Whisky. Oder eine Ode wider die Moral.

Debatte 7.4.2013 1 Kommentar

Sonntag – ein nachösterliches Massaker. Eine Selbstgeißelung und ein Sprung ins Gesicht der Fahrradhelmkultur. Zwei schöne Artikel auf Spiegel Online über die immer blühendere Whiskykultur in Deutschland sind im Kommentarforum zu einem Lehrbeispiel geworden, dass man froh sein kann, im wirklichen Leben vor gewissen Menschen von der Polizei geschützt zu werden.

Ja, ich bin ein Alkoholiker, der seine Freundin und deren Kinder schlägt. Ich bin ein asozialer Volksschädling, wahlweise impotent oder ein Priapist. Von Satyriasis getrieben und dem Säuferwahnsinn anheim gefallen. Überhaupt gefallen. Ich bin misogyn und ein Chauvinist, mindestens aber mag ich Frauen nicht. Ich lasse mir einen blasen und frage dann ob ich gut war. Ich habe kultische Feste mit Alkohol gefeiert und danach Jesus Christus ans Kreuz genagelt. Ich bin Jesus Christus. Mein Gott ist Whisky, mein Evangelium ist der Suff. Ich bin ein Adventist der hochprozentigen Degeneration. Ich bin ein Selbstmörder und ein Satansbraten in Aspik. Hängt mich auf an meinem Flaschenhals.

Kommissare der Lust- und Genussfeindlichkeit

Warum? Nun, ich habe einen Schluck Whisky getrunken. Genauer genommen habe ich einen Freund getroffen, der gerade die neueste Abfüllung eines Whiskys aus dem Spreewald mitgebracht hat. Davon habe ich genippt. Jetzt denken Sie das sei eine Mischung aus LSD, Methylalkohol, ein Brandbeschleuniger mit dem man das Hexenfeuer anzündet. Mitnichten. Whiskypapst Jim Murray hat ihn als ein Produkt bezeichnet, für das es sich zu leben lohne. Ein Kulturprodukt.

Warum ich das alles erzähle? Diese Woche hat sich Spiegel-Autor Frank Patalong auf eine Reise begeben. Nach Franken. Zunächst porträtierte er Robert Fleischmann der dort seine Brennerei Blaue Maus betreibt und nebenbei geriet er ins Schwärmen über die neue Whiskybrennereiwut und Genusskultur in Deutschland. Er besuchte eine Whiskymesse in Nürnberg und beschrieb die Besonderheiten der Szene. Und damit hatte er die Kettenhunde der Dummheit von der Leine gelassen. Die Blockwarte der Volksgesundheit und die Kommissare der Lust- und Genussfeindlichkeit. Im Dunst der Anonymität schwärmen die Apologeten der Fahradhelmkultur im Kommentarforum – dieser Autobahn ohne Idiotenlimit – aus. Den Helm ziehen diese bekanntlich nur auf, um mit gutem Gewissen im Vollgeschwindigkeitsrausch durch den Verkehr zu brettern und alles links und rechts umzunieten, was ihrem Bestmenschentritt nicht schnell genug Platz macht. Seht her, ich mache alles richtig, daher darf ich alles erst recht. Der Fahradhelm wird zum Stahlhelm im namenlosen digitalen Umerziehungslager.

Martinis mit gepökelten Zehen

Hätte Patalong über Saufknechte geschrieben, die ihre Martini Gläser mit gepökelten Zehen garnieren, hätte man sich vielleicht an den Kopf fassen können. Hätte er über dekadente Millionäre, die sich in Afrika Löwen und Elefanten vor die Büchse treiben lassen geschrieben, wären die Frevelgesänge vielleicht stimmig gewesen. Aber hier werden Interessierte, Hedonisten, Connaisseurs und Sammler mit den sieben Todsünden in Verbindung gebracht und an den Pranger gestellt. Noch schlimmer, sie lassen sich in diese Ecke drängen. Argumentieren, lamentieren, erklären, entschuldigen und besänftigen. Haben Sie schon einmal einen Fanatiker von der Vernunft überzeugt? Die Dummheit ist ein Gezücht, das unter ständigem Gebärzwang leidet. Deren Leibesfrucht trägt den Namen Intoleranz. Da helfen keine Nonsenskondome, keine Brutkästen des Verstandes, keine Ergotherapien, keine geistige Mülltrennung. Dem Bluteifer eines Pol Pot kommen Sie nicht mit Wegducken bei. Hoffentlich sieht mich keiner, ich trinke doch nur eine Flasche im Jahr, ich könnte mir mehr als ein Glas in Dekaden gar nicht leisten und dergleichen winseln die Genussübeltäter vor ihren Scharfrichtern. Lieber Trunken- als Tugendbold. Lieber Hemingway als Robespierre, mehr Sünde als Buße, scheiß auf die Kritikaster. „Feiert das Laster!“ Aber da verstehen die Moralbesoffenen doch nur wieder Bahnhof und schreien Sie aus sicherer Deckung an: „Mehr Schiene als LKW!“

Bildquelle: aboutpixel.de / Graffity © i-on

Ein Kommentar

  1. Jean-Pierre Ebert

    Markus,

    vier Absätze, vier Verbeugungen!

    Gruß,
    wahlweise vom
    helmlosen Radler,
    6-Zylinder-Mercedes-Fahrer,
    4-Schampusflaschen-Alleintrinker,
    3-Wochen-nur-Bier-und-Surfen-Asket,
    olfaktorisch- gepeinigter-nie-öffentliche-Verkehrsmittel-Benutzender

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