Fritz gegen Fritz

Drinks 25.10.2013 4 comments

Der Mix aus Cola und Bier gilt im Volksmund als „Diesel“. Eine Mischung, die der neuen deutschen Bierszene derzeit überhaupt nicht mundet. Der Markenrechtsstreit zwischen fritz-kola und Fritz Ale treibt die Craft Beer Nerds auf die Barrikaden. Zeit, dass MIXOLOGY ONLINE ein wenig durchlüftet.

„Craft Beer“ ist in Deutschland noch ein junges Pflänzchen, aber es ist vital, einfallsreich und will wachsen. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis ein Platzhirsch zu der Überzeugung kommt, der Garten sei nicht groß genug. Nur wenige hätten jedoch erwartet, dass die erste Klatsche für die junge Szene aus der Limonadenwelt kommt.

Fritz-kola verklagt Fritzale“ – so oder ähnlich hallte es in den letzten Tagen und Wochen durch den Äther und sorgte für einen Sturm der Entrüstung. Vom lebenslangen Verzicht auf die Produkte des Hamburger Limonadenherstellers über schröderhaft anmutende Bekundungen uneingeschränkter Solidarität mit dem Bonner Brauer und Craft Beer-Urgestein – an Durchhalteparolen und Beschwörungen der entschlossenen Geschlossenheit der Szene mangelte es nicht.

Die verbalen Schließmuskel waren geöffnet und der Shitstorm empörter Bierseelen hagelte nieder auf das finsterste Getränkeimperium, seit Coca Cola vom Kopfschmerzmittelchen zum Softdrink avancierte. Eins wurde deutlich: Die deutsche Craftbeerszene hat nicht nur ein grundsätzliches (und teils berechtigtes) Misstrauen gegen alles, was größer als drei Gasthausbrauhäuser ist, sie ist diesbezüglich auch sehr emotional. Doch wie so oft, wenn Gefühle im Spiel sind, gerät die Sachlage zur Nebensache in immer neuen Tiraden. Was also war geschehen?

Am 7. Oktober 2013 erhielt Fritz Wülfing (50), hauptberuflich bei T-Systems tätig und selbsternannter Kuckucksbrauer, nach Vorwarnung per eMail ein anwaltliches Schreiben, in welchem er dazu aufgefordert wurde, sein Bier nicht mehr unter dem Label „Fritzale“ zu verkaufen. Rechtliche Schritte wurden angedroht. Als Grundlage für ihr Vorgehen führte die fritz-cola Getränke GmbH die mögliche Verwechslungsgefahr an, eine außergerichtliche Einigung wurde in dem Schreiben jedoch in Aussicht gestellt. Wülfing, im Dschungel des Markenrechts so wenig bewandert wie die meisten, suchte umgehend seinen Anwalt auf. Immerhin hatte er seine Wortmarke im Dezember 2012 beim Patentamt in München eintragen lassen, die Widerspruchsfrist war im April 2013 ereignislos verstrichen. Hier musste es also eine rechtliche Handhabe zu seinen Gunsten geben, oder?

Leider ist es nicht so einfach. Selbst Markenrechtsexperten sehen in diesem Fall eher schlechte Karten für Fritzale. Fritz-kola ist bereits seit 2003 eingetragen (länger als Fritz überhaupt unter seinem Label Bier braut), ist deutlich bekannter, und der Ablauf der Widerspruchsfrist schützt auch nicht zwangsläufig.

Das Geheimnis von Nizza 32

Spätestens an dieser Stelle stellt der gesunde Menschenverstand wahrscheinlich eine einfache Frage: „Moment! Fritzale ist doch Bier, und fritz-kola macht nur Limonaden. Wieso können die sich überhaupt an die Kehle gehen?“ Weil gesunder Menschenverstand und Rechtslage eben nicht allzu oft Hand in Hand gehen. Damit wäre auch schon ein Schuldiger, der bislang ungeschoren davon gekommen ist, identifiziert: Bier teilt sich mit kohlensäurehaltigen Erfrischungsgetränken eine Kategorie, die sogennante „Klasse Nizza 32“ (u.a. zusammen mit Torfstreu für Tiere – „Fritz Tierbedarf“- sieh dich vor!). Wein hat eine eigene Klasse. Wer hier meint, dass diese Klassifizierung wohl von denselben Paragraphenreitern vorgenommen wurde, die auch für unser schönes Pfandsystem verantwortlich sind, liegt vermutlich richtig. Wäre die Rechtslage hier logischer, wäre man bei fritz-kola vielleicht gar nicht erst auf die Idee gekommen, Fritzale den Namen zu nehmen.

Doch wie rechtfertigen (eine in diesem Zusammenhang interessante Formulierung) die Hamburger ihr Vorgehen? In einem Telefonat mit Mirco Wolf Wiegert, einem der beiden Gründer und Geschäftsführer von fritz-kola, stellte dieser Mixology gegenüber klar: „Es geht uns nicht darum, Fritz Wülfing fertig zu machen. Uns ist daran gelegen, die Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit unserer Marke zu schützen, natürlich auch rechtlich.“

Diese Verwechslungsgefahr ist kein Hirngespinst, denn der Konsument nimmt sich nicht immer die Zeit, entsprechend zu recherchieren. Auch Fritz Wülfing bestätigt dies. Dennoch bleibt die Frage, wie genau fritz-kola unter solch einer Verwechslung zu leiden hätte? Darf man sich gestresste Kundenbetreuer vorstellen, die zum x-ten Mal einen Halbbetrunkenen abwimmeln müssen, dem „ihr“ Bier nicht geschmeckt hat? Oder empörte Eltern, die dem Limonadenhersteller vorwerfen, ihre Kinder über die Brause an den Alk zu führen? Fehlgeleitete Bestellungen von 500 Hektolitern Fritzale Extra Special Bitter?

Photo credit: Fight by Everett Collection via Shutterstock

4 comments

  1. Benedikt Ernst

    Toller Artikel, differenziert und mit aufschlussreichen O-Tönen. Genau das, was dieser Diskussion von Anfang an gefehlt hat.

  2. jan

    na auf so viel Friede Freude Eierkuchen dann mal ein „Diesel“ – in der Tat furchtbar dieses Mischgetränk!

  3. Pingback: Wohl dosiert.

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