Tresenamazone oder Heimchen am Shaker? Wie sehen Bartenderinnen die Szene heute?

Debatte 9.6.2013 8 comments

Männer am Shaker, Frauen im Service. In den allermeisten Bars gibt es nach wie vor diese klassisch überholte Arbeitsteilung. Nicht nur schade, sondern geradezu ärgerlich findet MIXOLOGY und hat mit Berlins Veteraninnen im Barfach darüber gesprochen, was der Barwelt durch dieses Schubladendenken entgeht.

Es ist ein offenes Geheimnis, Frauen hinter der Bar sind eine seltene Spezies. Charles Schumann, der als bekanntester Barmann Deutschlands die Möglichkeit hätte, Frauen in dem Beruf zu einem besseren Standing zu verhelfen, lehnte in einem Playboy-Interview Frauen hinter der Bar kategorisch ab. „Eine echte Bar ist nach wie vor keine Frauendomäne, die wichtigen Figuren sind die Männer.“

Wie das genau gemeint war, ob romantisierend-altmodisch, oder im wahrsten Sinne des Wortes konservativ, das kann jeder für sich weiterspinnen. Abstrakt und offen gehalten hat Schumanns Kommentar jedenfalls vielversprechendes Potential, Vorurteile zu bestätigen: An der Bar braucht es echte Kerle, mit klarer Linie und dicken Muckies, die auch mal das Bierfass heben oder Querulanten vor die Tür setzen können. Frauen hinterm Tresen? Viel zu soft.

Männerfresserinnen und Benimmdamen

Anita Müller, die ihre Karriere im Scotch & Sofa begann, rennt bei der Jobsuche immer gegen dieselbe Wand. Trotz langjähriger Erfahrung und Fortbildungen als Bartenderin wurde ihr oft nur eine Stelle im Service angeboten. Unverständlich, warum die Barwelt auf die Erfahrung von Frauen verzichten will, findet sie. Argumente, die auf die körperliche Unterlegenheit von Frauen abzielen lässt sie nicht gelten. „Ich konnte mich mit unangenehmen Gästen genauso bewähren, wie meine männlichen Kollegen.“

Shoulda called it a night“, ein Blog zweier US-Bartenderinnen, zeigt, in welche Sackgasse Frauen hinter der Bar geraten können, wenn sie die Vorurteile ernst nehmen. Die beiden stilisieren sich als „functioning alcoholics“ und männerfressende Tresenamazonen. Der ständige Rückbezug zum männlichen Draufgängercliché mag vielleicht helfen, in der Szene „einer von den Jungs“ zu werden, nimmt aber die Chance eigene Stärken auszubauen.

Sonja Handschuk, ehemals Bartenderin im Berliner Rocco & Sanny, findet, dass Frauen in einer Bar eine ruhige und warme Atmosphäre schaffen können, die sie besonders genießen kann. Betty Kupsa aus dem Hamburger Le Lion ist für sie ein Vorbild. „Sie hat diesen Charme, diese Wärme, diese Herzlichkeit, und ist dabei trotzdem knallhart, wenn es drauf ankommt.“

Eine der wenigen, auch auf internationalem Parkett bekannten Bartenderinnen bringt die Fähigkeit, die Frauen vielen Männern voraushaben, auf den Punkt. „Frauen legen weniger Wert auf Selbstdarstellung“, meint Constanze Geissler, Barchefin im Ellington Hotel nahe des Berliner Ku’damm. Der feine Grad von Unterhaltung zu Angeberei wird eben schneller von Männern überschritten. „Die Frauen hinter der Bar können ackern, sie wollen gute Leistung bringen, genau wie die Männer. Aber sie brauchen keine Bühne. Außerdem benehmen sich Männer gleich besser, sobald eine Frau im Raum ist. Das kann deeskalierend wirken.“

Mit der Zeit hat sie gelernt ganz entspannt mit der niedrigen Erwartung umzugehen, die manche Gäste an sie als Frau haben. „Es gibt Gäste, die mir eine fundierte Whisky-Beratung zunächst nicht zutrauen. Wenn ich dann etwas mit dem Gast rede, sage, dass ich alle Flaschen, die wir hier haben, selbst aussuche, merke ich bald, dass sich der Schalter im Kopf umlegt.“

Leider hat Geissler die Erfahrung gemacht, dass sich wenige Frauen bei ihr bewerben. „Es gibt einfach kaum positive Beispiele wie Bartending und Familienleben nebeneinander funktionieren können.“

Feminine Erfolgstendenz

Auch die Weiterentwicklung des Handwerks betreffend sieht Geissler bei den Frauen einzigartige Fähigkeiten. Frauen schmecken anders als Männer, ihr Geschmackssinn ist feiner. Bedauerlich, dass die Branche erst langsam auch Frauen eine Chance gibt, gustatorische Maßstäbe zu setzen. Dass eine Frau als Gewinnerin der „Show your Spirit“- Competition ihre eigene Gin Kreation entwickeln wird – einzelne Erfolgsgeschichten wie diese stimmen hoffnungsvoll.

Eva Yosifova, die sich nach Ihrer Zeit als Barchefin in der Bellini Lounge gerade eine Auszeit nimmt, findet die Veränderung in den letzten fünf Jahren enorm. Trotzdem auch sie von Gästen manchmal unterschätzt wird, habe sich doch in den letzten Jahren für Bartenderinnen viel zum Positiven verändert. Bei Gästen, wie auch bei Kollegen beobachtet sie eine wachsende Offenheit. Sie ist viel in Europas Metropolen unterwegs ist und findet, dass es nirgendwo so viele gute Bartenderinnen gibt wie in Berlin. Das mag an Vorreiterinnen wie Constanze Geissler liegen, schließlich braucht es für nachhaltige Veränderungen immer Schlüsselfiguren.

Verzwickte Vorurteile. Keiner ist an ihnen Schuld und doch sind alle irgendwie am Status Quo beteiligt. Auch die Barwelt braucht die Frauenquote. Und Charles, fürs Protokoll: Nicht Frau oder Mann, sondern Kompetenz ist die wichtige Figur!

8 comments

  1. Matthias

    Kurz und knapp,
    es ist allgemein schwierig gutes Personal zu finden,
    Gute Barkeeper gibt es so wenig wie gute Barmaids.
    Der springende Punkt ist ganz einfach, aus Erfahrung weiß ich das die Frauen
    unserer Zunft, schlicht keinen Bock haben Bararbeit zu leisten. Sie wollen lieber Betriebsleiterpositionen ausfüllen oder “ so ein bissel Frühschicht “ leisten.
    Ich glaube das wir eine neue Emanzipationsdynamik erleben dürfen. Die eine Hälfte will unbedingt die Welt regieren, die andere Hälfte nur die Familie 😀

  2. Carsten Nicholas Prasse

    Die Aussage von Charles Schummans bezog sich auf die Frage „Wer war die tollste Frau die Sie in der Bar angesprochen hat“ und NICHT auf Frauen hinter der Bar.

    Diese Aussage, aus dem Zusammenhang gerissen, mit dem Vorwurf zu verbinden er hätte die Möglichkeit gehabt „Frauen zu einem besseren Standing zu verhelfen“ und der süffisante Schlusssatz zeigt ehr das Schubladendenken seitens der Autorin.

    Im selben Interview sagt Herr Schumann über Frauen generell:„ Frauen sind heute emanzipierter, erfolgreicher. Ich finde das prima. Aber wenn die Fraulichkeit darunter leidet, ist das Scheiße“ Ich Unterschreibe.

  3. Robert Vogel

    Frauen sind die besseren Barkeeper, wenn man sie lässt.

    1. Sie sind in der Regel gastlicher, d.h. Sie gehen mehr auf den Gast ein und legen weniger Wert darauf ihr Wissen über Getränke und Spirituosen zu verbreiten.

    2. Sie sind nie der Star des Abends sondern lassen dem Gast das Gefühl der Star zu sein.

    3. Sie sind belastbarer. Welcher Barkeeper schafft nach einer Abendschicht noch eine Tagschicht?

    4. Ihre Drinks sind genauso gut wie die der Männer. Rezept ist schließlich Rezept!

    5. Sie kriegen mehr Trinkgeld. Jeder männliche Gast ist freudig überrascht wenn er einen sehr guten Drink von einer Frau zubereitet bekommt. Jeder weibliche Gast freut sich über eine Geschlechtsgenossin hinter der Theke und entsprechend Männer im Service.

    6. Sie sind weniger eitel. Es reicht Ihnen als Frau in eine Männerdomäne eingebrochen zu sein.

    7. Sie sind haltbarer als Männer. Liegt vielleicht daran, das Sie weniger Alkohol zur Entspannung brauchen siondern dafür Ihre Kinder und Familien haben.
    8. und und und

    Der Geschlechterkrieg wird noch lange toben. Das heißt jetzt aber irgendwas mit Gender…, oder?

    Warum ist Kirstin Mueller eigentlichein Autor und keine Autorin? (Nur ganz am Rande.

  4. Andreas

    Verstehe nicht warum immer alles gegeneinander aufgewogen werden muss, der eine ist besser als der Andere. Männer und Frauen gegeneinader wer ist besser?

    Da passt ein Fußballtrainerzitat ganz gut. (glaube Louis v. Gaal war es)

    „Es gibt nicht Alte oder junge Fußballer sondern nur gute und schlechte!“
    Sprich es gibt nur Bartender! Egal ob Männlich oder Weiblich.

    Ich verstehe dieses ständige vergleichen nicht!?

  5. Laura Schacht

    …ich fürchte solche sinnlosen Debatten werden wir noch eine Weile führen… wenn es Menschen gibt die solche sinnlosen und absolut nicht haltbaren Alltagsweisheiten in den Raum werfen wie Herr Vogel.

    Sehr geschätzter Kollege: Wie genau kommen Sie denn auf ihre ‚Thesen‘?

    Bitte meine Damen und Herren: Wenn jeder versucht das Beste aus seinem Job raus zu holen haben wir unterm Strich alle etwas davon (incl. eine menge guter neuer Drinks)!

    • Robert Vogel

      Sehr verehrte Frau Schacht,

      diese Thesen sind inzwischen Erfahrungen die ich mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen gemacht habe.

      Es kann natürlich auch Pech gewesen sein, das die Frauen immer das beste aus sich heraus geholt haben um Ihren Job besser zu machen als die Männer.

      Wann haben Sie sich das letzte Mal überr einen Barkeeper geärgert?
      Und wann über eine Barkeeperin?

  6. Redaktion

    Liebe Leute,

    vielen Dank für Eure zahlreichen Kommentare, und sorry dass ich mich erst so spät dazu melde.

    @Andreas: natürlich ist es polemisch, Frauen in den Vordergrund zu stellen und sicher ist auch die Behauptung, Frauen hätten den besseren Geschackssinn nicht absolut zu sehen.
    Da Frauen aber, wie mir sicher jeder zustimmen wird, in der Branche unterrepräsentiert sind, wollten wir sie mal mit einem gesonderten Artikel in den Mittelpunkt rücken.

    @ Carsten Nicolas Prasse: Ich habe Schumanns Aussage nicht als direkte Antwort auf die Frage gelesen, sondern als grundsätzliche Einschätzung zum Thema Barwelt und Frau, zumal er ja auch die betreffende Frage nach der tollsten Frau, die ihn je angesprochen hat gleich mit einem „Ach, die interessieren mich nicht.“ abschmettert. Was er mit der „unter Emanzipation leidenden Fraulichkeit“ gemeint ist, kann ich mir nur vorstellen (kurze Haare? Muskeln? „männliches“ Verhalten? Kampflesbenartigkeit?) und damit schon eigenlich gar nicht einschätzen.
    Was meinen Sie denn genau, wenn Sie die Aussage unterschreiben? Das würde mich aufrichtig interessieren.

    Viele Grüße und keep on commenting!

    Kirstin

  7. bartenderin.de

    Hi … Frauen sind genauso belastbar wie Männer, das wollen wir mal festhalten und Sie können auch genauso gut mixen, nur wie den Vorednern schon beizupflichten …. es gibt zu wenig Bartenderinnen … wir haben das ja auch erkannt … nur müssen sich die Frauen auch trauen …

    Kleiner Hinweis … beim Barconvent gibts aktuell 2 Frauen im Feld unter … wieviel Teilnehmern?

    Ich denke den Frauen sollte man ruhig auch mehr zutrauen … und ihr Frauen müsst ein Stück weit auch sagen „ja ich will“ … nicht jede Barschule ist da darauf spezialisiert …

    Aus dem Grund … wir werden uns bald sehen 😉

    Lieben Gruß von den Bartenderinnen von Bartenderin.de

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