Das kleine Scharfe

News 17.8.2015 1 Kommentar

Wer noch nie vom Mexikaner gehört hat, muss sich nicht schämen. Eine interessante Geschichte hat der Shot trotzdem. Eine Spurensuche zwischen norddeutscher Tiefebene, Fußballstadien, Steppenwolf und Friedrichshain.

Hamburg und Berlin haben einige Gemeinsamkeiten. Die großen Bundesliga-Fußballclubs der beiden Städte beispielsweise denken gerne hochmütig, versagen auf dem Platz jedoch meist ebenso jämmerlich. Die kleinen Fußballclubs in den unteren Ligen denken eher bodenständig und sammeln außerhalb des Platzes Sympathien. Beide Städte wurden in ihrer Geschichte bereits von homosexuellen Bürgermeistern reagiert, und beide Städte werden von unzähligen Brücken zusammen gehalten.

Von Curry und Chili zwischen Elbe und Spree

Die Hansestadt und die Hauptstadt teilen sich jedoch auch Erfindungen. In Berlin steht praktisch im Grundbuch, die Currywurst sei hier erfunden worden, und unzählige Touristen mit der roten Sauce über der dampfenden Wurst in der Hand sind Zeuge dieser Geschichte. Seit 1993 Uwe Timm in seiner Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ die Erfindung des Curry-Klassikers jedoch nach Hamburg verlegt, herrscht etwas Unfrieden unter Kulinarik-Archivaren. Und so, wie die Erfindung der Curry-Wurst eine Geschichte von beiden Städten sein könnte, ist es auch der Mexikaner.

Mexikaner? Das ist ein scharfer, auf Tomatensaft, Tabasco und Vodka basierender Shot, man könnte sagen, praktisch eine in ihrer Entwicklung stecken gebliebene Bloody Mary. Der Mexikaner ist fester Bestandteil des Nachtlebens beider Städte, und in beiden trifft man Menschen, die schwören würden, er sei eine lokale Erfindung. Man findet ihn jedoch weniger in Edelbars oder an Mixologen-Tresen, sondern vielmehr in Eckkneipen oder Kickerkneipen.
Aber nicht nur.

Das Erbe des Stadtteils als Inspiration

„An der Stelle unserer Bar war früher eine Kickerkneipe, und wir bezeichnen uns auch als Cocktail-Kickerkneipe“, sagt Roman Lewandowski, Barchef der bei den MIXOLOGY BAR AWARDS 2016 als Bar des Jahres nominierten Booze Bar in Berlin. „Auch, wenn wir auf hohem Niveau arbeiten, brauchen wir einen Mexikaner.“

Die Booze Bar ist eingebettet im Bezirk Friedrichshain, einem Ausgehviertel, wo sich Happy Hour-Läden, Bio-Burgerbuden und Kiez-Kneipen aneinander reihen. Einen Mexikaner zu finden ist hier ein Leichtes. Aber nirgendwo schmeckt er auch nur im Ansatz so komplex wie in der Booze Bar. Denn der Shot ist in Wahrheit was anderes: Der Tomatentrunk ist ein hervorragender Agent, mit dem man Leute für Cocktails begeistern kann. Er ist ein Katapult, mit dem man die Augen nicht nur zum Tränen bringen kann, sondern auch dazu, dass man sie für Cocktail-Kultur öffnet.

Stichwort: Modifikation

„Wir arbeiten nicht mit Tabasco, sondern mazerieren Tequila Blanco mit Jalapeños, um die Schärfe zu erzeugen. Hinzu kommt Salz, Pfeffer, Süße wie Zucker, um die Fruchtigkeit zu erhöhen, Worcestershire-Sauce oder torfiger Whiskey. Aktuell haben wir auch geröstetes Sesam-Öl verarbeitet“, so der sympathische Barchef. Lewandowski räumt aber mit einer Vermutung gleich auf: „ich weiß, dass er eine Hamburger Erfindung sein soll. Das ist die Legende, die genaue Geschichte kenne ich nicht.“

Womit wir wieder in den Norden schwenken, aber nicht nach Hamburg, sondern in eine kleine Ortschaft bei Bad Bramstedt in Schleswig-Holstein. Dort wohnt heute Mike Coloni. Er gilt als Erfinder des Mexikaner. Der heute 65-Jährige mit grauem Rauschebart führte in den 80-er Jahren den „Steppenwolf“ in Hamburg. Eines Tages kaufte er eine große – und sehr günstige – Ladung Korn, die sich in Wahrheit jedoch als übler Obstbrand-Verschnitt herausstellte. Schlimm genug im Geschmack, dass sogar die nicht gerade als Feinschmecker-Gilde dastehende Kundschaft des Steppenwolf gegen das Destillat rebellierte, das Coloni ihnen vorsetzte.

Die Entstehung des Mexikaners ist also eine, wie sie so selten in der Geschichte gar nicht vorkommt: Man will eine schlechte Spirituose übertünchen. Coloni servierte seine Erfindung schließlich wie folgt: 0,7 Liter Korn, 0,7 Liter Sangrita, 1,5 Liter Tomatensaft, dazu je einen Teelöffel Pfeffer und Salz sowie 3 Centiliter Tabasco. Das ganze wurde kühlgestellt und als Shot serviert. Als einer der Gäste im Steppenwolf fachkundig bemerkt, das ganze schmecke mexikanisch, ist der Name auch geboren.

Die Agave kommt erst später

Die Ironie der Geschichte ist also, dass das Getränk ursprünglich nicht die Spirituose barg, die man aufgrund des Namens vermuten mochte: Tequila kam erst im Laufe der Zeit dazu. Der Mexikaner wurde mit Korn gemacht, erst mit der Zeit holte er sich praktisch seine namensgebende Lokalspirituose zurück. Lewandowski sagt heute, er fände es eigenartig, ein Getränk mit dieser Bezeichnung mit Korn oder Vodka zu servieren. Gabriel Daun, MIXOLOGY-Autor und Barmanager im Gekkos in Frankfurt, serviert Tequila und Mezcal mit einem Gläschen hausgemachter Sangrita, quasi einem dekonstruierten Mexikaner, der auf die Offenlegung der Ausgangsqualitäten Wert legt.

Wie immer man den Mexikaner auch interpretiert, Fakt ist: „Man kann sich wirklich austoben“, so Roman Lewandowski, „es gibt Abende, an denen wir bis zu hundert Mexikaner verkaufen. Es funktioniert jedoch nicht, wenn sich jemand damit betrinken will, denn die Vitamine und Elektrolyte des Drinks bewirken genau das Gegenteil.“

Ok, und um einem Shit-Storm vorzubeugen, endet dieser Artikel mit einer Frage nach in Hamburg, Berlin und sonst wohin: „Wer hat wann erstmals einen Mexikaner getrunken?“ Vielleicht wird die Geschichte ja neu geschrieben …

Photo credit: Mexikaner via Shutterstock.

Ein Kommentar

  1. Tobias torres

    Hallo
    Kann man Herrn coloni kontaktieren? Ich habe eine historische frage zur Schmuckstrasse der späten 80er Jahre.

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