer „danke“ und ein „Kokteli“ auch hier ein „Cocktail“ – was so ziemlich die niedlichste Namensgebung für ein Suchtmittel ist, das aus Nervengift, Saft und Soda besteht.

Die „Kokteli“-Karten der Bars in Montenegro sind in der Regel mehr als überschaubar, manchmal schmuggelt sich gar ein Tequila Sunrise, im besten Falle ein Mojito auf die Karte, und mit der häufigen Happy Hour zwischen 20 und 21 Uhr fühlt man sich direkt wieder wie mit fünfzehn. Das hat etwas Gutes, denn es löst zur Hälfte Nostalgie, zur anderen aber Nervosität aus. Ersteres ist schnell überwunden, also muss an Zweiterem gearbeitet werden. Zunächst also ein Bier.

Durch dunkle Kurven ins märchenhafte Nichts

Das Nikšićko-Bier ist das meist getrunkene in Montenegro. Das ist kaum ein Wunder, denn seine Brauerei „Trabjesa“ ist die einzige des Landes. Es gibt es in vier verschiedenen Ausführungen, als Premium, Light sowie „Tamno“, also Dunkelbier, sowie besonders beliebt in seiner einfachen Lager-Ausführung. Das Dunkelbier ist sehr zu empfehlen, die anderen allerdings überall erhältlich, ob vom Hahn für maximal 1,50 Euro pro halben Liter, aus der Flasche oder der Dose für kaum 80 Cents. Das gilt für jedes Café in der Hauptstadt Podgorica sowie jeden anderen überdachten Ort im Land.

Das Bier selbst schmeckt frisch, ein wenig metallisch und löscht den Durst auf unauffälligste Weise. Das mag für den Bier-Connaisseur zunächst recht banal klingen, ist es aber nicht. Befindet man sich nämlich einmal in der für Montenegro recht typischen Serpentinen-Odyssee, ergibt dieses Bier wieder einen Sinn. Durch eine Gebirgskette von zweieinhalb tausend Höhenmetern führt die Straße zum Nationalpark des Landes,  „Durmitor“ sein Name. Die Reise in ein märchenhaftes Nichts aus Grün, Blau und Stein endet in einem Meer aus Bergen und smaragdfarbenen Seen, die Magie und mühevolle Umrundungen versprechen. Eine solche Route lohnt sich gleich doppelt: einerseits der Schönheit wegen, logisch. Andererseits aber für den ersten Schluck Nikšićko, nachdem man auch den Heimweg durch besagte Tiefenmeter aus Kurven, unbeleuchteten, aber tropfenden Tunnel und einem Volk, dass genau hier am liebsten überholt, überlebt hat.

Kein, aber auch wirklich kein Mensch braucht hiernach ein Craft Beer.

Bars in Montenegro: Slivovica, Viljamovka und Ajvar

Zur wohlverdienten serbischen Schlachtplatte samt Ćevapi und Kalbsbauchfaltenspeck gibt es montenegrinischen Wein, wahlweise Vranac in der roten Version oder Krstač in weiß, beide samt sind das sehr trockene Spitzenrotweine. Am Nachbartisch kippt man sich auch mal Packungsbrause ins Wasserglas oder schlürft einen Prosecco, in der Regel aber trinkt man Bier oder Wein.

Letzteres ergibt schon alleine deswegen Sinn, befindet man sich in der Hauptstadt doch gerade einmal eine halbe Autostunde von Crmnica, einem der schönsten Weinbaugebiete Montenegros, entfernt. Mit einem Wein des Familiengutes „Kopitvić“ im Gepäck, liegt auch der schönste aller Seen, der Skutarisee, nicht mehr weit entfernt. Dort sollte man einen Halt machen, sich an das Seerosenmeeresufer setzen, Wein trinken und der schier unendlichen Kulisse lauschen, die Platz für alle Winnetou- und Herr der Ringe-Verfilmungen gleichzeitig gehabt hätte.

Auch gen Süden wird die Cocktaildichte nicht höher. Viel eher wirken die auf alle paar Kilometer sich einzeln in den Hängen befindlichen Steinhütten, als würde Hochprozentiges hier vorzugs- und praktischerweise selbst gebrannt werden. Ohne Saft und Soda. Eine Spätkauf-artige Einrichtung im Freien belegt das anhand eines eindrucksvollem Angebots aus Slovovics, Viljamovka und Ajvar. Ein paar Wochen kann man damit bestimmt überleben, sollte man sich unnötiger Weise einmal den Fuß brechen und der Krankenwagen in einer der zwölfprozentigen Steigungskurven verendet ist. „Rakia“ nennen die Einwohner jede Form von Obstler, der vor Ort vor allem aus Pflaume oder Birne besteht und in der Regel nach dem Essen bestellt wird.

Statt Bars in Montenegro rein in die schwarzen Berge!

Bars in Montenegro zu finden mag schwieriger sein, Essen jedoch kann man auch in Kotor an der südwestlichen Küste ganz ausgezeichnet, einheimisch, sowie die überall recht gelungene Pizza. Montenegro ist so weit von Italien schließlich nicht entfernt und gewiss gibt es einen Grund, weshalb der „schwarze Berg“ aus dem venetischen „montagna“ (Berg) und „negra“ zusammengesetzt ist – „Crna Gora“ auf „montenegronisch“.

Apropos Negroni – dieser ist in diesem Land auf keiner Karte zu sehen, die einem mal eben in die Hände fliegt. Und auch in den anderen nicht. Selbst auf Nachfrage bleibt man hier unnegronisch: „Spritz?!“ ist vermutlich das hilflose Angebot, das einem Cocktail vielerorts am nächsten kommt. Und auch Spritz ist ja irgendwie so etwas wie ein Digestif. Zumindest in Montenegro.

Wer also vorhat, in den nächsten Jahren eine Bar an einem Ort zu eröffnen, der sie ausnahmsweise einmal brauchen kann – auf nach Montenegro! Ebenerdig und geradlinig kann es ja jeder.

Photo credit: Foto via Wikimedia.

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