Bar Community

Die Bartender Community ist tot. Es lebe die Community!

Debatte 24.2.2013 9 comments

Ist die Bar Community tot? Communitys, Gemeinschaften, sind keine fest gefügten Gebilde. Sie ändern sich, vergrößern oder verkleinern sich. Nehmen neue Mitglieder auf, während andere gehen. MIXOLOGY-Herausgeber Helmut Adam ist der Meinung, dass die Bar Community durchaus etwas Aktivierung vertragen kann und beschreibt, um  was es beim ersten Bartender Symposium in Wien gehen wird.

„Die Community ist tot!“ sagte vor ein paar Monaten ein erfahrener Bartender zu mir in einem Telefonat. Es gebe das enge Zusammengehörigkeitsgefühl nicht mehr, dass noch vor drei, vier Jahren in der Barszene bestimmend gewesen sei. Derzeit gehe es nur um den eigenen Vorteil, die Firmen hätten die Events und Community-Anlässe gekapert. Nicht mehr die Sache an sich stehe im Mittelpunkt, sondern das Ergattern des nächsten lukrativen Messe-Jobs von Firma XY oder die Berufung zum lokalen Markenbotschafter auf der Gehaltsliste eines Getränkekonzerns.

Nun, etwas ist dran an seinen Worten. Die Bartendernetzwerke, vor ein paar Jahren furios gestartet, sind vielerorts eingeschlafen. „Auf ein Mailing bekomme ich derzeit nicht einmal zwei Rückmeldungen“, bestätigt der Organisator eines lokalen Bartenderzirkels kürzlich diesen Trend. Was von außen oft nicht sichtbar ist – in den  meisten offenen Netzwerken und Gruppen sind es ein, zwei Personen, die die Arbeit machen. Werden sie müde, schläft auch das ein, was man „Community“ nennt.

Die große Ermüdung

Nehmen wir das Beispiel „Traveling Mixologists“. Bei diesem internationalen Netzwerk, in dessen Reihen der Autor dieser Zeilen auch einmal kurz (als professioneller Aschenbecherwechsler) mitwirkte, war Jörg Meyer das organisatorische Rad. Die Veranstaltungen, bei denen es, heute kann man das auch offen sagen, im Hintergrund immer viele Häuptlinge und wenig Indianer gab, waren ein absoluter Publikumsmagnet in der Szene.

Die Interessen der weißgewandeten internationalen Barmänner haben sich über die Jahre allerdings auseinanderentwickelt. Und das interne Schwungrad des Netzwerkes, Jörg Meyer, betreibt mittlerweile zwei Bars und hat verständlicherweise andere Prioritäten. Entsprechend werden auch die Rufe nach neuen Events von diesem Netzwerk wohl eher ungehört verhallen. Kurz nach dem Bar Convent war diese Frage schon einmal Gegenstand eines Textes von MIXOLOGY-Autor Marco Beier:

„Wo sind denn die jungen Wilden, die die Wettbewerbe beherrschen und vor Kreativität nachts nicht einschlafen können? Alle so vereinnahmt durch die Arbeit am Messestand, dass nebenher nichts mehr geht? Oder wartet ihr noch immer, dass Jörg Meyer seine TravMix wieder um sich schart und es Champagnerkorken regnet? Vielleicht seid mal langsam ihr am Zug für einen besonderen Kick-off zu sorgen oder den Abend zu gestalten.“

In den Kommentaren zu dem betreffenden Artikel wurde am eigentlichen Thema allerdings eher vorbeigeredet. Da wurde geseufzt, dass alles zu groß und zu anstrengend geworden sei. Andere wiederum merkten an, sie hätten hinter dem Brett gestanden, aber kein großes Aufheben darum gemacht. Dabei geht es überhaupt nicht um die Arbeit in den Bars. Es geht vielmehr um die öffentliche Wahrnehmung der Szene, darum, dass so etwas wie ein Community-Spirit, ein „Zusammen“ fühlbar ist. Und für dieses Zusammengehörigkeitsgefühl haben in der Tat zu einem nicht unerheblichen Teil Veranstaltungen der Bartender-Netzwerke gesorgt.

Ein Element, das sicherlich den Schwung aus den Segeln der lokalen Bartendernetzwerke genommen hat, sind die enorme Vielzahl an Veranstaltungen mit Community-Charakter, die die Spirituosen- und Getränkeindustrie mittlerweile veranstaltet. Ganz klar haben die Marken die letzten Jahre nicht verschlafen und Kiebitz gespielt bei den Bartendern. Da gibt es mittlerweile den Kräuterzirkel, den Hubertusrat oder die World Class Bartender.

Der Barmann im Zentrum des Markensturms

All diese Programme haben das Ziel, Marken bei den Bartendern interessant zu machen und nutzen dazu Community-Elemente. Der große Unterschied dieser „Netzwerke“ zu den freien Zusammenschlüssen der Bartender besteht allerdings in der mehr oder weniger strikten Kontrolle, wer an ihren Veranstaltungen teilnehmen darf und wer nicht. Ganz klar, die organisierenden Agenturen und Marketingmenschen müssen ihre Budgets rechtfertigen, müssen Erfolge vorweisen.

Diese Programme haben viele Bartendern Quantensprünge ermöglicht. Sie bekommen Reisen bezahlt, lernen spannende internationale Referenten und Experten kennen und können vor Ort Produktionsanlagen besichtigen oder mit Master Distillern sprechen. Noch nie gab es so viele Möglichkeiten in der Branche, um sich fortzubilden auf dieser Ebene. Der sogenannte „on-trade“, die Gastronomie, steht bei fast jedem Spirituosenkonzern ganz oben auf der Prioritätenliste.

Allerdings haben diese Aktivitäten auch eine Kehrseite. Betrachtet man die Entwicklung der letzten zwei, drei Jahre, hat man den Eindruck, dass gerade dieser „Sturm auf den on-trade“ den Wind aus den freien Netzwerken der Bartender genommen hat. Wieso sich lokal engagieren, wenn man monatlich mehrfach eingeladen wird zu einer Firmenveranstaltung? Wieso ein Treffen organisieren, wenn mich Firma XY ohnehin einfliegt zu einem Cocktailwettbewerb, an dem ich zig andere Bartender treffen kann?

Die satte Bartender-Maus

Der Bartender-Maus scheint das Mehl nicht mehr zu schmecken. Wieso noch einen Finger rühren, wenn man mir alles ohnehin auf dem Teller serviert? Ein gutes Beispiel ist eines der großen globalen Bartender-Events, über dessen Start ich vor ein paar Jahren noch enthusiastisch geschrieben hatte. Der Charme des Beginns ist aus meiner Sicht mittlerweile einer großen, geschlossenen Marketing-Walze gewichen. Und vielleicht war es auch naiv von mir, etwas anderes davon zu erwarten, als dass man Bartender, die daran teilnehmen, zu einer Art shakenden Litfaßsäulen macht. Klar, am Ende des Tages geht es eben doch ums Verkaufen.

Vor ein paar Monaten traf ich ein paar von ihnen, die nun rund um die Welt in Schulungen eingesetzt werden, auf einer internationalen Messe. Ich kannte sie schon lange vor dem Marken-Programm. Umso mehr bedauerte ich beim Treffen, wie sich das Umfeld verändert hat. Die Barleute wirkten gehetzt, fest in der Hand der lokalen Agentur, der Zeitplan minutiös durchgetaktet. Illusorisch, sich abends auf einen Drink zu verabreden. Es sei denn, man schaffte  es irgendwie auf die „strictly V.I.P. party“. Irgendwie war das früher alles ein bisschen cooler, lockerer. Mehr „Community“. Da ist das Wort wieder!

An dieser Stelle möchte ich nicht falsch verstanden werden. Das beschriebene Programm ist fachlich exzellent und hat vielen Bartendern eine enorme Fülle an Wissen und Kontakten beschert und wird es wohl auch weiterhin. Als Medium sind wir seit mehreren Jahren Partner dieser Veranstaltung. Ich selbst habe mehrfach gegen Honorar als Juror bei den Ausscheidungen mitgewirkt.

Es ist nur die Abwesenheit freier, selbst organisierter Events, die einem das Gefühl gibt, dass die kommerziellen Veranstaltungen überwiegen und dominieren. Denn diese Firmenveranstaltungen können Community ganz klar nicht ersetzen. Und das kann man von ihnen auch gar nicht erwarten. Dabei gibt es im jährlichen Bar-Zirkus genügend Raum für beides!

Deshalb wünsche nicht nur ich mir wieder mehr von der anderen Sorte. Mehr Bartender-Punkrock! Wieder mehr von diesen 40 bis 50 Bartendern, die früher auf die London Barshow getreckt sind. Auf eigene Kosten und mit leerem Rollkoffer, um im Rudel Gerry’s leer zu kaufen und schlicht eine spannende, gute Zeit miteinander zu haben.

Was der Barszene fehlt

Aus der reinen Analyse muss allerdings auch Handlung entstehen. Statt zu schimpfen, zu mahnen oder mit dem Finger aufeinander zu zeigen, sollte man schauen, was fehlt. Wir als Medium nehmen uns dabei nicht aus. Wir haben den Bartender-Netzwerken, ob sie Vienna Bar Community, Münchner Barzirkel oder Barzirkel Ruhrgebiet heißen, von Anfang an mediale Reichweite verliehen. Als Magazin haben wir uns von Beginn an als Partner des Bartenders verstanden. Als jemand, der fordert und fördert.

Im Jahr 2006 organisierten wir zum Beispiel die Jubiläums-Aktion „200 Jahre Cocktail“, an der sich viele Bars beteiligten.  Die Einnahmen aus dem Verkauf eines Teils unserer Sonderausgabe, den viele teilnehmende Bars organisierten, nutzten wir in der Folge für Veranstaltungen unter dem Label „European Cocktail Museum“, stellten dafür Personal , Räume und Platz im Magazin. Dies sollte der Non-Profit-Zweig unseres Verlags werden. Wir wollten vergriffene Bar-Literatur wieder auflegen, einen Wissens-Pool schaffen. Die Dynamik, die die Barszene erfasst hat, überholte allerdings rasch diese Pläne.

Mixellany hat mittlerweile preisgünstige Wiederauflagen aller großen Cocktailklassiker im Angebot. Es wimmelt nur so von Fortbildungen, Schulungen und Programmen. Zeit für eine Neuorientierung. Das Museums-Projekt lassen wir ruhen. Möglich, dass wir Logo und Idee in Zukunft jemand anderem zur Verfügung stellen, der tatsächlich ein anders gewichtetes Museumsprojekt für die Öffentlichkeit organisieren will.

Das Reizwort „Ausbildungsberuf“

Dafür möchten wir ab sofort unsere Zeit und Reichweite etwas Neuem widmen. Denn was fehlt in der Branche, ist nach wie vor der nächste Schritt. Wo wollen wir hin als Bartender? Wollen wir tatsächlich wahrgenommen werden außerhalb der Grenzen unseres Berufstandes? Möchten wir gemeinsam den Beruf zu einem mit standardisierten, etablierten Ausbildungsschritten machen? Ja, da ist es wieder dieses Reizwort „Ausbildungsberuf“, das schon so oft in den Mund genommen wurde, dass es eigentlich schon nervt.

Tatsächlich wurde in endlosen Off- und Online-Debatten in der Barszene seit Jahren darüber  groß formuliert und diskutiert. Wenig hört man derzeit davon. Und wenig ist tatsächlich in diese Richtung passiert. Seien wir ehrlich – nichts ist passiert! Die Stärke und Lebendigkeit der Szene mit einer Vielzahl von Bar-Eröffnungen, Messen und Veranstaltungen wirkt derzeit absurderweise wie ihre Schwäche.

Es fehlt ein neuer Anlauf mit den richtigen Personen aus der Branche, die bereit sind, gemeinsam wieder die Fäden aufzunehmen und tatsächlich etwas aus der vielgerühmten Netzwerkqualität des GSA-Bartending entstehen zu lassen.

Auf nach Wien zum Bartender Symposium!

Und genau das wird nun im April passieren. Die Vienna Bar Community lädt ein zum ersten Bartender Symposium. Gemeinsam mit anderen Bartendernetzwerken, mit den Bartendern und Bar-Betreibern anderer Städte und Regionen, soll diskutiert werden, wie die Branche von innen heraus (!) professionalisiert werden kann. Keine Firma wird die Flüge nach Wien bezahlen. Kein Sponsor seine Ware auf die Tische stellen. Keine irgendwie gearteten freiwilligen oder unfreiwilligen Handschellen, keine Politik, keine Denkverbote. Es geht rein um das Bartending. Um den Beruf des Barmanns, um seine Anliegen.

Es war Gerhard Kozbach-Tsai, langjähriger Manager des Scotch Club in Wien, Mit-Gründer der Vienna Bar Community und Mitglied der Jury der MIXOLOGY BAR AWARDS, der letztes Jahr auf uns zukam mit dem Vorschlag eines freien Zusammentreffens außerhalb des Messe- und Wettbewerbskalenders. Von MIXOLOGY aus haben wir, um einen zusätzlichen Anreiz für Bartender und vor allem Barbetreiber zu schaffen, mit uns die Reise nach Wien anzutreten, das Finale der Made in GSA Competition 2013 nach Wien gelegt. Es wird am Vortag des Bartender Symposiums stattfinden.

Das Blog des Bartender Symposiums ist bereits hochgeschaltet. Wer auf dem Laufenden bleiben möchte, sollte die nächsten Tage und Wochen öfter Mal dort vorbeischauen oder der Facebook-Seite beitreten. Gemeinsam mit der Vienna Bar Community hoffen wir, dass dies der Auslöser wird für mehr Dynamik im Miteinander der Bartender-Community. Denn wir sind überzeugt – sie lebt!

 

Weitere Informationen:

bartender-symposium.com

facebook.com/bartendersymposium

9 comments

  1. Mike

    Hallo Helmut,
    es ist für dich sicherlich nicht überraschend, das ich das ein wenig anders sehe. Die Barlife Experience Tour und ihre Freunde veranstalten ihre gesamten Veranstaltungen ganz im Sinne eines freien Netzwerkes.
    Zitat Helmut Adam:
    „Der große Unterschied dieser „Netzwerke“ zu den freien Zusammenschlüssen der Bartender besteht allerdings in der mehr oder weniger strikten Kontrolle, wer an ihren Veranstaltungen teilnehmen darf und wer nicht. Ganz klar, die organisierenden Agenturen und Marketingmenschen müssen ihre Budgets rechtfertigen, müssen Erfolge vorweisen.“

    Ich habe mich von Anfang an dagegen entschieden meine Workshops zu reglementieren wer da alles kommen darf. Ich fordere und fördere gerade junge Einsteiger in die Barszene und freue mich genauso sie zu sehen, wie auch alte Hasen… und ich glaube der Erfolg gibt mir recht…
    Unsere Workshops sind extrem gut besucht und das Feedback der Bartender ist sehr gut und macht mich extrem glücklich.
    Meine Workshops & Events sind nicht für Bartender gemacht die sich für so toll halten das sie nur ungern zusammen mit ihren Azubis feiern wollten, sondern für die Barleute die einfach Lust auf einen regen & ehrlichen Erfahrungs- und Meinungsaustausch haben, egal ob der gegenüber nur ein Neustarter ist oder eine alte Rampensau…

    aber nach Wien werde ich wohl auch kommen, nicht weil ich die guten alten Zeiten vermisse, sondern weil ich zeigen möchte:
    Bartender sind gemeinsam am stärksten!

    Gute Nacht aus Berlin

  2. Helmut Adam

    Hallo Mike,

    danke für Deinen Kommentar! Ich hatte leider noch nicht das Vergnügen, eines Deiner Barlife Experience Tour Seminare besuchen zu können.

    Du hast sicherlich Recht, wenn Du auf die bei Dir nicht vorhandenen Zugangsschranken hinweist. Übergeordnet haben aber auch Deine Seminare das Ziel, eine Markenbindung an Produkte Deines Arbeitgebers Diageo herzustellen. Jemand muss ja den Aufwand bezahlen.

    Wie oben geschrieben, spreche ich den Veranstaltungen und auch Deinen Events ihre Wirksamkeit und ihren „Förderungsaspekt“ nicht ab.

    Würde mich freuen, wenn Du nach WIen kommst!

    Grüße, Helmut

  3. Wiedemann

    Die angekündigte Initiative finde ich sehr gut! Habe ich auch schon 2002 für gekämpft. Weiter so

  4. Joerg Meyer

    Werter Helmut,

    Sehr gut! Applaus für Gerhard und die Wiener Bar Community für diese Veranstaltung. Gefällt mir gut – auch wenn, wie Dein Artikel vemuten lässt, ich durch das Betreiben nunmehr zweier Bars meine Prioritäten geändert habe … 🙂

    Nein, Beruf und Berufung Bartender bleiben selbst für mich eines der liebsten Themen. Daher, wenn der Kalender es zulässt, werde ich nach Wien aufbrechen.

    Das ist gar nicht mehr so einfach, denn als „Bartender im Zentrum des Markensturms“ bin ich in diesen Monaten sozusagen neben“her“ mit dem Hause Bacardi durch Deutschland, die NORDIC‘s und schließlich der Heimat Puerto Rico und Miami unterwegs. Ich begleite den globalen Cocktail Event Bacardi Legacy als Juror und Vortragender. Ich erzähle die Geschichte des Club de Cantineros, einer legendären kubanischen Bartender Bruderschaft (oder hier „Community“) die es in Ihrer Wirkungszeit von 1924 bis 1960 zu Weltruhm schaffte und den Berufstand Bartender damals & dort eventuelle auf ein heute von uns noch nicht erreichtes Level gehoben hat…

    So könnte mich also meine Liebe zum Thema Beruf, Berufung, Bartender Geschichte in diesem Fall eben auch von diesem meinem Lieblingsthema und diesem lobenswerten Symposium fern halten. Ironie des Schicksals. Ganz der Aussage des Artikels folgend – sozusagen: „im Sturm des On – Trades“ vom Veranstaltungs-Regen erschlagen.

    Damit trifft Dein Artikel den Nagel auf den Kopf wie die Beispiele an meiner Person zeigen.

    Und dennoch möchte ich mit ein, zwei Anmerkungen erlauben. Eine kleine Korrektor bezüglich der Traveling Mixologists und eine Erweiterung der Ansicht. „Vollbildmodus“ sozusagen, den es fehlt ein Teil im dargestellten Bild, ohne den es nicht vollständig wird.

    1.) Die Traveling Mixologists.

    Deine Darstellung diesbezüglich sind so nicht richtig, bzw. es wurden falsche Schlüsse gezogen. Die TravMix gehören somit nicht hier her, denn Sie waren niemals eine eigentliche Bartender Community.

    Nach einem Mix-Abend im LE BON LION mit Gonçalo, heute würde man das „Guest Bartending“ nennen, habe ich dieses Zusammenschluss von geschätzten Kollegen ins Leben gerufen. Stephan Berg, Bastian Heuser, Tom Jakschas. Es folgenden Gastabende im LE BON LION, später in anderen Städten Deutschlands. Wir haben Dich (war es in Köln?) als eine Art erstes Ehrenmitglied aufgenommen. Du warst kein Bartender mehr, hattest aber, ähnlich wie dieser Zirkel an Bartendern, mit Deinem Magazin einen enormen Beitrag für die sogenannte neue, junge (wilde) „Bar Szene“ gemacht. Und außerdem brauchten wir Personal für den Aschenbecherservice.

    Du warst großartig. Was für eine Nacht!

    Seitdem hatte ich bei jeder Reise ein, zwei weisse Jacken im Gepäck. Denn ich wollte das ganze auf die nächste Ebene bringen, ohne genauen Plan. Wenn ich schon den Herausgeber des bedeutensten Bar Magazins des Landes mit einer weisse glücklich und zum kostenlosen Aschenbecher Service Mitarbeiter machen konnte – hatte das ganze noch ganz anderes Potential!

    Think global – act global! Um das seinerzeit noch nicht ganz so wahrgenommene Cocktail Deutschland auch hier auf die Karte zu bringen. Ähnlich wie Du es mit Deinem Magazin gemacht hast.

    Bei den TravMix gab es nicht viele Häuplinge – sondern ausschließlich Häuplinge! Das war auch nie anders von mir geplant – Ich hatte eh keine Plan für diese „Bruderschaft“. es war spontan – nicht geplant.
    Mein Respekt, allen anderen TM‘S gegenüber war viel zu groß als hier eine Art Hierarchie aufkommen zu lassen. Ich habe nur sehr häufig, gerade später als es international wurde, bei sehr vielen Vorschlägen aus den Kreisen der TM‘s ein Veto eingelegt. Als wir bekannter wurden, habe wir alle in verschiedene Richtungen überlegt, was wir denn nun aus dieser „Bruderschaft“ machen wollen.

    Und ich sprach ein Veto nach dem anderen aus. Ich wollte es niemals gewerblich werden lassen, niemals mit diesem Namen für einen Brand arbeiten. Niemals das Vertrauen „unserer“ Community „missbrauchen“ um für Brands zu arbeiten. Wir fühlten uns seiner Zeit ein wenig wie Rock Stars – und Rock Stars arbeiten nicht für Brands. Sie sterben an einer Überdosis (damit unsterblich) oder werden „alt und ruhig“ (massiver Verlust des Images – aber hey, wir Leben!)

    Das Fehlen der Hierarchie machte sich auch dahin gehend bemerkbar, das ich ohne Rücksprache mit anderen Mitgliedern neue aufnahm. Unausgesprochen war klar: Aufnahme ist Meyers Sache. Ich entschied aus dem Bauch heraus, auf den internationalen Veranstaltungen, neue Teilnehmer zu fragen, ob Sie sich unserer „Band“ anschließen wollten. Auf der London Barshow erwischte es 007 – Padovani, als ersten. Berg und Ich entschieden – der braucht ne Jacke. Plötzlich waren wir international. Winchester (Warum hat Padovani eigentlich eine Jacke?) und die anderen geschätzten Kollegen folgten.

    Niemals bekam irgendwer eine Art „Manual“ zugeschickt. Regeln oder sonst was. Wir versuchten uns via Mail auf irgend eine Form der Abstimmung zu einigen. Gewisse Regeln zu entwickeln. Vergebens. Wir wollten Plannungen voranzutreiben. Glücklicherweise, aus heutiger Sicht, erfolglos. Damit wurden es für eine kurze Zeit, wie ich finde „Legendär“ – und damit wurden wir bewegungsunfähig. Wir hatten zur Besten Zeiten Angebote für Road Shows durch Amerika und andere Länder. Abgelehnt. VETO. Kein Kommerz. Was dann ? – war die oft gestellte Frage einiger Mitglieder. Ich hatte keine Ahnung.

    Hätten wir mehr gewollt als Rock n‘ Roll wären Geld und Budget von Nöten gewesen. Es war aber keines Vorhanden.

    Die Alternative war: Einen eigenen Brand Gründen und wachsen lassen. Die Trav Mix LtD sozusagen. Damit wäre eine Hierarchie nötig gewesen. Und es wäre um Geld gegangen. Und wir hätten massive unseren Eigenbrand promotet. Wir wären gewerblich geworden. Und das war nie mein Interesse. Die Sache war höher – Gewerblichkeit hat Grenzen. Damit auch auch die TravMix.

    Die Bruderschaft ruht. Sie wollte nie eine Community sein. Wir haben uns per se nicht auseinander entwickelt. Nur entwickelt. Fast alle aus der Truppe arbeiten nicht mehr hinter der Bar. Zu allen pflege ich ein gutes Verhältnis. Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und nie wieder gab es bislang meiner Meinung nach eine ähnlich einschlagende Truppe. Ich glaube nicht, das wir das ganze noch einmal aufleben lassen. Aber man weiss nie. Die Jacken hängen gebügelt im Schrank. Und die Traveling Mixologists passen nicht unter die Überschrift „Die Große Ermüdung“. Keiner von uns ist Müde. Wach wie eh und je.

    2.) Die Ermüdung?

    Das mag bei der einen oder anderen Community oder Bartender Netzwerk sicherlich eher der Fall sein. Um die vor zwei, drei Jahren in Deutschland aufkommenden regionalen Netzwerke ist es ruhig geworden. Zumindest in der Aussenwahrnehmung. Einige haben mich an krampfhafte Versuche einer DBU Ersatzorganisation erinnert. Andere waren ein toller Zusammenschluss der Kreativen und Hungrigen der Stadt. Einige haben nach Außen Hin für mich eher als PR und Event Agenturen gewirkt. Eine Industrie Veranstaltung nach der anderen. Der einzige Grund zum Zusammentreffen war das Firma XYZ ein Produkt, natürlich sehr cool, in Szene setzen wollte. Man wurde eingeladen, veranstaltete Workshops. Stets mit Industrie Partnern. Ich fand solch ein Programm nie besonders ansprechend. Aber was soll. Andere sorgten für Wind in Ihre Stadt. JEtzt hört man wenig von Ihnen. Sind Sie deshalb alle Müde?

    3.) Die Frage: Was ist eigentlich mit Mixology?

    Kommen wir zu Deiner Betrachtung. Der eine oder andere professionelle Bartender jenseits der Junior Kategorie ist somit ein wenig gehetzt, im Zentrum des Markensturms, fest in Agentur Hand, nicht mehr so cool, nicht mehr so locker.

    Es sieht also schlecht aus um den modernen Bartender. Zu Industrie nah, in der Hand von anderen, eine shakende Litfaßsäule. Was ist nur aus Ihm geworden, diesen Lumpen. Hat sich verkauft. Die Community ist tot!

    Und sicherlich steckt in dieser Darstellung eine Wahrheit. Es ist alles Industrie lastiger geworden. Es fehlt die nötige Portion an: Frische, Unverbrauchtheit, Authentischem, Wahren.

    Nur ein kleiner Teil bei der Betrachtung wurde außer Acht gelassen. Und er ist wichtig für diese sogenannte Community: Die Medien.

    Allen voran das geschätzte Magazin MIXOLOGY.

    Wenn wir von einer deutschen oder meinetwegen aus aktuellen Anlass auch GSA Community reden wollen, über deren Geschichte, Entwicklung und die Frage warum wir heute da stehen wo wir heute stehen, können wir nicht umhin, über Dich, Euch, Euer Magazin zu reden.

    Ihr ward und seid ein bedeutender Teil der Community. Aber: Ihr, das Magazin, hat sich verändert. Es ist professioneller geworden. Die Aufmachung und das Format für den Design bewussten Leser ansprechender. Der Inhalt weg vom reinen Bartender (Nerd) hin zu einer Mischung aus Lifestyle und einem eher ganzheitlichen Ansatz um die Bar. Ihr habt „aufgemacht“, beleuchtet das Spektrum breiter. Dazu kommen Advertorials, Berichte von Cocktailwettbewerben und andere Einbindungen von Werbepartnern. Auch das gehört zur „Professionalisierung“.

    Die Autorenschaft ist deutlich gewachsen, die meisten mittlerweile keine Bartender mehr – oder waren es noch nie. Nicht mehr alle Artikel sprechen mich heute an,- nicht weiter tragisch. Die Kernzielgruppe für Mixology könnte ich heute nicht sofort zu 100% definieren. Connaisseure? Beef für Trinker? Bartender? . Früher war es einfacher: Hardcore Bartender. Heute: Rund um die Bar.

    Also, bleibt Festzuhalten. Das Zentralmagazin der Bartendercommunity der letzten Jahre hat sich ebenfalls, wie die Communitiy extrem gewandelt. Hin zur Industrie. Hin zur Kommerzialisierung.

    4.) Der Bewegung kommen die Sprachrohre abhanden. Über den Generationswechsel einer Community.

    Ihr habt euch zum einem von der Kern-Community einen Schritt weit entfernt. Das muss man denke ich, um zu wachsen und neue Wege zu gehen. Aber damit hat die Community auch ein Stück weit ein bedeutendes Medium verloren. Andere Medien (früher die sogenannten Bar Blogger (wie sehr ich dieses Wort geringschätze…)) sind nicht mehr existent bzw. nicht mehr relevant. D.H. eine vormals „vermeintliche“ Community, hat eventuelle auch nur größtenteils die Kanäle (ob sie diese nun widergespiegelt haben oder nicht) verloren. Sie ist nicht mehr wahrnehmbar.

    Vielleicht geht es aber auch darum, eine neue Kern Community aufzubauen – vielleicht sind die Protagonisten der „alten“ mittlerweile einfach schon zu festgefahren, zu weit integriert im Spiel und damit nicht mehr attraktive für eine Community bzw. die Initiatoren.

    Eine völlig losgelöste Community von Protagonisten und Medien ist eine Utopie. Es gehören immer ein paar „Macher“ dazu, in irgend einer Form Medien/ Wege um das zu verbreiten, und eine begeisternde Menge die das feiert.

    Von außen betrachtet erscheint so etwas manchmal zufällig, in der Regel aber ist es „geplant“, bzw. es gibt Initiatoren.

    Communities sind Wellenbewegungen. Die Protagonisten der ersten Welle entwickeln sich und sind schwieriger unter einen Hut zu bringen. Gar nicht weil Sie nicht mehr an das „Große“ „Neue“ „Wahre“ glauben, sondern weil Sie mittlerweile mehr Erfahrung haben, Ihr eigenes Ding machen, und nicht mehr so schnell zu begeistern sind. Nicht mehr so schnell zu integrieren. Die Bartender Maus ist somit nicht unbedingt satt. Sie ist ob Ihrer Erfahrung wählerisch geworden. Eine „große“ Community braucht aber einen simplen gemeinsamen Nenner. Zuviel Eigeninteressen verhindern das.

    Ein Interesse an Austausch ist meines Empfinden nach wie vor extrem hoch. Nur auf die x-te belanglose Brand Einladung folgt man nicht mehr. Es gibt keine „große“ Bewegung mehr, (gab es übrigens nie – früher hat nur eine kleine Gruppe mehr Wind von sich gemacht) und das empfinde ich nicht als dramatisch.

    Wien ist eine willkommene Idee für einen Gedankenaustausch. Applaus an die Wiener Community. Es ist zwar noch kein Programm oder ähnliches veröffentlicht aber der Ansatz gefällt. Ich bin gespannt wer sich das einbringt. Auf die neuen und eventuelle alten Protagonisten der zweiten Welle. Das Umfeld von Whisky Messe und GSA-Liquetition sollte als Paket auch für viele Gäste aus Deutschland attraktive genug sein, ins schöne Wien zu reisen.

    5.) Was ist eigentlich mit dem BAR CONVENT BERLIN , BCB ?

    Ein wenig gegrübelt habe ich allerdings schon beim letzten Gedanken Gang. Ihr betreibt heute das Größte und bedeutenste Branchentreffen der Bar Welt in Europa – den Bar Convent Berlin (BCB). Sicherlich, auch dieser hat sich entwickelt. Von charmanten Treffen einiger hundert Enthusiasten zum viele tausend Besucher schweren Termin Marathon. Große Brandintegration inklusive, großes Business, riesen Programm und etliche der besprochen „strictly V.I.P.“ Parties. Es stellt sich die Frage: Ist der BCB somit keine Community Veranstaltung mehr? Warum der Community nicht hier, vor viel Publikum, eine Bühne bieten. Aber vielleicht löst Du diese Frage ja noch auf.

    6.) Que Vadis Bartender Symposium

    Zu guter letzt: Wer oder was ist eigentlich das Bartender Symposium? Das geht aus dem textlichen „Wir“ nicht ganz hervor. Wer ist Veranstalter? Wer lädt ein, wer bezahlt das ganze? Welche Einbindung hat Mixology bei dem Projekt? Ist es alleinig ein Projekt der Wiener Bar Community – oder wie verteilen sich da das Engagement?

    Ich freu mich aufs Programm. Sollte es mein Brand Event geschundener Kalender zulasse, komme ich gerne zum Gedankenaustausch. Nicht Müde, sondern interessiert.

    Beste Grüße

    Jörg Meyer

    • Redaktion

      Lieber Jörg,

      danke für Deinen ausführlichen Kommentar. Ich komme erst jetzt dazu, zu antworten. Du hast so viele Dinge angerissen, dass ich nicht dazu kommen werde, alles in einem zu beantworten. Ich möchte mich vorerst auf die wichtigsten beschränken:

      6) BARTENDER SYMPOSIUM

      Das Wichtigste zuerst! Zu diesem Zeitpunkt ist es schwer, hier eine genaue Definition des Bartender Symposiums vorzunehmen. Denn das Symposium wird das, was die Teilnehmer daraus machen. Veranstalter ist die Vienna Bar Community. Wer bezahlt das Ganze? Alle Teilnehmer selbst. Heißt konkret, die Vienna Bar Community bemüht sich derzeit um einen Raumsponsor und ein Hotel, das den Teilnehmern eine gute Rate anbietet. Keep it simple. Einen Raum zum Reden, 2 Flipcharts….so in etwa wird das aussehen. Dass man Abends auch noch ordentlich Bars besuchen wird, versteht sich von selbst. Was ist die Rolle von MIXOLOGY dabei? Wir sind Medienpartner. Wir begleiten, was dort passiert. Umsonst, das heißt wir tragen unsere Kosten.

      Konkretere Inhalte werden auf jeden Fall noch diese Woche auf dem Blog des Symposiums veröffentlicht.

      7) BAR CONVENT BERLIN

      Was ist der Bar Convent Berlin? (Diese Frage beantworte ich in meiner Funktion als einer der Gründer/Inhaber des BCB.) Der Bar Convent hat eine sehr dynamische Entwicklung hinter sich. Wir haben im ersten oder den ersten Jahren die Veranstaltung als eine Mischung aus „Messe und Symposium“ beschrieben, um den starken Vortragsanteil zu beschreiben. Mittlerweile trägt der Bar Convent den Titel „Bar- und Spirituosenmesse“. Der Seminar-Anteil ist gleich geblieben im Verhältnis zum Ausstellerbereich, die Außenwahrnehmung aber sicher mehr die einer Messe.

      Gleichzeitig hat sich der Bar Convent europäisiert. Nur noch 70% der Besucher kommen aus Deutschland. Danach sind noch vor den Österreichern Polen die größte Besuchergruppe. Schon früh haben wir entschieden, uns rein auf die Organisation der Messe und – der Part von uns, der im MIXOLOGY Verlag tätig ist – auf die Organisation der MIXOLOGY BAR AWARDS zu beschränken. Das letzte Jahr bedeutete mit der Organisation des zehnjährigen Verlagsjubiläums einen ordentlichen Kraftakt.

      Unser Prinzip als Organisatoren des BCB war immer, das Umfeld nicht zu „kontrollieren“ in dem Sinn, wie das etwa die Veranstalter von Tales of the Cocktails tun. Das wäre in einer Stadt wie Berlin auch ein Witz. Das letzte Jahr hat allerdings gezeigt, dass wir unseren Einfluß auf die eine oder andere Art wieder geltend machen sollten. Im Rahmen unserer Möglichkeiten. Ich nehme die Gelegenheit wahr, hier auch Christina Schneiders Kommentar „Industrialisierte Weihnacht“ aufzugreifen:

      http://mixology.eu/aktuelles/debatte/bar-convent-die-industrialisierte-weihnacht

      Ein paar Aspekte in Christinas Kritik finde ich interessant. Vieles aber zeigt auch, was an der Perspektive der Gastronomen teilweise nicht stimmt. Christina Schneider arbeitete mehrfach an Ausstellerständen des Bar Convent Berlin, nahm also die kommerziellen Aspekte der Veranstaltung bisher zum eigenen Vorteil billigend in Kauf. Beim letzten Bar Convent Berlin fand in der von ihr betreuten Bar (Rocco & Sanny) mindestens eine „Branded Party“ statt. Tatsächlich war unsere Jubiläumsveranstaltung am selben Ort die einzige große und „ungebrandete“ Veranstaltung, von der ich weiß (von kleineren Netzwerk-Events z.B. der BW-Bartender abgesehen).

      Christina war außerdem Gast auf der Awards-Veranstaltung. Einer der Sponsoren lud sie an seinen Tisch ein. Ihre Aussage, dass dort nur „Industrie“ war, finde ich sehr unhöflich gegenüber den vielen Gastronomen, die sich Tickets gekauft haben. Dass die Veranstaltung mehr Gastronomen vertragen kann, bestreite ich nicht. Im Großen und Ganzen kritisiert sie aber sich selbst in ihrem Kommentar. Sie ist Teil der Entwicklung.

      „Reisebusse voller Sauftouris“ haben wir auf dem Bar Convent Berlin letztes Jahr ebenfalls nicht gesehen. Von vielen Seiten (Aussteller und Besucher) dagegen wurde das im Vergleich zum Vorjahr noch bessere Publikum gelobt. Klar ist, dass nun auch viele Besucher aus dem gastronomischen Mainstream anreisen. Eben auch der Gastronom, der auf dem Land ein „Café/Bistro/Bar“ betreibt und der Hotelmanager, der mit einem Club-Betreiber aus der Kleinstadt anreist. Der Bar Convent Berlin war nie als elitistische Veranstaltung für einen kleinen Kreis angelegt. Keines unserer Produkte war dies jemals, auch wenn man das vielleicht früher auf uns projiziert hat.

      Wenn ich nun den Blick auf dieses Jahr richte, habe ich durchaus ein paar Dinge vor. Bei großen Firmen und Marken werde ich nach Möglichkeit fallen lassen, dass diese großen Partys eher kontraproduktiv wirken. Sie neutralisieren sich auf Dauer, so wie man das bei Tales of the Cocktail sieht. Ich würde mir auch wünschen, dass Jörg Meyer wieder irgendeine verrückte Idee hat wie eine Veranstaltung im Stil der Travmix oder dieses spontan wirkende Dinner für rund 100 Personen aus der Branche vor drei oder vier Jahren statt Sailor Jerry oder Hendrick’s seinen Namen zu leihen abends.

      Diese Sachen haben dem Bar Convent immer ein qualitatives Umfeld verschafft, eben dieses Community-Gefühl. Und es ist nicht mehr da, weil alles „zu groß“ ist, sondern weil derzeit niemand bereit ist, andere Akzente zu setzen. Aber es gibt Hoffnung. Mohammed Nazzal etwa sprach mich an, weil er eine Charity Veranstaltung organisieren will. So etwas unterstützen wir als Veranstalter sofort.

      3) MIXOLOGY

      „Was ist eigentlich mit Mixology?“ fragst Du. Und bemerkst dann richtig, dass wir uns weiterentwickelt und geöffnet haben. MIXOLOGY ist in der Tat nicht mehr das Bartender-Fanzine der ersten Jahre, sondern entspricht heute mehr seinem Untertitel „Magazin für Barkultur“. In unserer noch bis heute laufenden Leserumfrage, an der schon über 580 Personen teilgenommen haben, geben über 60% an, dass sie uns als „Pflichtlektüre“ für Bartender ansehen. Weitere 33% bezeichnen dies als „teilweise zutreffend“. Ich denke diese Quote ist ordentlich. 92% wiederum bezeichnen uns als „das führende, deutschsprachige Magazin für Bar und Cocktailkultur?“

      Ich akzeptiere es, wenn einzelne Bartender und Gastronomen, die uns in den Anfangsjahren lasen, heute „beyond Mixology“ sind. Es gibt heute ein massives digitales Angebot da draussen, jede Menge englischsprachige Publikationen, die weit näher an den großen Trend-Zentren sind als wir. Das ist heute alles einen Mouse-Click entfernt. (Auf MIXOLOGY ONLINE landen sie dann aber doch immer wieder, auch wenn sie vorgeben, uns nicht zu lesen, wie man in den Kommentaren und den Stats sieht.) Seit unserem Gang an den Kiosk haben wir einen massiven Zuwachs bei der verkauften Auflage und deutlich an Lesern hinzugewonnen. So viel zur Entwicklung.

      Nun zum Punkt der „Kommerzialisierung“. Du schreibst:

      „Dazu kommen Advertorials, Berichte von Cocktailwettbewerben und andere Einbindungen von Werbepartnern. Auch das gehört zur „Professionalisierung“.“
      „Also, bleibt Festzuhalten. Das Zentralmagazin der Bartendercommunity der letzten Jahre hat sich ebenfalls, wie die Communitiy extrem gewandelt. Hin zur Industrie. Hin zur Kommerzialisierung.“

      Ich finde diese Wahrnehmnung interessant. Denn tatsächlich ist der werbliche Anteil im Magazin über die Jahre gleichgeblieben. Er ist nicht größer geworden. Wir machen diesen Selbsttest immer wieder und zählen die Inhalte durch. In den Anfangsjahren des Mediums haben wir als Referenten Bols Barcoachings organisiert und das auch Länge mal Breite im Magazin stattfinden lassen. Ohne Disclosures. Aber dadurch, dass wir damals jeden Leser und jeder Leser uns mit Namen kannte, hat man das wohl anders wahrgenommen.

      Dieser Teil Deiner Aussage ist korrekt: „Das Zentralmagazin der Bartendercommunity der letzten Jahre hat sich ebenfalls, wie die Communitiy extrem gewandelt.“

      Der Part mit der Industrie ist nicht korrekt. Wir haben stattdessen neue Inhalte für eine weitere Lesergruppe geschaffen – die Connaisseurs und Barflys.

      Diese Kommerzialitätsdiskussion ist übrigens auf beiden Seiten undankbar. Wenn ich in den Boilerman gehe, und da steht ein Bucket mit Thomas Henry auf dem Tresen, oder ich suche das Rocco & Sanny auf, das von Bacardi über Diageo bis zu Thomas Henry ein völlig durchgebrandetes Konzept ist, sieht man, dass die industrielle Realität selbst bei den kreativsten Köpfen der Branche angekommen ist.

      Was MIXOLOGY anbetrifft, ist gerade die Unterstützung des Bartender Symposiums der Versuch, nach außen hin wieder mal ein anderes Signal zu setzen. Er kostet mich viel Zeit, die ich durchaus in kommerzielle Projekte investieren könnte. So, und jetzt mache ich mich wieder an die Beantwortung der Fragen unseres Verlags-Sales-Teams. 😉

      Mit besten Grüßen, Helmut

  5. Joerg Meyer

    Helmut,

    Danke für die Antwort. Da Du das ganze hier unter dem Label Debatte gestellt hast, die leider viel zu selten sinnvoll geführt wird, habe mich mir erlaubt Dein Bild der Community ein wenig zu vervollständigen. Das Bild wird halt erst durch Euch: Blog, Magazin und BCB, vollständig, denn schließlich seit Ihr ein massgeblicher Teil der Community.

    Dein Bild von der Community war mir zu einseitig.

    Und Recht hast Du: Wenn Bartender einen „kommerziellen BCB“ kritisieren aber im Zuge dessen viele Jobs annehmen oder „kritische“ Gastronomen an den Tagen richtig Umsatz mit Events etc. machen – ist das, meine absolute Zustimmung zu Deinen Zeilen, ebenfalls eine gestörte Wahrnehmung.

    Du schreibst, und da kann ich völlig zustimmen: „ Diese Kommerzialitätsdiskusion ist übrigens auf beiden Seiten undankbar.“ Bleibt ein wenig offen, warum Du Sie dann in Bezug auf die Community so einseitig angestoßen hast.

    So oder So, „Wien“ hört sich interessant an.

    Beste Grüße

    Jörg

  6. Redaktion

    Hallo Jörg,

    selbstverständlich kann eine Stimme kein vollständiges Bild einer „Community“ erstellen, insofern bin ich dankbar, dass Du Deine Einschätzung niedergeschrieben hast. In der Tat z.B. sind die Traveling Mixologists eher eine „Bruderschaft“, denn ein Netzwerk wie etwa der Münchner Barzirkel.

    Ich denke, durch die Kommentare ist jetzt wirklich ein vollständigeres Bild zu sehen.

    Was die Kommerzialisierungsdebatte anbetrifft – ehrlich gesagt, war es nicht meine Absicht, sie in irgendeiner Form einseitig zu führen oder mit dem Finger nach außen zu zeigen.

    In seiner ursprünglichen Form hatte der Text viel zu viel von einem typischen „Helmut-Rant“, das habe ich dann deutlich umgeschrieben und auf unsere Involvierung hingewiesen. Unter anderem bei den Competitions:

    „Als Medium sind wir seit mehreren Jahren Partner dieser Veranstaltung. Ich selbst habe mehrfach gegen Honorar als Juror bei den Ausscheidungen mitgewirkt.“

    Bar Convent allerdings habe ich tatsächlich vergessen.

    Anyway, die Herren in Wien haben eine Nachtschicht eingelegt und jetzt ist endlich ein Blogeintrag zu lesen, der einige der Fragen beantworten dürfte:

    http://bartender-symposium.com/post/44285845657/das-erste-bartender-symposium-fragen-antworten

    Grüße, Helmut

  7. Hr. Tistler

    Zu dem Bericht „Die Bartender Community ……“
    Im Speziellen zum Thema „Das Reizwort Ausbildungsberuf”

    Da dieses Thema immer wieder in verschiedenen Medien und Foren angesprochen wird, übersende ich Ihnen meinen Erfahrungsbericht, was unternommen wurde, um den Barmixerberuf als Lehrberuf zu etablieren.
    Ich versuche, diesen Bericht kurz zu halten.

    Im April 2003 hatte ich den zweiten Versuch gestartet, nachdem es die DBU Jahre zuvor bei den zuständigen Organisationen versucht hatte, den Barmixer als Beruf zu etablieren.
    Nachdem ich verschiedene Institutionen, wie Berufsbildungsträger, IHKs, Politiker, Bundesinstitut für Berufsbildung, DEHOGAs in verschiedenen Bundesländern, Bayer. Ministerpräsidenten, Bildungsministerien, NGG, gastronomische Akademien Deutschland, DIHK, KIBB, Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit, BDA, Kultusministerium der Länder und viel andere angeschrieben hatte, war das Ergebnis, dass ich eine Einladung der DEHOGA nach Saarbrücken bekam. Da ich dieser Einladung aus Zeitmangel nicht nachkommen konnte, bat ich den Ehrenpräsidenten der DBU, Hr. Falcke, diesen Termin wahrzunehmen. Mit auf den Weg gab ich ihm umfangreiches Material, um bei dieser Anhörung für den Barmixer als Lehrberuf argumentieren zu können.
    Das Ergebnis war, dass Hr. Falcke und Hr. Bak, den er zu dieser Anhörung mitgenommen hatte, nach kurzer Anhörung erfolglos nachhause fuhren, ohne meine Argumente vorgetragen zu haben.
    Fazit:
    Wenn die Arbeitgebervereinigung DEHOGA (Hotel- und Gaststättenbetreiber) keine Barmixer ausbilden wollen, wird es keinen Lehrberuf Barmixer geben.
    Die für diesen Beruf notwendige Verordnung über die Berufsausbildung, Stoffkatalog für die IHK-Abschlussprüfung, besondere Prüfungsvorschriften für Barmixer sind erarbeitet und ausgefertigt. Es fehlt nur der Wille der DEHOGA-Mitglieder, Lehrlinge einzustellen.

    Der Slogan meiner damaligen Schreiben war:
    Tierpfleger und Bestatter wurden 2003 zu Ausbildungsberufen ernannt, und das ist gut so.
    Der Barmixer wurde wieder nicht berücksichtigt, obwohl es den Barmixer seit über 150 Jahren gibt!

    Noch eine Hinweis für alle Interessierten:
    Wer eine 4-jährige Tätigkeit in der Bar nachweisen kann, hat die Möglichkeit, vor der IHK eine Prüfung als Barmixer abzulegen. Ein Vorbereitungskurs für die Prüfung ist empfehlenswert, jedoch nicht zwingend gefordert.

    Mit freundlichen Grüßen
    Hr. Tistler

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