kupfer bar berlin kreuzberg

Die Bar zwischen Kunst und Krokodil

Bars 16.1.2018

Die Kupfer Bar in Berlin-Kreuzberg ist geheime Nachbarschaftsbar, Drinklabor, Kunstkammer und Hommage an Adolf Loos. Und dann ist da noch ein Krokodil mit einer langen Berlin-Geschichte. Vorhang auf für einen mit Liebe gemachten Ort.

Speakeasy-Bars. Sind Gäste und Barflys nicht allmählich müde von jenen pseudogeheimen Konzepten, die oft so laut flüstern, um auch garantiert gehört zu werden? Von jenen überkandidelten Members-only-Bars, deren Credo oft aus überteuerten und mittelmäßigen Drinks für eine Möchtegern-In-Crowd besteht? Also Bars, bei denen der Eintritt, das Hineingelassen-werden, der eigentliche Wert ist, hinter dem die Qualität der Drinks gerne hinterherhinken darf?

Kupfer Bar im harten Teil von Kreuzberg

Immerhin gibt es noch solche Bars, die gleichsam mit Überflieger-Drinks unter dem Radar fliegen. Bars, die sorgfältig und behutsam ihre Klientel zusammenstellen und großen Wert auf die richtige Mischung, Stimmung und die passenden Schwingungen achten. Deren Werbung nicht durch Facebook, sondern durch Mundpropaganda erfolgt. Und die auch ohne den Umsatz durch unbedarfte Laufkundschaft auskommen. Bars, die voller Groll mit den Zähnen knirschen, wenn freche Schreiberlinge ihre Tarnung auffliegen lassen.

Ja, es gibt sie. Bars wie die Kupfer Bar im räudigen Teil von Kreuzberg; dort, am Görlitzer Park, wo die Anwohner nach Sonnenuntergang den Parkbereich eilig verlassen und je nach Windrichtung der Geruch von fragwürdigen rauchbaren Substanzen das Kopfsteinpflaster entlang weht. Die schrägen und auch nicht so schrägen Vögel suchen dann gerne Zuflucht im Nest. Das ist ein sympathisches Restaurant mit frischer deutscher und mediterraner Küche, das täglich ab 10 Uhr geöffnet ist.

Mitten im Restaurant führt jedoch eine Treppe ins Obergeschoss. Zahlreiche Gäste wissen, dass diese Treppe in die Galerieräume von „Kunst 100“ führt, einer großartigen Einrichtung, die Kunstwerke anbietet, deren Preise unter 100 Euro liegen und auf diese Weise um die 125 Nachwuchskünstlern die Möglichkeit bietet, sich zu präsentieren.

Die Kunst der Kupfer Bar

Deutlich weniger Gästen ist bewusst, dass am Freitag und Samstag Abend dort feine Cocktails in einer sehr besonderen Atmosphäre serviert werden. In eben jener Kupfer Bar mit einem engagierten Team, das kenntnisreich und recht professionell mixt, aber von Montag bis Freitag dennoch ganz reguläre Jobs ausübt.

Erklimmt man die Treppe, so ist das Gefühl eher so, als beträte man eine Kreuzberger Privatwohnung. Meist verharrt der Gast vor dem großen Krokodil, bevor ein Mitglied des Teams kommt, um freundlich zu grüßen und den Weg zu weisen; Flur, Wohnzimmer, Balkon und Tresen, die Kupfer Bar bietet verschiedene Aufenthaltsbereiche und unterschiedliche Atmosphären.

Kupfer Bar Kreuzberg, Ordnungszahl 29

Wer den kleinen, sehr kleinen Barraum betritt, versteht auf Anhieb den Namen. Bis zur Decke überzieht Kupfer die hohen Wände der Altbauetage. Das chemische Element mit der Ordnungszahl 29 zählt zur Gruppe der Übergangsmetalle und ist als hervorragender Wärmeleiter bekannt. Da in dieser Bar nicht alles so ist, wie es scheint, geht es aber um Kälte. Kalte Drinks. Einladend prangt der ausladende Champagnerkühler auf dem Tresen, darin Crémant und Weißwein. Rotwein und Bier werden nicht gereicht.

Aber die schlauen Gäste kommen ohnehin wegen der Drinks. In der Regel kommt alle drei bis vier Wochen ein neues, kleines Menü heraus. Unter der Woche trifft sich das Barteam, um neue Kreationen auszubaldowern. Jüngst wurde ein Raum zur Vorbereitungsküche umfunktioniert, darin entstehen saisonale und experimentelle Zutaten wie Infusionen, Sirups oder Shrubs, auch mit Fermentation und Fat Washing wird eifrig gewerkelt.

Ein Verteiler für die Stammgäste informiert über die neuesten Kreationen und Veranstaltungen. Insbesondere nach Osteuropa haben die Betreiber hervorragende Kontakte, und so sind immer wieder Gastbartender hinter dem marmornen Tresen der Kupferbar anzutreffen. Auch Themenabende mit Lesungen und darauf abgestimmten Drinks oder Veranstaltungen mit der benachbarten Galerie ergänzen das Programm. Wenn die Grande Dame des Hauses, die 75-jährige Schauspielerin Wera, eine Lesung bestreitet, eilen ihre Fans flugs herbei.

Ein Krokodil in Kreuzberg

Auch die Freunde des ungewöhnlichen Innenarchitektur-Designs kommen auf ihre Kosten. Architekt René Krüger, der die Bar 2014 gründete, ist schon lange ein Bewunderer des österreichischen Architekten Adolf Loos, einer klaren Architektursprache und somit auch der Loos Bar in Wien. Für die schmalen und hohen Räume der Kupfer Bar wandte er einige der Stilmittel aus Wien an, insbesondere Stein, Beleuchtungselemente und die kassettenartige Deckenstruktur. Wer das Hinterzimmer betritt und die Loos Bar kennt, wird sofort ein Lächeln auf die Lippen bekommen.

Weitere markante Details fallen immer wieder ins Auge, allen voran das riesige Krokodil an der Wand im Flur. Barchef (und MIXOLOGY-Autor) Robert Schröter berichtet: „Unser Marmortresen war ursprünglich der Tresen eines renommierten Hotels am Kudamm. Der gleiche Händler, der den Marmor des Tresens verkaufte, hatte dann auch ’noch ein Krokodil übrig. Brauchst Du eins?‘ René nahm es nicht für voll, aber tatsächlich war da ein Krokodil! Also schlug er zu und baute es noch einmal frisch auf. Zwei unserer Gäste haben es in einem Buch aus den 1920er Jahren gefunden! In einer bayrischen Bierstube in der Nähe der Friedrichstraße ist ein Krokodil zu sehen, welches unserem aufs Haar gleicht!“ Es scheint, als hätten Krokodile in Bars in Berlin Tradition.

Kupfer Bar als Hobbybar? Von wegen!

2016 kam das Hinterzimmer mit dem Balkon hinzu, auf dem der Sundowner den prächtigen Blick über den Park mit Sonnenuntergang perfektioniert.

Und seit 2017 gibt es die „Hexenküche“, wie Schröter sie nennt. Er holt aus: „Wir suchen nach Möglichkeiten, preiswert tolle Zutaten herzustellen. Ohne Laborfirlefanz, bei dem von ‚Hobbylaboranten‘ oft auch die Gefahren unterschätzt werden, sondern orientiert an der klassischen Küche. Uns reichen Trocknungsgeräte, Sous Vide, beheizter Magnetrührer, Induktionsplatte, Feinwaage, Fermentationsbehälter und Slow Juicer. Teilweise hölzern wir unsere Spirituosen, um unseren Wunschgeschmack zu erzielen. Unser letzter Erfolg war ein ‚deutscher Bourbon‘: Bourbon, der für zwei Monate in deutscher Eiche eingelegt war und geradliniger und trockener wurde und seine Maissüße verlor. ‚Deutsches Tiki‘ war eine unserer eigenen Strömungen im vergangenen Jahr, Bestseller waren Birnensaft, Butterbird Weissling Rum, selbst gemachtes Mandel-Orangenblüten-Orgeat und gerauchter Williams-Christ-Brand. Sowie der ‚Deutsche Bourbon‘ mit Apfeldicksaft und selbstgemachten Rhabarber Bitters als deutscher Old Fashioned, auch ‚Alter Stil‘ genannt.“

Bleibt Crémant übrig, entsteht daraus Sirup, die Zitrusfrüchte werden ganzheitlich genutzt und entsaftet, die Schalen als Deko oder im Oleo Saccharum verwendet. Auch werden die Schalen getrocknet und gemahlen, um sie dann mit Zucker als Süßungsmittel zu verarbeiten. Im Sommer ist stets eine hausgemachte Limonade vorrätig.

Die geheimnisvolle Bar-Nummer am Görlitzer Park

Ein eindrucksvolles Konzept und spannende Drinks zu freundlichen Preisen zwischen acht und zwölf Euro verleihen der Kupfer Bar ihren Charme; wichtig ist aber nicht eine wichtigtuerische Mixologen-Attitüde, sondern es gilt das Motto: “Der Gast kommt für einen großartigen Drink – doch kehrt er zurück für einzigartige Gastfreundschaft.”

So ist es auch, und die Gäste wissen das auch zu schätzen. Sie kommen gerne wieder und bringen neue Gäste mit. Die richtigen Gäste. So fliegt man gerne unter dem Radar. Ärgerlich ist zuweilen nur, dass es in Berlin einen weiteren Trinkort namens Kupferbar gibt. Wer googelt, landet dann in einem Hostel im Stadtteil Mitte. Wer hinfährt, lernt einen „diametralen Gegenentwurf zu uns“ kennen, wie es Schröter umschreibt.

Der späte Gast, der nach der Öffnungszeit des Restaurants Einlass zur Bar begehrt, darf vor den dunklen Scheiben nicht verzweifeln, sondern die Nummer wählen, die rechts neben dem Restaurant in einem Schaukasten vermerkt ist. Dann eilt ein Mitglied der Kupfer-Crew den Seiteneingang hinab und ermöglicht den Einlass: In eine wundervolle Bar mit zauberhaften Gastgebern und bemerkenswerten Drinks.

Und eigentlich hätten wir dies hier niemals schreiben dürfen. Also: Pssst!

Kupfer Bar

Görlitzer Str. 52, 10997 Berlin-Kreuzberg

U Schlesisches Tor

Kontakt: +49 (0) 30 61675171 / kupfer@educateddrinking.com

Fr & Sa ab 20:00 Uhr

Kartenzahlung: Nein

Rauchen: Ja

educateddrinking.com

Photo credit: Fotos via Marie Weikopf

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