Die MIXOLOGY-Verkostungsrunde: März 2015

Drinks 31.3.2015 2 comments

Chapelle Rouge Vodka, „vor“ Gin, Mondino Amaro, Buen Suceso Mezcal, Siegfried Gin und „Havelwasser“ — Die Verkostungsrubrik präsentiert sich im neuen Format.

 

Ab sofort nehmen wir uns einmal im Monat Zeit, um ausgewählte Produkte vorzustellen, die die Redaktion für Bemerkenswert hält. Heute geht’s los mit einer Tour durch Deutschland, Island, Mexiko und Frankreich.

Chapelle Rouge Vodka

Die Flasche sagt eindeutig: der Chapelle Rouge will Premium Vodka sein — lang und gerade gezogen, mattiert und mit rotem Kalligraphie-Schriftzug fügt sich das Packaging des Vodkas nahtlos in die Range der typischen Vertreter. Ein verspäteter Trittbrettfahrer?

Zunächst überrascht der Vodka trotz seiner 40% Vol. durch einen sehr leichten, flüchtigen Eindruck im Glas, denn er hinterlässt kaum Tränen. Die ersten Aromen, die an uns herantreten, sind eine deutliche Note von Weinbeeren, aus denen der Chapelle Rouge zu 100% destilliert wurde, sowie ein kräftiger Anklang von weißem Pfeffer. Bei tieferem Riechen tritt ein prägnanter erdiger Ton hinzu, der an Moos, feuchte Erde und wilde Kräuter erinnert. Dabei ist der Alkohol sehr sauber eingebunden.

Dieses Bild kann der Vodka auch im Mund aufrecht erhalten: ein reines, aber nicht beliebiges Produkt, das sofort seine Eignung zum puren Genuss unterstreicht. Mit einer satten Cremigkeit und leichter Würze füllt der Chapelle Rouge den Mundraum aus, ohne zu dominant zu sein. Die typische, hintergründige Süße wird gut ausgeglichen durch einen Ton von Kümmel und leichten, trockenen Eindruck von Trester. Es drängen sich erste Assoziationen für einen würzigen Vodka Martini auf. Insgesamt empfehlenswert, lässt der Chapelle Rouge so manchen beliebigen Premium Vodka filmreif hinter sich.

0,7 l
40 % Vol.
ca. 28 €

„vor“ Iceland Dry Gin Barrel Aged

Zu 100% aus biologisch angebauter Gerste ist der isländische „vor“-Gin gebrannt. Der fassgereifte Vertreter ergänzt das bisherige Angebot des Herstellers. Die Flasche fügt sich mit ihrem minimalistischen, zylindrischen Design in die Range zeitgenössischer Gins, das Etikett vermittelt einen handwerklichen Eindruck.

Abgefüllt wird der „vor“ mit einer Stärke von 47% Vol., zum Herabsetzen auf Trinkstärke wird reines Gletscherwasser verwendet. Beides macht sich bemerkbar: in der Nase zeigt sich sowohl eine gewisse alkoholische Schärfe als auch ein präsenter mineralischer Anklang. Beides wird jedoch dominiert durch eine ausgeprägte Holz-Note — von Fassreifung wird hier also nicht zu unrecht gesprochen. Nach kurzer Zeit kommt eine deutliches, den Fasston bestärkendes Eukalyptusaroma hinzu, wir machen ein wenig getrocknete Kirsche aus.

Die Mineralität des Gletscherwassers macht sich durch einen präsenten Salzgeschmack bemerkbar, im Zusammenspiel mit etwas Honigsüße. Da wir hier über einen Gin reden, wollen wir eines nicht verschweigen: Wacholder suchen wir so gut wie vergebens. Passend zum Honig kommt etwas Bienenwachs mit ins Spiel. Die Tester sind sich einig: in einer Blindverkostung dürfte es schwer fallen, den „vor“ als Gin zu kategorisieren. Das bedeutet nicht, dass er minderwertiger Qualität ist, aber auf den üblichen Gin-Pfaden dürfte er es schwer haben.

0,5 l
47% Vol.
ca. 45 €

Buen Suceso Mezcal

Die Vorliebe vieler Bartender für die Gattung Mezcal möchte man auch mit dem Buen Suceso befeuern. Entgegen dem in jenem Segment bevorzugten archaischen Look, kommt der Buen Suceso in einem durchgestylten, sehr hochwertig anmutenden Packaging an den Kunden: eine eckige Flasche samt Farbsplittern und Korken erweckt den Eindruck eines sehr hochwertigen Produktes.

Neben den ersten, typisch rauchig-grasigen Aromen macht sich im Buen Suceso eine deutliche florale Note von Lilien und Veilchen bemerkbar, die dem Produkt Leichtigkeit verleiht. Riecht man tiefer und länger, wird jedoch die fleischige Komponente stärker, es entsteht ein leichter Anklang von gebratenem Bacon.

Im Mund ist der Buen Suceso trotz seiner aromatischen Komplexität zunächst überraschend leicht und mild, er entbehrt der bei Mezcal mitunter deutlich spritigen Schärfe. Es drängen sich Gedanken an einen Mezcal-Negroni auf, für den sich das Produkt aufgrund seiner sortentypischen, aber nicht brachialen Aromatik hervorragend eignen dürfte. Besonders das Finish ist sehr leicht und frisch, weshalb nicht zu befürchten sein sollte, dass er seine Mitspieler im Drink zu sehr die Show stehlen könnte. Ein rundes Produkt!

0,7 l
40 % Vol.
ca. 55 €

 

Siegfried Rheinland Dry Gin

Dem großen, fast unverwundbaren deutschen Sagenhelden huldigt man durch den Siegfried Rheinland Dry Gin. Die Flasche als auch deren Größe fügen sich nahtlos ein in den aktuellen Zirkus deutscher Gins: eine farblose Flasche in Apotheker-Form und 0,5 Liter Fassungsvermögen. Hinter den roten Blockbuchstaben schimmert ein Lindenbaum — denn Lindenblüten zeichnen in erster Linie verantwortlich für die aromatische Ausrichtung des rheinischen Brandes.

Der Gin hingegen scheint gänzlich unverwundbar: erst kürzlich erhielt er bei der World Spirits Awards als erster deutscher Gin das Prädikat „Double Gold“, womit er, zumindest aus Sicht dieses Wettbewerbes, nun stolz den Titel als bester deutscher Gin überhaupt führen darf.

Der Gin eröffnet im Glas denn auch mit einer klar „baumigen“ Noten von Tannenholz und ein wenig Gerbstoff — sicher einerseits durch die Lindenblüten, aber auch deutlich wacholdrig. Ausgewogen wird dieses Ätherische durch ein leicht pikantes Aroma von Koriander. Augenfällig ist die Kombinierbarkeit mit einem blumigen Tonic.

Seine Komplexität spielt Siegfried im Mund aus: weißer Kandis, leichte Schärfe, Vanille, Lavendel, Holzigkeit und eine prägnante Parfum-Note von Bergamotte wechseln sich harmonisch ab, der Gin erzeugt ein überraschendes Volumen. Besonders für klare Gin-Cocktails dürfte Siegfried sich besonders eignen, während er im klassischen Sour vielleicht ein wenig zu filigran sein könnte.

0,5 l
41 % Vol.
ca. 30 €

Mondino Amaro

Durchweg beeindruckt war die Redaktion vom bayerischen Amaro aus dem Hause „Mondino“. Aus Traunstein in den Voralpen kommt die volkstümlich designte Flasche, die aber durch den frischen farblichen Gegensatz einen zeitgemäßen Eindruck macht.

Als Hauptbestandteile gibt der Hersteller Bitterorangen, Rhabarber und gelben Enzianwurz an. Dieses Versprechen kann der Mondino halten: trotz verhaltener 18% Vol. präsentiert er sich mit feiner, viskoser Bindung im Glas, während er ein deutliches, fruchtig-würziges Bouquet von Limettenzeste, Orange, Koriandergrün und Kardamom versprüht. Dazu tritt eine Note von reifer Süßkirsche.

Jener Eindruck ist auch im Mund der zunächst vorherrschende: reife und confierte Kirsche verbreiten sich, flankiert von klaren Blütenaromen, die fast ein wenig an einen Crème de Violette denken lassen. Dazu kommt eine verhaltene Komponente von Pflaumen. Was ein wenig fehlt, ist die Bitterkeit; diese macht sich eher hintergründig und bei fortlaufendem Trinken durch einen leicht adstringierenden Eindruck am Gaumen bemerkbar. Neben dem Purgenuss dürfte der Mondino in allerlei Aperitif-Spielereien eine sehr gute Figur machen.

0,7 l
18 % Vol.
ca. 19 €

Havelwasser

Ein leichter Wein-Aperitif markiert das Ende unserer heutigen Ausgabe. Hinter dem Wortspiel „Havelwasser“ verbirgt sich ein Bioland-zertifizierter Aperitif aus 70% geklärtem Birnensaft und 30% trockenem Weißwein. Ausschließlich Weine der Rebsorte Müller-Thurgau finden den Weg ins Havelwasser, das zudem mit einem geringen Anteil Kohlensäure versetzt wird. Mit seinen überaus leichten 3%/Vol Alkohol lässt das Produkt sogar jeden Bier und jede Weißweinschorle hinter bzw. vor sich. Ein feiner, fruchtiger Aperitif will das Havelwasser sein. Kann es das auch?

Der Duft vom Havelwasser ist, trotz der Mischverhältnisse, sehr „weinig“, die Birne findet eher am Rand statt, mit den sortentypischen Blütenaromen des Müller-Thurgau. Kurioserweise vermengen sich Aromen dunkler Beeren mit solchen reifer Zitrusfrücht, während die Birne sich nicht zeigen möchte.

Diese taucht erst im Mund auf, allerdings relativ oberflächlich. Hier ist es schade, dass klarer statt trübem Birnensaft zum Einsatz kommt. Die ungefilterte Variante würde sicher dazu beitragen, dass ein etwas komplexerer Eindruck entsteht. In der vorliegenden Weise wirkt das Havelwasser zunächst wie ein gesüßter Wein, dem es ein wenig an Fundament fehlt. Erst nach einigen Schlucken tritt das Birnenaroma etwas entschiedener hervor. Durch den Alkoholgehalt ist das Havelwasser definitiv nicht zum Mixen gedacht. Ein leichtes, gefälliges Getränk auch für die Mittagszeit. Aber mehr leider auch nicht.

0,75 l
3 % Vol.
ca. 7 €

Photo credit: Foto: Tim Klöcker

2 comments

  1. MiMö

    Siegfried ist für mich die größte Enttäuschung. Auch hier wird Volumen, verschiedene Noten und alles gefeiert. Ich finde ihn schlicht einen scharfen Gin der nach Wacholder und Alkohol schmeckt. Da kann ich auch Sünner Gin trinken und hab auch einen Gin aus dem Rheinland und der ist auch nur mit starkem Alkoholgeschmack. Vollkommen überbewerteter Hype.

    • Gerald / Rheinland Distillers

      Hallo MIMÖ,

      klar, Geschmack ist und bleibt subjektiv – und das ist ja auch gut so. Und ja, es wäre sicher vermessen zu sagen, dass man einen Gin kreieren könne, den alle in gleicher Weise geschmacklich toll finden. Siegfried ist sicher dahingehend „anders“, dass er nicht voll auf Zitrus setzt wie manch anderer aktueller Gin und er ist ebenfalls geschmacklich subtiler. Das er nur nach Alkohol und Wacholder schmecken soll, dieser Auffassung kann ich persönlich aber in keinster Weise folgen.

      Welche Gins trinkst Du denn gerne?

      Grüsse
      Gerald

      PS: Sofern Du den Siggi bei uns im Online- Shop gekauft haben solltest, meld Dich kurz per Mail und wir erstatten Dir den Kaufpreis

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