Wie ernst nimmt die Industrie ihre Verantwortung. Von Sinn und Unsinn.

Debatte 26.5.2013 3 comments

Natürlich! Alkohol ist ein Gift, eine legale Droge die Abhängig machen kann und der Konsum kann schlimme Konsequenzen haben. Alkohol ist aber auch Treibstoff unserer Branche und nicht zuletzt seit Jahrhunderten in unserer Kultur verankert. Außerdem ein globaler Wirtschaftsfaktor und nicht zuletzt Brennstoff unzähliger Nächte. Wie ein Spruch im Internet richtigerweise sagt: die wenigsten guten Geschichten fangen damit an, dass jemand einen Salat gegessen hat.

Nun leben wir aber in einer Zeit der Regelung und Bevormundung. In der der Staat uns vor uns selbst schützen möchte wo es nur geht. Drangsaliert und verbietet, Gutes empfiehlt und Böses verteufelt. In manchen Punkten fühlt man sich ins dunkle Mittelalter zurückversetzt in dem die Kirche versuchte das Leben zu kontrollieren und zu maßregeln.

Vielleicht wird es Zeit, dass jemand kommt, der ein paar Thesen zum Alkohol und zur Selbstbestimmung an Türen von Ministerien nagelt.

Aber zurück zum Thema. Alkohol ist ein riesiger Faktor der weltweiten Wirtschaft. Unzählige Arbeitsplätze sind daran gebunden und kulturell ist er so tief verwurzelt, dass er aus dem Alltag kaum wegzudenken ist.

Und weil er so allgegenwärtig ist und trotzdem Gift und Droge gibt es vielerorts kritische Stimmen die einen allzu laxen Umgang anmahnen und die den Verkauf und Konsum strenger kontrollieren wollen.

Ein höheres Mindestalter für den legalen Verkauf, warnende Piktogramme auf Etiketten und bundesweite Kampagnen werden initiiert, um die Allgemeinheit und besonders die Jugend zu warnen und zu schützen.

Stellt sich die Frage ob man hier nicht am falschen Ende anfängt zu arbeiten, oder ob man einfach den Brunnen zuschüttet, dessen Sicherung schon vor mehreren Jahrzehnten verschlafen wurde?

Unsinn und Wahnsinn

Der schwangere Teenager der trinkt wird die Flasche nicht wieder wegstellen weil es ein Piktogramm auf dem Etikett empfiehlt. Und dem wetttrinkenden Halbstarken werden vermutlich keine extra Augen geöffnet wenn ihm auf Plakaten unangenehme Folgen seines Rausches aufgezeigt werden. Wenn man mal kurz – ganz kurz reicht schon – darüber nachdenkt, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass es eher an denen liegt die zu einem normalen Umgang mit Alkohol erziehen sollten als am Getränk selbst. Aber von der Politik zu erwarten, dass diese Entscheidungen mit Weitsicht und sinnvollen Maßnahmen trifft ist in etwa mit den gleichen Aussichten auf Erfolg behaftet wie die beschriebenen Maßnahmen.

Statt dessen wird neuerdings wieder ein Werbeverbot diskutiert. Aus den Augen aus dem Sinn. Eine hervorragende Idee. Wenn die Teenager keine Plakate mit alkoholischen Getränken mehr sehen, werden sie auch bald vergessen, dass es sie überhaupt gibt. Als gutes Beispiel hierfür dient der russische Markt. Seit dem man dort nicht mehr für Vodka und hochprozentige Brüder werben darf wird dort kaum noch getrunken.

Was ein Quatsch. Die einzige Folge ist derzeit die, dass Bartender von der Industrie mit Geschenken überhäuft werden. Das Budget muss schließlich werbewirksam ausgegeben werden. Das Ganze geht soweit, dass die Top-Bartender aus Moskauer Bars mit gebrandeten Smartphones bedacht werden.

Verantwortung der Industrie

Aber da man auf gesunden Menschenverstand und sinnvolle Politik in diesem Zusammenhang nicht hoffen darf, muss die Industrie sich vielleicht selbst hinterfragen. Und zwar ob wirklich jede Spirituose dem Genuss dient, oder ob es nicht in letzter Zeit vermehrt sehr billige Zuckermischungen geschafft haben in die Regale von Supermärkten und von dort in die Hände Jugendlicher zu kommen.

Sind hochprozentige Spirituosen in den Geschmacksrichtungen Zuckerwatte, Schlagsahne oder Vanillepudding wirklich notwendig und vom Markt gefordert, oder nimmt man damit die ganz ganz junge Generation an die Hand und führt sie durch diese abstrusen Geschmacksrichtungen an den Alkohol heran, so dass man sich die Käuferschicht von morgen sichert?

Wenn man von einem wirklich verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol sprechen will, so wie er in leeren Worthülsen auf jeder Flasche und jedem Plakat zu sehen ist, dann ist es an der Zeit, dass sich eine unabhängige Instanz aus der Industrie bildet, die sich selbst kontrolliert und eine ernste Diskussion um dieses Thema führt. Lediglich der von der Regierung geforderte Hinweis auf der Flasche und der Link zur Homepage der BZgA sind eben noch kein Eingeständnis, dass man auch als Hersteller eine Verantwortung trägt.

Bleibt zu hoffen, dass die Horrorszenarien ausbleiben. Niemand wünscht sich Verhältnisse wie beispielsweise in Finnland, wo es nur mit Umständen möglich ist für sich und seine Freunde eine Runde Bier zu ordern. Beinahe unmöglich ist es zum Bier noch einen Shot zu bekommen. Es ist nämlich eigentlich verboten, zwei alkoholische Getränke auf einmal an eine Person zu verkaufen.

Damit dies nicht so kommt. Mehr Protest, mehr Mitdenken und vor allem, mehr ehrliche Eigenverantwortung.

 

Bildquelle: aboutpixel.deHaftung © archijack

3 comments

  1. thomas zilm

    den staat oder die industrie in die verantwortung ziehen für unser aller rausch?…. der konsum von genussmitteln hat etwas mit gesundem menschenverstand zu tun (und der daraus entwickelten sozialisation) – und der fängt beim konkreten menschen an! wenn wir selbst in unserem privaten hedonismus den staat oder das „system“ als kontrollmechanismus einführen, wie weit soll das dann am ende führen?
    und dabei spricht nur der konsument aus mir… dem bartender in mir graut es bei dem gedanken noch viel mehr.nicht.
    da wird das argument auch nicht besser, auf unsere nordeuropäischen nachbarn mit ihrer stringenten politik zu verweisen.

    wie hatte es engels formuliert:
    „freiheit ist die einsicht in die notwendigkeit“…sich seiner eigenen vernunft zu bedienen.
    in diesem sinne
    cheers

  2. Marco Beier

    Hallo Thomas,
    gerade deswegen gilt es, aus Sicht der Industrie einen intelligenteren Umgang mit der eigenen Verantwortung zu suchen. Gerade um zu verhindern, dass sich der Staat noch weiter einmischt.

    Prost,
    Marco

  3. Helmut Adam

    Noch kurz der Hinweis, dass das, was Marco beschreibt, in Großbritannien bereits existiert.

    Dort gibt es die Portman Group, eine selbstregulierende Institution der Getränkeindustrie. Sie gibt einen „Code of Practice“ heraus:

    „The Code applies to all pre-packaged alcoholic drinks and covers the drink´s naming, packaging, point-of-sale advertising, brand websites, sponsorship, branded merchandise, advertorials, press releases and sampling.

    The Code has an open and accessible complaints system. Complaints under the Code are ruled on by an Independent Complaints Panel.

    If a product is found in breach of the Code, a Retailer Alert Bulletin is issued, asking retailers not to stock the offending product unless and until it has been amended to comply with the Code.“

    Das heisst konkret, dass massiver Druck auf Hersteller ausgeübt wird, die sich nicht an den Code halten.

    In Deutschland gibt es mit dem B.S.I. einen Branchenverband der Spirituosenindustrie. Dieser führt laufend Maßnahmen und Schulungen durch, die den verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol fördern. Dieser Verband ist aber keine regulierende Institution, das heißt, er schreibt Produzenten nicht vor, wie ihre Kommunikation oder das Packaging/Branding auszusehen hat.

    Hier der Link zur Portman Group:

    http://www.portmangroup.org.uk

    Grüße, Helmut

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