Schwerelos statt schwer zerstört: Pro der Sperrstunde

Aktuelles 19.5.2013 5 comments

Wer morgens in eine Berliner U-Bahn steigt, weiß in welche zwei Lager sich das Publikum spaltet. Zum einen diejenigen Frühaufsteher, die sich auf den Weg zur Arbeit oder zu zeitigen Unternehmungen machen und zum anderen jene Partyzombies, die zerzaust und zerstört ihren Ausflug beenden und erst am nächsten Tag wieder Mensch zu werden scheinen.

Wer gegen Mitternacht schon in einen Club geht, hinterlässt den Eindruck als wohne er entweder noch bei Mutti oder hat Schiss, nicht reingelassen zu werden. Vor zwei Uhr nachts kann man sich in den Szene-Clubs im Sudoku Rätseln üben. Uhrzeit und Pegel gehen Hand in Hand und die drei Leute die schon da sind scheinen darauf zu warten, dass verstreichende Zeit und ansteigender Alkoholpegel ihr Übriges tun, ehe sie sich wagen, mit fremden Leuten in Kontakt zu treten und sich in tanzartigen Bewegungen versuchen. Es wird nur langsam später und schleppend kommen die Leute aus ihren Löchern gekrochen, um sich unters Volk der schillernd, schallernden Nachtszene zu werfen. Wenn es kein zeitliches Limit gibt, scheint eh alles egal.

Zu spätester Stunde ist daher der allgemeine Konsens: schwer besoffen und schwer zerstört statt schwerelos. Wenn sich der Morgen ankündigt, macht der Körper schlapp, doch der Wille will weiter. Verständlich, denn man ist ja noch nicht lange im Club und neben flüssigem Fusel muss Chemie her, um irgendwie wach zu bleiben. Um letztendlich jedoch eh nur versabbert und verschallert dummes Zeug zu quatschen und verkokst und verkorkst durch die Gegend zu geistern. Die Sonne scheint und mit viel Glück hat es der Partyzombie irgendwie nach Hause geschafft, um sich wieder in sein Loch zu verkriechen. Den Tag über nicht ansprechbar, nicht erreichbar, nicht anwesend, nützt ihm die Sonne hinter zugezogenen Vorhängen herzlich wenig. Der Tag nach dem Feiern ist nichtexistent.

Der Zeit ihre Bedeutung zurückgeben

Was in vielen Metropolen wie New York, Barcelona oder London Gang und Gebe ist, ist den deutschen Großstädten ein halbvergessenes Relikt: die Sperrstunde. Ein negativ konnotierter Begriff, klingt nach Einschränkung und Bevormundung. Doch scheint es an der Zeit, sich in gewisser Weise mit einer modernen Übersetzung dieser Form der Nachtruhe auseinanderzusetzen. Und sind wir mal ehrlich, wir wären uns alle schon Mal ein guter Freund gewesen, hätten wir uns zu später Stunde selbst untersagt, weiter zu machen. Was wir nicht schaffen, kann die Sperrstunde möglich machen. Ab wann diese einsetzen sollte, wäre eine ganz neue Debatte. Nicht zu früh und nicht zu spät. Doch bekanntlich verweilt die Zeit eh lang genug für den, der sie nutzen will.

Eine Sperrstunde soll nicht bedeuten, dass weniger Zeit der Leichtigkeit des Seins gewidmet wird, sondern sich diese einfach verschiebt- und zwar nach vorne. Denn wer sagt denn, dass man nur in den spätesten Nachtstunden tanzen, trinken, feiern kann?

Um Mitternacht sind die magischen Stunden, die wegen der Zeitverschiebung gänzlich ihren Zauber verloren haben. Die Sperrstunde könnte es demnach schaffen, der Zeit ihre Bedeutung zurückzugeben. Denn auch Genuss ist eine Kunst, die bewusst ausgelebt werden will. Doch die wenigsten scheinen des Nächtens über sie nachzudenken ergo auch nicht über das, was sie mit ihr anstellen.

Doppelter Genuss: Carpe noctem und Carpe diem

Die Sperrstunde ist das eine, der dadurch entstehende, positive Mentalitätswandel das andere.

Man müsse sich doch nur Mal vorstellen, wie schön es wäre sich dem Feiern schon in früheren Stunden hinzugeben, ohne gezwungener Maßen die Zeit totzuschlagen, bis man endlich in Diskotheken gehen kann. So tritt zwischen ein und zwei Uhr nachts meist die Schwellenzeit ein, in der die Schwachen nach Hause gehen und die Gruppe sich in diejenigen aufsplittert, die zu wenig intus haben und müde sind oder bereits zu viel und sich daher selbst und ihren Mitmenschen oft keinen Gefallen mehr tun indem sie weiterziehen würden.

Würde man also schon weit vor Mitternacht beginnen, da man weiß, dass es nur bis zu einer bestimmten Zeit möglich ist, könnte man am nächsten Tag ohne Jetlag aufwachen. Letztendlich geht es um Genuss und Vergnügen. Kann man alles haben und sogar noch mehr, indem man die Nacht und den darauffolgenden Tag nutzt.

Die gesellschaftlichen und kulturellen Auswirkungen wären enorm: weniger Trunkenheit, weniger Drogenkonsum, weniger Gewalt, endlich mal vernünftige Konversationen, mehr Tanzen, weniger Filmrisse und einen Tag auch nach dem Tanzen. Auch die Clubs könnten profitieren, so kommen doch die meisten Nachtschattengewächse vom exzessiven Vortrinken daheim schon abgefüllt an und fragen am Tresen am liebsten nach Leitungswasser mit zwei Eiswürfeln.

Nischen der Feierkunst könnten sich auftun, fernab des massenhaften Partytourismus.

Denn die Feierei muss ja nicht zwangsläufig zu Ende sein, kann genauso am nächsten Tag wieder vom Neuen beginnen. Das Trinken und Feiern wird dadurch nicht minder schwerelos und satisfaktionsfähig, nicht minder rauschhaft und aufregend sein. Die Nächte werden ihren Pathos nicht verlieren, doch könnte man Feiern und aktives Wochenende endlich miteinander verbinden. Und zwar ohne Angst haben zu müssen, irgendwo irgendetwas zu verpassen.

Schluss den Augenringen bis zum Unterkiefer, die von selbstzerstörenden Aufputschversuchen zeugen. Wenn die Sperrstunde es schafft, morgens quickfidele, von dionysisch schönem Hedonismus vergangener Nächte zeugende Gesichter hervorzubringen, kann sie nicht verkehrt sein. Es ist Frühling, niemand sollte sich nach zeitverschleudernder Dauerverschallerung in ein Loch verkriechen.

5 comments

  1. Peter Fiedler

    … vor allem aber sollte die Sperrzeit nicht diskriminierend eingesetzt werden, wie hier in Eggenfelden!
    Da muss sämtliche Gastronomie um 02:00 Uhr morgens zusperren mit Ausnahme unserer beiden Großdiscotheken, die praktischerweise bis 04:00 Uhr öffnen dürfen. Auf Nachfrage kommt von der Stadtverwaltung: „Eine Bar und eine Discothek sind doch zwei komplett verschiedene Sachen und man verwehre sich gegen die Beschuldigung, man würde hier jemand diskriminieren“.

    Toll, echt toll…

  2. Jan-Peter

    Es wäre aus meiner Sicht – und es geht vielen Leuten so, mit denen ich darüber spreche – sehr wünschenswert, wenn man früher ausgehen könnte, es nicht erst nach ein, zwei Uhr erst richtig losginge und man entsprechend mehr vom nächsten Tag hätte. Dahingehend stimme ich der Autorin zu.

    Ob es dazu allerdings einer Sperrstunde bedarf? Glaube ich nicht. Es müsste einfach mehr Eventkonzepte geben, die früher loslegen – also mehr Veranstalter, die sich das einfach mal trauen. Es gibt viele Leute, die die Clubnacht auslassen und vormittags zur After Hour gehen (die dann für sie gar keine ist), oder am Sonntagnachmittag tanzen gehen, eine moderne Art des Tanztees. Manche tanzen sogar in der Mittagspause (Lunchbeat).

    Warum also sollte es nicht auch Partys geben können, bei denen schon um 21 oder 22 Uhr was los ist? Wenn das erst durch eine Sperrstunde losgetreten würde – das wäre ein Jammer.

  3. Jean-Pierre Ebert

    Bravo!

    Aber ob die beschriebenen gesellschaftlichen und kulturellen Auswirkungen wohl so einträfen? Siehe Großbritannien, wo es von Sperrstunden und Alkoholismus wimmelt. Nicht das es hier in Berlin um 7 Uhr morgens besser wäre.

    Ich wäre ein Befürworter.

  4. Matthias

    Da wir im Förderalismus leben, wäre da die Gesetzgebung nicht Länder und Kommunensache? Würden nicht konservative Ecken eine zu radikale Lösung vorziehen? Und gäbe es nicht Inseln die sich zur Feierfestung, per Gesetz, wandeln? Müsste man nicht zuviele Parameter beachten und zuviele Ausnahmeregelungen schaffen um schon im Vorfeld eine faire Lösung zu finden?
    Nein zur Sperrstunde.

  5. Frederik Schemmer

    Lächerlich. Da will man den Leuten auch noch das letzte bisschen Freiheit nehmen. Braucht man jetzt als erwachsener Mensch schon eine gesetzliche Vorgabe wann man Nachhause zu gehen hat? Albern. Lasst den Leuten doch Ihre Freiheit. Die Freiheit auszugehen so lange bis die Ladenbesitzer sagen „wir machen keinen Umsatz mehr, Schluss für heute“. Ob das jetzt 4 Uhr, 5 Uhr oder 8 Uhr ist, ist doch völlig egal. Diejenigen die früher gehen wollen werden in ihrem Bettchen durch die weiter-Feiernden ja nicht gestört 🙂

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