Masse und Geschmack. Mainstream und Individuum in der Barwelt.

Debatte 10.3.2013

Es gibt ihn überall, den wackeren Trend-Verweigerer. Alles was nach Mainstream riecht wird von ihm mit Verachtung gestraft und konsumkritisch dekonstruiert. Hauptsache anders. Nicht gerade die beste Voraussetzung für aufregende Geschmacksentdeckungen am Tresen.

Alle sind individuell – dieses Paradox hat schon manchem Freigeist das Genick gebrochen.

Denn wo jeder Individuum ist, da wird es verdammt schwer sich abzusetzen. Trotzdem, lassen können wir sie nicht, die ständige Suche nach dem Anderssein. Wege zum ersehnten Individualgefühl gibt es wie Sand am Meer. Klamotte, Lieblingsband, Automarke und Hundefutter – kein Lebensbereich, der nicht potenziell nutzbar wäre zur Selbst-Konstruktion.

Was hat das mit Bars und Trinkgewohnheiten zu tun? Eine ganze Menge. Die Bar ist nicht nur ein Ort zum genießen, entspannen, sich begegnen und man-selbst-sein. Für den Spirituosen-Markt ist sie heiß umkämpftes Schlachtfeld der Wirtschaftlichkeit und ständig rotierendes Trend-Barometer.

Wie überall wo konsumiert wird, gilt auch in der Bar die trügerisch einfache Orientierungshilfe im Individualisierungsdickicht: die Verkaufszahl. Je mehr Verbraucher ein bestimmtes Produkt konsumieren, desto ungeeigneter wird das Produkt natürlich, um sich damit zu identifizieren. Oder positiv formuliert, der Drink, den wenige trinken, zeichnet mich deshalb aus, weil ich mich gerade durch meine non-konforme Auswahl von der vermeintlichen Masse abheben kann.

Ergebnis dieser Denke ist die Gleichsetzung von Masse und Geschmacklosigkeit. Eine bestechende Logik, verführerisch in ihrer Schlichtheit. Nur leider nicht mit dem gewünschten Ergebnis. Denn die vehementesten Verfechter gegen den Trend sind nicht einzigartig, sondern langweilig. Weil sie im Zweifelsfall gar nicht mehr dazu kommen, selbst zu probieren und sich ein unabhängiges Urteil zu bilden.

Der Vodka kann nichts dafür

Zugegeben, es haftet dem Trend etwas Unsympathisches an. Wenn viele von etwas schwärmen kann es schnell anstrengend werden, weil man sich, ob man nun will oder nicht, ständig zum neuen In-Getränk positionieren muss. Die anonyme lokale Vodka-Destillerie im Hinterhof ist in dem Sinne authentischer, als der internationale Multi, weil sie schlicht nicht über das  Marketingbudget verfügt, um sich trendwirksam ins Gespräch zu bringen. Aber schmeckt ihr Vodka deshalb besser?

Ja und nein und keins von beidem. Es besteht einfach kein Zusammenhang zwischen Trend und Geschmacksqualität. Es empfiehlt sich also beim nächsten Barbesuch Individualisierungsbedürfnisse daheim, oder zumindest nicht an der Getränkekarte auszulassen. Der arme Vodka kann doch wirklich nichts für seinen wirtschaftlichen Kontext

Bildquelle: aboutpixel.de / Orwell revisited III © Herr Jäschke

Schreibe einen Kommentar