Café del Mar

Kleine Freiheit, großer Wurf

Bars 15.9.2017

Das Café del Mar in Ibiza ist eine der bekanntesten Bars der Welt. Und jener Club, der die Chill-Out-Kultur ins Leben rief. Doch dieser Ort hat eine ganz eigene Geschichte. Und die hat mit der Geschichte Spaniens zu tun.

Die Bar nennt sich „Café“. Freilich gibt es auch Kaffee hier – einen guten, starken, spanischen Espresso. Und wer unbedingt einen Milchkaffee oder eine Latte Macchiato trinken will, kriegt auch diese beiden hingestellt. Allerdings ist er dann nicht angekommen. Im Café del Mar. Auf Ibiza. In dieser Republik, die geschätzte 250 Quadratmeter ausmisst; ein Freistaat, der sich bei Sonnenuntergang auf den Strand auszudehnen beginnt – bis die Menschenmenge frühmorgens oft nicht zu überblicken ist. Das Café del Mar ist eine Lebensgemeinschaft Gleichgesinnter, die überall im Süden Europas Gesandtschaften errichtete, Radiosender inspirierte und eine globale Chill-Out-Ideologie zu ihrem Grundgesetz machte. Keine Bar weltweit war erfolgreicher, denn sie stand in der Zeit und für die Zeit. Und das tut sie immer noch. Dieses Jahr tut sie es 36 Jahre lang. Doch nur wenige wissen, dass das Café del Mar einst ein Widerstandsort war, eine Festung gegen die alten spanischen Eliten der Francozeit.

Das Erwachen der Kreativen

Eine Rückblende: Als man 1979 in der Cala des Moro-Bucht auf Ibiza mit dem Bau des Café del Mar begann, lag die Zeit der faschistischen, spanischen Diktatur unter General Francisco Franco gerade mal vier Jahre zurück. Spaniens kreative Elite war noch im Aufwachen begriffen und einer der ersten Wachen war der heute auch international bekannte Innenarchitekt Lluis Güell, der die Einrichtung des Café del Mar zimmerte – weiß, klassizistisch, modern, kitschig, verspielt, lebendig und trotz aller Zitate singulär. Doch wie war Spanien 1979? Und welche Rolle spielten die Inseln?

Francesco Franco würde heute in Den Haag vor Gericht stehen und zu lebenslanger Haft verurteilt werden. Doch Franco starb – seiner Verbrechen nie angeklagt – am 20. November 1975 in Madrid. Schon den Tod vor Augen, hatte er noch am Sterbebett per Dekret die Erschießung inhaftierter Regimegegner angeordnet. Als das Café del Mar geplant, gebaut und eröffnet wurde, war die Brutalität der Franco-Diktatur gerade vier Jahre her, also erst seit einem Wimpernschlag vergangen, und in ganz Spanien gab es weiterhin Millionen Anhänger Francos, die sich in die konservative Partei flüchteten. Der Graben zwischen Links und Rechts war nahezu genauso groß wie während des spanischen Bürgerkriegs der 1930er-Jahre. Nur der junge König Juan-Carlos garantierte den Ausgleich der Parteien. Er verfügte die so genannte Transition, den Übergang zur Demokratie, denn die Demokratie war seine Sache. Am Königshaus hing die ganze Verantwortung über Wohl und Wehe des Landes.

Das „Café“ als Symbol eines neuen, eines modernen Spaniens

Am 23. Februar 1981 – da stand das Café del Mar vor seinem zweiten Sommer – unternahm eine Gruppe der Militärpolizei „Guardia Civil“ einen Putschversuch. Sie besetzte das Parlament, nahm Geiseln und rief die Militärs des ganzen Landes zur Teilnahme am Umsturz auf. Und tatsächlich gab es viele Einheiten, die sich sofort anschließen wollten – Spanien stand also erneut vor einem langen, blutzollreichen Bürgerkrieg. In diesem Moment trat Juan Carlos vor die Kameras des Staatsfernsehens. In der militärischen Uniform des Oberbefehlshabers der Streitkräfte, der er war. Und untersagte dem Militär, am Putsch teilzunehmen. Er bat nicht, er befahl. Und er stellte sich vor die Demokratie. Erst in diesen Moment war Spanien, das ja immer noch keine richtige Demokratie war, über den Berg. Erst in diesem Moment war jene Freiheit hergestellt, die die kreativen und lebensfreundlichen Eliten des Landes ein unbeschwert genussorientiertes Leben leben ließ. Und zu diesem Leben gehören Bar, Club und Mucke. Für all das wurde das Café del Mar Symbol. Und zwar in Windeseile.

Ibiza ist eine Mittelmeerinsel, nur wenige Schiffsstunden von Mallorca entfernt. Die Inseln des Mittelmeeres – außer jene der Ägäis – haben seit jeher einen sehr eigensinnigen Zustand zu den Ländern, die sie besetzt halten. Dies gilt für Sizilien, Sardinien und Korsika. Und dies gilt genauso für Mallorca und das benachbarte Ibiza. All diese Inseln waren über Jahrhunderte Zufluchtsort von Piraten, Dissidenten und gewöhnlichen Verbrechern. Aus dieser Gemengelage resultierte (und resultiert) der teilweise extrem brutale Widerstand in Sardinien (vorbei) und Korsika (noch aktuell). Auf den spanischen Mittelmeerinseln ging es ruhiger zu, schon alleine, weil Katalonien, das Land, dem Ibiza zugesprochen wurde, immer auch gegen Madrid stand. Das Café del Mar wurde also nicht ohne Grund in die südlichste Bucht Ibizas gestellt. Es ging nicht um den Blick auf den tollen Sonnenuntergang, der den nördlichen Stränden verwehrt bleibt. Es ging um einen Blick, der nicht auf Spanien gerichtet war.

Café del Mar: Der Ursprung unserer Selbstverständlichkeiten

Mitte der Achtzigerjahre stieß José Padilla zum Café del Mar-Team und wurde Resident-DJ. Auch er war zu Francozeiten erzogen worden. Auch er bekam in der Schule Prügel. Und auch er hatte (und hat) eine politische Meinung. Wie alle Macher des damaligen „Café“. Die spanische Chill-Out-Bewegung war das Ausatmen einer ganzen Generation unterdrückter Kreativköpfe. In England entstand der Punk. In Spanien die DJ-Kultur. Es ist der verschiedene Ausdruck der gleichen Stimmung.

Mit den Compilations und der Stimmung, die diese Aufnahmen verbreiteten, wurde das Café zum Begriff für Sonne, Freiheit, Tanzen, Musik und Ekstase. Und es wurde eine Marke, die viel mehr darstellt, als die Bar und den Club in der Cala del Moro. Man muss hier nicht über die Drinks und deren Qualität diskutieren. Das ist dem Ort nicht angemessen. Man muss das Café besuchen. Und wissen, dass viele Nächte, die wir alle durchlebten, dort ihren abstrakten Ursprung hatten. Und dass dieser Ursprung seinen Ursprung im Gegenleben zu Disziplin und Diktatur hatte. Vor nun schon 42 Jahren. Ein besonderer Platz. Sehen wir einander dort? Nächsten Sommer? Oder noch diesen?

 

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der MIXOLOGY-Ausgabe 2/2016.

Photo credit: Foto via Marcela Escandell

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