Wiedereinführung der Sperrstunde. Geht´s noch?

Debatte 23.6.2013

Vor etwas mehr als einem Monat überraschte an dieser Stelle die Autorin Alisa Reimer mit einer Lobeshymne auf die Sperrstunde. Forderte eine Wiedereinführung und sah schon goldenen Zeiten entgegen, wenn erst einmal alle Feiernden um kurz nach Mitternacht friedlich ins Bett gehen würden.

Land der Dichter und Denker. Zugegeben, bewegt man sich am frühen Morgen in deutschen Großstädten mit öffentlichen Verkehrsmitteln kann man sich des Eindrucks nicht verwehren, dass nur noch das Dicht übrig geblieben ist. Den Weg zur After Hour könnten sich manche wirklich sparen.

Aber dennoch. Das Wochenende, das exzessive Feiern sind dringend notwendige Ablenkungen, um die Menschen aus ihrem Rhythmus zu holen und sie aus ihrem Alltag herauszureißen. Wer von Montag bis Freitag ein Sklave der Gleitzeit ist, der darf am Wochenende bitte selbst entscheiden wann die richtige Zeit zum Feiern ist. Zumal in der modernen Arbeitswelt der Feierabend nur selten wirklich einer ist. Den realen Acht-Stunden-Arbeitstag gibt es kaum noch, jeder ist dank Smartphone und Mobile Office immer und überall erreichbar. Wer ganz sicher sein möchte ungestört zu sein, der macht dies am besten spät in der Nacht.

Vorzeigemenschen

Führt man sich das von Alisa Reimer gezeichnete Bild vor Augen, fühlt man sich an Familienplakate grinsender amerikanischer Familien beim Wochenendausflug erinnert. Heile Welt und eitel Sonnenschein.

Was aber, wenn ich absolut keine Lust habe mein freies Wochenende in Museen und Parks zu verbringen? Vielleicht gibt es Menschen, denen am Wochenende einfach nur nach Feiern zumute ist? Bis in die späten Morgenstunden von einem Club zum nächsten, um daraufhin den Tag zu verschlafen und am späten Abend wieder loszuziehen?

Und selbst wenn jeder den kulturellen Teil seines Wochenendes vermisst. Hat schon einmal jemand darüber nachgedacht, wie voll diese ganzen tollen Orte wären, wenn niemand zerstört auf seiner Couch ausnüchtern müsste? Das wäre nicht auszuhalten und sicherlich den meisten kulturbeflissenen auch wieder ein Dorn im Auge.

Gesellschaftliche und kulturelle Auswirkungen werden beschrieben. Weniger Trunkenheit und Drogenkonsum und Aussicht gestellt und – Gott sei Dank – endlich wieder vernünftige Konversation. Als ob Trunkenheit und Drogenkonsum nur mitten in der Nacht funktionieren. Dass man sich auch mit einem festen Zeitlimit ganz hervorragend aus dem Leben schießen kann, durfte man sich lange am englischen Vorbild ansehen. Dort war die Sperrstunde mehr Herausforderung als gesellschaftlicher Pluspunkt.

Und wer sich die positiven Nebenwirkungen des Trinkens am Tage ansehen möchte, sei herzlich eingeladen das Münchener Oktoberfest zu besuchen. Viel Spaß bei der Suche nach wenig Trunkenheit und tollen Gesprächen. Streit, Drogenkonsum oder gar Totalausfälle wegen Alkohol wird niemand finden. Schließlich trinkt man nur am Tage.

Aber weg vom Ausnahmezustand, hin zum normalen Ausgehen. Nicht jeder geht aus, um andere Menschen kennenzulernen und sich über Auto, Haus und Jacht zu unterhalten. Manche machen das wirklich nur um des Feierns willen. Und wenn ich mich dabei betrinken möchte und vollkommen über die Stränge schlagen? Bitteschön. Ich bin schließlich alt und erwachsen genug und benötige neben der sonstigen Gängelei und Überwachung nicht noch eine Obrigkeit, die mir vorschreibt, wann die beste Uhrzeit für gute Laune ist. Und was bitte macht die Stunden um Mitternacht so besonders und magisch? Das Datum wechselt. Aber das ist auch das einzig Magische. Ansonsten kommt es für jeden darauf an was wann passiert. So können durchaus die Stunden beim Essen im feinen Restaurant magisch sein. Für andere ergibt sich eben erst eine bestimmte Magie, wenn sie vor den Club treten und ihnen die Sonne schon wieder entgegen blinzelt.

Und, das sei am Rande erwähnt, nicht jeder Mensch für den Wochenende immer auch Party ist, ist potenziell drogenabhängig. Wahrscheinlich ist die Zahl derer, die sich unerlaubt aufputschen, weil sie ihren Job sonst nicht schaffen würden, nicht viel kleiner als die, die sich beim Feiern berauschen. Dies soll aber für beides keine Rechtfertigung sein. Vielmehr soll daran erinnert sein, dass es durchaus Menschen gibt, die eine After Hour auch ohne Pulver und Tabletten schaffen.

Das Horrorszenario

Was also, wenn die Sperrstunde wiederkommt? In München gab es sie bis vor Jahren noch. Um ein Uhr nachts mussten alle Restaurants und Bars schließen. Von wenigen Läden mit Ausnahmegenehmigung einmal abgesehen. Die Bürgersteige konnte man um halb zwei hochklappen. Dennoch ging niemand nach Hause, sondern suchte die wenigen Läden auf, die eine Sonderkonzession haben. Der nüchterne Sonntag im Museum war somit auch dahin.

Und für alle, die länger feiern wollen als von Acht bis Eins? Sicherlich würden sich neue Veranstaltungen finden. Der Tanztee am Sonntagnachmittag wird von wilden Horden überrannt. Während andere auf dem Weg zum Restaurant oder in die Bar sind, werden sie gestört von denen die schon nachmittags Feiern wollten und nun schon angetrunken losziehen, um ihren Rausch in einer Bar zu vollenden.

Dort stören sie den kultivierten Wochenendler dann aber auch wieder in seinen seriösen und tiefsinnigen Gesprächen.

Nein. Ganz laut Nein. Eine Einmischung und Verschiebung in die Zeiten, zu denen wir feiern sollen, ist nicht nötig und schon gar nicht produktiv. Jeder möge feiern wann und wo er will. Es müssen dann einfach Prioritäten gesetzt werden. Wer zur After Hour möchte, kann nicht ins Museum. Andersrum genauso.

Und abschließend als Bartender gesprochen. Wenn alle Bars um eine bestimmte Zeit zusperren müssen. Wo zur Hölle soll ich denn dann mein Feierabendbier trinken gehen?

 

Bildquelle: aboutpixel.de10.28 Uhr 2 © daylight

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