Die Entwicklung der Wiener Barkultur. Eine zeitversetzte Erfolgsgeschichte.

Bars 24.3.2013 6 comments

Vor 20 Jahren kam Pernod Ricard nach Österreich. Ein Grund, nicht nur das Firmenjubiläum, sondern auch die Entwicklung der Wiener Barkultur Revue passieren zu lassen. Denn hier hat sich eine spektakuläre Entwicklung vollzogen. Auch wenn man in Wien immer ein wenig mehr Zeit dafür benötigt. Trotz „G`Spritztem“ fehlt manchmal die Spritzigkeit.

Anfang des 20. Jahrhunderts erlebte die Bar- und Cocktailkultur in den Vereinigten Staaten eine wahre Hochkonjunktur, doch wie so oft mahlten die Mühlen in Wien langsamer. Die Wiener trafen sich wie eh und je in Caféhäusern, Cocktails kannte der Wiener nicht, Schnäpse wurden pur getrunken, gemischt wurde höchstens der Wein mit Soda zum berühmten „G’spritzten“. Erst mit Ende des Zweiten Weltkrieges begann sich eine Wiener Barszene allmählich zu entwickeln, doch bis zum wahren Durchbruch  gingen noch ein paar Jahrzehnte ins Land.

Bevor wir uns der Entwicklung und der Entstehung der ersten Bars widmen, sollten wir uns erst mal fragen: Was ist eigentlich eine „Bar“? Ursprünglich wurde unter „the bar“ jener Balken an einer Theke verstanden, auf den man seine Füße stellen kann. Heute ist eine Bar weit mehr – der Duden beschreibt diese als „intimes (Nacht)lokal, für das der erhöhte Schanktisch mit den dazugehörigen Hockern charakteristisch ist“. Theoretisch trifft diese Definition zu, doch eine Bar ist weit mehr als das, sie ist eigentlich fast wie ein Ehepartner. Sie ist ein Ort des Rückzugs nach einem stressigen Tag, aber auch um Freunde zu treffen und Feste zu feiern, sozusagen ein Ort für gute, wie auch für schlechte Zeiten.

Ein Magier der Mixkunst

Ein Name wird im Zusammenhang mit der Entwicklung der Wiener Barkultur immer wieder genannt: Farhat Ellouzi. Der Tunesier kam 1978 mit einem ganz klaren Berufswunsch nach Wien: Er wollte in einer Bar arbeiten. Ellouzi war ein Magier der Mixkunst, Seriosität gehörte zu seinen Maximen. Er hielt sich diskret im Hintergrund und tüftelte stets an neuen Kreationen.

1987 eröffnete er das New York New York in der Annagasse, das gleichzeitig vom Gründungsjahr an zwei Jahre lang die erste Station von Mario Castillo war. Mario Castillo (gest. 2010) gilt als Vater der Wiener Barkultur, man spricht auch vom Wiener Barwunder. Er übernahm 1989 das »Offiziers Casino« im Hotel Fürst von Metternich als eines der wenigen Lokale, die damals rund um die Uhr geöffnet hatten. Nach der Renovierung noch im selben Jahr wurde daraus das legendäre Barfly’s, welches Andreas Obermeier lange Zeit Wirkungs- und Ausbildungsstätte war. Andreas Obermaier ist nun mittlerweile selbst ein Urgestein der Wiener Barszene, der eigentlich von Anfang an dabei war. Neben dem Barfly‘s, welches er selbst als den „Olymp der Wiener Barszene“ bezeichnete, wirkte er noch im Nightfly’s, Dino’s und in der legendären Halbestadt Bar. Aktuell ist er im Members Club der Albertina Passage anzutreffen.

1996 entstand das oben genannte Dino’s, welches die Wiener Barszene auch entscheidend prägte. Eröffnet wurde sie von René van de Graaf, einem Niederländer mit griechischer Mutter, aktueller Barchef ist Heinz Kaiser, gelernter Apotheker, welcher mit wissenschaftlicher Präzision nach der idealen Zusammensetzung verschiedenster Essenzen forscht.

Die Halbestadt Bar, unscheinbar gelegen inmitten den Wiener Stadtbahnbögen, ist seit 1999 ein weiteres Highlight der Wiener Barszene, welches aus Wien gar nicht mehr wegzudenken ist. Erich Wassicek (MIXOLOGY BAR AWARDS Gastgeber des Jahres 2011) und seine Muse Konny Wunder betreiben diese Bar auf einem derart hohen Niveau, welches nicht nur den Gästen zu Gute kommt, sondern vor allem auch vielen jungen, talentierten Bartendern als Quelle der Inspiration dient. So schaffte vor zwei Jahren Markus Altrichter, ein ehemaliger Schüler Erich Wassiceks, den Sprung zum Barchef der Wiener Hammond-Bar, welche er binnen kürzester Zeit in eine Stätte gepflegten Genusses verwandelte.

Wien auf internationalem Niveau

Dies waren natürlich nur einige der Bars, die Wien zu jener vielfältigen Barkultur verholfen haben, die sich heute auch international nicht verstecken muss. Zu erwähnen seien auch noch Klassiker wie die Loos-Bar oder das Planter’s, wobei bei Letzterem mehr als fraglich ist, ob es nach dem Abgang des genialen Bar-Duos Marco Pani und Alexandra Brisanz, das Niveau und die Qualität halten wird können.

Nicht vergessen werden dürfen auch eher neuere Wirkstätten hochklassischer Cocktail-Kultur wie der Red Room. Einst eine grandiose Bar, die vor allem junges Publikum begeisterte, doch mit dem Abgang Ferdinand Lammerers (MIXOLOGY AWARDS Newcomer des Jahres 2009, aktuell Schumann’s Bar in München) hat die Bar seinen bedeutendsten und talentiertesten Bartender verloren. Die verbliebenen Bartender sind zwar engagiert, doch können sie an die Genialität und Finesse von Ferdinand Lammerer nicht mehr anknüpfen.

Ganz anders The Sign: Dieses Lokal, welches vor allem dem jüngeren Publikum zu empfehlen ist, wird vom sehr engagierten Kan Zuo geleitet. Durch ihn blüht das Lokal in den letzten Jahren immer mehr auf, es gewinnt an Charakter, Qualität sowie Flair und wird daher sicher auch noch die Wiener Barkultur nachhaltig prägen.

6 comments

  1. Jonas

    Wien fand ich bei meinen zwei Besuchen einfach grandios.
    Die Halbestadt bietet gediegene Atmosphäre in kleiner Runde mit außergewöhnlich genialen, spirituosenlastigen Klassikern (gern auch mit kleinen Twists).
    Das Dino´s mit seiner leicht verruchten Atmosphäre und entertainenden Bartleuten lädt zum Versacken ein.
    Und das The Sign verbindet moderne, lockere Verspieltheit mit klassischen Arbeitstechniken und ganz viel Charme!

    Hat immer sehr sehr vel Spaß gemacht!

  2. Erich WASSICEK

    Seid gegrüßt,

    Der Red Room zählt für mich immer noch zu einer großartigen Bar, egal ob es Ferdinand war, der eigentlich „oben“ in der Comida für das Wohl der Gäste sorgte, und auch die „verbleibenden Bartender“ egal ob es Stefan FARKAS war oder aktuell Thomas STRAPPLER ist, beide Kollegen beherrschen ihr Fach, rühren und schütteln herrlich ausbalancierte Drinks aus dem Handgelenk, nebenbei sorgt Andreas OBERMEIER aus der Albertina Passage / Member Club immer wieder für neue Einflüsse in der Getränkekarte und trainiert die Mitarbeiter der Sunshine Enterprise. Cheers
    Lieben Gruß aus Wien, Erich

  3. Abian

    Da fehlt eindeutig das IF DOGS RUN FREE.

    LG

  4. Erich WASSICEK

    Lieber Abian,

    In diesem Bericht ging es um 20 Jahre Bargeschichte und nicht um einen Momentaufnahme.
    Das „IF DOGS RUN FREE“ gibt es erst seit knapp einem Jahr, ist aber jetzt schon eine absolute Bereicherung und das nicht nur für den sechsten Hieb.
    Für mich die Entdeckung des noch jungen Jahres.
    Besten Gruß
    Erich / Halbestadt Bar

  5. Thomas A.

    Ich würde den Red Room nicht mal als Bar bezeichnen, sondern mehr als Club. Die Standard-Drinks beherrschen sie, eine gute Rum-Auswahl gibt es auch, aber ausgefallenere Sachen überfordern die Barkeeper dort.

    Es ist nett um mit Freunden zu feiern, aber kein Vergleich zum zB Dinos oder Nightflys.

    Das „If Dogs Run Free“ ist ganz nett, aber auch nicht das Wahre.

  6. IGOR MIHALUS

    Sehr geehrte Kolegen,
    Ich freue mich sehr zu sehen ,das auch ein internazionale Fachmagazin uber die Wiener Barszene schreibt.Allerdings habe auch ich ein Komentar dazu.Ich konne Herr Hock nicht,aber falls er die Bargeschichte Wiens beschreiben mochte ,soll er genauer zuhoren,weil die wichtige Namen des Barfly’s und damit auch die Wiener Barszene damals,neben Mario Castillo ,war Johan,Renné,Marco und spater auch Frank und das sollte nicht, nur weil Sie sich nicht medial profiliert haben,vergessen werden.
    ps schuldige fur meine Rechtsschreibung..bin schon eine Weile auser Ubung

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