Eigene Bar und Familie

Vater, Mutter, Kind… und eigene Bar – Ein Himmelfahrtskommando?

Bars 5.2.2018

Die eigene Bar und Familie unter einen Hut zu bringen, ist eine große Herausforderung. Wie funktioniert die Kombination aus Rye und Babybrei in der Praxis?  Michaela Bavandi hat nachgefragt und ist auf viele dunkle Augenringe gestoßen. Aber auch auf die Gewissheit, dass es mit einem hohen Maß an Kraftanstrengung, Selbstdisziplin und Organisation klappt.

Wählt man den Beruf des Bartenders, ist man mit nächtlichen, oft bis in die frühen Morgenstunden verbundenen Arbeitszeiten während der Woche, an Feiertagen und Wochenenden körperlich und geistig im Dauereinsatz. „Es ist ein Parallelleben“, beschreibt es Carsten Schröder, und meint damit die vor allem in jungen Jahren zelebrierte, mit Geselligkeit verbundene Nachtarbeitszeit.

Eigene Bar und Familie, ein komplexes Thema

Diese ist manchmal, wenn das Verständnis des Partners fehlt, schon mit einer Beziehung schwer vereinbar, und in Folge noch schwieriger mit Nachwuchs und Familie. „Das ist definitiv so, schon alleine aufgrund der Öffnungs- und Arbeitszeiten. Aber Familienplanung ist eine Grundsatzentscheidung. Über Veränderungen muss man sich vorher im Klaren sein und Gedanken machen“, rät Carsten Schröder, der sich mittlerweile aus diesem Parallelleben zurückgezogen hat. Er kümmert sich tagsüber um administrative Angelegenheiten sowie Sales und Marketing seiner beiden Betriebe und kann auf diese Weise freie Zeitfenster für seine Tochter und Familie in den Alltag einbauen.

„Wäre ich ab Nachmittag noch in der Bar, hätte ich keine Zeit mehr für mein Kind“, sagt er. Bezüglich aktivem Barmanagement kann er sich getrost auf Cordula Langer in der Bryk Bar und Jürgen Wiese in der My June Bar, die demnächst als „Golden Pineapple“ mit Tiki-Konzept firmieren wird, verlassen. Dass seine Tochter zeitnah zur Gründung der Bryk Bar auf die Welt gekommen ist, war nicht geplant. „Aber wir haben es gepackt“, erinnert er sich an kräfteraubende und schlafdefizitäre Zeiten.

Eigene Bar und Familie: Eine Frage der Definition

In Hinblick auf Vereinbarkeit von Familie und Barberuf stellt die Nachtarbeit Beschäftigte vor andersartige Anforderungen als jene, die tagsüber ihr Geld verdienen. „Ich denke aber nicht, dass Vereinbarkeit in Barberufen schwieriger als in anderen Branchen ist. Es hängt immer davon ab, wie man Beruf und Familie lebt, und ob die Partnerin Verständnis für den Beruf hat“, sagt Gerhard Tsai von der Wiener Bar Tür 7.

Tagesfreizeit, die einem den Besuch menschenleerer Ikea-Hallen während der Woche ermöglicht, ist ein Vorteil dieser Branche. Ein Grund für Tsai, diesen beruflichen Weg zu gehen. Dadurch verbleibe ihm und seiner Frau wertvolle Zeit mit den Kindern, die „normal“ Arbeitende nicht hätten, und ein breiter Handlungsspielraum für Spitzenzeiten und Notfälle. Durch straffe Tagesorganisation, Selbstdisziplin, ein Netzwerk mit Gleichgesinnten aus Beruf, Familie und Freundeskreis, die Arbeit mit Reservierungen in der Bar und absolut handyfreier Zeit beim gemeinsamen Abendessen vor Dienstantritt um 21 Uhr in der nahe gelegenen Tür 7 stimmen den Wiener zufrieden und gestalten seine Vereinbarkeit als selbstständiger Barbetreiber mit Partnerschaft und Familie auch mit weniger Schlaf lebenswert.

Baby an Backboard: Nebenwirkungen garantiert

Work-Life-Balance ist immer von persönlichen Konstellationen und Bedürfnissen, dem Partner, Freunden oder Angehörigen abhängig. Schlafmangel, eine Lebensumstellung, finanzielle und persönliche Abstriche in Freizeit-, Sport- und Freundesleben gelten als gesicherte Nebenwirkungen jungen Elternglücks und bleiben auch Bar-Professionisten nicht erspart.

Geht man als Bartender einen Schritt weiter in Richtung Selbständigkeit, hat man zusätzlich zu den Menschenkindern ein geschäftliches Baby, das geschupft werden will und muss. Wenn alle diese Kinder zum gleichen Zeitpunkt entstehen, hat man nicht nur Doppel-, sondern Dreifachbelastung, trägt die finanzielle Verantwortung für den Betrieb und mindestens einen Teil des Familieneinkommens.

Sven Breitenbruch kennt diese Kraftanstrengung der Selbständigkeit, gepaart mit der Geburt seiner Zwillingstöchter, die bald nach der Eröffnung des Neuköllner Kauz & Kiebitz auf die Welt gekommen sind: „Keine Kinder zu Beginn der Selbstständigkeit“, bedeutet Breitenbruch, der trotzdem in Folge das Truffle Pig aufgebaut hat, während seine Frau wieder in den Lehrberuf eingestiegen ist.

Verbunden mit den Alltagsmühen wie die Suche nach Kita-Plätzen, die sich mit zwei Kindern beinahe aussichtslos gestaltet hätte, und dem Wunsch, das Leben mit Kindern und Partnerin so gut wie möglich in Einklang zu bringen, nimmt die Selbständigkeit mit Nachtschicht und Schlafmangel, Personalführung, Einkauf und Administration ein hohes Ausmaß ein. „Man gibt auf allen Ebenen sein Maximum, hat Null Prozent Freunde, null Prozent Sport. Man vergisst das eigene Ich und seine Bedürfnisse“, erklärt Breitenbruch, der mit seiner Partnerin nun über eine Au-pair-Entlastung nachdenkt.

Eine eigene Bar und Familie brauchen Helping Hands

Helfende Hände wie Großeltern sind ein Luxus, auf den die Ebrahimis aus Karlsruhe zurückgreifen können, um Auszeit für die partnerschaftlich wichtige Zeit zu zweit zu gestalten. Miad und Laura Ebrahimi sind „ein Bier“, bezeichnet Miad Ebrahimi das private und berufliche „Wir“.

Als gemeinsame Einkommensquelle und bereits vor Jahren vereinbartes Vorhaben betreiben sie in Karlsruhe die eigene Bar Miad mit klarer Kompetenzaufteilung und ziehen an einem Strang. „Ich bin der Chef in der Bar, Laura ist Freitag- und Samstagabend vor Ort und die Seele des Hauses“, erzählt Miad. Die „altmodische, klassische Rollenverteilung“ im Zuhause erleichtere die Parallelität von Selbständigkeit und Familie. Spontan durchzechte Nächte bleiben grundsätzlich aus, Disziplin steht an der Tagesordnung, und der Schlaf reduziert sich selbstredend mit Nachwuchs und Selbständigkeit, die Miad manchmal bis in den Schlaf verfolgt „Vereinbarkeit gibt es keine. Unsere Tochter ist eine Bombe, die täglich neu entschärft werden muss, aber wir laufen spontan in den Tag und managen das“, sagt der glückliche Vater.

Mit einer „klassisch-kitschigen“ Rollenverteilung geht es auch im Hause Bogner zu, so lange der gemeinsame Sohn von Wolfgang und Isabell Bogner nicht die Schulbank drückt. Zumal sich die Betreuungskosten in der Schweiz explosionsartig gestalten, Familie und Großeltern in weiter Ferne sind. Während der Wahlschweizer die Zürcher Tales Bar betreibt, kümmert sich Isabell um Bogner Junior.

„Davor habe ich größten Respekt und Wertschätzung“, sagt der Betreiber von Zürichs beliebtem Wohnzimmer. Partys, Hangover und Pizzanachmittage seien schon längst vorbei, um die branchenbedingte und vorteilhafte Tagesfreizeit mit der Familie intensiv, sportlich und aktiv in der Natur zu nutzen. „Die Vereinbarkeit in unserer Branche ist schon vorher schwer, aber mit Kind wird sie extremer. Grundvoraussetzung für eine funktionierende Familie samt Beruf sind partnerschaftliche Basis und Arbeitsteilung im Sinne einer Familiengemeinschaft, nicht im Sinne von Mann und Frau“, ist Wolfgang Bogner überzeugt.

Eigene Bar und Familie: Wo ein Wille, da ein Weg

In ihrer Doppelfunktion als zweifache Mutter und Barbetreiberin bewegt Susanne Baró Fernández sich als Ausnahmeerscheinung in einer Männerdomäne. Als Mutter von acht- und neunjährigen Kindern lebt sie die Vereinbarkeit von Familie und ihrem Beruf als Bartenderin und Betreiberin des Timber Doodle in Berlin-Friedrichshain in Personalunion.

„Ich arbeite gerne. Es ist ein Teil von mir, aber kein Hexenwerk. Wenn man will, findet man einen Weg“, sagt Fernández bestimmt. Seit vergangenem Sommer wirkt sie als leitende Gastgeberin und kümmert sich tagsüber, wenn die Kinder in der Schule sind, um administrative Angelegenheiten des Bargeschäftes. Schlafmangel ist dabei ihr ständiger Begleiter. Daran hat sie sich gewöhnt und geht zügiger ins Bett.

An einen Wechsel in den Tagdienst denkt sie als passionierte Gastgeberin nicht. Den hatte sie in ihren Tagen im Ritz-Carlton und schätzt nun den Vorteil verbleibender Tagesfreizeit, um diese für Kinder zu nützen oder beispielsweise für die Möglichkeit, als Elternteil auch in der Schule mitzuwirken. Dafür nimmt sie Schlafmangel in Kauf. Seit drei Jahren managt sie gemeinsam mit Lebenspartner Ben das Familien- und Arbeitsleben und weiß diese partnerschaftliche Stütze und die „spießige Familienzeit am Sofa an Tag sechs und sieben der Woche“ zu schätzen. „Das nimmt Stress raus“.

Als ehemalige Alleinerziehende von zwei Babys und finanziell Hauptverantwortliche hat sie die Doppelbelastung in aller Strenge erfahren, oft nur ein bis drei Stunden geschlafen, um die Kinder nach dem Dienst rechtzeitig vom Babysitter abholen zu können. „Das war viel“, denkt sie zurück. Schlimmer aber seien die ihr entgegengebrachten Vorurteile gewesen. Vorurteile, die Menschen mit dem Berufsbild einer Bartenderin assoziieren. „Wir arbeiten in einer stigmatisierten Szene und bedienen für Erzieher- und LehrerInnen Klischees. Jeder, der mich kennt, weiß, dass diese nicht auf mich zutreffen, dennoch musste ich mich ständig für den Job rechtfertigen“, erinnert sie sich.

Fazit: Eigene Bar und Familie ist nicht leicht, aber möglich

Fernández ist eine der wenigen Mütter, die ihre berufliche Karriere in der Barszene mit Kindern und überdies durch einen eigene Bar fortgesetzt hat und diese nun in der Selbständigkeit perfektioniert. Leicht sei dieses Lebens- und Arbeitsmodell keineswegs gewesen, aber auch nicht unmöglich. Organisation, der Wunsch, dies zu wollen, jede Hilfe von Familie und Freunden anzunehmen, zähle, aber Grundvoraussetzung sei die Leidenschaft für den Beruf; und damit ist man dann ja nicht allein.

Photo credit: Shutterstock; Post-Produktion: Tim Klöcker

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