Bert Jachmann und sein Heuer

Bars 8.4.2016

Bert Jachmann traut sich einiges. Als Peter Sellers bei der World Class aufzutreten beispielsweise. Sowie als Brandenburger die Wiener Barwelt mitzuprägen. Mit seiner Kräutergarten-Bar Heuer feiert Jachmann sein einjähriges Jubiläum und plant zur Feier eine Expansion. Anlass genug, den Aufstieg des ehemaligen Publizistik-Studenten in den Bar-Olymp der österreichischen Hauptstadt nachzuzeichnen.

Diese Pointe muss man nützen: Der Mann aus Kleinmünchen (in Brandenburg) kommt gerade aus München zurück. Für die Festivitäten anlässlich des 100. Geburtstags von BMW hat Bert Jachmann die Nacht durchgeshaked. An der Seite des Heuer-Barchefs servierte auch Halbestadt-Gründer Erich Wassicek der Bayern-Schickeria Drinks. „Er setzt immer erfrischende Akzente“, schätzt Wiens „Elder Statesman“ des Cocktails die Innovationskraft Jachmanns. Immerhin verfolgt er den Weg bereits seit den Anfängen in der Urania, als vom Arbeiten auf High-End-Niveau noch keine Rede war.

Später testete der eingewienerte Deutsche seine Kreationen auch schon mal in Wassiceks Halbestadt, ehe er sie im Volksgarten servierte. Dabei erschien der damalige Rookie „beladen wie ein Gemüsehändler bei mir“. Eine durchaus unübliche Anstrengung für den Job in einer Club-Location, die im Wesentlichen der Erfrischung der Tänzer diente. „Den Cuisine Style hat für mich Bert in Wien breit gemacht“, nennt Wassicek ein weiteres Beispiel für die wichtige Rolle innerhalb der Wiener Community.

Back to Bert’s Roots

Dass er überhaupt in der österreichischen Hauptstadt landete, liegt am Institut für Publizistik, an dem der damalige Lokaljournalist eingeschrieben hatte – ja, mit Artikel-Highlights wie Kälbchen-Geburt und Singkreis-Jubiläum, wie man sich das vorstellt. Gelegenheitsjobs als DJ und Bar-Back sind angesagt, dank eines hellsichtigen Agentur-Chefs landet Jachmann selbst im Gäste-Glücklichmach-Business. Die Wiener Stationen im Schnelldurchlauf: Red Room, Motto, Oswald Haerdtl Bar im Volksgarten sowie das Fabios, dessen Barbereich er erst so richtig Wahrnehmung abseits von russischen Pelztierträgerinnen und Adabeis verschaffte. Dann startet mit dem Heuer eine ganz neue Form der Gastronomie. Große Volumina, Qualitätsanspruch, vor allem aber mit einem integrierten Urban Farming-Konzept.

Am Karlsplatz, wo sich einzigartig in Wien drei U-Bahn-Linien kreuzen, befindet sich nicht nur die kulinarisch eher uninteressierte Technik-Uni, sondern auch ein einstmals berüchtigter Drogenumschlagplatz. Hier enden die Touristenströme, die selten über die Ufer-Begrenzungen Secession und Karlskirche hinaus schwappen. Hier beginnen die Niederungen der Hauptstadt mit Straßenbahnlinien, die ins wilde Meidling oder Favoriten führen. Der Platz wird somit zu einer Art Insel, in der bei großer Stückzahl die botanisch inspirierten Cocktails mit Dille, Kürbiskernöl oder der Haus-Spezialität schlechthin, den Shrubs aus Kräutern, Gemüse oder Früchten, über den Tresen gehen. 1.100 Serves in frühsommerlichen After Work-Hours sind keine Seltenheit für Berts Crew, in der Nervenstärke und Humor angesagt sind.

Die späte Versöhnung

Das Studium in Wien führte Jachmann unter anderem zu Mediendramaturg Christian Mikunda, einem Mann, der von Berufs wegen Erlebnisse schafft, indem er Malls und Markenwelten berät. „Danach kann man sich keinen Film mehr ansehen, ohne dass man im Hinterkopf nicht nach ´Match Cut´ und ´Framing´ sucht“, hat der 31-Jährige auch ein Jahrzehnt später noch die Lehren verinnerlicht. Denn irgendwie hätte ihn ja auch das Schauspielen gereizt. Das Talent hätte er. Sein legendärer – und legendär unverstandener – Auftritt bei der World Class 2011 in Rio de Janeiro, bei dem er die Peter Sellers-Rolle Hrundi V. Bakshi aus „Der Partyschreck“ im vollem Make-up gab, zeigte das. Aber auch der Weg ins Weltfinale, in dem er im Morph-Suit mixte.

Immerhin schließt sich ein anderer beruflicher Kreis dieser Tage: Für das neue Magazin Lola, einer Art Kochheft für Hipster, denen das Mutter-Medium Gusto zu wenig cool erscheint, gibt Jachmann den Bar-Autor. Für die erste Ausgabe der Lola, „die eine alte Freundin von mir leitet“, steuerte er einen Signature Drink mit dem Wiener Burschik-Wermut von Leo Specht bei. Journalismus und Bar vertragen sich also spät, aber doch.

Heuer nicht, vielleicht nächstes Jahr

„Heuer“ ist übrigens einer der typischten österreichischen Ausdrücke überhaupt und bedeutet „in diesem Jahr“. In Wien, wo er mit seiner Vorarlberger Freundin lebt, ist Jachmann jedenfalls mehr als angekommen. „Die Stadt wird immer noch cooler und lässiger“, analysiert er, was sich in den letzten 13 Jahren verändert hat. „Damals waren die Leute nicht so aufgeschlossen“, so seine Außensicht, „heute trauen sie sich viel mehr“. Das gilt auch für die Bar-Szene, die in den letzten drei Jahren einen Eröffnungsboom erlebt, der schwindlig macht. Auch das Heuer befindet sich ein Jahr nach der Eröffnung in der Umgestaltung. Seinen kongenialen „Sidekick“ Stefan Bauer verlor Jachmann zwar an die neue Bar im Park Hyatt, dafür verstärkt mit Malte Müffelmann (ehemals The Sign) einer der beständigsten Bartender Wiens die Crew.

Doch nicht die personellen News lassen aufhorchen, sondern die Erweiterungspläne. Für diesen Sommer wird es im Rahmen der Fußball-EM eine Außen-Bar am Karlsplatz geben. Neben der Verdoppelung der Belegschaft freut sich Bert auf einen „echten Open Air-Cocktail-Platz“. Die eigentliche Sensation erwähnt er nebenbei, denn man sei an einer Sache dran, die 2017 eröffnen könnte. „Mit noch mehr Urban Farming, wo man aber auch mitten im Garten sitzt“, lässt er sich zu den Plänen entlocken. Dann kann er vielleicht auch den letzten Punkt auf seiner mixologischen Wunschliste abhaken: „Eine kleine Kreativküche oder ein Labor, wo man rumspinnen kann, wäre super“. Sieht ganz so aus, als wäre der Kleinmünchner gekommen, um zu bleiben – die Wiener Barcommunity freut’s.

Photo credit: Bert Jachmann via Jakob Gsöllpointner

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