Haus in der Provinz

Das Problem mit der Hauptstadt ist Deines. Über Bar-Berlin.

Debatte 30.4.2012 3 comments

Der Konflikt zwischen Provinz und Hauptstadt ist ein jahrhundertealtes Phänomen. Er deckt Befindlichkeiten und Minderwertigkeitskomplexe auf, kreuzt die beiden Extremphänomene Landfrieden und Stadtsucht. Er ist die unendliche Debatte. MIXOLOGY ONLINE betrachtet die Dinge aus Barsicht und wirft den ersten Stein.

Gemach! Nur keine Sorge! Wir werfen nicht den ersten Stein, eher ein Wattebäuschchen, dem unsere Leser gerne ihres hinterherwerfen dürfen. Denn alle, ja, wirklich alle im MIXOLOGY ONLINE-Büro sind nicht aus der Hauptstadt, stammen nicht aus Berlin. Unser Redaktionsassistent Christian behauptet das zwar, aber wir verorten das Vorstadtidyll, aus dem er ins Zentrum pendelt, einfach mal ganz frech nach Brandenburg, damit unser Debattenbeitrag rund wird.

Alles schaut auf die Hauptstadt. Dort sitzt die Regierung, dort sitzen die Medien, dort wühlt sich der Zeitgeist in Hipster-Montur im Staub. Seit jeher haben sich die Menschen Zentren gesucht. Handelszentren, Wirtschaftszentren, Regierungszentren. Da wo mehr wichtige und einflussreiche Menschen versammelt sind, so die einfache Rechnung, kann man besser Geschäfte machen. Bessere Geschäfte wiederum führen zu mehr Gewinn, mehr Reichtum, einem besseren Leben.

Die Bar-Hauptstadt Berlin

So die Rechnung. Ob sie aufgeht? Man kann überall trefflich leben, dennoch sorgt der Herdentrieb des Menschen für Zusammenballung, für Überhöhung, für die Bildung von Hauptstädten. Berlin ist neben der politischen heute auch die Bar-Hauptstadt in Deutschland. Es gibt kaum jemanden, der das bestreiten würde. Nirgendwo ist die Dynamik so groß, werden so viele neue Konzepte eröffnet, arbeiten so viele talentierte Bar-Leute. Das hat nicht zwingend mit der Größe der Stadt zu tun.

Zwar ist Berlin mit rund 3,5 Millionen Einwohnern die größte deutsche Metropole, hinkt aber dank jahrzehntelanger Teilung, einer daraus in Ost und West verbliebenen Subventionsmentalität und hoher Arbeitslosigkeit anderen Städten wie München oder Hamburg mit deutlicher geringerer Kaufkraft pro Durchschnittsbürger hinterher.

Die letzten Jahre hat das schon immer mit heller Flamme lodernde Nachtleben der Stadt an der Spree aber plötzlich ordentlich Sauerstoff zugefächelt bekommen. Vor allem die sich hier in der Stadt zunehmend ansiedelnden Medien, Agenturen und Internet-Start-ups sorgen für den Zuzug einer gut ausgebildeten, ausgehfreudigen internationalen Klientel. Berlins altgediente Club- und Gastro-Granden haben mit durch diesen Sog entdeckt, dass das Bar-Segment eine margenträchtige Nische darstellt.

Hinzu kommt eine Gründerwelle durch erfahrene Bartender, die ihr eigenes Konzept verwirklichen wollen. Kurz gesagt: Berlins Barszene boomt! Innerhalb der letzten 16 Monate öffneten unter anderem Buck & Breck, Booze, Immertreu, Chapel, Marques, Drayton und Butcher’s. Hinzu kommen zig Hotelbars und Restaurant-Bars wie die im Trendschuppen Pauly Saal oder im brandneuen The Grand.

Die Provinz als Hauptstadt-Treiber

Die führenden Gastronomen sind aber zum geringsten Teil Ur-Berliner Gewächse. Berlins Clubs und Bars werden betrieben und bespielt von Zuwanderern aus so illustren und weit entfernten Orten wie Chur in der Schweiz (Amano Bar), Graz (The Grand), Braunschweig (Chapel), Hiddenhausen (Becketts Kopf) oder Wiesbaden (Lebensstern). Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen, bis nahezu jede Region sich mit einem „Berliner Export“ repräsentiert sähe. Man könnte den Hassern des Berlin-Hypes daher gar einen Selbst-Hass unterstellen.

Denn in der sich kontinuierlich austauschenden Bevölkerung der Hauptstadt blüht die Provinz prächtig. Ob es Fan-Kneipen von Hannover 96 oder des bedauernswerten 1. FC Köln sind, in der Ständigen Vertretung Kölsch gepichelt wird oder im Fraa Rauscher der Grie Soß gehuldigt wird. Während die klassische Altberliner Kneipe ausstirbt, macht sich die Provinz in all ihren kulinarischen Farben in der Hauptstadt breit. Es ist anzunehmen, dass die derzeit in großer Zahl nach Berlin einwandernden spanischen und britischen Jugendlichen das Provinzielle gar noch auf eine europäische Ebene heben werden.

Hauptstadt-Zwerge und Provinz-Riesen

Die Ablehnung des Hauptstadt-Hypes, wie sie sich beispielsweise hier auf MIXOLOGY ONLINE in den Kommentaren manifestiert, geht offenbar häufig mit einem Minderwertigkeitskomplex einher. Man denkt, dass der Hauptstädter, dessen Definition der in der Provinz Lebende selbst heranzüchtet, gönnerhaft auf die Provinz herabblickt. Dass das eigene Lokale zu wenig gewertschätzt wird in der Öffentlichkeit, in den Medien. Immer nur Berlin! Dabei ist die Hauptstadt, wie wir oben gezeigt haben, die Trommel, auf der die aus den Provinzen eingewanderten ihren Takt schlagen. Die Hauptstadt nährt sich geradezu vom Input der Kreativen aus allen möglichen Regionen.

Für uns als in Berlin sitzende Redaktion hat dieser Projektionsfehler, dieses Schwarz-Weiss-Denken, bedauernswerterweise den Nachteil, dass wir von interessanten Bar-Eröffnungen in anderen Städten nicht oder verspätet erfahren. Die Betreiber denken offenbar fälschlicherweise, ihr Projekt sei für uns nicht relevant genug.

Daher meldet Euch, Bar-Leute aus „GSA-Provinzland“! Gründet Bars, produziert spannende Geschichten und informiert uns darüber. Denn die Provinz sitzt nur im Kopf. Provinz ist eine Frage der Einstellung. So manche Bar in Münster, Offenburg, Erfurt oder Bad Salzuflen schlägt den von Promis eröffneten Protzladen Unter den Linden mit Links in Punkten Kreativität, Spirituosenauswahl, Servicequalität und Freundlichkeit. Und eines, so viel ist sicher, werden unsere Leser, die nicht in der Hauptstadt leben, leider bis zur nächsten fiesen Rezession ständig lesen müssen: In Berlin hat eine neue Bar aufgesperrt!

Einen schönen ersten Mai wünscht Ihren Lesern die MIXOLOGY-Redaktion aus Bad Filbel, Konstanz, Aalen, Ottobrunn, Rembrücken und Bad Segeberg.

Nachtrag: Der passende Song zum Artikel. 😉

 

Bildquelle: aboutpixel.de / am A…. der Welt © Bernd Boscolo

3 comments

  1. Dominik MJ • opinionated alchemist

    Ich denke, dass sich das Problem zwischen Hauptstadt und Provinz in alle Lebensbereichen ausdehnt – die Barlandschaft ist nur ein kleiner Teil davon.

    Da ich mit einer Ur-Berlinerin zusammen bin, weiss ich von diesem Konflikt nur zu gut. Ich denke, ein Problem liegt darin, dass Berliner [originale und zugezogene], alles als Provinz bezeichnen – meist jedoch Provinz im Sinne von niederer Kultur und Raffinesse – und das finden Deutsche aus anderen Regionen nicht wirklich respektvoll. Muss unbedingt auch München, Frankfurt Main, Köln, Düsseldorf Hamburg […] als Provinz beschimpft werden?

  2. Henning Neufeld

    Spontan kam mir zum Thema Berlin und Relevanz ein Zitat von Sven Regener in den Sinn. So beschreibt er in seinem Buch „Meine Jahre mit Hamburg-Heiner. Die Logbücher“ Berlin mit folgenden Worten. (Erschienen 13. Juli 2011)

    [Edit: Texte entfernt aufgrund möglicher Urheberrechtsverletzung. d.Red.]

    Einwohnerzahl: 3,5 Millionen.
    Berühmte Berliner: Heinrich Zille.
    Wichtige Accessoires: Schnauz, Hund, Sandalen mit Socken (nur Sommer). Unvergessen: Michael aus Neukölln beim Sat1 Glücksrad 1993: Zitat: `Ick löse uff, Der Zwerg reinigt die Kittel`. Wichtige Lieder: `Im Grunewald ist Holzauktion`, `Das ist die Berliner Luft` und `Ich hab noch einen Koffer in König Retz`. Partnerstädte: Paris, London, New York und Gratz.
    Wappen: Bär
    Bundesland: Berlin.“

    Gruss,
    Henning

  3. Helmut Adam

    Hallo Henning,

    danke für Deinen Kommentar. Leider sprengt er das Zitatrecht. Ich bitte Dich daher, ihn zu kürzen oder zu entfernen. Hier ein paar hilfreiche Infos (Stichwort „Kleinzitat“):

    In dieser Form ist das abmahnfähig, Und Herr Regner zeigte sich kürzlich sehr ungnädig, was das Verwenden seiner Werke anbetrifft:

    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,823144,00.html

    Auf jeden Fall aber ein lesenswerter Autor.

    Grüße, Helmut.

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