Cory und der Kaffee

Bars 11.11.2016

In seinem CK-Café in der Marienburger Straße im Prenzlauer Berg macht Cory Andreen seit 2009 „Kaffecionados“ aus ganz Berlin und von außerhalb glücklich. Besonders für seinen Flat White überschlägt sich die Bewertungsgemeinschaft diverser Foren vor Begeisterung. MIXOLOGY ONLINE zu Besuch bei einem Genussmenschen, der nicht müde wird, Kaffee neu zu denken.

Cory Andreen kommt ursprünglich aus Washington D.C., ist aber schon so lange in Berlin, dass er vergessen hat, wie lange genau. In Washington besaß er die Coffee Bar Mockingbird Hill – „a sherry and ham bar,“ ergänzt er und riecht an seinem Sherry. Leider ist es kein „Manzanilla en Rama“, sein Lieblingssherry. Aber er ist immerhin so gut, dass Cory ein hinreichend zufriedenes Gesicht macht und die Bedienung vorsichtshalber eine ganze Flasche auf dem Tisch stehen lässt. Ein gutes Zeichen, denn im Jahr 2012 wurde er zum World Cup Taster Champion gekürt.

Kaffee kostet Geld

Cory kann nämlich ganz ausgezeichnet schmecken, Sherry und Kaffee besonders gut. Zwar hat er sich noch nicht an allzu viele Drinks mit Sherry und Kaffee gewagt, für kulinarische Kunststücke auf Kaffeebasis ist er allerdings offen. Der Kaffee muss dabei allerdings das Herz einer jeden Symbiose bleiben: „Erst kommt der Kaffee, dann alles andere.“

Das ist ein vernünftiges Standbein, denn Cory hat allerhand zu tun. Zuletzt war er als Kurator bei „Stadt, Land, Food“ involviert und kommt gerade vom „Berlin Coffee Festival“, das er gemeinsam mit der Markthalle 9 in Kreuzberg auf die Beine gestellt hat. Und wo er einmal wieder referierte – über Kaffee, natürlich. „Die Leute sind bereit, wieder mehr Geld für Kaffee auszugeben“, so Cory und seufzt erleichtert, als wäre das ein Diskurs, für den ein Leben kaum reichte.

Es hat ihn immer schon geärgert, wenn Menschen über Kaffeepreise schimpften, erzählt er: „Für Bier geben die Leute so viel Geld aus, dabei ist es unglaublich leicht produzierbar, in unmittelbarer Nähe und es sind nur eine Hand voll Menschen daran beteiligt.“ Nun, zumindest keine, die unter unwürdigen Bedingungen arbeiten. Cory rechnet vor, was ein Päckchen Kaffee kosten muss, damit zumindest die Möglichkeit eines halbwegs gewissenhaft hergestellten Produkts besteht. Ein Blick auf die Preisschilder jedweder Supermärkte und die Sache ist klar: Hier können sie nicht sein, die Gewissensprodukte.

Alles wegen Aldi

Apropos: Auch neben Cory bekommt man ein schlechtes Gewissen, wenn man seinen Kaffee letzte Woche noch im Drogeriemarkt gekauft hat. Selbst wenn man einen Kaffeekocher besitzt, immerhin, und keine Kaffeemaschine. Darauf komme es aber gar nicht an, füllt Cory das mangelhafte Kaffeewissen seines Gegenübers Schluck um Schluck. Filterkaffee sei nicht immer so schlecht gewesen wie heute. Deutschland habe vor gar nicht allzu langer Zeit noch richtig guten Kaffee aus Kolumbien importiert – bis Aldi damit begonnen hat, minder qualitativen Kaffee aus Vietnam zu beziehen, der natürlich deutlich günstiger war. Da man zu dieser Zeit noch nicht eigens wegen Kaffee – damals noch vielmehr Alltags- als Genussprodukt – einen Fachhandel aufgesucht habe, verloren die anderen Supermarktketten ihre Stammkundschaft. Man könne sich vorstellen, so beendet Cory die traurige Geschichte, wie das Preis- und somit auch Qualitätsdumping um sich gegriffen habe.

Der Sherry ist leer, die Gesichter sind es auch. Zur Aufheiterung ergänzt er – zum Glück! – dass sich das gerade wieder ändere. Für das gesteigerte Bewusstsein um den Wert des Kaffees sei die derzeitige Vielzahl von Kaffeefachhandeln, – Röstereien oder – Verkostungen verantwortlich.

Nicht nur kalter Kaffee

Wer beim Berliner Bar Convent dieses Jahres einmal bei Cory verkostet hat, konnte sein braunes Wunder erleben. Gleich neben der Coffee Stage schwang er seinen Zapfhahn, aus dem er kalten Kaffee zapfte, der in einer amerikanischen Bunn-Maschine gefiltert und aus sortenreinen Bohnen von Finca Rabanales in Guatemala gewonnen wird. Da der Kaffee direkt nach dem Filtern gekühlt und unter Stickstoffzufuhr in Fässer gefüllt wird, kann man den Kaffee genau wie Bier zapfen. Kosten kann man Corys Brewbox Future Coffee im Café 9 der Kreuzberger Markthalle 9.

Für den Bar Convent soll es dabei aber nicht geblieben sein. Zwei Wochen zuvor hat er mit seiner Crew nämlich ein Coffee-Beer kreiert, das auf dem Bar Convent Zuschauer-Premiere feiert. Man hätte glauben können, Kaffee- und Biertrinker würde man nie und nimmer in ein- und demselben Getränk zur selben Uhrzeit vereinen können. Cory beweist das Gegenteil, und der Anteil derer, die den „Kaffee in ihrem Bier“ schätzen, deckt sich mit jenen, die gegen “einen Schluck Bier im Kaffee“ einmal nichts einzuwenden haben.

Baristas an die Bar

Nun, da es der Kaffee bereits an die Bar neben den Sherry und in den Becher neben das Bier geschafft hat, gibt es eine Menge Möglichkeiten mehr. Cory hat die nahe Zukunft scharf vor Augen. „Es wird einen Marktsektor für hochwertige Massenprodukte geben.“ Produkte, die bislang als minderwertig galten, zum Beispiel Instant-Coffee, werden künftig auch in hochwertigen Varianten produziert – und Abnehmer finden. Zwischen Instant-Coffee und schlechter Qualität bestehe nämlich überhaupt kein notwendiger Zusammenhang. „Das wird auch für Pads und Kapseln gelten.“ Massenproduktion und Qualität schließen sich für Cory nicht aus. Im Gegenteil –  erst, wenn ein Produkt allgemeine Beachtung und Wertschätzung gefunden habe, sei der Weg für einen hohen Standard geebnet.

In diesem Zuge werden auch neue Möglichkeiten für den Barbetrieb entstehen. „Bislang hatte der Bartender kaum Möglichkeiten, intensiv mit Kaffee zu arbeiten“, so Cory. Zu heiß, zu aufwendig die Arbeit an der Maschine an einem Ort, der eigentlich kühl und kleinteilig ist. Corys Brewbox würde da einiges vereinfachen. Allerdings sieht er auch das Potenzial von nicht per se gekühlten Kaffee-Cocktails. Warum denkt eigentlich alle Welt, Cocktails müssten kühl sein? Cory weiß das auch nicht und guckt nachdenklich in sein leeres Sherryglas. Man fragt sich, was er da nun schon wieder in seinem Kopf mit Kaffee mischt – und freut sich das Ergebnis.

Photo credit: Foto via Birte Filmer.

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