Mampe

Kräuterliköre aus Berlin: Magenbitter mit Geschichte

Drinks 30.5.2017 2 comments

Let´s get local ist nicht nur die Devise bei Gin. Das allerregionalste, was wir zu bieten haben, ist Kräuterlikör. MIXOLOGY ONLINE begibt sich auf eine bittersüße Reise durch die Hauptstadt – und erklärt, wie David Bowie in einem Mampe-Kostüm gelandet ist. 

Seien wir einmal ehrlich – das erste, was uns aus der Hausbar unserer Eltern geschmeckt hat, war weder der Grauburgunder noch der heimlich abgeleckte Bierschaum – sondern ein Likör. Schön süß und für die Kinderzunge von der Kinderschokolade noch nicht allzu weit entfernt, hält ein Likör, was die Vorstellung vom süßen Erwachsenenleben verspricht. Zunächst. Bis Berentzen Kirschlikör nun wirklich zu süß wird, allmählich das Alter für den Tresen erreicht ist und zum Bier ein Jägermeister getrunken wird.

Hier wären wir angekommen beim ersten Kräuterlikör der meisten deutschen Lebern. Die Haltbarkeitszeit von Jägermeister innerhalb eines Lebens ist in der Regel länger als die von Berentzen, vielleicht ähnlich lange wie die eines Ramazzotti. Da kommt es dann drauf an, ob man seine Trinkzeit eher an einem deutschen Vorstadt-Tresen oder in einem römischen Straßencafé verbringt. So zumindest das Klischee.

Mampe: Nichts Ganzes, sondern Halbes

Der Arzt und Königlich Preussischer Geheimer Sanitätsrat Dr. med. Carl Mampe machte es uns bereits im Jahr 1831 möglich, heute Kräuterlikör so zu bestellen, dass wir uns weder wie im Jugendhaus, noch wie eine Mutter einfallsloser Kinder am Muttertag fühlen müssen. Mampes Magenbitter hat einerseits eine lange Tradition und es doch geschafft, sich immer wieder neu zu positionieren. Wurde Mampe bereits im Jahr 1978 in dem Kult-Film „Schöner Gigolo, Armer Gigolo“ von keinem Geringeren als David Bowie beworben – der übrigens ein Mampe-Flaschenkostüm trägt! – zeigt Mampes Kompassnadel mittlerweile wieder gen Berlin. Wohnhaft im Kreuzberger Bergmannkiez, wird Mampe nun ausschließlich in Berlin produziert und verkauft.

Wer sich übrigens einmal gefragt hat, woher das „Halb und Halb“ aus Mampes Kräuter kommt, der wisse hiermit, dass der Name von Halbjuden während des Zweiten Weltkrieges stammt, die zwar an der Front kämpften, das Gros ihrer Angehörigen aber in Konzentrationslagern verloren hatten. Die Wichtigkeit des Likörs in den 30er und 40er Jahren muss nicht weiter kommentiert werden – die Wichtigkeit von Mampe heute lässt sich in rund 200 Berliner Bars ersehen. Mampe selbst empfiehlt seine Verwendung vor allem in einem Mampe Mule (s.u.).

KR/23: Nicht auf den Kopf hauen!

Ein weiterer Lieblingslikör der Berliner, ja vor allem der Neuköllner, ist der KR/23. Auf der Basis von Weizenbrandvodka werden hier 23 echte und naturbelassene Kräuter in getrocknetem oder frischem Rohzustand mazeriert und nach mehreren Wochen gefiltert. Florian Stärk hat gemeinsam mit Lars Stottmeister die Liquor Company gegründet und dort neben der „Cuate“-Rum-Reihe den KR/23 ins Leben gerufen.

Sein Mixpotenzial stellt er unter anderem im Neuköllner Kauz & Kiebitz unter Beweis. Dort kredenzt man aus Aperol, Gin und dem KR/23 den Neuköllner Negroni. Und auch im Klunkerkranich, dem gastronomischen Dach der Neuköllner Arkaden, wird ein Longdrink aus dem KR/23, Mate, Orange und Limette ausgeschenkt. „Sein Vorteil ist, dass er weder zu süß ist noch Hustenbonbon, sondern sehr dezent und frisch“, findet Florian. „Der haut nicht so auf den Kopf wie einige industrielle Kräuter.“

Und kein Mensch will auf den Kopf gehauen bekommen. Viel eher will man Dinge trinken, die gesund schmecken. Etwa nach Zitronenschale, Rosmarin, Oregano, Thymian, Kurkuma, Anis, Orangenschale, Ingwer, Muskat, Basilikum, Kamille, Zimtstangen, Kümmel, Lorbeerblätter, Raute, Fenchelsamen, Grüner Pfeffer, Salbei, Kardamom, Nelken, Minze, Zitronenmelisse und Schwarzem Pfeffer. Ungefähr.

Pijökel: Ein Hoch auf das Hölzchen

Ein wenig süßer als der KR/23, dafür angenehm bitter kommt der Pijökel daher, was vermutlich an der zusätzlichen Verwendung von Galgant liegt. Wir wissen, dass der Geschmack oftmals interessanter als die Geschichte ist, aber diese hier ist zu schön, um sie auszulassen. Nämlich begab es sich zu der Zeit der 1960er Jahre, da eine Gruppe Bremer Abiturienten ein geheimnisvolles Stücklein Wurzelholz gefunden hatte, von dem keiner wusste, was es sei. Gemäß plattdeutscher Natur nannte man das „kleine Ding“ in seinem Dialekt „Pijökel“. Aus den Freunden wurden die „Pijökelfreunde“, und um diese besondere Freundschaft zu huldigen, hielt man eine Zeremonie ab, versammelte sich um das Pijökel und brauchte fürwahr etwas zum Anstoßen.

Zum Glück befand sich unter den „Pijökelfreunden“ ein Apotheker, der Abhilfe schaffen konnte. Seit dem Jahr 2010 in der Spirituosen-Manufaktur in Berlin-Prenzlauer Berg wohnhaft, hat sich auch Pijökel mittlerweile wohlfeil in der Berliner Bar-Szene eingefunden und wartet mit einigen Drink-Rezepturen auf. Unser Liebling: der BRLN Old Fashioned (s.u.).

Erst die Basis, dann die Bar

Gerald Schroff ist gemeinsam mit Prof. Dr. Ulf Stahl Chef der Preussischen Spirituosen Manufaktur. Aus ihrer Hand stammt der Weddinger Kräuterlikör und der Kurfürstlicher Magenbitter, mit der sie eine Tradition pflegen, die bereits in den mittelalterlichen Klostermauern begonnen hat. Gerald Schroff sieht seine Kräuter immer aus der traditionellen, ja, aus der Kräuter-intentionalen Sicht, nicht aus der Bar-Perspektive. „Der Kräuter kommt aus der Medizin und ist irgendwann mit Zucker und Zitrus versetzt worden, um ihn konsumfreundlicher zu gestalten“, so Schroff.

Sein Kurfürstlicher Magenbitter knüpft an genau dieses Credo an und ist ein klassischer Magenbitter, der dem Magen hilft, wenn er Probleme hat. Durch Beigabe von Enzian kann man diese Wirkung bereits schmecken, und wer nach einem Jägermeister-Ersatz zum Herrengedeck sucht, ist hier falsch; wer zu viel Kohlwickel gegessen hat, allerdings goldrichtig.

Wem hier der Vergnügungsfaktor fehlt, der versuche es einmal mit dem Weddinger Kräuterlikör. Dieser ist deutlich lieblicher und in jedem Falle trinkbar, als wäre man zum Vergnügen da, nicht zur Gesundheit. Im besten Falle schließt sich das nicht aus, und für diesen Zustand ist die Preussische Spirituosen Manufaktur eine herzlich dankbare Anlaufstelle. Mit dem Kräuter meint man es hier nämlich besonders ernst. „Mischungen sind eine Sache des Bartenders“, so Gerald Schroff. „Der darf kreativ sein und muss wissen, was seinen Kunden schmeckt. Wir machen Kräuter für den Geschmack, nicht für die Bar.“

Wie das Amen in der Kirche

Auch für Alfonso D’Angelo, der gemeinsam mit Mertol Akinci die Neuköllner Jungbusch Bar am Brennen hält, ist der Kräuterlikör nicht von der Bar wegzudenken. Einmal ganz davon abgesehen, dass der Italiener Amaro auf Eis mit Zitrone bereits mit der Muttermilch aufgesogen hat, ist der Kräuter auch in seinen Cocktails essentiell – so zum Beispiel im Hanky Panky oder dem Trio Infernale. Für die Jungbusch Bar ist der KR/23 von Anfang an der beste Jägermeister-Ersatz gewesen – und als der wird er auch anerkannt und wertgeschätzt.

„Ob als Mix oder pur, ein Kräuterlikör gehört in eine Bar wie das Amen in der Kirche.“ Dem haben wir nichts mehr hinzuzufügen – außer zwei Rezepte.

 

Mampe Mule

4cl Mampe Halb&Halb

Orangenscheibe

14cl Ginger Beer

Glas: Longdrinkglas

Im Longdrinkglas auf Eiswürfel bauen, vorsichtig verrühren und servieren.

 

BRLN Old Fashioned

4 cl Pijökel 55

1,5 cl Grand Marnier

1,5 cl Wray & Nephew Overproof Rum

2 Dashes Orange Bitters

Glas: Tumbler

Und jetzt kommt’s: Spüle einen Tumbler mit Ardbeg Whisky aus, gebe alle Zutaten hinein und fülle ihn mit Eiswürfeln. (Auch) so trinkt man Old Fashioned in Berlin.

Photo credit: Foto via Tim Klöcker.

2 comments

  1. Sven

    Hallo Juliane,
    sehr schöner Artikel über sehr schöne Produkte!

    Kurze Ergänzung zum Neuköllner Negroni. Wir nennen ihn Bottecchia, benannt nach einer alten Fahrradmarke. Hier das Rezept:

    Bottecchia
    3cl KR/23
    2,5cl Gin
    2cl Aperol
    2 dashes. Meersalzlösung

    Garnitur: Grapefruit Zeste
    Glas: Tumbler

    Im Glas auf Eiswürfeln verrühren.

  2. Brigitte N.

    Der Autorin ist ein folgenschwerer Fehler unterlaufen: Mitnichten kommt der Name „Mampe Halb & Halb“ von Halbjuden – dieser beschreibt den Inhalt halb Bitterorangen & halb Kräuter. Daß sich im Zweiten Weltkrieg jüdische Soldaten mit „Mampe Halb und Halb“ vorstellten hat mit dem Likör und dessen ursprünglichem Namen nichts zu tun.

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