das TiER

TiER. Neukölln kann Bar.

Bars 7.9.2012 1 Kommentar

Weder sterile Hotelbar noch kieztypische Bretterbude – diese gehobene Neuköllner Eckbar liegt angenehm dazwischen. Mixologischer Sachverstand paart sich mit gelassenem Understatement und Liebe zu Detail.

Die gute Bar ist ein Kulturraum. Sie lässt ihre Gäste frei sein und schreibt ihnen möglichst wenig vor. Sie beflügelt und gibt Raum für Gedanken, Genuss, Entspannung und andere Befindlichkeiten. Im besten Falle verlangt dieser Raum nichts, sondern lässt die Wahl: Longdrinks, Wein, Cocktails, Softdrinks oder nur ein Bier. TiER drängt seine Gäste zu nichts, hier ist keine Bestellung falsch – aber bemerkenswert vieles möglich.

Die Eingangssituation erinnert an das Betreten eines Ferienbungalows. Unter einem großen Vordach stehen zahlreiche Holzstühle und eine Bank. Pflanzen ranken sich die Wand empor und in der Ecke döst eine kleine Hollywoodschaukel. Auf rohem Putz steht mit schwarzer Farbe „TiER“, und das passt irgendwie. Die Bar als Zoo zu deuten fällt nicht schwer, besonders wenn sie im Berliner Umbruchkiez Neukölln liegt. Drinnen ist es angenehm dunkel und das trotz der vielen kleinen Lichtquellen. Bilderleuchten, Spots und Teleskoplampen werfen ihre dezenten Orangetöne gezielt auf alles, was wichtig ist: die Bitters auf dem roten L-förmigen Massivholztresen, die Gläser mit Rautenschliff und den Plattenspieler mit ausgewählt guter Musik. Zwei große Fensterfronten geben den Blick in beide anliegenden Straßen frei. Sollte aus spät früh werden, lassen sich Vorhänge zuziehen.

Charmantes Interieur

Die eine Hälfte des Gastraums ist mit Tischen und Stühlen bestückt. Die andere ist leicht erhöht. Hier vermitteln flache Sessel und kleine Hocker ein wesentlich bodennäheres Gefühl. Die angenehme Einrichtung des Raumes dominiert über die allabendliche Tresenshow. Was macht der Gast denn auch in einer Bar, wenn er nicht gerade auf einen Gläserboden oder in die Gesichter anderer Gäste schaut? Das Auge als Sinnesorgan will lustvoll genießen! Das Bedürfnis nach optischer Poesie wird hier gekonnt bedient. Schrammig und sperrmüllverdächtig wirkt nichts, obgleich kaum etwas neu zu sein scheint. Der Tresen ist in Kniehöhe elegant gepolstert, eine schlichte Vase mit frischen Blumen am Rand platziert. Eine fahlgraue Wand mit einem Stencilmotiv hat die Anmutung eines Schieferreliefs, eine andere Wand ziert eine neobarocke Tapete mit Tiermotiven.

Nur nach und nach erschließen sich die vielen kleinen referenzreichen Details, zuerst die cineastischen: Marlon Brando starrt skeptisch aus einem Bilderrahmen, auf einem kleinen Monitor lässt sich Blofelds Katze im Endlosloop den Nacken kraulen. Ein alter Leuchtkasten mit Steckbuchstaben verkündet die Devise des Tages. Noch subtiler lassen sich maritime Aspekte wahrnehmen: Meerestierskizzen in der Karte, ein Bullauge in der Tür zu den Toiletten. An der Garderobenwand hängt ein leicht zu übersehener verwaister alter Sonnenstuhl. In der bewusst inszenierten Kulisse für die großen Träume und kleinen Gesten des aufgekratzt plaudernden Publikums um die Dreißig kommt dennoch nichts falsch, überdekoriert oder gekünstelt rüber. Verschiedenes fügt sich zu einem schlüssigen Ganzen. Hier wurde mit Stilbildungswillen, schönem Material und charmanten Ideen eingerichtet.

Animalische Alkoholpädagogik

Überzeugend ist auch das Tresenpersonal: kompetent aber unaufdringlich, solides Handwerk, keine Artistik. Dazu passt, dass sich auch das gut gefüllte Backboard nicht allzu wichtig nimmt. Eine Auswahl von circa 30 Whiskeys und etwa halb so vielen Rumsorten sind im Umkreis der von studentischen Bierkneipen geprägten Weserstraße äußerst ungewöhnlich und werden hier dennoch nicht zum leuchtenden Hochaltar stilisiert. Einige Flaschen stehen in Nischen in der Wand, eine größere Ansammlung auf einem kleinen Holztisch. In dezent beleuchteten Vitrinen finden sich etliche seltene Preziosen, mit denen jedem aufgeschlossenen Gast gerne zu neuen Erkenntnissen verholfen wird. Wer mit seiner Sensorik die Besonderheit des hier angebotenen Blood and Sand nicht zu erschmecken vermag, darf gerne nachfragen.

Ein „alkoholpädagogischer Auftrag zum besseren Trinken“, von dem auch schon in der (in Schweinsleder gebundenen) Karte zu lesen war, wird in Tat und Wort gelebt. Mit abgewandelten Klassikern und Eigenkreationen, versucht die TiER-Crew behutsam gegen allzu Herkömmliches zu steuern. Caipirinha und Tequilatrinkspiele gibt es nicht, stattdessen Insignien einer gepflegten Barkultur: frisches Obst, gefrostete Gläser und knackig kaltes großes Eis. Für die kleinen Hypes des Tresenwesens ist man durchaus aufgeschlossen, findet in der saisonal wechselnden Karte jedoch eigene Antworten. Der Mezcal Negroni heißt „El Negrono“, mit gelagertem Tequila und Schokoladenlikör wird aus ihm ein „Luigi“. Am Old Fashioned oder dem Sazerac sollte man das Tier messen, aber auch andere Drinks wie der Choc & Vinegar (eine herrliche Symbiose aus Rum und Balsamico) und der Schierlingsbecher – mit Absinth – sind exzellent. Und sollte es doch nur ein Bier sein, mit einem Rother Öko-Apfelbier hat man auch in dieser Kategorie eine Überraschung parat. Die Tatsache, dass in der Zestenschmiede hinter dem Tresen geraucht wird, dürfte den feinsten Nasen unter den Bargängern missfallen – an allem anderen jedoch lässt es sich herrlich berauschen.

TiER

Weserstraße 42, 12045 Berlin

täglich ab 19.00 Uhr



Kartenzahlung: Nein

Rauchen: Ja

Ein Kommentar

  1. Claire

    Das die Gäste hier zu nichts gedrängt werden, ist leider nicht mehr richtig. Wenn man die Ampel am Eingang passieren darf, sollte man sich schnell einen Platz suchen. Denn Rumstehen macht den Bouncer nervös. Wer gerne mit einem Lächeln verabschiedet wird, sollte üppig Trinkgeld geben, auch wenn er sich seinen Drink selbst an der Bar holen musste. In meinen Augen immer noch die stilvollste Bar Neuköllns. Etwas weniger Arroganz beim Personal täte aber gut.

Schreibe einen Kommentar


Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Ähnliche Artikel