dickens

Dickens, Churchill und Hemingway vom Bar-Sockel stoßen? Nicht so schnell!

Bars 8.7.2017

Die Bar kennt sogenannte Säulenheilige wie Churchill oder Dickens. Diese teils kultisch verehrten Menschen hatten aber auch ihre dunklen Seiten, wie MIXOLOGY-Chefredakteur Nils Wrage beleuchtete. Sein Meinungsstück fordert zum Widerspruch heraus. MIXOLOGY-Autor Markus Orschiedt hat ihm geantwortet.

Vor Kurzem erschien auf diesem Portal ein Artikel von MIXOLOGY-Chefredakteur Nils Wrage unter der Überschrift: „Dickens, Churchill, Hemingway – Die dunkle Seite der Bar-Helden“.

Der Text erfüllt alle Kriterien journalistischer Standards. Er argumentiert im Sinne des Autors nachvollziehbar, er nimmt den Leser mit und lässt ihn Zeuge werden, wie das Thema sich gedanklich entfaltet hat. Bei aller Kritik ist er nicht herabwürdigend. Das Beste und Allerwichtigste aber: Er regt zum Denken an, trägt den Keim einer Kontroverse in sich, erzwingt eine Haltung und ist somit das Ideal eines Debattenbeitrages und zugleich ein Vorbild dafür, wie sie angeregt werden können. Zugleich ist er auch ein Dokument des Zeitgeistes. Scharf interpretiert, legt er – quasi im Subtext – die Axt an das Fundament der Bar, so wie wir sie kennen.

Lebende und tote Unholde

Nach vielen eröffnenden Sätzen stellt sich die Frage, was will uns der Autor wirklich sagen? Der Fall Casey Affleck wird referiert. Es geht um Vorwürfe der sexuellen Nötigung bis hin zur Gewalt. Begangen von einem Prominenten in Hollywood. „Ein Problem, mit dem das seit jeher von weißen Männern und klassischem Machismo dominierte Hollywood schon immer kämpft. Als gelten Verfehlungen nicht mehr, sobald sich jemand in der Kunst hervortut.“ Der Autor steuert zielsicher auf ein Thema zu, das überall heiß diskutiert wird und darin ebenfalls nicht frei von Exzessen ist.

Von Hollywood geht es dann mit hartem Kameraschwenk in die Bar. Die männliche Sicht auf dieses Thema wäre hoch interessant gewesen. Doch plötzlich wird der Archetyp des „alten“ feministischen Mainstreams und dessen Phobie vor dem nicht näher spezifizierten „weißen Mann“ in die Totale geschoben. Nicht aber vor dem sich breitbeinig gebärdenden lebenden Unhold, dem sich zwischen Ungehobeltheit und mit Alkohol und Testosteron eskalierenden, lebenden Aggressor, sondern den toten Heroen der Bar gilt nun alle Aufmerksamkeit. „Es soll gehen um die Galionsfiguren, die die Bar sich geschaffen hat. Um die großen Namen von Männern, denen man zuschreibt, sie seien die größten Genießer und Beförderer der Barkunst gewesen. Männer, die man auf ein Podest gestellt, nach denen man Bars, Menüs oder Drinks benannt hat. Denn auch sie, deren Namen das Bartenderauge leuchten lassen, haben – ähnlich wie Casey Affleck – nicht unbedingt eine weiße Weste.“

Charles Dickens, Winston Churchill und Ernest Hemingway werden nun auf den zeitgeistig-moralischen Tresen gelegt und nach allen Regeln der Kunst gezupft, gemuddelt und doppelt abgeseiht. Aber schmeckt das auch?

Guter Drink, kein besserer Mensch

Was zur Hölle muss ich nun wieder bedenken, wenn ich in der Bar meine Tagesbürden veruntreue und alle Reinheitsgebote meiner hellen Seite in meine in Dark Ale schwimmenden Gedanken am Tresen einer Bar tauche? Bars waren schließlich noch nie Besserungsanstalten für zwielichtige Charaktere, können einen aber an guten Abenden durch das Fegefeuer schicken. Abgesehen von ihrer Fähigkeit, Ideenbrutkästen zu sein oder soziale Funktionen zu übernehmen, die uns tagsüber naturgemäß verborgen bleiben, können sie aus einem verzweifelten, einem achtlosen oder ahnungslosen Trinker einen besseren Genießer machen, einen Menschen, der Alkohol wirklich verstehen lernt.

Nie aber verlässt man eine Bar als besserer Mensch. Wer würde das auch behaupten oder nahelegen? Eigentlich tut das auch Nils Wrage nicht, um dann gegen Ende seines Textes eine merkwürdige Volte zu vollziehen: „So ist dieser Text auch nicht als Aufruf zu verstehen, die Namen der fraglichen Personen plötzlich aus allen Barbüchern zu tilgen oder Bars, die ihren Namen tragen, umzubenennen. Aber es soll ein Denkanstoß sein, sich ab und an ins Gedächtnis zu rufen, dass der Hang zum Genuss einen Menschen nicht zum Heiligen macht. Nicht jeder, der einen guten Cocktail zu schätzen weiß, ist dadurch ein besserer Mensch.“

Noch einmal: Ich kenne niemanden, der das selbst nach ein paar Drinks ernsthaft behauptet hätte. Es ist ebenso absurd, Vegetariern oder Abstinenzlern dauernd abzufordern, sich mit Hitler auseinander zu setzen, nur weil dieser Flatulenzen vom Fleischverzehr bekam und deshalb darauf verzichtete (und dennoch von Magenwinden gebeutelt war), und moderater Alkoholgenuss hätte ihn wahrscheinlich auch nicht vor seiner Single-Monstrosität als größten Massenmörder der Geschichte gefeit.

Keine Götter für die Bar

Nils Wrage wirft Dickens Antijudaismus und Rassismus gegenüber Indianern, Churchill seinen Imperialismus gegenüber den Kolonialvölkern, speziell den Indern, und Hemingway sein Machotum und die mangelnde weibliche Perspektive seiner Romane bis hin zur Misogynie vor. Alles richtig. Und dennoch ließen sich die Vorwürfe durch historische Betrachtungen entkräften. Der Geist des 19.Jahrhunderts – die sich erst langsam durchsetzenden Werte der Aufklärung und der Menschenrechte -, hat Dickens wie Churchill tief geprägt und Begriffe – sowie der adäquate Umgang damit – wie Rassismus und Antijudaismus sind Teil der Kämpfe des 20. Jahrhunderts. Noch im 21. Jahrhundert sind sie Gegenstand härtester geistiger und militärischer Auseinandersetzungen, und die Menschheit noch weit – weiter als zu Lebzeiten der drei Herren – von humanen, über jeden Zweifel erhabenen Standards entfernt.

Währenddessen bewundern und diskutieren wir Bier-Stile, Drinks und Spirituosen, die ohne die britische Kolonialaktivitäten wohl so niemals in der Welt wären. Moderne männliche Autoren werden wieder gefeiert, wenn weniger Rainer-Langhans-Meditation in ihren Büchern steckt und mehr Hemingways maskuline Abenteuerlust. Und ich behaupte, dass das erste Tinder-Date bei rohem Fisch oder rohem Fleisch und einem deftigen Disput über Großwildjagd in Afrika bei Hemingway oder über wahren Gründe von Dickens Kampf gegen die Sklaverei mehr Eindruck hinterlässt, als ein Craft Bier & Yoga-Kurs im Prenzlauer Berg, auch wenn schon Manchem das Mut abverlangt.

Jeder der drei hinterfragten Herren hat eine Lebensleistung vorzuweisen, die seine seinsbedingten Defizite um Rührlöffellänge überragt. Es zählt immer der Drink, es zählt immer das Werk. Gerade ihre Widersprüchlichkeit macht sie spannend und sollte sie eigentlich vor Götzendienst, Personenkult und Heldenverehrung bewahren. Wer Helden und Götter braucht, ist einfach ein Idiot und sollte nicht das Objekt seiner Anbetung hinterfragen, sondern schnellstens auf der Suche nach seinem aufgeklärten Geist sein. Irgendwo schwimmt er im Glas und will nur in Fleisch und Blut übergehen.

Säuisch bei Nacht

Was sind sie nun aber, Dickens, Churchill, Hemingway? Nils Wrage nennt sie Galionsfiguren. Nun gut, Gallonenfiguren wäre schlecht gekalauert. Sie sind Referenzgestalten für die Bar aus einer Zeit, als der öffentliche Raum noch weitgehend von Männern besetzt war. Aber ohne sie hätte es die Bar in ihrer heutigen Form nicht gegeben. Zum Segen für diese zivilisatorische Errungenschaft haben dann auch Frauen den Tresen geentert. Sie haben einfach schneller als Männer begriffen, dass etwas zu verbieten weniger Spaß macht, als selbst damit Spaß zu haben. Wahre Macht und Gerechtigkeit äußert sich eben in der Teilhabe. Wie es dazu kam und warum erst so spät, kann man hinterfragen. Aber dann säßen wir womöglich in einem Raum mit Claudia Roth, spärlich beleuchtet von sonnenblumengelben LED-Funzeln, angetrieben von der Bewegungsenergie shakender Bartender_*innen und würden auch nachts noch gefährliche, grüne Smoothies trinken.

So bin ich auch gar nicht einverstanden mit den letzten Sätzen meines Freundes Nils Wrage: „Lassen wir bestimmte weiße Männer nicht unhinterfragt als Galionsfiguren stehen. Das Hinterfragen muss immer wieder stattfinden. Vielleicht nicht unbedingt bei einem Hemingway Daiquiri.“

Doch! Denn das ganze Hinterfragen lässt sich nur mit Alkohol ertragen. Wer dann immer noch glaubt, mit besserem Gewissen oder höherer Moral zu trinken, dem möchte ich mit einem richtigen Reaktionär antworten. Einem Speichellecker der gepuderten Obrigkeit, dessen Lüsternheit wir aber die schönsten Liebesgedichte in deutscher Sprache verdanken. Wir können zum Mond fahren, aber nur einer konnte so etwas wie die „Marienbader Elegie“ schreiben. Aber er konnte eben auch anders. Mit dem Autor des Faust und seinen satanischen Versen aus der Walpurgisnacht verabschiede ich mich in die Nacht. „Seid reinlich bey Tage / Und säuisch bey Nacht / So habt ihrs auf Erden / Am weitsten gebracht.“ Niemand sollte Goethe hinterfragen.

Schreibe einen Kommentar

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Ähnliche Artikel