Meine Nächte. Einfach ist gut. Part I.

Bars 30.11.2013 4 comments

In einer neuen Serie, die in lockerer Folge erscheinen wird, berichten wir über Außergewöhnliches, Skurriles, Absurdes, Schönes aus der Nacht. Aus Bars, den Bühnen der Dunkelheit.

Wissen Sie was ein Spundlochheber ist? Nein, kein monströses Wortungetüm aus einem modernen Gedicht, auch kein Antidepressivum. Richtig, es ist ein Glaskolben mit dem man die Flüssigkeit aus einem Holzfass ohne Zapfhahn ins Dunkel einer Bar befördert. So geschehen im Le Croco Bleu. Einige Monate ruhte und reifte dort im Eichenfass der Rye Whiskey zuammen mit Dry Orange Curacao, um sich danach mit Angostura, Peychaud und Champagner zum Seelbach zu paaren. Dieser, erst 1995 in der Originalrezeptur wiederentdeckte Klassiker, ist der ideale Auftaktbegleiter einer Nacht. Kräftig und doch erfrischend.

Wer sich dann schon ein wenig wie auf dem Rummel fühlt, dem sei noch der Sazerac empfohlen. Der wird in diesem Hause nämlich mit Absinth-Zuckerwatte kredenzt. Kindheitserinnerungen für reife Trinker. Spätestens jetzt beginnen die kalten, gläsernen Augen der präparierten Krokodile, Vöge, Iltissel und Bären zu glänzen, hat man keine Angst mehr, dass einem Steinplatten auf den Kopf fallen und ist es egal, dass es einem auf das Haupt regnet. Und, dass die Bar keine Bar hat, sondern lediglich eine Art Kiosk aus dessen Innerem die Drinks wie von Zauberhand ausgestoßen werden. Diese Destillatgrotte besucht man entweder mit klarem Verstand oder sie raubt einem diesen. Schaurig schöner lässt sich in Berlin kaum genießen.

Typ Costa Cordalis

Apropos genießen. Dass es in einem Klassiker noch immer etwas zu entdecken gibt, beweist Woche für Woche die Amano Bar. Immer gut besucht, immer gute Drinks und immer schöne Menschen. So weit, so normal. Darauf einen Champagnercocktail. Und dann: es gibt Menschen, die gibt es eigentlich gar nicht mehr. Na gut, nachmittags bei RTL oder Pro 7. Aber in einer mondänen Bar in Berlin Mitte? Typ Costa Cordalis. Weißes Hemd bis zum Bauchnabel geöffnet, solariumbraun, Zigarre, Bier. Eigentlich die Karikatur eines Mannes, entsprungen der Fantasie eines Atze Schröder. Aber von unerschütterlichem Selbstbewusstsein. Und so baut er sich vor zwei Tresenschönheiten auf, qualmt und quatscht flascheschwenkend wie ein bekiffter Finanzbeamter drauf los, als sei er in einer dieser Talk Shows. Der Champagnercocktail wird vor Scham ganz schal.. Aber den beiden Beautys gefällt es. Amüsiert lauschen sie lächelnd dieser denkwürdigen Performance. Den Höhepunkt der Flirtoffensive leitet er geschickt ein, indem der den beiden einen Schluck aus seiner Pulle anbietet. Faszinierend. Scheiß auf den Champagner! Warum immer so kompliziert, wenn es offenbar auch ganz einfach geht.  Ein Bier bitte.

Die Displayfalle

Derart motiviert und eingewiesen in die Verführungskünste, musste neues Terrain erobert werden. Schräg gegenüber haben sich die Betreiber der Amano Bar einen jugendlichen Ableger geschaffen. Einen Klon namens Dean. Eine Mischung aus Club und Bar. Urban, sexy, lebendig. Denkt man. Coole Djs, aufreizende Mädchen, Bartflaumjünglinge mit Hoffnung und Zukunft, lässige Bartender, schmuckes und durchdachtes Design. Eine schöne Bar. Doch obwohl das Dean gut besucht ist, will der Funke an diesem Abend nicht überspringen. Blicke fliegen durch den Raum, begleitet von großartigen Drinks. Eigentlich eine ideale Plattform, aber leider ist man hier verloren im Display. Eine Batterie junger hübscher, untereinander befreundeter und durchaus sprechbegabter Ladys sitzt in einer Reihe in der Lounge. Allein, sie sprechen nicht. Ungelogene dreißig Minuten starrt jede von ihnen auf ihr Handy und hat Verkehr mit dem Display. Chatroom statt Darkroom. Wäre vielleicht nur einer Randnotiz wert. Aber bei weiterer Betrachtung der Szenerie fällt auf, dass sie nicht die Einzigen sind. Außer an der Bar wird kaum gesprochen, sondern gewischt, getippt und virtuell die Nacht verbracht. Schade eigentlich, dass nicht jeder noch seinen eigenen Kopfhörer aufhat. Das wäre dann die Konsequenz eines konsequenten Barbesuchs. James Dean hätte das nicht cool gefunden, dafür war er zu lebendig und zu echt.

Hackensprac

Ja was heißt denn echt? An der Wand hängt er als Abziehbild, ausgeleuchtet wie eine heilige Monstranz: „Gigi“ Riva. Was bringt einen dazu, eine Bar in Berlin Mitte nach einem italienischen Fußballer zu benennen? Noch dazu nach einem, der maßgeblich daran beteiligt war, Deutschland mal wieder aus einer WM zu kegeln. Nun gut, kehren wir zurück zum Beginn des Abends und zum legendären Sazerac – diesmal ohne Zuckerwatte. In Watte gepackt ist hier allemal der Service. Flink, freundlich und hilfsbereit. Gerade dem Unschlüssigen gegenüber. Was aber soll der Nacht das Licht ausblasen?

Der Autor dieser Zeilen war vor Jahren an der Entwicklung eines Spreewald-Sazeracs beteiligt. Hauptspirituose war hier kein Rye Whiskey, sondern der spreewälder Sloupisti. Das ist ein regionaler Single Malt mit einer Trinkstärke von 62,8 % Vol. Und als solcher von Whiskypapst Jim Murray zum Zweitbesten seiner Art in Kontinentaleuropa gekürt. Das Zeug lässt einem die Zunge in Scheiben schneiden und so wurde aus Spreewald-Sazerac kurzerhand der Sprac deliriert. Nun war vor einigen Monaten der MIXOLOGY-Autor Peter Eichhorn in diesem Trinkdampferschanktresen und hat zusammen mit Bartender und Mundschenk Markus Littman  noch einen draufgesetzt. Der Sprac wurde durch die Hinzufügung von Leydickes Persiko – diesem Berliner Kultlikörpanscher – zum Hackensprac.  Ein Drink wie ein rechter Haken von Max Schmeling. Lecker, aber schon steht der Ringrichter vor einem und beginnt zu zählen. Ich hätte daher den Namen Nackensprac gewählt. Und da wir wieder bei den Namen sind: Ich plädiere angesichts einer Bar, die solche Drinks, mit solchen Bezeichnungen serviert für eine Umbenennung. Weg vom weichen Gottesanbeter „Gigi“ Riva zum Urgestein „Katsche“ Schwarzenbeck. Passt auch besser zur Nacht.

Bildquelle: Girls via Shutterstock

4 comments

  1. Jean-Pierre Ebert

    Ein Weichei war Gigi Riva, Rombo di Tuono (Donnergrollen), mitnichten 😉

  2. Redaktion

    Habe ich auch nicht geschrieben. Ein weicher Gottesanbeter ist immer noch hart wie Stein. Außerdem war er niemals, er ist ja noch. Und seine Trefferquote ist legendär. Aber „Katsche“ wurde Weltmeister, Riva nicht. Weltmeisterlich hingegen ist der Hackensprac. MO

  3. Michael Hanke

    Im Le Croco Bleu lieber Markus findet sich im Fass ein Old Overholt Rye und Dry Orange Curacao. Müssen schon genau bleiben 😉

  4. Redaktion

    Danke für den Hinweis Herr Hanke, dann war ich falsch informiert.

    Gruß – MO

Schreibe einen Kommentar

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Ähnliche Artikel