Die Psychologie des Trinkgenusses. Wie erreichen wir gustatorische Höhepunkte?

Debatte 28.7.2013

Genießen ist eine Fähigkeit, die man erlernen kann. Viele Faktoren bestimmen unsere hedonistische Sensorik. Gerade in einer Bar sind die Voraussetzungen hierfür ideal. Wenn man es richtig macht, wenn der Bartender mit dem Gast die richtige Mischung für ein Genusserlebnis findet. Eine Betrachtung über das definierte Trinken mit Sinn.

Der Bartender stellt sein Werk auf dem Bartresen ab. Langsam rinnt ein Tropfen des gekühlten Pimm‘s Cups am hohen Cocktailglas herunter und bildet einen feuchten Kreis um den Glasboden. Der frische, fruchtige Duft des Fruchtensembles, der soeben auf dem Glasrand platziert wurde, steigt in die Nase und in dem Moment hat die Reise des Genusses bereits begonnen. Epikur, der Begründer des Epikureismus, der Lehre des Genusses, wusste bereits vor über 2000 Jahren: Ein einziger genussvoller Moment, oder aber ein einzelner Drink, kann zum „lustvollen Leben“ beitragen- dem ultimativen Lebensziel in seiner einfachen und klaren Lebensphilosophie.

Genuss steigert die Lebensfreude
Seit Langem wird von der „trockenen“ Wissenschaft in der Theorie das untersucht, was weniger trockene dafür aber umso liquidere Barfly’s in der Praxis immer wieder aufs Neue bestätigen können: Der Genuss den man beispielsweise bei einem guten Drink erlebt, der genau den eigenen Vorlieben entspricht und in sich geschmacklich perfekt abgestimmt ist, steigert die Lebensfreude, die Leistungsfähigkeit, regt das Immunsystem an, schützt uns damit vor Krankheiten und steigert letztendlich die Gesundheit und die Lebensqualität.

Bedenkt man diesen Aspekt, so kann sogar die Wissenschaft Benjamin Franklins Aussage zustimmen: “There can’t be good living where there is not good drinking.“

Eine einfache Gleichung, dennoch legen aktuelle Studienergebnisse von Tanja Hoff, Professorin für Sozial- und Organisationspsychologie, die sich in ihrem Buch “Genuss und Gesundheit“ mit der Fähigkeit zu Genießen beschäftigt hat nahe, dass etwa 25% der Erwachsenen in Deutschland nicht oder nur eingeschränkt genussfähig sind. Dieses ernüchterndes Phänomen das auch schon Schriftsteller Samuel Butler vor 150 Jahren bemerkt zu haben scheint: „Alle Lebewesen außer den Menschen wissen, dass der Hauptzweck des Lebens darin besteht, es zu genießen“, ist also nach wie vor ein Problem in Teilen der Gesellschaft. Erstaunlich bei der ausschweifenden Menge an Genussmitteln, mit der uns beispielsweise die Getränke- und Bargastronomie verwöhnt. Allein beim Bier zählt Deutschland über 5000 verschiedene Marken die von 1234 Braustätten produziert warden.

Die Mentalität des Genusses
Verbunden mit der regionalen Mentalität wurden sogar Unterschiede in der Genussfähigkeit einzelner Bundesländer festgestellt. Menschen die ihren Drink im Rheinland, Hessen, Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz genießen tun dies tendenziell mit größerer Hingabe und Genussfreude als Bewohner anderer Bundesländer. Was aber hält die sogenannten Genussunfähigen und Genusszweifler davon ab ihren Drink bewusst zu genießen? Fest steht: ein Pimm‘s Cup hat, bei gleichen Präferenzen, für einen Genießer einen anderen Stellenwert als für einen Genussunfähigen. Während ein Genießer sich ausgiebig mit seinen Sinnen auf den Drink konzentriert, nimmt der Genussunfähige die liquide Freude eher physisch und nüchtern als ein Glas mit flüssigem Inhalt wahr. Ob Genussfähigkeit angeboren oder erlernt wird, ist bislang wissenschaftlich nicht geklärt. Laut Prof. Hoff wird das individuelle Genussverhalten früh erlernt und durch das Umfeld beeinflusst, dies gilt insbesondere für das Genussverhalten und Genussvorlieben beim Trinken aufgrund der starken sozialen Komponente mit der das Trinken einhergeht.

Aus diesem Grund findet man auch mehr Pimm‘s Cup Genießer in England als in Frankfurt, wo man wiederum mehr Ebbelwoi im Bembel vorfindet als in England. Abgesehen von der persönlichen Präferenz des Cocktails, Weins oder Bieres, gelten jedoch international bestimmte Regeln, die dabei helfen können die eigene Genussfähigkeit zu steigern und damit auch subjektiv den immanenten Wert des jeweiligen Drinks zu erhöhen. Was sind die Eckpfeiler dieser Regeln? Einige Antworten hierzu liefert Genussforscher Dr. Rainer Lutz in seinem Werk: “Die sieben goldenen Genussregeln”.

Zunächst einmal geht Genießen nicht nebenbei. Gerade die Barkultur macht das sehr deutlich. Das gedämmte Licht lässt einen bereits beim Reingehen langsamer und entspannter werden und schärft die Sinne für die neuen Sinneseindrücke. Die bequemen Sessel schmiegen sich perfekt an den Körper und laden zum längeren Verweilen ein-eine Uhr fehlt gänzlich. Serviert wird langsam. Genuss kennt kein Multitasking und verlangt nach ungeteilter Aufmerksamkeit. Wobei wir bei den wenigen Begleitern in einer Bar wären: Musik & Menschen- beide im besten Falle unterhaltsam aber nicht aufdringlich.   Genuss wird verbunden mit der Fähigkeit zu entspannen und zu entschleunigen. Stress hingegen gilt als genusseinschränkender Faktor.

Den Dry Martini jagen
Dabei lässt sich das Außergewöhnliche und Besondere genauso sehr genießen wie das Alltägliche.

Ein spezieller Signature Drink eines weltbekannten Bartenders hat ebenso viel Genusspotenzial wie der bekannte und schon oft getrunkene Dry Martini, denn der individuelle Geschmack ist der beste Wegweiser für Genuss. Zudem ist Genuss nicht unbegrenzt möglich-und dadurch vom Konsum zu unterscheiden. Genuss setzt auf Qualität statt auf Quantität. Damit schließt ein Überangebot den Genuss aus- jeder noch so gute Drink verliert sein Genusspotenzial wenn er täglich und reichlich serviert wird.

Genießen ist einfach- es verlangt lediglich nach sinnlicher Aufmerksamkeit. Aussehen, Geruch, das Gefühl beim berühren des Glases, die Geräuschkulisse in der Bar und letztendlich der vertraute oder überraschende Geschmack des liquiden Genusses- es können alle Sinne involviert werden um den Genuss zu steigern. Der Genuss versteht es aus wenigem viel zu machen und aus dem Alltäglichen etwas Einzigartiges.

Die meisten Menschen jagen so sehr dem Genuss nach, dass sie an ihm vorbeilaufen. (Sören Kiergegaard)

 

Bildquelle: aboutpixel.delichtdurchflutet © chival

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