Wohin nach dem BCB? Warum nicht nach Prag!

Bars 9.11.2016

Eine Woche nach dem Bar Convent Berlin liegt die Prager Bar Show ,,in weiter Ferne so nah“. Obwohl sich hier zaghaft deutsche Aussteller tummeln, kommen kaum Besucher über die Grenze. Zu Unrecht, es gäbe einiges zu entdecken.

Der Weg ins „Neue Rathaus“ führt gleich einmal durch einen sympathischen Food Court mit Pulled Pork, Schmalzbroten, aber auch wunderbaren Thai-Suppen, zu denen ein Mann mit Camouflage-Kleidung vergesslichen Käufern das Besteck nachträgt. Erst danach gibt es Einlass ins barocke Rathaus, das nur im Erdgeschoss eine realsozialistische Portierloge (Insasse: wieder barock) aufweist. Der Kontrast zwischen mit Anonymous-Masken shakenden Bartendern und der eingemeisselten lateinischen Inschrift „Gott gibt die Herrschaft und nimmt sie wieder“ hat definitiv Charme. Noch prächtiger ist der vergoldete Himmel über dem Stand der Organisatoren von BarLife, dem wichtigsten Barmagazin der Region. Und als Cihan Anadologlu von den in seinen Private Member-Club investierten vier Millionen Euro erzählt auf der Hauptbühne, wird es nicht nur still im Saal, er blickt auch auf den Rest der originalen Fresken des Palais.

Burger und Barock-Fresken

Der Münchener Circle-Gründer ist in guter Gesellschaft; gleich zwei Mal bringt Sven Sudek seine Einführung in die Tequila-Welt an den beiden Messe-Tagen der versammelten Bar-Community Tschechiens, der Slowakei und Polens nahe. „Echt geil“, findet der Prag-Novize, der Sierra’s Pineapple Yeast mit seinem Ananas-Anzug verkörpert, was hier auf mehreren Ebenen abgeht. In Puncto Selbstkontrolle sorgt die Location der mittlerweile sechsten tschechischen Bar-Messe ohnehin für ständige Ermahnung: Ohne Treppensteigen, darunter einige fiese Wendeltreppen, geht nichts. Auch die dutzenden schwarz-gelben Kabelkanäle lernt man schnell nicht zu übersehen.

Als Stärkung steht 2016 einiges an Kaffee bereit, vom von auch für Bars interessantem, neuen Cold Brew-Bereiter von Illy bis zur österreichischen Traditionsmarke Meinl zählt mit einer eigenen Vortragsschiene der Kaffee auch in Prag zu den Trendgetränken. Und das tschechische Bier? Im Weltmeisterland des Konsums von Hopfen und Malz darf es natürlich nicht fehlen, auch wenn es – anders als in Berlin – keinen gesonderten Stellenwert einnimmt. Dafür hat man Prags Aushängeschild L’Fleur gewinnen können, Staropramen-Drinks wie den „Malt and Malt“ (Karamellsirup, Glenfiddich, Limette und Bier) zu kreieren. Ein erfrischender Kick, der einen wieder die Kraft gibt, aus dem Mixologen-Keller in die frische Oktoberluft zu steigen.

Milchsirups und Teelikör

Vor allem in puncto Sirups und Liköre hat man im waldreichen Tschechien genug Rohstoffe parat. Spannender als die Aromageber erwiesen sich aber oft die Basisprodukte. So beim Teelikör Tatratea, der sein prominentestes Testimonial auf Heavy Rotation laufen ließ. Marian Beke verwendet den Likör aus der alten Heimat, soeben hat man ihn im Londoner The Gibson mit den drei neuen Sorten (darunter Sanddorn) besucht, erfährt man am Stand. Und die Slowaken, denen die Idee vor zwölf Jahren beim Tee in der Skihütte gekommen ist, haben auch Humor: ‚Uniting countries‘ steht auf ihrem Vodka, der so heißt wie das Land früher: Czechoslovakia.

„Warum nicht Milch?“, fragt hingegen Peter Szuma amüsiert zurück, wenn es um seine Sirup-Range Yim & Piu geht – denn die basiert auf Kuhmilch. Konzipiert war sie ursprünglich für Baristas, doch mittlerweile haben Bartender die Möglichkeit entdeckt, cremig-süße Drinks mit den Flaschen aus Zebrak zu aromatisieren. Nicht nur Karamell, Mandel und Kokos gibt es davon, auch Punsch und Apfelstrudel (!) hat der ursprünglich als Marmeladeproduzent gestartete Szuma im Gepäck. Regionale Player wie der Mineralwasser-Gigant Mattoni dominieren die Messe nicht, aber sorgen dafür, dass die 2.200 Besucher es nicht nur mit internationalen Drink-Konzernen zu tun haben.

Kräuterliköre beim „Mütterchen“

Bisweilen überraschen die Aussteller auch internationale Barflys; wie mit dem Kräuter-Likör AltFernet, wahlweise als altes Rezept des Kräuterlikörs oder Alternative dazu zu lesen. „Noch exportieren wir ihn nur in die Slowakei“, erzählt Filip Jez von Premier Wines & Spirits, doch die Retro-Flasche könnte sich vor allem in der rum-süßen Variante „spiced“ auch auf so manchem deutschen Backboard gut machen.

Berlin mag mit dem BCB die Mutter der europäischen Barmessen beherbergen, aber Prag ist immerhin die Mutter der Städte, wie es schon am Hauptbahnhof heißt (Praga mater urbium). Dem heutigen Tschechen ist sie immerhin matička, also Mütterchen, und die sollten wir doch alle öfters besuchen.

Photo credit: Alle Bilder by Frantisek Kortmann

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