barfly

FÜNF! betrunkene Filme, Teil II

Drinks 19.2.2017

Wir nehmen die Premiere von Schumanns Bargespräche Anfang diese Woche zum Anlass, einmal wieder auf das Thema „Schnaps und Film“ zu schauen. Denn Saufen und Hollywood, das ist eine Paarung, die immer Saison hat – nicht nur zur Berlinale.

Das Erstaunliche am Alkohol im Film ist tatsächlich: Es gibt ihn auch auf der Kinoleinwand in so unendlich vielen Variationen – mal dreckig-schäbig, mal mondän. Dann wieder nur symbolhaft als Stellvertreter für etwas ganz Anderes, bevor er an anderer Stelle doch wieder für den blanken Exzess steht. Alkohol und Film, auch beim zweiten Anlauf ein „Perfect Serve“. Klappe, Kamera, Tumbler – Film ab!

1) Barfly (Barbet Schroeder, 1987)

1987 war Mickey Rourke noch nicht das entstellte OP- und Tablettenmonster, als das ihn spätere Generationen kennengelernt haben, sondern ein Sexsymbol. Obendrein ein an sich wirklich guter Schauspieler. Nach „9 ½ Wochen“ allerdings wollte es für Rourke irgendwie nicht mehr so richtig weiter bergauf gehen – eher in die andere Richtung.

Wie tragisch doch, dass er ausgerechnet in dieser (mitunter brüllend komischen) Trinkertragödie aus der Feder des großen US-Gossenpoeten Charles Bukowski direkt ein Jahr später noch einmal einen vergleichsweise großen Erfolg landen konnte. Wenn auch – das muss man ehrlich sagen – seine schauspielerische Leistung nicht zu den großen Glanzpunkten Hollywoods gehört. Es ist eher das Timbre von „Barfly“, die Subtilität der zertrunkenen, eigentlich sehnsuchtsvollen Liebe zwischen den beiden von Rourke und Faye Dunaway verkörperten Figuren, die den Film zu etwas Besonderem macht. Wenn er doch nicht nur an so vielen Stellen so furchbar komische wäre, könnte er auch wirklich traurig sein!

2) Crazy Heart (Scott Cooper, 2009)

Das muss man sich mal vorstellen: Da dreht einer seinen ersten Spielfilm überhaupt als Regisseur. Und dann knallt Scott Cooper, damals 39 Jahre alt, wer Welt ein solches Brett wie „Crazy Heart“ um die Ohren. Mit Jeff Bridges in der großen Rolle seines Lebens, die ihm den Oscar einbrachte, an die sich aber trotzdem kaum jemand erinnern wird – weil Bridges knapp 15 Jahre vorher der „Dude“ war.

„Crazy Heart“ erzählt den Verfall, aber auch die letztendliche Läuterung des schwer alkoholkranken Countrysängers Otis „Bad“ Blake. Der früher erfolgreiche Plattenstar ist im Alter von knapp 60 Jahren nur noch ein bankrotter Schatten seiner selbst, der durchgehend betrunken – und auf Geheiß seines Labels – durch die Einöde des Südwesten der USA tourt, wo er in Bars und Bowlingbahnen sein Gnadenbrot frisst. Bis die junge Journalistin Jean in sein Leben tritt – verkörpert von einer anbetungswürdigen Maggie Gyllenhaal. Bis zur Reinigung von Blakes „Crazy Heart“ dauert es dann immer noch. Aber das alles – das Elend, den Suff, die Musik – erzählt Coopers Film mit einer solchen Ruhe, mit Understatement und einem präzisen Blick, dass man sich in „Crazy Heart“ verlieben muss, wenn man Countrymusik zumindest nicht komplett grässlich findet. Und: Filme mit Robert Duvall in wichtigen Nebenrollen sind eh immer gut!

3) The World’s End (Edgar Wright, 2013)

Wenn Simon Pegg irgendwo involviert ist, kann man davon ausgehen, dass es mit ziemlicher Sicherheit recht schräg werden wird – Stichwort: „Shaun of the Dead“. Diesmal also statt „Tod“ eben das „Ende der Welt“. Wobei, so mancher Großbritannien-Kenner wird vielleicht auch ohne Kenntnis des Films aufhorchen, die Bezeichnung „World’s End“ im Königreich tatsächlich ein recht beliebter Name für einen Pub ist.

So auch im Örtchen Newton Haven, wo der völlig fertige Gary (ebenjener Simon Pegg) eine grandiose Idee hat: Mit seinen früheren Freunden – mittlerweile allesamt respektable Erwachsene und Väter – möchte er endlich jenen in Jugendjahren gescheiterten „Pub Crawl“, also einen Streifzug durch alle örtlichen Pubs an nur einem Abend, zu einem erfolgreichen Ende bringen. Bevor die Truppe allerdings in Pub Nummer 12, dem „The World’s End“ landet, stellt sich ihrem Vorhaben etwas in den Weg – ja, genau: Roboter. Newton Haven ist nämlich in der Hand von Robotern. Wir wollen daher gar nicht zu viel verraten. Nur: Wann immer Simon Pegg in seinen Filmen auf der Flucht vor eigenartigen Gestalten einen Pub aufsucht (man denke an das „Winchester“ aus „Shaun of the Dead“), wird es grandios. Und feuchtfröhlich!

4) Herr Lehmann (Leander Haußmann, 2003)

„Ja, gib ihm bloß ein Bier, bevor das so weitergeht“, sagt die Kellnerin Heidi zu Karl. Und meint damit Herrn Lehmann, eigentlich Frank Lehmann, den aber alle nur noch „Herr Lehmann“ nennen, weil er bald 30 Jahre alt werden wird. Es war die Rolle des antriebslosen, vollkommen stoischen und rechthaberischen Frank Lehmann, die für den ehemals anarchischen MTV-Moderator Christian Ulmen den Übergang einleitete hin zu einem Schauspieler, den sich heute der Mainstream als Tatort-Kommissarn ansieht. Muss einem nicht gefallen.

Was hingegen jedem passionierten Bar- und Kneipengast gefallen muss, ist die krude Szenerie von „Herr Lehmann“, ein Film, in dem uns Regisseur Leander Haußmann das kurz-vor-der-Wende-Kreuzberg mit seiner ganzen Schrulligkeit, Weltfremdheit, seinem Suff und seiner Kaputtheit auf die Leinwand bringt. Eine von viel Hoffnung und Enttäuschung gekennzeichnete Mikrowelt, die aber auch aus Rückschau immer noch die Keimzelle des heutigen, kreativen und lebendigen Berlins auszumachen ist – vom Filmteam mit einer der liebevollsten Requisiten der jüngeren Zeit ausgestattet. Die Romanvorlage von Sven Regener war große Literatur. Die Verfilmung ist vielleicht aus objektiver Sicht kein großes Kino, aber doch eine große Ode an ein wichtiges Kapitel Berliner Geschichte. Und: In wohl keinem anderen Film erlebt das Öffnen derart vieler Bierflaschen mit.

5) Der Große Gatsby (Baz Luhrmann, 2013)

Die in ihrem Kern vielleicht traurigste Geschichte des 20. Jahrhunderts, Scott Fitzgeralds Roman „The Great Gatsby“, findet in Baz Luhrmanns Verflimung mit Leonardo DiCaprio in der Titelrolle bereits ihre zweite würdige Adaption: Schon die Verfilmung der 1970er mit Robert Redford und Mia Farrow setzte Maßstäbe, was die Übersetzung von Fitzgeralds negativ-versoffenem Sittengemälde der besseren Gesellschaft auf die Leinwand betraf.

So ist Luhrmanns Verfilmung des Romans auch gleichzeitig ein Remake des früheren Films, er eignet sich weite Teile von dessen Szenenbild und Ästhetik mit an, führt dessen visuelle Sprache fort. Vor allem aber setzt sich Luhrmann von seinem Vorgänger ab, weil er es schafft, ein zentrales Element von Fitzgeralds Text viel stärker und unmittelbarer zu inszenieren: den Exzess. Denn der Gatsby-Stoff erhält seine kranke Faszination auch dadurch, dass der Erzähler Nick Carraway unverblümt auf den programmierten und automatisierten Kontrollverlust eingeht, den die „bessere Gesellschaft“ braucht, um sich irgendwie als funktionierendes Gebilde zu inszenieren. Es ist bitterer Zynismus, dass mit Gatsby persönlich der Einzige im Film, der nie wirklich am Exzess teilnimmt, am Ende derjenige ist, der den tragischen Heldentod sterben muss. Aber sonst wäre es ja auch nicht die vielleicht traurigste Geschichte des letzten Jahrhunderts.

Photo credit: Foto via Tim Klöcker.

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