Mixology: Magazin fur Barkultur

Bols Genever kehrt zurück in die Cocktailwelt

Blog 14.9.2008 3 comments

Bols Genever“In passing the bar, I heard the usual interrogatory at the bar-keeper:

“Have you got any good gin, sir?”

“Yes, sir, Hollands.”

“Well, mix me a cocktail – I want to wet up.”

(J.E. Alexander, Transatlantic Sketches, 1833)

Vor etwas mehr als einer Woche nahm ich am Global Launch von Bols Genever in Amsterdam teil. Es handelt sich bei diesem Produkt meiner Meinung nach um die bedeutendste Neueinführung einer weißen Spirituose seit mehreren Jahren. Weshalb messe ich Bols Genever so eine große Bedeutung bei?

Genau genommen, handelt es sich bei Bols Genever nicht um eine Neu- sondern um eine Wiedereinführung. Philip Duff, der ehemalige Bols-Markenbotschafter, war es vor allem, der in den letzten zwei Jahren intensiv für Genever als Cocktail-Spirituose trommelte.

Wir bei Mixology beschäftigten uns in Issue 3/2007, davon inspiriert, ebenfalls eingehend mit dem Thema. Die Ursache für die Rennaissance von Genever (man muss an dieser Stelle wohl erst einmal von der “erhofften Renaissance” sprechen) liegt vor allem in der Recherchearbeit von Cocktailhistoriker Dave Wondrich begründet.

Dieser stieß bei den Nachforschungen für sein Werk Imbibe! auf Quellen, die belegten, dass Genever im 19. Jahrhundert eine von 4 Grundspirituosen für Cocktails war. Die Tatsache, dass der Import von Genever sechs Mal so groß war wie der von englischem Gin, dient hierbei als Beleg. Man muss also, wenn man Jerry Thomas’ Rezepturen studiert, das Wort “Gin” als “Genever” lesen.

Allerdings habe ich mich immer schwer getan mit den Cocktails, die mir von Phil und holländischen Bartendern serviert wurden. Zu stark und dominant war das Aroma des heutigen Genever in Cocktails. Ich konnte mir schwer vorstellen, dass dies der gängige Geschmack gewesen sein soll. Dieses Problem scheint nun mit dem Launch des neuen Bols Genever gelöst worden zu sein.

Den ersten Genever stellte die 1575 gegründete Firma Bols im Jahre 1664 her. Charakteristisch an Genever ist die Verwendung von Malt Wine, die dem Produkt seinen fruchtigen Charakter gibt. Malt Wine wird aus einer Getreidemaische (Roggen, Mais und Weizen) gewonnen und zeichnet sich durch starke, fruchtige Aromen aus. Dieses starke Aromenbild wird erzielt, indem man nur bis ca. 55% Vol. destilliert. Das Destillat wird danach mit Botanicals weiter verfeinert.

In England kopierte man später die schnell populär werdende Spirituose, nahm dabei aber eine Abkürzung. Statt Maltwine verwendete man aus Getreide gewonnenen Neutralalkohol, den man dann mit Wacholder und anderen Botanicals versetzte. Und um die Süße des Genevers zu imitieren, setzten die englischen Brenner ihrer Spirituose einfach Zucker zu. Geboren war der Old Tom Gin. Zu den Herstellungsprozessen gibt es noch eine Menge zu sagen. Für diesen Beitrag möchte ich es aber bei dieser Skizze belassen.

Der Genever, der im Hause Bols hergestellt wurde, unterlag über die Jahrzehnte und Jahrhunderte natürlich Veränderungen. Ein wichtiger Abschnitt in diesem Veränderungsprozess war, wie man uns in Amsterdam mitteilte, das Jahr 1820. In diesem Jahr kam eine neue Genever-Rezeptur zum Einsatz, die drei Jahre später erstmals in die USA exportiert wurde. Dieser Genever prägte die aufkeimende Barkultur in den Vereinigten Staaten und etablierte Genever, oder “Hollands” wie die Spirituose ebenfalls genannte wurde (siehe Zitat oben), in den Mixbechern der Bartender.

Anfang des 20. Jahrhunderts änderte sich der Geschmack der Menschen. Neue Cocktails kamen in Mode, die ein trockeneres Aroma transportierten. Dies war der Zeitpunkt, ab dem sich die englischen Dry Gins zu etablieren begannen. Ein erster großer Rückschlag für die Exporte von Bols Genever war, laut Sandie van Doorne, Communications Director bei Bols, der erste Weltkrieg. Die Handelströme seien abgerissen und man habe außerdem eine Rohstoffknappheit erlebt. Nach 1918 habe sich der Export wieder erholt, bis ihn der zweite Weltkrieg dann endgültig zum Erliegen gebracht habe.

Bols Master Distiller Piet van Leijenhorst griff daher wieder auf die alte Rezeptur von 1820 zurück, als er daran ging, wieder einen Genever für das Cocktailhandwerk herzustellen. In Zusammenarbeit mit Bartendern erarbeitete man eine weiche, aromatische Spirituose, die man stolz auch für den Purgenuß empfiehlt. Bei 42% Vol. habe der Cocktail-Genever die beste Balance an Aromen gehabt, so van Leijenhorst. Ist der neue Bols Genever nun gelungen?

Als man mir bei der Pressekonferenz den ersten Cocktail servierte, war ich gespannt. Es war ein leuchtend gelber Collins. Und er begeisterte mich wirklich auf Anhieb! So muss ein gelungener Drink schmecken. Unkompliziert, zugänglich, und doch gleichzeitig eine breite Geschmackswelt offerierend. Eine verwandte, aber doch völlig anders akzentuierte Richtung, im Vergleich zur Verwendung von London Dry Gin. Der neue Genever ist volumig und fruchtig im Geschmack, aber ohne dass die Fruchtigkeit die anderen Zutaten in den Schatten stellt. Den Old Fashioned, den man später mit TBT Jerry Thomas’ Own Decanter Bitters servierte, fand ich allerdings weniger gelungen. Ich bin kein Fan davon, klare und nicht-gereifte Spirituosen in Old Fashioneds zu verrühren.

Die Flasche des neuen Produkts wurde vom holländischen Design-Büro ,staat gestaltet. Sie ist den klassischen Genever-Tonkrügen nachempfunden, allerdings schlanker, höher und aus einem speziellen leicht schwarz getönten Glas gefertigt. Auf dieses wurden in geschwungener Schreibschrift die Worte „Bols Genever Amsterdam 1575″ aufgebracht. Dieses Schriftbild war früher typisch für holländische Gastronomie und Geschäfte, die auf ihren Glasfassaden die Art ihres Angebots in weißer Schrift anbrachten. Bei der Recherche stellte staat fest, dass es inzwischen keinen professionellen Glasmaler mehr gibt. Die Schrift wurde daher am Computer in der
traditionellen Schreibweise erstellt. Man wird passend zur Flasche außerdem noch eine Bols-Glasserie mit typischen alten Cocktailgläsern produzieren. Man sieht – Bols nimmt seine Mission zurück zu den Wurzeln sehr ernst.

Wo gibt es nun den neuen Bols Genever? In den Genuss sollen im laufenden Jahr erst einmal nur drei Märkte kommen: Holland, Großbritannien und die USA. In den USA wird die Literflasche 44,95 US-Dollar kosten. Großbritannien wird die Flasche (0,7 l) für 24,95 GBP bekommen. In Holland wiederum kommt sie mit € 29,95 auf den Markt. Dass man diesen Bols Genever als neues Flagschiff im Portfolio begreift, liess die Größe der Veranstaltung vermuten. Man hatte neben Publikumspresse (Wallpaper etc.) auch jede Menge Honoratioren und Multiplikatoren aus Großbritannnien und den USA eingeflogen.

Seit das traditionsreiche Likör- und Spirituosenhaus Bols durch ein Managment-Buyout aus der Remy-Cointreau-Gruppe herausgelöst worden ist, hat es vermehrt durch Innovationen auf sich aufmerksam gemacht. Vor wenigen Monaten erst sorgte die Überarbeitung von Galliano zurück zur ursprünglichen Rezeptur für Aufsehen. Mit dem in Insiderkreisen bereits erwarteten Relaunch eines Bols Genever setzte Bols jetzt noch einen oben drauf. Ich bin gespannt, wie sich das neue Produkt bewährt. Es wird immerhin in eine beginnende Rezession hinein lanciert. Qualitativ überzeugt es allemal. Diesen Weg zurück zu Qualität und Autentizität sollten andere Produzenten aufmerksam beobachten. Der Launch von Bols Genever ist auch ein Beispiel dafür, wie nah Bartender und Master Distiller arbeiten können. So sieht im Premium-Bereich der Spirituose auf jeden Fall das Modell der Zukunft aus.

 

Link:

www.bolsgenever.com

3 comments

  1. kathmo

    ganz toller artikel! danke für all die informationen nach denen ich gesucht habe und das in einem absatz! wirklich spitze ;)

  2. oliver

    Ein wirklich ausgezeichnetes Produkt, allerdings zu diesem Preis in schwerer Konkurrenz zu Zuidams Single Barrel, der noch geschmeidiger ist, dafür etwas weniger intensiv (38%alc), leichter.
    Genever hätte in Deutschland schon längst eine glänzende Entwicklung genommen, wenn die Holländer etwas direkter importieren würden. Leider ist es hierzulande aber so, dass der Geschmack aus billiger Rache für verlorene Länderspiele mit Bokma Genever versaut wurde und man jetzt als wüster Separatist des Gin-Booms verschrien ist, sobald man schüchtern ein Gläschen Korenwijn serviert. Gern auch als Old Fashioned verrührt. Für dich dann mit der 10 Jahre gelagerten Version, lieber Helmut.

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