Kleinod Bar in Wien: etwas Zuckerguss muss sein!

Bars 11.12.2015

Ein wenig war es schon ein Running Gag, wenn Oliver Horvath bei jedem Treffen erzählte, dass er eine Bar aufmache.  Wiens Beharrungskräfte ließen aus Wochen Monate werden, letztlich ein Jahr. Nun aber hat Horvaths Buddy-Bande endlich ihr „Kleinod“, wie die City-Bar heißt.

Immerhin hatte man sich ein 850 Jahre altes Haus ausgesucht, das so nah am Stephansdom liegt, dass man den Stein für den sprichwörtlichen Entfernungswurf gar nicht erst aufzuheben braucht. Denkmalschutz, Anrainer, die ganze Palette der unausrottbaren kaiserlich-königlichen Bürokratie traf Horvath, Alexander „Xandi“ Batik, David Schober und Phillip „Drops“ mit aller Härte, ehe sie hinterm Tresen des Kleinod stehen durften.

Das Deutschordens-Haus stellt aber auch bargeschichtlich eine besondere Örtlichkeit dar: Der wilde 1980er-Hotspot „Galerie-Bar“ befand sich an der nämlichen Stelle. „Jeder weiß Geschichten zu erzählen, was da alles passiert ist“, meint David Schober, den auch einige Veteranen von damals bereits auf einen Perrier-Jouët besucht haben.

Ruhiger angehen lassen im Schiffsbauch

Nun also schreibt das in Wiens Nachtleben bewanderte Quartett – Chaya Fuera, Loos-Bar und Joma sind einige der Vorstationen – diese Story weiter. Die neue Innenstadt-Bar sei „aus der Zielgruppe für die Zielgruppe erschaffen worden“, heißt es beim Betreiber-Ensemble, das es nach Jahren im Club-Geschäft nun ruhiger angeht. Das Interieur, das erste Planer herausreissen wollten, wurde vom für seine Yacht-Designs gefeierten Benjamin Toth sogar erweitert, das Ergebnis schließlich ist eine gediegene Wohlfühl-Höhle im Halbdunkel, dessen Licht zu einem nicht unbeträchtlichen Teil vom Ananas-Onyx der Tischflächen stammt. Herzstück der Einrichtung ist übrigens ein alter Zigarettenautomat, der mit Schillingen funktioniert, die die Barcrew gerne wechselt.

Das Wort „zeitlos“ steht neben dem Ambiente eines holzgetäfelten Schiffsbauchs auch für die Musik, die mit Jazz aus den 1920ern genauso aufwartet wie mit rarem 1960er-Soul, dazwischen fällt auch der Electro Swing nicht auf. Und es gibt erwähnenswert guten Kaffee in der Bar, den eine mächtige Espressomaschine aus den fürs legendäre Café Hawelka gerösteten Bohnen bereitet.

Der „süße Zahn“ des Pornostars

Zielgruppe ist aber auch ein gutes Stichwort, wenn es um den Haus-Stil des Kleinods geht. Der wurde bewusst süßer gehalten, wie Oliver Horvath erzählt. „Ich unterteile die weiblichen Gäste in zwei Gruppen: Diejenigen, die wissen, was sie wollen, und die anderen 95%“, meint er schmunzelnd. Entsprechend fährt man nicht nur mit dem „Nutella Sour“ – einem Shot zu € 4,50 – mächtige Erfolge ein. Selbst der „Espresso Martini“ parkt deutlich auf der süßen Seite. Der „Porn Star Martini“ (€ 11), wenn wir schon bei der Kategorie sind, erhielt mit hausgemachtem Vanillesirup und Passionsfrucht ebenfalls eine Abwandlung ins Liebliche. Selbst ein Grapefruit-Drink wie der „Easy Peasy“ von der Spezialkarte, die man zwei Mal jährlich wechseln will, hat mehr Süße als Säure. Aber wie gesagt, das will man hier so – dem Gast kommt man aber im Dialog entgegen, schließlich trinkt die Bar-Crew am liebsten Manhattans und Old Fashioneds – was man etwa beim „Borgmanhattan“ merkt, dem der Kräuterlikör Borgmann 1772 neben den Orange Bitters die nötige Tiefe gibt.

Fat Washing und Islay-Malt-Sirup

Und auch als versierte Barfliege muss man nicht mit dem Gurken-Limetten-Wodka „Delicious“, der wie ein Smoothie mit Schuss wirkt, Vorlieb nehmen. Der mit einem Butter-Fat Washing versehene „Fat Julep“ etwa entwickelt über die Minze hinaus eine schöne Karamellnote, die eindeutig nicht vom Bourbon kommt. In dieser geschmacklichen Ecke (in der Karte als „Classics“, „Premium Classics“ und „Bartender’s Favourite“ zu finden) hält man sich durchaus gerne auf. Denn zu diesen kräftigeren Cocktails, die abseits des Highball- und Spritz-Schwerpunkts im Kleinod kredenzt werden, zählt auch ein Signature Drink namens „Old Tajuna“, der den Ron Diplomatico mit hausgemachtem Islay-Malt-Portwein-Sirup ergänzt.

Verdienstvoll darf man die Gin-Auswahl nennen, die nicht nur 46 Varianten auflistet, sondern auch Raritäten wie den Berry Bros. & Rudd-Gin oder den Sylvan aus der Chicagoer Koval-Destillerie anbietet. Die Spirituose wird abseits des G&T-Hypes gepflegt in der Singerstraße, was an einem stadtbekannten Nachbarn liegt. Das renommierte Teehaus „Haas & Haas“ liefert die Grundlage für die aromatisierten Varianten wie den „Earl Grey Fizz“.

Tee, Suppen und ein alter Bekannter

Die kalte Küche wird mit Bagels sowie Etageren voller Snacks bis hin zum Wiener Störkaviar abgedeckt, irgendwann kommen vielleicht noch Suppen dazu. Aber erst einmal muss sich der Anfangswirbel legen. Zukunftsmusik im wahrsten Sinn des Wortes sind auch die DJ-Abende von der derzeit unbespielten Empore aus. Für 2016 wurde auch schon ein Freibereich genehmigt, der die nur 49 Quadratmeter noch einmal deutlich erweitert. Denn mit 250 Besuchern an Spitzentagen musste man sich bereits gar nach einem Türsteher umsehen. Der weist ebenso eine Vorgeschichte auf wie die ganze Bar: Früher überwachte er souverän den 1980er Treff der Vespa-Fahrer und Tennispullover-Träger, das Take Five. Man darf sich also wieder jung fühlen im Kleinod – und einfach Spaß haben mit einem „Wasabi Martini“. Oder auch mit einer „Thai Massage“. Geht alles.

Kleinod

Singerstraße 7 (Ecke Blutgasse), A-1010 Wien

U1 + U3: Stephansplatz

Mo.-Sa.: 16-2 Uhr

Kartenzahlung: Ja

Rauchen: Ja

kleinod.wien

Photo credit: Alle Fotos via Kleinod Bar

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