Wann ist eine Bar eine Bar?

Bars 3.11.2013

MIXOLOGY-Herausgeber Helmut Adam hat zwei Bars in New Orleans besucht. Ein Vergleich zwischen vergnügt-klebrigem Tresen und aseptischer Wartesaal-Atmosphäre.

Was definiert eine Bar? Ein beliebtes Debattenthema. Ist es ein Tresen und das Vorhandensein von Getränken, die über ersteren an Gäste gereicht werden? Der Reisende in unbekannten Gefilden wird vieles als Bar akzeptieren, was er zu Hause meidet. Wird einem ein Ort aber empfohlen, sind die Kriterien ungleich härter. Man misst die Standards wie Interieur, Service, Getränkeauswahl und, vor allem, die Atmosphäre.

Bei meiner Reise nach New Orleans zu Tales of the Cocktail im vergangenen Juli bekam ich ein perfektes Beispiel dafür geliefert, ab wann eine Bar aus meiner Sicht eine Bar ist. Denn recht weit oben auf meiner Liste der zu besuchenden Orte stand Belocq. Dieser neue Tresen wurde uns von Bekannten aus der Branche empfohlen, hielt auch etwas Online-Recherche stand und schaffte es sogar in die zehn Neueröffnungen der letzten 12 Monate der Schwarzen Seite von eMixology.

Eine Bar, die sich auf Weinhaltiges spezialisiert habe, hieß es in den Besprechungen. Cobbler und Co. im Stile des 19. Jahrhunderts würden geboten. Angeschlossen an ein neues Hotel liegt Belocq ein ganzes Stück ab vom Trubel des French Quarter. Von der Straße eher schlecht zu sehen, betritt man einen Innenhof, um dann links die Tür zu entdecken, die ins Innere führt.

Ein Interieur wie bei Starbucks

Der Raum war beim Besuch stark abgedunkelt. Große Lounge-Möbel erinnerten einen irgendwie an das Starbucks-Interieur der Nuller-Jahre. Nach einem langen Tag voller Termine waren wir jedoch froh, uns in ebenjene fallen lassen zu können. Es dauerte mindestens 10 Minuten, bis die Kellnerin uns Getränkekarten brachte.

Währenddessen hatten wir Gelegenheit, den Bartresen und das Rückbuffet zu studieren. Und von einer auf Weine und Weinhaltiges dominierten Auswahl war dort nichts zu entdecken. Die üblichen Show-Stücke des Gewerbes trohnten dort, während vor ihnen ein offensichtlich kundiger Barmann emsig rührte und shakte. Das geschäftige Treiben am Tresen, der auch gut besetzt war, stand in starkem Gegensatz zum sogenannten „Floor“, wo wir uns mit ein paar anderen Gästen im Halbdunkel verloren und irgendwie überflüssig vorkamen.

Als Roaming-geplagten Reisenden kam uns immerhin das offene WLAN zu Pass, das uns half, die Wartezeit zu überbrücken. Irgendwann trug ich dann die Order zum Tresen. Aus der Getränkekarte war ich nicht schlau geworden. Eine kleine Auswahl von Cobblern und Co. waren die üblichen Bar-Spirituosen angehängt worden. Der nach außen propagierte Schwerpunkt wirkte auf mich völlig aufgesetzt.

Als wir unsere Getränke schließlich bekamen, wurde mir bewußt, dass noch etwas an diesem Raum nicht rund wirkte. In der Luft hing ein penetranter Chlorgeruch. „Bleach“, das keine Gefangenen machende im anglo-amerikanischen Raum beliebte Reinigungsmittel, das ich selbst auch bei einem Bar-Job in London nach jeder Schicht über den Boden verteilen musste.

Wir tranken schnell aus und verliessen diesen Ort, der Bar sein möchte, dessen verschiedene Elemente aber noch nicht harmonieren. Nichts am Belocq zog uns in seinen Bann. Es fehlte Dichte, das Gefühl zu Menschen zu kommen.

Der Härtetest „Alleintrinker“

Am nächsten Abend suchte ich die Bar Tonique auf. Dieses Mal allein. Einen Tresen allein aufzusuchen, ist vielleicht sogar der ultimative Test für eine Bar. Wie schaffen es Ort und Personal, Dich zu integrieren, der Du quasi „nackt“, ohne Rückendeckung und Souffleur, auf die Bühne trittst?

Tonique hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel und punktete bereits  beim Eintreten. Nichts ist an dieser kleinen Bar loungig. Ein großes Hufeisen an Tresen füllt selbstbewusst den gesamten Raum. Und trotz der frühen Stunde war der Ort schon gut besucht. Zwei Damen sammelten gerade ihre Mobiltelefone und Portemonnaies ein, ich rückte dankbar an die freie Stelle. Vor mir ein klebriger Tresen, der auch im Laufe des Abends nicht einmal gewischt werden sollte.

Sich damit zu beschäftigen, dafür blieb keine Zeit. Ich wurde nach meinen Wünschen gefragt, während sich der freie Platz neben mir mit zwei weiteren Herren füllte. Die Drinks wurden schnell serviert und man kam, von dieser Sorge befreit, sofort ins Gespräch. Ebenfalls Tales-Besucher. Animiert vom Gespräch bestellten und testeten wir Klassiker. Sazeracs, Aviations und Old Fashioneds. Reichten sie herum, erzählten uns Geschichten. Alle Cocktails waren auf den Punkt zubereitet. Die beiden Herren kamen aus Houston, einer der amerikanischen Städte, in denen man ohne Auto nichts anstellen kann.

„Alle fahren betrunken“, erzählte einer der beiden,  Betreiber mehrerer Bars. „Auch wenn das nicht sein sollte.“ Währenddessen übernahm im Tonique die nächste Schicht in der Bar. Die Barfrauen klatschen sich ab. Wir orderten eine Runde Fernet Branca, für das Personal gleich mit. Und wurden sofort mit einer Gegenrunde belohnt. Verbrüderung. Tonique hatte gewonnen. Der Raum war in Schwingung. Das war eine Bar!

Mit Fliege im Zucker

Natürlich war auch das Tonique nicht perfekt. Vor uns strampelte eine dicke Fliege in einer Sirupflasche dem langsamen Zuckertod entgegen, bis wir die Barfrau darauf hinwiesen. Der Tresen klebte und könnte eine neue Schicht Lack oder Öl vertragen. Dazu hatte die Tonique Bar auch ihren Signature, selbst hergestellten Tonicsirup, nicht vorrätig. Und die Bar gibt es schon seit mehreren Jahren. Entsprechend hätte man auf den alljährlichen Tales-Wahnsinn bestens vorbereitet sein müssen. Aber das ist angesichts der Atmosphäre nebensächlich. Man verzeiht diese Fehler, wie man sie einem guten Freund verzeiht.

So unterschiedlich die beiden Bars vom Konzept her sein mögen, so bleibt doch die eine wie eingeprägt in die Erinnerung, während der Besuch der anderen schnell verblassen wird. Kritiker mögen jetzt anmerken, dass ein einziger Besuch nicht zähle, dass man das ja alles ganz differenziert betrachten müsse. Und überhaupt! Nein, muss man nicht. Ichi-go, ichi-e. Der erste Eindruck zählt.

Denn eine Bar ist dann eine Bar, wenn sie menschlich wirkt. Wenn sie kommuniziert, den Fremden zur Familie macht. Eine Bar ist dann eine Bar, wenn sie für Menschen gemacht wurde und nicht für Design-Bücher und Interieur-Magazine. Entsprechend werde ich die Bar Tonique weiterempfehlen. Das Belocq muss sich beim nächsten Besuch erneut beweisen. Wenn ich die Zeit dafür finde. Ichi-go, ichi-e.

 

Bildquelle: Bar by Everett Collection via Shutterstock

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