grüne woche

BIER, BARS & BRAUER #15

Drinks 4.8.2016

Diesmal bei Bier, Bars & Brauer: Hallertau und Yakima Valley streiten sich um den Titel des größten Anbaugebiets für das grüne Gold und Heineken zapft bei KLM über den Wolken! Italien bekommt eine gesetzliche Definition für Craft Beer, während Oettinger zur Blindverkostung im Bus lädt. Auf geht´s!

In Deutschland tut man sich schwer, sich auf eine allgemein gültige Definition von Craft Beer zu einigen, und vielleicht ist das gut so, denn sobald etwas einmal festgeschrieben ist, tendiert die Exekutive zu recht peniblem Verhalten, So gibt es ein fröhliches Durcheinander von Craft-Brauern, die keine sein wollen, weil sie mit dem neumodischen Firlefanz nichts anzufangen wissen, Industriebrauereien, die verzweifelt versuchen, auf den Zug aufzuspringen, und auch echten Kindern der Kreativbrauwelt, die einfach nur gutes Bier machen wollen. In Italien ist es mit der Idylle nun vorbei, und man darf gespannt sein, ob der Ruf nach einer Definition auch hier nun doch wieder – und lauter –  erschallt. Doch zunächst geht es ab in die prächtig wachsenden Hopfenstauden:

Holledau Adé! Yakima Valley wird größtes, zusammenhängendes Hopfenanbaugebiet

Die Hallertau (auch Holledau genannt) und der Zusatz “das größte, zusammenhängende Hopfenanbaugebiet der Welt” waren lange Zeit untrennbar miteinander verbunden. Nun ist es damit vorbei, denn der massive Brauereizuwachs in den Staaten (2015: mehr als zwei pro Tag), verbunden mit dem enormen Bedarf an aromatischen Hopfensorten wie Simcoe, Cascade, Amarillo und Citra, haben für einen Zuwachs an Anbaufläche gesorgt, der die Hallertau (und 2015 bereits Deutschland) auf den zweiten Platz verbannt.

Das Yakima Valley in Washington wird 2016 also den Titel des größten Anbaugebietes tragen, und bei der momentanen Entwicklung auf Jahre hinaus für sich beanspruchen. Dennoch müssen deutsche Hopfenbauer sich nicht sorgen, denn zum einen sind durch den Aroma-Fokus der USA deutsche Hochalphahopfen (meist zur Bitterung eingesetzt), insbesondere der Herkules, gefragter denn je, zudem sieht es momentan nach einer guten Ernte 2016 aus, was das miserable Vorjahr hoffentlich ausgleicht.

Italiens Parlament definiert Craft Beer gesetzlich

Ein Horror für alle, die sich über die stets auf- und abflauende Diskussion um eine verbindliche Craft Beer-Definition für den deutschsprachigen Raum köstlich amüsieren: Das italienische Landwirtschaftsministerium gab bekannt, dass der Senat am 6. Juli den Artikel 2, Paragraph 4a des collegato agricoltura bewilligte. Damit hat Italien eine gesetzliche Definition für eine Craft-Brauerei, oder, wie es dort heißt, birrificio artigianale.

Wer dabei die oft veränderte Version der Brewers Association of America gewohnt ist, darf sich warm anziehen! Laut dem Gesetz wird Craft Beer von kleinen, unabhängigen Brauereien gebraut. Okay, das steht auch in den USA in der Satzung, aber das Kleingedruckte ist ein wenig anders:
Die Brauerei muss gesetzlich und finanziell unabhängig von anderen Brauereien sein und eine eigene Braustelle haben, darf nicht Auftragsbrauen lassen und ein Brauvolumen von 200.000 Hektolitern im Jahr nicht überschreiten. Damit wird Mehrfachteilhabe und Konzernübernahme (wie etwa bei Birra del Borgo durch AB-InBev) ausgeschlossen, aber auch Kuckucksbrauer, die in anderen (Craft-)Brauereien brauen lassen. Ziemlich kontrovers also, doch nur wer diese Auflagen erfüllt, darf sich das begehrte birra artigianale aufs Etikett schreiben.

Oettinger fährt mit Bindverkostungs-Bus durch die Republik

Dass die Billigbiermarke Oettinger in Blindtests stets besser abschneidet als erwartet, hört man oft, und nicht immer ist klar, ob es sich dabei um eine Marketingstrategie oder ein unabhängiges Ergebnis handelt. Glaubwürdig ist die Aussage durchaus, denn der deutsche Biertrinker ist sehr markenorientiert, und Oettingers Ruf ist nun mal nicht der Beste in der Bierwelt. Entsprechend leidet das Unternehmen auch unter dem Preisdruck, den der konstant sinkende Bierkonsum mit sich bringt, denn wenn sich vermeintliche Premium-Biere und Oettinger im Preis annähern (eine Preissenkung ist beim Oettinger-Konzept nur schwer machbar), greift der Kunde eben zu Krombacher, Radeberger, Hasseröder und Co. Ergebnis: Seit 2009 sank der Ausstoß von Oettinger von 6,6 Mio. Hektoliter auf 5,4 Mio., der Umsatz seit 2012 um rund 50 Mio. €.

Nun will man aus der offenbaren Blindverkostungsstärke aktiv Vorteile ziehen: Schauspieler Nico Nothnagel spielt den passionierten Braumeister Erwin Hopfenbach und zieht als dieser mit einem blauen VW-Bulli durch die Lande, um Menschen mit Bratwurst, Bierspielen und Blindverkostungen davon zu überzeugen, dass Oettinger im direkten Vergleich geschmacklich mithalten kann. So spannend es auch sein mag, festgefahrene Meinungen aufrütteln zu wollen, machen sich doch folgende Bedenken breit:
1. Sind festgefahrene Pils- und Exporttrinker wirklich an einer Erschütterung ihres Markenideals interessiert? Wen also will man mobilisieren?
2. Nur zwei Vergleichsprodukte in den Blindverkostungen, das klingt nach etwas viel Einflussnahme des Gastgebers.
3. Wie wäre es denn, wenn ein echter Braumeister zum Bier Stellung bezieht? Als “No-Nonsense-Brauerei”, die sich zu 100 Prozent auf das Produkt konzentriert, wirkt ein Schauspieler, der einen Braumeister spielt, nicht gerade authentisch.

Frisch gezapft in zehn Kilometer Höhe

Frisch gezapftes Bier steht hoch im Kurs – wortwörtlich, denn Heineken und die niederländische Fluggesellschaft KLM wollen es auch auf Flügen verfügbar machen und während der Olympiade in Rio erstmals anbieten. Wer sich mit Zapftechnik ein wenig auskennt, weiß, dass es dabei einige physikalische Herausforderungen zu überwinden gibt: Zunächst einmal ist der Einsatz von CO2-Flaschen an Bord verboten, könnte sich so ein Gefäß doch als gefährliches Geschoss entpuppen. Damit fällt die wohl häufigste Zapfmethode, der Austausch von CO2 und Flüssigkeit im Fass, weg. Natürlich kann man auch mit Luft zapfen (englische Handpumpen funktionieren so), doch da wiederum macht der niedrige Luftdruck an Bord die Sache schwierig. Transporttechnisch setzt man auf Kunststofffässer, die einerseits leichter sind, andererseits das Bier in separaten Plastebeuteln und somit getrennt von der zurückgepumpten Luft halten, wodurch Oxidation verhindert wird.

Ob das jedoch eine Rolle spielt, bleibt fraglich, denn eines kriegt Heineken nicht ins Flugzeug: ein Kühlsystem. Zwar werden die Fässer gekühlt verladen, danach müssen Bierbegeisterte aber wohl recht schnell ihren Konsum ankurbeln, um nicht lauwarmes Bier im Becher zu haben. Ob das wiederum an Bord eines Langstreckenfluges Amsterdam-Rio wünschenswert ist … ?

Photo credit: Flaschen via Shutterstock.

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