Bar Foto 3

Ein Besuch im Barfly’s Club. Das ehrwürdige Urgestein der Wiener Barszene.

Bars 17.2.2012

Wien erblühte durch die letzten Jahre hindurch zu einer Top-Adresse für alle Liebhaber der Cocktailkultur. Als wichtigster Wegbereiter für diese Entwicklung gilt Barfly’s Club, den der unvergessene Mario Castillo 1989 ins Leben rief.

Wer seine Schritte nur zufällig in die Esterhazygasse des Wiener Stadtteils Mariahilf lenkt, übersieht womöglich das unscheinbare Schild mit den drei verheißungsvollen Buchstaben „Bar“, das vom doppelköpfigen Adler der Habsburger Monarchie gekrönt wird. Die Hausnummer 33 beheimatet das Hotel Fürst Metternich in einem historischen Gebäude von 1897. Hinein in den Beherbergungsbetrieb, eine kleine Treppe hinauf und kurz darauf eine weitere Treppe hinunter und schon leuchtet der reich bestückte Tresenbereich den Weg in den wundervollen, holzgetäfelten Raum des Barfly´s.

Authentischer vermag eine klassische American Bar kaum ihre Atmosphäre verbreiten und würdevolle Patina tragen. Fotografien von Fidel Castro, Ernest Hemingway, Frank Sinatra und Dean Martin an den Wänden, die Musik der beiden Letztgenannten aus den Lautsprechern und eine umfangreiche Ansammlung edler Destillate zu allen Seiten. Gedämpftes Licht und langsam kreisende Deckenventilatoren fügen sich in das Gesamtbild einer Bar, an deren Tresen sich über die Jahre hinweg so manche illustre Geschichte und nächtliche Episode abspielte. Von einem der Bilder blickt der 2010 viel zu früh verstorbene Begründer des Barfly´s, Mario Castillo, auf die aktuellen Gäste des ehemaligen Offizierskasinos hinab, die nach wie vor die seinen sind. In der gigantischen 76-seitigen Karte begrüßt noch immer er die Gäste und erläutert seine Barphilosophie, die den Bartresen als Begegnungsstätte beschreibt und die Verwendung des Messbechers zutiefst verachtet. Liegt dort, an einem der hinteren Tische, tatsächlich noch das Kondolenzbuch für den Mann aus der Dominikanischen Republik aus?

Die Geburtsstätte der Wiener Barkultur kommt in die Jahre

Der Gründer schuf einen Ort, der als Schule für zahlreiche Connaisseur-Gaumen diente und der zugleich die wertvollste Ausbildungsstätte und Vorbild für ambitionierte Bartender wurde, eng verbunden mit der leidenschaftlichen Person Mario Castillo, der in der Barkarte viele nützliche Informationen und Anekdoten zu den Cocktails und Zutaten bereitstellt. So erfährt der Leser, dass einer der wenigen Drinks, der Rum mit Champagner großartig vermählt, der Old Cuban, 2004 von Audrey Sanders in ihrer Pegu Club Bar in New York erfunden wurde. Flugs ward der Lieblingscocktail geordert, um kurz darauf eher ratlos in ein großes Becherglas mit reichlich Minze zu blicken. Zugegeben, ein Royal Mojito vermag wundervolle Erfrischung zu gewährleisten, aber ein Old Cuban gehört eher mit einem double-strain in eine Cocktail-Schale. Dazu ein Minzblatt zur Dekoration, aber kein optisches Kräuter-Aquarium auf crushed ice.

„Selber schuld“, muss der Fehlgeleitete sich eingestehen. Aufmerksamere Leser, als es dieser Schreiber ist, wären womöglich bei dem Zusatz „Champagne Mojito“ im Text stutzig geworden. Immerhin beweist kurz darauf ein Besuch in der Halbestadt Bar, dass der international übliche Old Cuban durchaus auch in Wien, vortrefflich serviert und gerne auch mit dem Jigger abgemessen, vorzufinden ist. Der Ruf der Hauptstadt ist nicht in Gefahr.

Womöglich vermag ein Sazerac zu trösten. Dem Wunsch des Gastes, selbigen auf Cognac- statt auf Rye-Basis zuzubereiten, steht nichts im Wege. Hochwertige Zutaten wandern in den Shaker, wo manch Beobachter womöglich eher ein Rührglas erwartet hätte. Der geshakete Inhalt kommt komplett, also mit dem geschüttelten Eis, ins Glas. Geschmacklich einwandfrei, abgesehen von allzu rascher Verwässerung, hätte die Zubereitung jedoch auch hier eine Verfeinerung erfahren dürfen.

So manche Barexperten der Donaumetropole bekommen einen wehmütigen und nachdenklichen Zug um die Augen, kommt die Sprache auf das Barfly’s. Ein magischer Raum mit Aura und Patina. Die Abläufe hinter dem Tresen erfolgen sauber und gut organisiert. Drastische Veränderungen bekommen einem derartigen Ort nicht, es gilt stets, behutsam vorzugehen. Dennoch sollte man nie aufhören, sich weiter zu entwickeln und gelegentlich selbst zu hinterfragen.

Man sagt den Wienern nach, sie mögen es morbid, dennoch darf die Frage gestellt werden, wann einem traurigen Abschied ein optimistischer Neuanfang folgen sollte?

 

 

 

 

 

Barfly's Club

Esterhazygasse 33, A – 1060 Wien

U-Bahn Neubaugasse

täglich ab 18 Uhr

Kartenzahlung: Ja

Rauchen: Ja

barflys.at

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