Cornern statt Cocktails – wie tot ist Sankt Pauli?

Bars 28.10.2016 7 comments

Der Hamburger Kiez wird derzeit kräftig durchgemixt: Kioske bedrohen mit ihrem Billigangebot die alteingesessenen Bars, das Partyvolk blockiert ganze Straßenzüge. MIXOLOGY ONLINE hat untersucht, wie Gastronomen, Anwohner und Politik dem ungekannten Phänomen Herr werden wollen.

Cornern ist das Schreckgespenst der Stunde und Billigfusel ihr Signature Drink. Dabei sammelt sich trinkfreudiges Partyvolk an den Straßenecken – daher der Name „cornern“  – trinkt billigen Mojito aus Plastikbechern vom Kiosk und pilgert zwischendurch in die umliegenden Bars, um sich dort – sagen wir mal – die Hände zu waschen. Ist dies das Ende der Barkultur auf Sankt Pauli? Teilweise scheint es so, die ersten Bars im Kiez vermelden Umsatzeinbußen im zweistelligen Prozentbereich, Anwohner verzweifeln am ständigen Partylärm und bei der Stadt weiß keiner so recht, wer für was eigentlich zuständig ist.

„Wir zählen heute vier bis fünf Mal mehr Kiosks im Kiez als noch vor wenigen Jahren – allein 48 Kiosks davon in Sankt Pauli“, erklärt Julia Staron, Quartiersmanagerin der Reeperbahn. Sie betreibt mit ihrem Mann Olaf das Kukuun am Spielbudenplatz und bekommt die Entwicklungen in Sankt Pauli hautnah mit. Hier verkaufen Kiosks zwar alkoholische Getränke, müssen aber bei weitem nicht die Auflagen erfüllen wie Bars und Clubs. Ein Stehtisch, ein paar Bänke und ein Flaschenöffner reichen, damit das Publikum bleibt. „Wir wissen, dass in der Regel der Jugendschutz nicht eingehalten wird, ebenso wenig das Sonntagsverkaufsverbot. Beweise dafür haben wir allerdings nicht, und verständlicherweise möchte sich keiner der Gastronomen mit einer Anzeige in eine unangenehme Lage bringen. Dazu fehlt es der Stadt schlicht an Mitarbeitern, die die Erfüllung der Auflagen kontrollieren“, erläutert Julia Staron weiter.

Pop-up-Bewusstsein

Und bei vielen Gästen fehlt es an Bewusstsein für das schleichende Ungleichgewicht und dessen Folgen für die Bars im Kiez. Die beiden Betreiberinnen der Daniela-Bar machten Anfang September mit einer publikumswirksamen Aktion auf das Problem aufmerksam – in dem sie ihre Bar selbst für einen Samstagabend in ein Kiosk verwandelten, stilecht mit Drinks aus Plastikbechern, Billigbier, Servicewüste und Dixieklo. Die Kioske möchten Florence Mends-Cole und Patricia Neumann damit gar nicht vertreiben, wohl aber ihre Gäste für Barkultur sensibilisieren und vor allem die Politik in die Verantwortung nehmen: „Wir wollen eine Regelung!“

Den Kioskbesitzern kann wirklich kaum ein Vorwurf gemacht werden, sie profitieren schlichtweg von dem vor Jahren gelockerten Ladenschlussgesetz und treiben das Spiel teilweise mit ganzen Sitzgarnituren und Musikboxen vor der Tür auf die Spitze – alles irgendwie noch im gesetzlichen Rahmen. Auch Bezirksamtsvorsitzender Falko Droßmann von der SPD hat die Gefahr für Sankt Pauli erkannt und erklärt, Maßnahmen ergreifen zu wollen, um die Club- und Barkultur seines Bezirks zu schützen. Zusammen mit den Gastronomen sollen passende Ideen entwickelt werden, einige liegen schon auf dem Verhandlungstisch, wie das Verkaufsverbot für Kiosks ab einer bestimmten Uhrzeit.

„Würde ein Kiosk etwa ab Mitternacht keinen Alkohol mehr verkaufen, wäre die Miete schon schwieriger zu zahlen, und die Grundeigentümer würden auch andere Mieter in Betracht ziehen“, weiß Julia Staron. Als anspruchslose, aber umsatzstarke Traummieter sind Kiosks hoch beliebt bei den Vermietern, selbst die letzte Bruchbude lässt sich so zum Goldesel verwandeln. Ein totales Konsumverbot möchten die Gastronomen auf Sankt Pauli aber nicht. „Wir wollen ja keine baden-württembergischen Verhältnisse, sondern lediglich den Kioskwahnsinn eindämmen und das ökonomische Gleichgewicht zwischen den Betriebsarten wieder herstellen“, fordert Julia Staron.

Selbstjustiz und Überlebenskampf

Nicht zuletzt liegt es aber an den Gästen, ob und wie der Cornertrend den Hamburger Kiez ernsthaft bedrohen kann oder nicht. Anwohner klagen auch in Nebenstraßen über unerträgliche Lautstärke bei Tag und Nacht, Autos und Krankenwagen kommen nicht mehr über die Kreuzungen. Türsteher verständigen sich mittlerweile per Codes über typische Cornergäste, die vom Kiosk in die Bar wollen, nur um dort die sanitären Anlagen zu benutzen. Die bleiben dann draußen. Dazu haben viele Bars und Clubs ihre Türsteher aufgestockt, weil mit dem steigenden Alkoholpegel auch das Aggressionspotenzial gestiegen ist. Wie heißt es so richtig: Der einzelne Tropfen fühlt sich nicht für die Flut verantwortlich.

Das Kukuun der Starons ist dabei dank seiner Lage am Spielbudenplatz weniger in Mitleidenschaft gezogen als etwa die Kollegen vom Hamburger Berg. Der bekannte Sommersalon hat schwer zu kämpfen und appelliert an seine Gäste schon per Flyer, über das Tanzen den Barumsatz nicht zu vergessen. Und die beliebte Hasenschaukel ist  – nachdem eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne den unabhängigen Club noch 2013 vor dem Aus rettete – seit Mai dieses Jahres endgültig geschlossen, wenn auch offiziell aus gesundheitlichen Gründen der beiden Betreiber.

Mit dem kommenden Winter hat es sich sowieso vorerst ausgecornert. Es bleibt zu hoffen, dass uns der ruppige Charme von Sankt Pauli dank kluger und weitsichtiger Entscheidungen von Politik, Grundeigentümern und Gastronomen erhalten bleibt.

Anmerkung: Leider waren sowohl der Hamburger Senat als auch die Pressestelle der Hamburger Wirtschaftsbehörde trotz mehrfacher Anfrage nicht dazu bereit, MIXOLOGY ihren Standpunkt zum Phänomen „Cornern“ zu nennen.

Photo credit: Hamburg via Wikipedia

7 comments

  1. Jonas

    Spielbudenplatz -nicht spielbergplatz-

    😉

    • Redaktion

      Hallo Jonas,

      verzeih bitte, da ist der Autorin im Eifer des Gefechts irgendwann der Hamburger Berg mit dem Spielbudenplatz aneinandergeraten. Natürlich bereits korrigiert. Vielen dank für den Hinweis!

      Herzliche Grüße
      // die Redaktion

  2. dL

    Mal auf simpel:
    Clubs und Bars = alt, teuer, relativ langweilig, schlechte Luft, wohlmöglich Eintritt.
    Club- und Barpublikum = Money to burn, alt und älter (inzw. wahrsch. sogar mit Nachwuchs, also mit anderen Prioritäten als der Kneipe, die ihren St. Pauli Charme sowieso schon eingebüßt hat, als der geil knurrige Wirt vor zwei, drei Jahren vom hoffnungsvollen, dämlich grinsenden Junggastronom ersetzt wurde)
    Kiezpublikum: jung und „arm“ (in verschiedenen Hinsichten), aber immerhin noch gesellig genug, um an der frischen Luft zusammen sein zu wollen.

    Ich würde nicht über das Publikum jammern. Ich würde über die Gastronomen jammern, die die Entwicklung eines Marktes – und die ihres eigenen Geschäfts – verpennen und nicht voran treiben. Die, die sich auf ihren Lorbeeren ausruhen. Die, die es nicht schaffen, sich für die Kundschaft interessant genug weiter zu entwickeln. Die, die immer noch ignorieren, dass neue Generationen nun mal auch immer anders ticken als die alten.

    • Lesley

      Du willst ernsthaft das Angebot der Kioske in den Clubs? Na dann gute Nacht, St. Pauli!
      Es gibt eine vielschichtige Veränderung in den Bars und Clubs auf dem Kiez:
      Spatenmusik vs. Mainstream,
      Cocktails vs. billiges Saft/Alkoholgepansche, geschultes und deeskalietendes Türpersonal vs. Brutalo-Bouncer und Vollrausch-Aggros.
      Es muss nicht immer der teuerste Whiskey sein, aber genauso wenig will ich überall nur noch Korn-Cola vorgesetzt bekommen.

  3. Jan

    Geh nun schon gute 20 Jahre auf den Kiez aber nie zuvor war es gruseliger dort,eindeutig zu viel Aggro Spacken unterwegs!
    Sorry aber Kiez geht leider gar nicht mehr!
    Schade!!

  4. Ronald

    die kleine kniepe in unsere strasse, live in canada and the social scene is changing. will never return as we knew it

  5. Lenny

    Puh, ich find es ehrlich gesagt ziemlich erbärmlich den „Kioskwahnsinn ein[zu]dämmen und das ökonomische Gleichgewicht zwischen den Betriebsarten wieder herstellen“ zu wollen. Die Idee wieder nach vorn zu kommen indem man andere schwärzt behagt mir nun mal überhaupt nicht.

    Ein besserer Ansatz wäre mal darüber nachzudenken warum die ganzen Leute lieber auf der Straße hängen und Bier trinken als in den Club zu gehen. Was läuft da falsch? Und läuft da überhaupt was falsch?
    Generell finde ich es toll wenn Menschen sich unorganisiert auf der Straße treffen, abseits vom Konsumzwang der Kneipen und Bars und dem Eintrittsgeld und der Selektion an der Tür der Clubs.
    Klar führt das auch zu Problemen über die man reden und die man lösen muss.
    Und ich verstehe sehr wohl auch das Problem, das Kneipenbetreiber vielleicht bekommen, wenn ihnen die Kundschaft wegbleibt. Aber dann ist das eben die Entscheidung der Kunden.

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