FÜNF! Mal: Das Gin-Ding ist allmählich durch

Drinks 9.11.2014 3 comments

Der größte Spirituosen-Hype, seit Vodka durch die Decke ging, ist zweifelsohne Gin. Im Wochentakt tickern Pressemitteilungen von dem neuen Gin durch den Äther. Doch schon länger häufen sich die kritischen Stimmen: Braucht man das? Es verdichten sich die Anzeichen dafür, dass der Gin als boomendes Trendsegment so langsam ausdient. Wir schauen uns FÜNF! Gründe dafür an.

1) Fadenscheinige Produktmerkmale

Die sogenannten USP (= Unique Selling Points, also Alleinstellungsmerkmale) so manchen neuen Wacholderdestillats scheinen doch arg bei den Haaren herbeigezogen. Mal ist es das Brennverfahren, mal das angeblich sehr besondere Wasser.

Dann wieder das Trocknungsverfahren der Botanicals oder einfach nur die Herkunft. Aber braucht der so stolze, traditionsreiche König Gin so etwas? Nichts gegen neue Produkte, aber so manches riecht doch arg nach Trittbrettfahrerei, die sich, unterstützt durch windige Werbestrategien, nur an einer von Woche zu Woche hochpreisigeren Kategorie bedienen will.

2) Auch ein Gin & Tonic will genossen werden

Wenn er auch ein strukturell einfacher Highball sein mag, gebührt doch ebenso einem G&T, dass man ihn mit bedacht zu sich nimmt. Mancherorts trifft jedoch genau das Gegenteil auf den aktuellen Hype: Gin & Tonic als Saufdrink – und wir reden hier nicht von niedrigem Preisniveau!

Fast scheint es, als verkomme der an sich so elegante, edle und aromatische Zweiteiler an den Society-Spots der Republik allmählich zum Vodka-Bull der besseren Gesellschaft. Gallonenweise kippen zahlungskräftige Gäste Premium-Spirituosen samt Gourmet-Tonic runter, einfach, weil sie es können. Super für den Gastronomen – aber grausam für das Produkt. Denn der Overkill wird dann unaufhaltsam kommen. Und wer will, dass guter Gin irgendwann auf einer Stufe mit der obigen Grausamkeit betrachtet wird?

3) Gin-„Kenner“ nerven

Harald Schmidt sagte einmal, dass Weinkenner grandios nervtötend sein könnten. Zugegeben: Kenner so mancher Flüssigkeit neigen bisweilen dazu, in eine snobistische Verbissenheit abzugleiten. Halb so schlimm, solange die Expertise da ist.

Anders verhält es sich jedoch aktuell beim Gin. Da es momentan zum guten Ton gehört, ihn gut zu finden, scharen sich die selbsternannten Gin-Experten Wochenende für Wochenende um die Tresen, um dort zu fachsimpeln und dem Bartender mit der Frage nach dem nächsten grandiosen Gin auf die Eier zu gehen, den er aber noch nicht gelistet hat.

So, wie jede Fußball-Weltmeisterschaft 80 Millionen Bundestrainer hervorbringt, hat auch der Gin letzthin eine Armee von selbstzertifizierten Sommeliers und Experten hervorgebracht, die ihr teilweise lächerliches Halbwissen durch die Gegen tragen. Braucht kein Mensch. Am wenigsten der Bartender, der sich – in bestimmt 99 % Prozent der Fälle – besser auskennt als diese „Fachleute“.

4) Der Martinez will auch mal Pause machen

Jede Zeit hat ihre Helden. Einer davon ist aktuell fraglos der Martinez Cocktail – und das zu Recht. Die Spielarten, die das aktuelle Gin-Angebot mit sich bringt, sind fraglos babylonisch. Was alleine der Barrel-Aged-Gin noch alles mit dem betagten Drink anstellen kann, liegt noch zu weiten Teilen im unbekannten.

Trotzdem sollte, gerade angesichts der ebenfalls in die Höhe schnellenden Wermut-Verfügbarkeit, dem alten Herren Martinez die eine oder andere Pause gegönnt werden. Auch ohne Gin lässt sich hier an alten Rezepten herumfeilen und ausprobieren, wozu eigentlich dessen populärster Partner so in der Lage ist. Ganz ohne Wacholder. Darauf vielleicht einen El Presidente?

5) „Brandy is Dandy“

Kaum eine Spirituose ist derzeit so wenig in aller Munde wie der gute, alte Weinbrand. Ob aus Frankreich, Spanien oder von anderswo: hier schlummert ein gewaltiges Potential, das vor allem vielen Bargästen noch viel zu unbekannt ist. Schließlich produzieren gerade die Spanier, die Sehnsuchtsnation vieler G&T-Jünger, hervorragende Brandies.

Aber auch Cognac und ähnliche Konsorten warten darauf, wieder mehr in die Köpfe und an die Gaumen herangeführt zu werden. Warum statt des nächsten, langweiligen Gin-Tastings mal einen Sidecar-oder Horse’s-Neck-Workshop anbieten? Und auch jenseits dessen warten neben Vieux Carrée oder einem wirklich klassischen Sazerac noch unzählige Kleinode, die viel zu selten über den Tresen gehen.

Photo credit: Auto am Abgrund via Shutterstock

3 comments

  1. Jan-Peter

    Nice try:-) Aber da kommt noch viel mehr. Es gibt einfach zu viele Zeitschriften, die noch nicht dazu gekommen sind, über Gin aus dem Schwarzwald schreiben.

  2. Jean-Pierre Ebert, rivabar

    Biss’l spät. Ansonsten den Nagel auf den Kopf getroffen.

    BTW, Gäste nerven bekanntlich nicht. Falls dem doch so sein sollte, dann sind diese zuvor von einem schwachsinnigen Barmann in Sachen Gin & Tonic unterrichtet worden. Und es gibt Steigerungsformen. Genannt sei hier der Verkaufsleiter unabhängig von Gebietsgröße und der Marke, der immer noch versucht, einen weiteren Premiumgin an den Mann zu bringen. So stelle ich mir das leider nicht mehr erlebte Staubsaugerhaustürgeschäft vor. Falls ich mich nicht täusche ist die Bar an sich neben den tausend anderen mehr oder wenigen imaginären Dingen ein Geschäft. Auch hier gilt: Ein gutes Preis/Leistungsverhältnis ist überlebenswichtig.

    Es lebe der Finsbury Gin & das Goldberg Tonic Water!

  3. Ben

    Der Artikel ist ja rein subjektiv und enthält nicht ein einziges sachliches Argument für die These, dass das Gin Ding durch ist. Mir scheint der Autor hat keinen Bock mehr auf Gin 😉

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