Henning Neufeld Schumann's

Henning Neufeld: Das Nordlicht im Süden

Bars 22.2.2016

Überall auf der Welt arbeiten zu können ist einer der großen Reize des Bartender-Beruf. Henning Neufeld  aus dem Schumann’s hat ihn ausgelebt. Über Basel, Shanghai und London ist der gebürtige Bremer vor einiger Zeit in Charles Schumanns heiligen Hallen angekommen. Dort übernimmt er nun auch die Geschicke des Les Fleurs du Mal.

Vor vielen Jahren schenkt Henning Neufeld als Kinderanimateur nach seinem Abitur Limonade aus, wahrscheinlich mit dem gleichen, freundlich-unaufgeregten Gestus, der ihn auch heute noch auszeichnet. Pampige oder nicht zufrieden zu stellende Kinder zu bedienen, ist sicherlich die beste Schule für einen zukünftigen Barmann, der es nachts mit Gästen zu tun bekommt. So in etwa stelle ich es mir vor, als Neufeld erzählt, wie er auf die Idee kam, nach seiner Kinderanimationszeit Gastronom zu werden. Zunächst im hohen Norden an der Ostsee.

Von der See in den Süden

„Es hätte auch ein Germanistikstudium werden können, aber das habe ich schnell verworfen“, sagt er in seiner ruhigen und aufgeräumten Art. Aber so schnell endet die Animationsphase nicht. Der heute 32-jährige, gebürtige Bremer beginnt seine Ausbildung im Maritim Clubhotel Timmendorfer Strand. Er schnuppert in das Tresentreiben hinein, besucht einen Cocktail-Workshop bei seinem Fachlehrer André Krug, beginnt sich mit Spirituosen zu befassen und landet – um seine Servicefähigkeit noch ein wenig upzugraden – im Travemünder Arosa Grand Spa.

Noch ist die Welt klein. Aber neben der Verfeinerung seiner Servicestandards, beginnt er immer mehr zu mixen. Ab da geht er höhere Aufgaben an, zieht in eine kleine Stadt mit einem großen und berühmten Hotel, das die ganze Welt beherbergt. Im Les Trois Rois, das durchaus mal die Rolling Stones oder eine nachts ausbüxende japanische Kaiserin zu seinen Gästen zählt, im mediterran angehauchten Basel, treibt ein gewisser Thomas Huhn sein Barwesen und holt ihn zu sich. „Das war ein Riesenschritt in den Standards, beeindruckend und lehrreich“, erinnert sich Neufeld. „Thomas Huhn hat zugelassen, dass ich mich selbst entwickle. Er ist stets auf der Suche nach einem neuen Projekt, einer neuen Idee. Ständig wird das Personal geschult.“ Neufeld klettert die Leiter bis zum Headbartender hoch und wird bei den MIXOLOGY BAR AWARDS zum Newcomer des Jahres 2012 gekürt, während Huhns Arbeit mit dem Titel Hotelbar des Jahres zurück nach Basel fährt. Bremen und die Ostsee sind nun weit weg.

Ferner Osten, kurzer Westen   

Nach drei Jahren im Les Trois Rois, dem „Dach der Welt“, beschließt Henning Neufeld den ganz großen Sprung zu wagen – er geht nach Peking in das renommierte Shangri-La Hotel. „Das war ein Kulturschock. Eine völlig andere Mentalität, andere Abläufe, einfach ein riesiger Berg“, fasst der Mann, der dort den merkwürdigen Titel Head Mixologist trägt, seine Erfahrungen zusammen. „Das größte Hindernis war die Sprache, aber am Ende meiner Zeit, nach zwei Jahren, konnte ich mich immerhin im Taxi und den Restaurants auf Mandarin verständlich machen. Dauerhaft einen Sprachkurs zu besuchen hat einfach die Grenzen meiner Belastbarkeit gesprengt.“

Neufeld macht erst einmal eine Bestandsaufnahme in der Bar des Shangri-La und beendet eine Zeit des führungslosen Interregnums einer Institution. Er entwickelt neue Karten, trainiert das Personal und steht mit viel Präsenz selbst hinter der Bar. Ja und, war was? Man mag über die hier völlig unzureichend beschriebenen Aufgaben hinweg lächeln, immerhin liegen ihre Komplexitäten in der Tiefe verborgen. Aber wer schon einmal im Ausland, in einer Führungsposition, in einer soziokulturellen Fremde war, der wird vielleicht verstehen, dass es hanseatischen Stoizismus und intellektuelle Dimension benötigt, um dem in der gefordert kurzen Zeit gerecht zu werden.

Szenenwechsel, westwärts: Shangri-La gilt ja bekanntlich als asiatisches Utopia in Gestalt eines paradiesischen Klosters. Dessen Bewohner geben sich der Kontemplation hin, leben weltabgewandt und erreichen zuweilen das Alter eines Methusalem. Derart in sich ruhend und als Lordsiegelbewahrer von Kultur und Zivilisation, warten sie auf die letzte Schlacht der Menschheit mit ihren selbsterschaffenen Dämonen. So gerüstet kann man es auch in London aushalten, wenn auch keine 969 Jahre wie Methusalem. Nach sechs Monaten im dortigen Shangri-La Hotel wird das Ruder erneut herumgerissen und Kurs Richtung Süden genommen.

Endstation Süden für Henning Neufeld?

Nach Peking kann einen auch München nicht mehr schocken? „Ich fühle mich hier sehr wohl“, versichert Neufeld. In führender Position ist er im Schumann’s angekommen. „In so einer Bar sind Titel und Ränge bestenfalls repräsentativ von Relevanz, ansonsten ist das Team der Star. Jeder hat seine Bereiche, die er mit der eigenen Kompetenz füllen muss.“

Auch auf diesem Schlachtschiff werden gerade die Dinge wieder neu geordnet. Die zum Hause gehörende Bar Les Fleurs du Mal steht vor einem Umbruch. Die Offiziere Dietmar Petri und Johannes Möhring – besser bekannt als „Team Mötri“ – gehen von Bord und bauen ab Sommer den München-Ableger des Roomers auf. Im Gegenzug wird sich Henning Neufeld in die unpoetischen Fänge der Blumen des Bösen begeben. „Das machen wir mit Sinn für Kontinuität. Einige Akzente verschieben wir in Richtung Frankreich. Das findet sich dann bei der Bezeichnung der Drinks wieder und in der Entwicklung einiger Drinks auf der Basis fortifizierter Weine. Aber zunächst müssen wir das Team neu strukturieren“, verrät Neufeld. Er will nicht mehr erreichen, als seinem Credo treu zu bleiben. „Eine gute Bar zeichnet sich dadurch aus, dass sie mit ihrem Konzept ihr Publikum erreicht. Das hat das Les Fleurs du Mal bisher getan und es ist Anspruch genug, das weiterzuführen.“

Wem dies sicherlich nicht gelingt, ist Nordkoreas Diktator Kim Jong-Un. „Nach Nordkorea würde ich mal reisen, das bleibt aber wahrscheinlich nur der Spleen eines Asien-Liebhabers“, schmunzelt der Mann, der notorisch unterwegs ist und daher gerne einen Boulevardier trinkt. Immerhin wäre er dann irgendwie wieder im Norden.

Photo credit: Dietmar Petri

Schreibe einen Kommentar

Ähnliche Artikel