Stirb jung! Weine und ihr Alter.

Von Manfred Klimek | Juli 3, 2011 um 14:47 | Keine Kommentar | Wein | Tags: , , ,

Jung, elegant, frisch, saftig und körperbetont. So müssen heute alle Weine schmecken, wenn sie bei einem breiten Publikum ankommen wollen. Doch dieser Jugendwahn gefährdet die Lagerkapazität der Weine. Ob ein Jahrhundertjahrgang auch heute noch lange hält, darf bezweifelt werden.

Früher, da gaben Restaurants und Private eine Menge auf ihre Weinkeller. Möglichst viele Flaschen, darunter auch viel Schrott, aber Hauptsache alt. Und mit einer dicken Staubschicht überzogen. Diese Patina gehört seit jeher zur Weinromantik. Denn richtig guter Wein, muss richtig alter Wein sein. So hat man es gelernt.

Das ist natürlich Humbug. Und die Mehrheit der Weintrinker weiß längst, dass ein junger und frischer Weißwein mit den Monaten nicht zwingend besser wird. Und ein leichter und fruchtiger Rotwein auch nicht. Die alte Weinromantik kommt vor allem bei jenen an, die nur dann Wein trinken, wenn es heißt, eine „gute Flasche“ Wein zu öffnen. Doch Vorsicht: In Deutschland stellt diese Klientel immer noch die Mehrheit.

Der brechend volle Weinkeller hat ausgedient. Selbst sehr versierte Weinkenner haben nur die notwendigsten Flaschen gebunkert. Das hat gute Gründe: Vor allem im urbanen Raum bekommt man seit Jahren schon auch auf die Schnelle einen guten Wein zu kaufen. Auch einen anständig gereiften Wein. In Österreich gibt es mit Wein & Co sogar eine bundesweit aufgestellte Ladenkette, die es einem ermöglicht, zu fast jeder Tageszeit exzellenten Wein zu kaufen. Warum soll man sich diese Flaschen noch überbordend in den Keller legen? Das Hamstern ist vorbei.

Nein, sagen Sie? Das stimmt nicht? Man muss sich Weine in den Keller legen, Weine aus großen Jahrgängen, die man nur  zu kaufen kriegt, wenn sie auf den Markt kommen. Diese Weine sind rar und schnell ausverkauft. Zugegeben, da ist was dran.

Aber was wollen sie mit den vielen Flaschen aus guten Jahrgängen machen? Ein Geschäft eröffnen?

Nein, sagen Sie, Sie wollen die Weine altern lassen. Denn mit jedem Jahr wird der Wein besser.  Und Weine aus großen Jahrgängen halten extrem lange.

Weit gefehlt, sage ich. Das ist nur mehr eine Binsenwahrheit.

In einem Fall aber, muss ich Ihnen Recht geben. Deutsche oder österreichische Rieslinge höherer Kategorien sollte man tatsächlich einige Jahre im Keller lassen. Denn derzeit vernichtet man diese Weine lange bevor sie ihre optimale Trinkreife erreicht haben. Und das nur wegen der absurden Annahme, dass der jüngste Jahrgang automatisch der beste sei. Dieser Aberglaube ist nicht auszurotten. Wie auch die Annahme, dass Weißwein nicht altern kann. Jeder wuchtige Gewürztraminer aus dem Elsass kann das Gegenteil beweisen. Aber das interessiert keinen.

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Der Autor

Manfred Klimek

Der zwischen Berlin und der Toskana pendelnde Manfred Klimek ist Fotograf und Journalist. Als anarchischer Weinkolumnist mischt er seit Jahren die Szene auf und schreibt unter anderem auch für die "Zeit".

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