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Die Bar von Morgen. 10 Trends für das Jahr 2012. Eine Prophezeiung.

Debatte 2.1.2012 3 comments

Neues Jahr, neues Glück? Kann man das wissen? Nun, der Blick nach vorne ist immer neblig. Bei einer Börsen-Spekulation, die von unzähligen Variablen bestimmt wird, denken immer einige den richtigen Blick in die Zukunft zu haben. Und stets gibt es dabei Verlierer. Prognosen sind waghalsig und oft daneben. So wurde New York nicht von Pferdemist überschwemmt, obwohl es aus der Sicht des mittleren 19. Jahrhunderts durchaus logisch erschien. Doch in einem kontinuierlicheren Metier wie der Gastronomie sind gewisse Trends zu erkennen. So widmet sich MIXOLOGY ONLINE Autor Steffen Hubert zu Beginn des Jahres 2012 der Prophetie. 2013 sollte man wieder mit ihm sprechen…

1.) Die Erlebnis-Bar

Die Branche wird noch verspielter. Man darf kokettieren, ohne sich Sorgen um sein Ansehen zu machen. Innovation und Kreativität ist gefragt. Ziseliertes japanisches Spielzeug zum rühren, schneiden oder hauen sind schon ein must-have und werden 2012 noch präsenter. Premix-Cocktails sind kein Teufel mehr, sondern eine Möglichkeit dem Drink durch Fasslagerung oder Faschenlagerung neues Leben einzuhauchen. Bartender und Produzenten adeln damit das ehemals verpönte Fertiggemisch. Auch zündeln ist en vogue. Was brennt und raucht hat Rockstar-Potenzial. Dazu natürlich das passende Eis. Möglichst klar und aus einem großen Stück auf dem Tresen gehauen. Die Bar ist das Kino 2012.

2.) Die Diversifizierung des Geschmacks

Es brodelt zwischen der Eintönigkeit der großen Spirituosen-Kategorien. Vodka, Weinbrand, Rum und Gin können und wollen nicht mehr das Maß aller Dinge sein. Vodka hat sich sowieso seine aromatisierten Derivate geschaffen. Gin sprengte schon lange seine Wacholderfesseln und wird nun endlich auch in seinem Formenreichtum anerkannt. Das Allerlei aus der sehr unterschiedlichen Welt des Zuckerrohrs wird besser verstanden werden und selbst Weinbrände erleben einen neuen, frischen Frühling. Besonders innovative Start-Ups aus aller Welt werden hier glänzen, Grenzüberschreitungen wagen und neue Nischen erschliessen. Spirituosen, die einst nur in einem entfernten Winkel der Welt bekannt waren, werden ihre Fans und ihren Importeur finden. Die meisten werden einen artisanalen Charakter haben oder diesen zumindest für sich beanspruchen.

3.) Der Whisk(e)ylikör

Whisk(e)yliköre sind im Anmarsch. Nachdem Whisk(e)y seit Jahren, besonders im margenstarken Premium-Bereich, von Erfolg gekrönt wird, sind die Unternehmen nun auf der Suche nach den neuen Wachstumsmöglichkeiten innerhalb des Segments. Liköre sollen den Schlüssel zur Fortsetzung des Siegeszuges bilden. Schon 2011 schickte Jim Beam mit mit Red Stag einen Kandidaten in den Ring. Augenblicklich folgte Jim Beam Honey in diesen Fußstapfen. Auch der andere Bourbon-Gigant Jack Daniels läutet das Jahr mit einer Art Likör ein: Der Winter Jack, seines Zeichens eine Art Apfelpunch soll den Weg durch die kalte Zeit versüßen. Rob Cooper kündigte für 2012 einen Rock & Rye für den europäischen Markt an und auch Baileys wird sich bestimmt nicht Lumpen lassen und noch die ein oder andere neue Kreation auf den Markt bringen. Dazwischen tummeln sich schon die ersten kleineren Liköre auf Whiskybasis im Land, denen richtige Aufmerksamkeit erst 2012 zuteil wird.

4.) Die Barkultur und der Mainstream

Es war das abschließende Thema auf der Mainstage am Bar Convent Berlin. Wird die Barkultur zum Mainstream?  Da es schwer ist unter diese Debatte ein Fazit zu ziehen, kann man nur versuchen die augenblicklichen Zeichen zu deuten. Einiges bahnte sich schon den Weg und wird 2012 noch präsenter. Das Medieninteresse an Bars und Cocktails wächst weiter. Werbungen beziehen sich auf Drinks oder spielen in Bars, Lifestyle-Printmagazine versuchen den Zauber zu verstehen, große Zeitungen widmen der Bar Seitenweise Aufmerksamkeit. Dazu gibt es Spirituosen- und Cocktail-Apps für jedermann. Diese ermöglichen es auch dem bisher Nicht-Bar-Affinen Durstigen leichter erstmal zu Hause sich an Drinks zu wagen. Wer sich nicht traut zu schütteln wird mit Premix-Qualitäten aus dem Handel versorgt, die teilweise gar nicht mal mehr so schlecht sind. Barkultur wird nicht zum Mainstream, aber der Mainstream wird 2012 barkultivierter.

5.) Die neuen Zuckerrohrdestillate

Es wurde ja schon lange prophezeit, aber die Zahlen sprachen bisher im deutschsprachigen Raum nur über einen mäßigen Konsumanstieg bei den Zuckerrohrschnäpsen. Doch der in Aussicht gestellte Erfolg lässt nicht mehr weiter auf sich warten. 2012 gehen die Zahlen endgültig durch die Decke. Nicht nur Rum, auch Rhum singt eine erhabene Stimme. Selbstverständlich bleibt Cachaça ein Dauerbrenner. Doch auch hier gibt es einen neuen Trend. Die industrielle Plörre wird die Deckung fallen lassen und mehr Platz für Artesanale Produkte freigeben. Qualität durch von Hand geerntetes Zuckerrohr, natürliche Hefekulturen und Destillation in kleinen Chargen wird von Bedeutung sein. Cachaça wird sich entstauben und im neuen Glanze erheben. Ist neben den Urgesteinen Rum, Rhum und Cachaça noch Platz für Neues? Zumindest ist es vorstellbar dass südostasiatische und indische Zuckerrohrdestillate in diesen jungen mitteleuropäischen Chor auch noch mit einstimmen.

6.) Der kluge Mann von Nebenan

„Puuh, der Nerd hat mir zugestimmt“, war erst kürzlich auf einer Spirituosen-Veranstaltung zu vernehmen, die von einem landesweit bekannten Bar-Profi gehalten wurde. Der Nerd soll hier besser als Connaisseur bezeichnet werden, ist Marke „Autodidakt“ und hat bisher kaum Schritte hinter einen Tresen gesetzt. Trotzdem hat er schon einen renommierten Cocktail-Wettbewerb gewonnen. Personen, die eigentlich einen anderen Beruf pflegen, aber tief im Wissen um Spirituosen, Bars und Cocktails verstrickt sind, werden mehr. Und sie werden wichtiger. Ernstzunehmend in Debatten sind sie schon längst und 2012 werden sie zum Beispiel der professionellen Riege bei Wettbewerben das Fürchten lehren. Ganz nebenbei pflegen die Freizeit-Cocktailianer noch hervorragende Blogs. Diese unglaubliche Bereicherung für die ganze Branche wird sich im Jahr 2012 noch weiter aus dem Dunkel wagen.

7.) Der Obstbrand und der Cocktail

Sie sind die neuen Geschmacksträger. Obstbrände sind regional, oder zumindest national, und bieten ungeahnte Möglichkeiten. Schon in alten Cocktailbüchern zu kleinen Teilen in Kreationen verwendet, werden Obstbrände der neue Geheimtipp sein und gleichzeitig der Schlüssel zu einer neuen Zielgruppe. Sei es Quitten-Crusta, Birnen-Fizz oder ein Zibärtle-Smash. Auch ein Whisky Sour mit einem Schuss Himbeergeist oder ein Daiquiri mit einem Hauch Kirschwasser funktionierten ausgezeichnet. So schmeckt die Zukunft, so schmeckt die GSA-Barkultur im Jahr 2012. Ganz beiläufig kann sich der deutschsprachige Raum aus seinen heimischen Produkten und den daraus entstehenden Kreationen ein eigenes Steckenpferd basteln. Ein Pferdchen was auch auf internationalen Rennbahnen in vorderer Reihe rennen kann.

8.) Die internationale Karriere-Leiter

Lebenserfahrung, Sprachkenntnisse und neue kulinarische Einflüsse sind an erster Stelle zu nennen, wenn es um die positiven Auswirkungen eines Auslandsaufenthaltes für Bartender geht. Die Welt ist schon zusammen gewachsen und die Internationalisierung der Barindustrie weit fortgeschritten. Während sich zwar viele ins Ausland getraut haben, waren bisher meist leider nur London und Dubai die Anlaufziele. 2012 eröffnen sich neue Pforten, vor allem in den asiatischen Raum. Die boomende Hotelindustrie, die um die aufstrebende, geldschwere asiatische Kundschaft buhlt, benötigt Fachpersonal, das man in den eigenen Märkten noch nicht akquirieren kann. Etabliert sich Barkultur in Asien über den Hotelweg? Den ersten Abenteurern der Anfangsjahre folgen nun immer mehr junge Bartender nach, um in Peking, Bangkok, Neu Delhi oder gar Kuala Lumpur den nächsten Karrieresprung zu vollziehen. Dass seit kurzem sogar ein Stipendium für Auslandsaufenthalte von Bartendern ausgeschrieben wird, befördert diese Entwicklung.

9) Der Mezcal

Mezcal, der Bruder des bisher bekannteren Agavenschnapses spielt die Geige der Zukunft im Orchester der Geheimtipps. Die noch vorhandenen Wissenslücken werden weiterhin schrittweise geschlossen, die Markenvielfalt wird sich erhöhen und immer mehr Bars werden sich langsam aber sicher gezielt nach Mezcals umschauen. Kein Wunder, denn Mezcal bietet Vielfalt, die Tequila nie gegeben war. Aus unterschiedlichsten Agaven, zumeist in kleinen Produktionsstätten mit traditionellen handwerklichen Mitteln gebrannt, entsteht unter dem Namen Mezcal ein Zauberwasser mit der Urgewalt eines kräftigen Islay-Whisky und der Fruchtigkeit eines feinstens verarbeiteten Tequilas. Einsetzbar ist er genau so gut im Old Fahioned, wie als Margarita-Variante. Auch dem Pur Genuss steht nichts im Weg. Mit ein wenig Glück haben wir vielleicht auch schon 2012 die erste offizielle Mezcaleria in Deutschland. Wer traut sich?

10.) Der Markenbotschafter

Sie sind jung, elegant, eloquent, kennen die Zielgruppe persönlich und bewegen sich auf dem Markt  und in diversen Bars wie in ihrem Wohnzimmer. Welche Marke sich bisher keinen Brand-Ambassador aus Bartenderkreisen rekrutierte, muss sich sputen. Die Letzten werden hier nicht die Ersten sein. Denn einige charmante Barkräfte haben schon die Seiten gewechselt und spielen nun eine fixe Rolle für bestimmte Zweige der Industrie. Selbst für kürzere Veranstaltungsreihen werden publikumsnahe Barkräfte angeheuert, die mit ihrem persönlichen Draht die jeweiligen Produkte schon an den Mann oder die Frau bringen. Wer 2012 als Marke ohne Bartender auftritt, wird es wohla schwer haben. Der Bartender-Markenbotschafter macht Marketing wieder authentisch und glaubwürdig. Ohne Ironie: Danke und Chapeau!

… Im Zweifel nimmt er dann alles zurück und behauptet das Gegenteil.

„Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“ (Konrad Adenauer)

Alle Angaben sind ohne Gewähr.

 

Bild: aboutpixel.deLicht am Ende des Tunnels © stormpic / Rainer Sturm

3 comments

  1. Jean-Pierre Ebert

    Wird es ein gutes oder schlechtes Barjahr?

    Jean-Pierre Ebert, rivabar

    p.s. Positiven Prophezeiungen dazu, möchte ich leichtgläubig zustimmen. Man beachte jedoch die EM 2012.

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