Chill, Wien! Palmen und Porno in der Parfümerie

Bars 8.11.2016

Ein neues Wiener Bar-Betreiber-Trio (Barista inklusive!) hat mit Die Parfümerie einen unprätentiösen wie anrüchigen Ort gleichzeitig geschaffen. In der kleinen Bar im siebten Wiener Gemeindebezirk serviert man Eaux de Toilette und Eaux de Parfums im Glas. Aber eigentlich die Musik von Wanda zum Trinken.

Genau genommen handelt es sich bei der Neu-Eröffnung in Wien-Neubau um eine Sesshaft-Werdung dreier Freunde, die bisher ihre Drinks bei diversen Events servierten. Gianni Ciaccia, Gilles Reuter und Maximilian Dippold hatten zuvor eine Zwischenstufe zum Bar-Betrieb eingezogen, die ihre Barista-Ecke darstellte, die sie unter dem Namen Wolfgang im Concept Store „QWSTION invites“ betreiben. Davon kommt auch der Cold Brew auf der Karte, der in der Ecke der alkoholfreien Drinks steht, die folgerichtig „Vaporisateurs“ heißt in der Parfümerie.

Wobei der Name selbst ein wenig in die Irre führen mag; denn als Drinks nachgebaute Düfte oder multisensorische Installationen ums Cocktailglas sucht man vergebens, dafür hat der Unterschied zwischen Eaux de Toilette (den Longdrinks) und den Eaux de Parfums (Shortdrinks) eine duftende Logik. „Wir hatten uns mal für ein Lokal interessiert, das früher eine Parfümerie war“, erzählt Max zur Genese des Bar-Namens. „Es wurde nichts draus, aber der Name ist uns geblieben“. Was insofern witzig ist, da Grätzlbewohner sich noch ans Vorgängerlokal, ein Pub mit niedrigen Preisen und Sport-Übertragungen namens „Apothek’n“, erinnern dürften.

Britische Schlagseite im Flakon

Als kleines Zugeständnis geben Ciaccia/Reuter/Dippold ihren Gästen schon mal Probeflakons wie bei „Douglas“ mit nach Hause. Aktuell haben die beiden Luxemburger und der Deutsche darin ihren Earl Grey-infusionierten Gin abgefüllt. „Zum Daheim-Nachkosten und dann wieder hier zu bestellen“, lacht Max Dippold.

Für Gilles, der früher mit Feng Liu (heute im Mama Liu & Sons) arbeitete, stellt die neue Bar auch einen Wiedereinstieg ins Bartending dar, „dazwischen kamen die Kinder“, so der gebürtige Luxemburger. Jetzt häuft er also Orangenmarmelade in die Shaker, denn der „Orange-Thyme Daiquiri“ hat sich schnell zu einem der beliebtesten Drinks in der Neustiftgasse gemausert. Ansonsten regieren Highballs wie ein „Islay Mule“ das Menü. „Unsere Karte ist noch nicht da, wo sie hin soll“, verspricht Gilles Nachschub, „für uns ist es wichtig, dass die Gäste gute Qualität trinken, in schönem Ambiente und ausgelassener Atmosphäre“.

Ob das mit Schladminger Bier vom Fass, biodynamischen Weinen oder einem „Coward“ (Rotwein, Wermut und Feigen-infundierter Vodka) passiert, sieht man nicht dogmatisch. Die Preise tragen jedenfalls zur Entspannung bei, der Großteil der Drinks liegt unter der Zehn-Euro-Grenze, für den Calvados-befeuerten „Pomme Mule“ sind etwa 8,50 Euro fällig.

Stammtisch mit Palmen-Gewölbe

Ein gewisses Faible für rarere Spirituosen – neben dem Finsbury Gin führt man auch den in Wien nicht oft zu findenden „No. 3“ von Berry Bros. & Rudd – hilft aber auch dem Kenner, der seine Shortdrinks vermisst, hier fündig zu werden. Experimente mit Schäumchen oder Smoke Gun-Fights verbittet sich die Platzsituation aber. Denn schon um den Gastraum flexibler zu gestalten, lässt sich eine ganze Sitzplatzreihe wegklappen. Knappst noch der DJ eine Ecke für seine Turntables weg, wird es eng hier.

Die Nachbarschaft an der vermeintlichen Durchzugsstraße reicht schließlich beiderseits in den ersten Grün-regierten Bezirk Wiens. Damit sind Kreative aller Art (und leider auch deren Taschencomputer) vom ersten Tag an zu Gast in der Parfümerie. Ihnen gefällt sicher auch das vermutlich größte Angebot Wiens an Luxemburger Wein: Ruländer und einen Crémant hat man aus dem Großherzogtum von Pundel Vins Purs zu bieten. Die PR-Agentur ein paar Häuser weiter hat jedenfalls schon ihren Stammtisch eingerichtet. Das junge Umfeld hat auch Vorteile, denn mit dem Nachbarn vom Marks gibt es ein Agreement, das die nicht vorhandene Küche ersetzt: Burger und anderes Bar-Food werden einfach dort geordert. Schließlich mag man im „Siebenten“ das Improvisierte.

Vulva-Pics und Wandas Geist

Explizit hingegen wird es beim Klo-Gang: Auf die symbolische Beschriftung der in Wien „Häusl“ genannten Toiletten verzichtete man. Es sind gleich die jeweiligen Geschlechtsteile aufgemalt – sie wird man im Inneren in Aktion auch noch sehen. Ansonsten hat man die Dekoration schlank gehalten, die grünen Ranken, die sich durchs Lokal ziehen, finden sich momentan nur an den Seitenwänden. Echte Pflanzen sollen folgen, wobei gerade der Minimalismus der Bar eine schöne Ergänzung darstellt. Es muss ja nicht immer Last Word und Sazerac (den gibt es eh auch!) sein. Eine Porno-Palmen-Paloma vermag ebenso zu schmecken. Vielleicht ist die Parfümerie einfach die Musik von Wanda zum Trinken – und weder flüssiger Dean Martin, noch Alt-J im Glas.

Die Parfümerie

Neustiftgasse 84, A-1070 Wien

U3 Zieglergasse, U6 Thaliastrasse; Straßenbahn 46: Schottenfeldgasse

Kontakt: +43 69911316673 / office@dieparfuemerie.net

Dienstag-Samstag: ab 18:00 Uhr

Kartenzahlung: Ja

Rauchen: Ja

dieparfuemerie.net

Photo credit: Alle Bilder via Die Parfümerie. Artikelbild: Gianni Ciaccia, Maximilian Dippold und Gilles Reuter

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