bjoern bochinski korn

„Korn hat mindestens so viele Facetten wie Rum.“

Drinks 9.9.2017

Björn Bochinski ist der erste Brand Ambassador für Korn. Man könnte daher auch sagen: Er ist Imageberater. Denn immer noch wird die ur-deutsche Spirituose zumeist in einem Atemzug mit Vodka genannt.

Wie der Markenbotschafter das in seiner Tätigkeit für die Feinbrennerei Sasse zu ändern gedenkt, verrät er im Interview.

MIXOLOGY ONLINE: Wir teilen den Eindruck, dass Korn kommt und sowieso der deutlich hochwertigere Vodka ist – wenn richtig gemacht. Glaubst Du, Korn löst Vodka ab, oder hat der Markt genug Platz für beide Spirituosen?

Björn: Korn lediglich als Substitut für Vodka zu betrachten, greift meiner Meinung nach deutlich zu kurz. Nach unserem Verständnis ist Korn etwas völlig Eigenständiges. Leider sind fast alle Kornhersteller mit ihren Qualitäten über Jahrzehnte dem Vodka hinterhergelaufen und haben auf hochrektifizierten Sprit gesetzt. Hierdurch ist der Korn dem Vodka bis zur Aufgabe der eigenen Identität nahegekommen. Auf diesem Weg wird der Korn sicherlich langfristig keinen Platz an der Bar behalten. Wenn sich die Hersteller aber auf ihre eigentlichen Stärken und Möglichkeiten besinnen, glaube ich schon, dass Korn einen Platz als die einzige ur-deutsche Spirituosengattung finden kann. Da ist aber noch ganz viel zu tun! Liest man gerade in den Medien etwas über Korn und Cocktails, werden meist nur Vodka-Drinks wie beispielsweise Skinny Bitch, Korn & Tonic oder Moscow Mule erwähnt. Ich glaube fest daran, dass beide Spirituosen ihren Platz auf dem Markt haben. Wir sollten die momentane Aufmerksamkeit aber mehr dazu nutzen, uns vom Vodka abzusetzen, als sich mit ihm zu vergleichen. Sicher ist eine gewisse Verwandtschaft vorhanden und es spiegelt auch eine Facette des Korns wider, aber eben nur eine.

Du kommst aus der Ecke der Tiki-Drinks. Wie war Dein Weg von dort zum Korn?

Erstaunlicherweise gar nicht so weit, wie man zuerst vermuten mag. Was mich an Tiki anfänglich fasziniert hat, war die Herangehensweise, wie man Rum verwendet hat. Dadurch habe ich erst verstanden, dass es unglaublich viele verschiedene Stile von Rum gibt, und wie sehr sich das Geschmacksbild eines Drinks verändert, wenn man verschiedene Rum-Arten kombiniert oder austauscht.

Irgendwann rief Danny Müller an und fragte, ob ich nicht an einer German Tiki AG des Hubertus Rates von Jägermeister mitwirken möchte. Da zu der Zeit Tiki auch noch kein großes Thema war und man die Möglichkeit hatte, sich mit anderen auszutauschen, habe ich natürlich sofort zugesagt. Aus dieser AG kam dann der Ansatz, Tiki regional zu interpretieren. Wir haben Rum ausgetauscht gegen Korn, Weinbrand und Obstbrände, haben mit heimischen Obstsorten und traditionellen Fillern, Süßen und Säuren gespielt.

Und da sind wir auch schon bei dem Thema Korn. Die Feinbrennerei Sasse war mir als Münsterländer natürlich durch den Lagerkorn und den Cigar Special schon lange ein Begriff. Als ich dann vor Ort gesehen habe, was hier an Liebe und Handwerk von Anfang an in das Produkt gesteckt wird und wie viele Möglichkeiten man in der Korn-Produktion hat, auf den Geschmack einzuwirken, hat mich das direkt in den Bann gezogen. Maischen, Destillation und Fassreifung – alles Komponenten, mit denen wir jedes Produkt komplett neu interpretieren können. Da ist Korn nicht nur ein besserer Vodka, sondern eben eine Spirituose, die mindestens genauso viele Facetten hat wie zum Beispiel Rum.

Du arbeitest schon seit Jahren als Bartender. Waren das stets gebuchte Aufträge oder warst Du auch einmal in einer Bar „zuhause“? Welche Bars in deutschsprachigen Bereich liegen Dir persönlich am Herzen?

Meinen ersten Job als Bartender hatte ich 1998 in der Luna Bar in Münster. Das war eine kleine, kaum umgebaute Erotik-Bar, die nach Schließung dann als Bar und Mini-Club mit DJ weiterbetrieben wurde. Das war dann auch das Jahr, in dem „The Big Lebowski“ erschien, dementsprechend habe ich das erste Jahr zu gefühlten 90 Prozent nur White Russians über den Tresen geschoben. Ansonsten gab es der Zeit entsprechend aber auch eher Caipirinhas, Long Island Iced Teas und ähnliche Kaliber. Dort habe ich aber einige Jahre an der Bar und auch am DJ-Pult gearbeitet. Das war damals schon eher mein erstes als mein zweites Zuhause.

Danach war ich in Doc Müller’s Raketencafé am Brett, ebenfalls in Münster. Mit 27 habe ich dann aber doch noch mal eine Ausbildung zum Fachinformatiker gemacht und auch lange in Festanstellung gearbeitet. Die Liebe zur Bar- und Spirituosenwelt ging dabei nie verloren. Ich habe dann viel für Messen, Events und Tasting-Veranstaltungen gearbeitet. Ein weiteres Zuhause kam dann 2014 hinzu, nämlich die Lux Bar in Münster, für die ich das Barkonzept mitgestalten durfte und auch einige Barevents organisiert habe. Hier stand ich auch mit an der Bar.

Wie findet der Korn aus den Sasse-Schmieden seinen Weg an den Tresen? Und wie wird er von den Bar-Chefs angenommen?

In unserer Heimatregion, dem Münsterland, sind wir bereits gut vertreten. Hier haben wir den Vorteil, dass man uns und unsere Produkte schon länger kennt und gerade Lagerkorn einen sehr guten Ruf hat. Das macht das Arbeiten im regionalen Umfeld sehr angenehm. Für den überregionalen Ausbau werde ich bald auf eine Roadshow gehen und Korn mit all seinen Facetten in einigen Großstädten präsentieren. Ich hoffe natürlich, dass unsere Produkte in anderen Städten einen ähnlich guten Anklang in den Bars finden wie z.B. bei uns in Münster.

Was ist das Spezielle an Sasses Korn im Vergleich zu handelsüblichem Korn aus dem Supermarkt?

Ganz einfach: Unser Korn schmeckt nach etwas! Manche Sorten sind rauchig wie ein Whisky, andere fruchtig wie ein Obstbrand oder komplex wie ein Bordeaux. Einfach immer wieder anders, immer wieder neu. Unser Inhaber Rüdiger Sasse wird in der Branche auch „Der Spinner aus dem Münsterland“ genannt. Aber genau diese Spinnereien geben uns jetzt die Möglichkeit, auf einen Riesenfundus Erfahrung zurückgreifen zu können.

Unser größter Vorteil hierbei ist, dass wir alle Produktionsschritte vom Mahlen des Getreides, über das Maischen und Brennen bis zur Fasslagerung und Abfüllung in unserer Hand haben. Wir können auf jeden einzelnen Schritt einwirken und so den Charakter eines Brandes massiv beeinflussen. Die meisten Kornbrände im Supermarkt sind ja meistens nur charakterlose Massenware. Uns liegt viel daran, ein hochwertiges und geschmacklich interessantes Produkt auf den Markt zu bringen. Korn, einfach Hand gemacht!

In welchem Drink kannst Du Dir den Korn besonders gut vorstellen? Verrätst Du uns ein Rezept?

Zum einen hätte ich da einen schönen Drink mit unserem Lagerkorn, der durch seine Milde und eine feine Holzaromatik wunderbar die fruchtigen Noten des Drinks trägt:

The RZA (Roggen-Zitrone-Apfel)

(Ain’t Nuttin ta Fuck Wit)

6 cl Lagerkorn
1 BL Williams-Birnenbrand
5 cl Apfelmussirup*
3 cl Zitrone
2 Dashes Angostura Bitters

Shake – Strain – auf Crushed Ice in einem Tumbler servieren

Deko: Apfelspalte & Roggenähre

*Apfelmussirup

1 Teil Apfelmus
1 Teil 1:1 Zuckersirup

Und natürlich habe ich da auch noch einen Tiki Drink. Hierfür habe ich den Cigar Special Korn gewählt, der mit seinen fruchtigen Noten und seinen leicht rauchigen Vanillenoten sehr gut den Jamaika Rum ergänzt:

Rum & Ähre

4 cl Sasse Cigar Special
3 cl Jamaika Rum
2 cl Zitrone
1 cl Zuckersirup
1,5 cl Orgeat
1 cl Roter Weinbergpfirsichlikör

Shake – Strain – auf Crushed Ice in einem Tiki Mug servieren

Deko: Minzzweige, gedörrtes Zitronenrad und eine Kornblumenblüte

Wie steht es um das gute alte Herrengedeck? Zu welchem Bier sollte der Sasse Korn kredenzt werden und weshalb?

Wir haben ja nicht den einen Sasse-Korn, sondern viele verschiedene Getreidebrände mit ganz unterschiedlichen Charakteristika. Lagerkorn sehe ich zum Beispiel gut in der Kombination mit einem leicht fruchtig-hopfigen Lagerbier. Unser Cigar Special besitzt genügend Kraft, um auch mit einem IPA oder Double IPA mithalten zu können, und ergänzt diese noch durch eine schöne Vanille- und Rauchnote. Der Bordeaux Finish passt mit seinen trockenen und weinigen Noten sehr gut zu dunklen Bieren wie z.B. einem Porter oder einem Stout.

Mit welchen Problemen hast Du beim Verkauf von Korn in der Bar-Szene Probleme? Sind es vor allem die Vorurteile? Mangelnde Vorstellungskraft in der Zubereitung? Schlichtweg Unwissen?

In den Kornregionen kennen viele Korn nur als ein Getränk, welches eher bei Schützenfesten und Karneval zum wirkungsorientierten Trinken gereicht wird. Da hat man es in der Genusswelt schon manchmal etwas schwieriger. Allerdings können wir mit unseren Produkten die meisten dann doch recht schnell überzeugen, und viele freuen sich dann auch auf das Experimentieren mit verschiedenen Kornbränden.

In den südlicheren Regionen, in denen Korn keine so große Rolle spielt, gibt es dementsprechend meistens auch weniger Vorurteile gegenüber Korn, und die Barleute sind sehr neugierig und offen für das Thema. Momentan hat Korn zwar gerade eine gewisse mediale Aufmerksamkeit, allerdings liest man überall nur, dass Korn der bessere Vodka sei. Ich sehe meine Aufgabe eher darin, der Barwelt zu zeigen, dass man Korn auch in Cocktails einsetzen kann, in denen normalerweise eher Whisky, Rum oder auch Tequila eingesetzt werden. Fruchtigkeit, Milde, Kraft und Komplexität sind alles Eigenschaften, die ein Korn haben kann und entsprechend vielfältig sind seine Einsatzmöglichkeiten.

Wie erklärst Du Dir diese immense Gin-Welle über die letzten Jahre, wohingegen man den Korn allgemein sehr stiefmütterlich behandelt? Was hat der Gin-Markt richtig gemacht, was dem Korn noch fehlt?

Gin besitzt vor allem zwei Eigenschaften, die man für einen Hype benötigt. Zum einen muss ein Hype schnell bedient werden, und somit muss das Produkt eine kurze Produktionszeit besitzen. Zum anderen sollte die Spirituosengattung über eine gewisse geschmackliche Diversität verfügen, so dass sich Hersteller von anderen absetzen können und der Markt interessant für den Konsumenten bleibt.

Korn hat gerade über das Thema Regionalität einen großen Aufwind, allerdings unterscheiden sich viele Produkte nicht groß voneinander. So lange wir uns im Bereich Korn nicht stärker vom Vodka absetzen, wird es wahrscheinlich schwierig mit einem großen Hype.

Wobei sich mir vor allem die Frage stellt, ob wir wirklich einen richtigen Hype benötigen – oder ihn wollen. Aufmerksamkeit und Interesse wollen wir natürlich, aber einen Hype mit Qualitätsanspruch zu bedienen, ist natürlich auch immer schwierig. Unser jüngstes gelagertes Produkt hat eine Mindestreifedauer von vier Jahren. Das macht es in diesem Segment schon schwieriger, einen Massenmarkt zu bedienen. Zum Glück sind wir mit verschiedenen, hochwertigen umgelagerten Bränden bestens auf den „Notfall“ vorbereitet.

Und last but not least: Wieso hast Du Dich für den Brand Ambassador entschieden? Hast Du nie darüber nachgedacht, ein eigenes Unternehmen zu gründen und Deine eigenen Spirituosen herzustellen, so dass eine Bandbreite selbiger erhalten bleibt? 

Bevor ich hier als Korn Ambassador angefangen habe, hatte ich aufgrund einer Schnapsidee bereits Kontakt zu der Feinbrennerei Sasse. Unter anderem mit dem regionalen Kaffeeröster Herr Hase hatten wir die Idee, einen Kaffee-Gin zu machen, und haben bei Sasse angefragt, ob es einen Grund gäbe, warum niemand Kaffee als Botanical einsetzt. Rüdiger Sasse und Brennmeister Frank Wigger fiel auch kein wirklicher Grund ein, und so machte man sich gemeinsam an die ersten Experimente. Das Ergebnis war dann so gut, dass wir eine Firma gründen „mussten“. Nun mache ich beides, und die Entscheidung, hauptberuflich in Vollzeit bei Sasse zu arbeiten, ist von mir auch sehr bewusst getroffen worden.

Hier habe ich die Möglichkeit, in einem Unternehmen zu arbeiten, welches schon seit über 300 Jahren in Familienbesitz aktiv ist und in dem man alles noch handwerklich herstellt. In welcher Firma hätte man sonst schon die Möglichkeiten, so nah am Produkt zu arbeiten? Ich habe hier in den ersten Monaten schon gemaischt, geschleppt, gebrannt und Ideen für eigene Produkte angebracht. Ich habe hier unglaublich vielfältige Aufgaben und lerne jeden Tag etwas Neues. Das war der Grund, mich für Sasse zu entscheiden, und die ersten Monate haben mir bestätigt, dass ich alles richtiggemacht habe.

Ich mache die eigene Marke lieber nebenbei und beschäftige mich dort mit den Sachen, die mir Spaß machen, ohne großen Druck zu haben. Wir sind bei Prütt Kaffee Gin zu viert und jeder hat sein normales Berufsleben – und das ist auch gut so.

Photo credit: Björn Bochinski via Matthias Höing

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