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Bartenders Verzicht.

Debatte 26.2.2012 6 comments

Der kürzlich auf MIXOLOGY ONLINE veröffentliche Text von Steffen Hubert über die 10 Gründe dem Beruf des Bartenders mit Freude und Leidenschaft nachzugehen, hat einige Wellen geschlagen. Hier nun eine Replik – in der Form eines offenen Briefes-, die zu ganz anderen Schlüssen kommt und dem Bartender-Dasein ein eher nüchternes Zeugnis ausstellt.

Liebe Bartender,

keine Angst, es gibt ihn und er ist zu schaffen: der Ausstieg aus der aktiven Shakerszene, der Sekte in der die „10 Gründe, warum es geil ist, ein Bartender zu sein“ wie die 10 Gebote gepredigt werden. Freidenkende und selbstlose Nachtritter können ihrem Verzicht ein Ende setzen. Gemäß der Lobeshymnen auf den Job dürfte sich das allerdings schwer gestalten und ich frage ich mich, ob es denn wirklich so verdammt anstrebsam ist, Gefährte dieser Bewegung zu sein? Sich jede Nacht den Arsch abzuschuften, während woanders das süße Nachtleben an einem vorbeizieht.

Auf meinem hier folgenden Pfad bewege ich mich, ohne anerkannten Namen in der Szene, zugegebener Maßen auf dünnem Eis. Jedoch fühle ich mich diesem Universum nah und weit genug, um ein Urteil über die unangenehmeren Aspekte des Jobs zu riskieren. Vielleicht sogar mit einem objektiveren Blick als manch einer, dem das nächtliche Geschüttel diesbezüglich bereits einige Hirnwindungen aus der Bahn geworfen hat.

Der Freundschaftsverzicht

Wollen Freunde (und damit ist nicht der Szenefachkollege gemeint) Euch treffen, müssen sie sich die Predigt von Eurer – wie Hr. Hubert es schrieb – Kanzel herab, antun. Während Ihr im Akkord Limetten quetscht und mit Flaschen über dem Kopf rumfuchtelt, werden schnell die Cliquen-News abgefrühstückt. Wenn die berauschte Meute dann weiterzieht, um sich im Club die Hacken blutig zu tanzen, werdet Ihr in dem, von allen Seiten beäugten, Barkäfig zurückgelassen.

Kinokarten, Konzerttickets, „Danke, für mich nicht!“ Exzessive Homepartys? Ihr kommt an, wenn der Rest bereits zum Hangover ansetzt. Tischfeuerwerk, Lametta, Ostereier? Weg mit dem Deko-Fummel! Mutti ist ziemlich enttäuscht, dass ihr es abermals nicht zur Familienzusammenführung geschafft habt. Montags steigt Eure Freizeitkurve dann in ungeahnte Höhen, leider sind die anderen da längst in der Regenerationsphase. Das Warm-up für das Wochenende beginnt Donnerstag, da seid Ihr jedoch schon mit der Infusion für Samstag beschäftigt. Geht man zu weit, sind solche, die einem bleiben, Leute aus dem inneren Bar-Kreis. Die langjährigen Begleiter sind vom Fachgelaber verschreckt und enttäuscht, weil ihr gemeinsame Zeit versprecht, Zeit die es gar nicht gibt.

Der Entertainmentverzicht

Der Bartender als Priester-der Barhocker als Beichtstuhl? Geschichten, auf die man gern verzichten würde, Beziehungsleiden und Krankheitsbilder erhört ihr täglich. Über dem Kopf ein leuchtendes Schild „Emotionsmüll bitte beim Bartender abladen!“ Die Grenze zwischen schauspielerischem Talent, in der Rolle des interessierten Gastronomen und einem rauen Spruch ist fließend. Da wird das „Dienen mit Stil“ schnell zum Stilbruch. Nach dem lahmen, oberflächlichen Lebenskrisen-Gespräch und einem kräftigen Schluck aus der Cocktailschale, haben Gäste zunehmend das Gefühl sich nun zu Eurem auserwählten Kreis („Homies“ genannt) zählen zu dürfen. Ihr seid die Rockstars. Blöd nur, dass Ihr Euch beim nächsten Mal absolut nicht entsinnen könnt, wer da gerade hektisch winkt und „wie immer“ bestellt.

Der Liebschaftsverzicht

Bartender haben etwas für Frauen Unerreichbares, diese Aura, die auch DJ’s, Surf-, Ski-, Tauchlehrer und Animateure versprühen. Sinnlos, sich zu verlieben: Frustration, Missmut und Übermüdung. „Frau“ ist regelmäßig das „wartende Mädchen am Ende der Theke“. Um fünf Uhr morgens im Bett gibt’s dann nicht mehr als eine Alkoholfahne und lahmes Gefummel, aufgrund von Übermüdung oder Trunkenheit. Anpassung an nächtliche Arbeitszeiten, freie Tage und Trinkverhalten heißt es, Ladys! Vor allem wenn ihr, Wehe dem, einen Job bei Tageslicht habt! Geht’s noch? Dismissed! Nicht schlimm, die Blonde da hinten am Tresen hat ja schon die Angel nach Euch ausgeworfen.

Aber auch der tollste Barhecht schwimmt nicht ewig allein im Becken. Irgendwann trifft er sie vielleicht doch: die Eine mit der es dann gleich Babys, Wohnung und Familienkutsche sein sollen. Wo andere junge Eltern dann nur einen Bruchteil ihres Partylebens einbüßen, müssten Vollzeit-Mixer eher auf die ganze Bandbreite verzichten und sich zusätzlich um genügend Patte für Windeln, Brei und Co. kümmern.

Verzicht auf den „Big Deal“

Ungewiss ist, ob Ihr diese in der Gastronomie auftreiben könnt. Über das Thema Entlohnung haben jedoch bereits einige respektable Vorgänger ausführlichst und gut debattiert. Dementsprechend bleibt das heiß diskutierte Thema hier lau aufgewärmt: 12- 16 Stunden Schichten, meckernde Gäste, Kisten hoch, runter, kreuz und quer schleppen, stehen, schütteln, putzen und von vorn! Dabei auf dem Bar-Parkett Haltung bewahren sowie die Gäste zum Siedepunkt ihrer Stimmung führen. Angemessen? Die Bezahlung in der Gastronomiebranche hat und behält einen faden Beigeschmack.

Also wie weit kann ein Bartender die Karriereleiter hinauf klettern, um angemessen zu profitieren: einige Sprossen bis zum Wettbewerbs-Sieger? Barmanager oder den eigenen heiligen Trinkhallen? Anzug-Hero der Industrie? Brand Ambassador? Der Weg in Beratungsfunktionen oder die Industrie kann mit viel Engagement, Selbstbewusstsein Seriosität, Kopfarbeit und vor allem frühen Aufstehen gelingen. Aber das nächtliche Rockstar-Dasein an den Brettern, die die Welt bedeuten, bleibt eine Erinnerung, welche den meisten lange nachhängt und fehlt.

Faltenfreiheit für Alle!

„Man altert nicht nur schnell durch die Nachtarbeit, Bartending ist auch harte körperliche Arbeit“, antwortete mir Bastian H., bekennender Aussteiger aus aktiven Sphären des Mixens, auf die Frage der größten Nachteile des Jobs.

Nachts in verqualmten Kluften umherziehend, ist nach geraumer Zeit Eure Ähnlichkeit zu einem blutsaugenden Wesen manchmal verblüffend, die Alterung auffallend rasant. Tiefe Nasolabialfalten und bläuliche Augenringe zeichnen sich schnell in das Gesicht eines Bartenders. Mit Selbstverständlichkeit konsumierte Rauschmittel tragen zum Rest bei. „Ich brauch erst mal 2-3 Bier, damit ich klarkomme in meiner Schicht“, hab ich nicht nur einmal gehört. Wem das nicht reicht, greift zur härteren Spirituose oder ruft beim Hausdealer durch. Da wundert es nicht, dass das Dasein eines aktiven Bartenders zeitlich begrenzt ist.

Ich möchte die Verzichtsreihe ewig weiterführen, was nicht heißt, dass ich Euren Job nicht achte oder auch selber am liebsten das „Bar-Gebet“ sowie das „Party unser“ spreche. Dennoch gibt es auch in einem Bartenderleben bedeutungsvollere Dinge, als die hochwertigste Destillation oder den besten Shakermove und das solltet Ihr Euch dann und wann zu Herzen nehmen.

6 comments

  1. Bar le Wien

    Kurz und Knapp: AMEN!

  2. Boni

    Endlich mal ein Artikel, der sich von der Meinung realitätsferner Gastronomen und “Schönrednern” abhebt und die Nachtarbeit aus der Sicht von Normalsterblichen reflektiert:
    Die Nachtarbeit ist ein einziger Beziehungs- und Freundschaftskiller und wer verzichtet schon mit Freude auf diese grundlegenden Bedürfnisse, die das Leben im Gegensatz zu selbstgemachten Holundersirup wirklich versüßen.

    Da kann man nur hoffen ein Überflieger auf seinem Gebiet zu sein, um so irgendwann der Nacht entfliehen zu können. Alle anderen, die aufgrund von Mittelmäßigkeit hinter der Bar verharren müssen, dürfen sich weiterhin als “Puls der Nacht” tituliert ihre Arbeit mit dem Lesen vorangegangener Artikel versüßen.

    Ein Danke an die Autorin!

  3. Patrick Tippelt

    So ist es. Danke.

  4. Bar le Wien

    Es stimmt schon. Gibt zwar zum Glück auch Unternehmen (Hotels) die humanere Öffnungszeiten haben und wo ein Bartender auch im Frühdienst zum Kaffee-machen vorhanden ist, aber selbst hier spürt man es. Man muss nicht zwingend von 20 bis 4 Uhr morgens arbeiten um das zu spüren. Da reicht auch ein 16 bis 3 Uhr (bis alles sauber ist). Wenn deine Freunde Feierabend haben, beginnst du zu arbeiten. In einem Hotelbetrieb kann ich ferner auch keine Mädels abchecken wie es sicherlich durchaus “machbar” ist in einer Diskothek/Club.

    Man muss den Beruf Gastronomie lieben, ansonsten geht man schnell kaputt, schneller als normal. Und man sollte Freunde haben, dass ist wichtig, die den Beruf akzeptieren und auch die negativen Seiten dahinter verstehen und sehen und nicht nur denken…”cool Barkeeper”.

    Beziehungskiller? 100%. Deswegen ist der Partner meist auch aus der Gastro, wenn nicht so sogar aus dem gleichen Betrieb, doch wie heißt es so schön…

    NEVER Fxxx THE COMPANY

    ^^

    Aber all die schlechten Seiten verblassen, wenn man es wiedermal geschafft hat, den Gast glücklich zu machen und er es einem Dankt. :)

  5. Jens Müller

    “10 Gründe….”, “Bartender Appeal” und den Koks Artikel pack ich mal in die “Geschreibsel das die Welt nicht braucht”-Ecke. Finde das hier, wenn natürlich hier das Pendel in die andere Richtung schlägt, etwas realitäts-bezogener..

  6. Tom Zyankali

    Sehr guter Ansatz, aber immer noch deutlich untertrieben, sag ich jetzt mal als Vollprofi mit 30 Jahren Berufserfahrung, davon 21 selbstfinanziert und -promoted selbstständig und ca 5300 Schichten hinterm eigenen Tresen.
    Da waren EINIGE Zeiten dabei in denen ich Hartz4-Empfänger um ihr “gutes Leben” beneidet habe, von sowas wie Rente & krank werden können mal abgesehen. Auf meiner 10 Jahres-Party hab ich Blut gehustet
    (Lungenentzündung, 39° Fieber und vollgepumpt mit Antibiotika), ich hab auch schon mit Gipsarm gearbeitet, Flaschenöffner gleich mit eingegipst. Die Frage Ware kaufen, oder was zu Essen wird auch selbstverständlich zu Gunsten der Ware entschieden.
    Trotzdem ist der grundsätzliche Ablauf das was ich am liebsten tue und am besten kann.
    Selbstverwirklichung rocks!
    Schön wäre halb so viel fürs doppelte Geld, aber das Leben ist ja bekanntlich kein Ponypuff……….

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