Der Mojito: das Wiener Schnitzel der Bar?

Drinks 5.9.2015 4 comments

Der Piratendrink aus Rum, Minze, Limette und Zucker gehörte zu den ersten großen Crowdpleasern der Bar-Renaissance. Fluch und Segen zugleich. In seiner Rekonstruktion geht Gabriel Daun der Frage nach, wie es überhaupt dazu kam und ob es im Jahre 2015 noch angemessen ist, in einer Spitzenbar einen Mojito zu ordern. Ein Plädoyer für Einfachheit und Qualität.

Ein wenig hat sich der Mojito in den letzten Jahren zum Wiener Schnitzel unter den Drinks entwickelt. Beide werden bis heute sicherlich sehr häufig zubereitet und dementsprechend oft verkauft. Und bei beiden handelt es sich – wenn sie gut gemacht wurden – um ein ansprechendes Erlebnis, das allerdings kaum noch einen Gaumen zu überraschen vermag.

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Nicht zuletzt deshalb ist der Mojito vielleicht in den letzten Jahren in der Gunst der Bartender gesunken. Der zweite Grund mag vor allem der sein, dass seine Zubereitung während der letzten zwei Dekaden viel zu häufig den nötigen Sachverstand und die Leidenschaft vermissen ließ. Zunächst von biederen Vorstädtern annektiert, die ihn in ihrem Reihenhausgarten auf der Terrasse an Samstagabenden ihren Gästen aufdrängten: Ein pseudo-exotisches Caipirinha-Upgrade, das mit leicht manieristischem Duktus Weltläufigkeit und Kennerschaft simulieren sollte. Zu viele seiner Art wurden bald darauf in an irgendwelchen Flüsschen oder Kanälen gelegenen mediokeren Möchtegern-Strandbars und Großraumdiskotheken kredenzt, ein bräunlich-schmutziggrüner Brei aus Eisklümpchen, alter Minze, Limettenstücken und unsäglichem braunem Zucker. Auf zu vielen Volksfesten und Festivals wurde dieser kubanische Klassiker dann schließlich inflationär in Pappbechern verramscht und verkam zum banalen Prollgesöff auf hirnlosen Massenveranstaltungen.

Aus diesem Grunde wird jeder, der heute in einer Bar einen Mojito ordert, nicht unbedingt als Connaisseur eingeordnet werden. Der Mojito ist, wie schon einige Drinks vor ihm, ein wenig zum Opfer seines eigenen Erfolgs geworden – er ist schlicht und einfach nicht mehr sophisticated genug, weder für den zeitgenössischen Bartender, der bei einer Mojito-Order vielleicht den Versuch eines Old Cuban-Upgrades unternehmen wird, noch für die Gin & Tonic-Avantgardisten, die sich mittlerweile scharenweise vor dem Tresen tummeln.

Die Freibeuter und die Minze

Die Anfänge dessen, was wir heute „Mojito“ nennen, liegen weit zurück: Bereits die Seeleute und Piraten des Elisabethanischen Zeitalters kannten die wohltuende und lindernde Wirkung von Minze bei Magenproblemen, die sie bei Ihren Fahrten in tropische und subtropische Gefilde vermutlich häufiger plagten. Der Gedanke, dass dort die Wurzeln des Mojitos liegen könnten, ist weder abwegig noch neu. Medizinische Hintergründe nehmen bei der Erklärung, wie Drinks entstanden sind, einen Spitzenplatz ein.

1655 wurde eine tägliche Ration Rum für Matrosen auf den Schiffen der British Royal Navy beschlossen. Doch auch schon zuvor wurde auf jedem Schiff eine nicht unbeträchtliche Menge an Wein, Bier und Destillaten mitgeführt, in erster Linie zur Konservierung verderblicher Güter. Da auf hoher See Frischwasser häufig Mangelware war und das bei Landgängen gefundene, in Fässern abgefüllte Wasser schnell Algen bildete, war es auf Schiffen der englischen Krone Usus, das Wasser durch Zugabe von Alkohol haltbar zu machen. Bei Fahrten in die Karibik wurde hierzu mit großer Sicherheit bereits im 16. Jahrhundert „aguardiente de caña“ verwendet.

Wie kamen diese Zutaten nun zusammen? Als Sir Francis Drake, eine herausragende Persönlichkeit der englischen Schifffahrt, auf einer seiner Kaperfahrten in der Karibik erkrankte, verhalf ihm angeblich ein Gemisch aus Zuckerrohrbrand, Minze und Zucker wieder zu Gesundheit. Von seinen spanischen Widersachern auf See wurde Drake „El Draque“ genannt, und dieser Name übertrug sich dann auf das Gemisch, welches mit seiner Genesung in Verbindung gebracht wurde.

Kubanisches Original und pseudokubanische Touristenfalle

Vom „Mojito“, wie wir ihn heute noch kennen, ist hingegen erst in den Cocktailbüchern des früheren 20. Jahrhunderts zu lesen. Tatsächlich handelt es sich um eine kubanische Erfindung (oder zumindest Weiterentwicklung). Bemerkenswerterweise ist in den ersten Quellen, die den Mojito nennen, von der Verwendung von Minze noch keine Rede. Es handelt sich bei jenen Drinks zunächst eher um klassische Rum Rickeys oder Rum Collinses.
In John B. Escalantes „Manual del Cantinero“ ist ein Ron Bacardí Julep zu finden, eine der ersten Referenzen, die Rum und Minze nach dem „El Draque“ wieder zusammenbringt. Von dort ist es dann nur noch ein kleiner Schritt bis zum Mojito als eine erfrischende, alkoholische Limonade — er ist mitnichten ein kräftiger Rum-Drink. Zu großer Popularität verhalfen ihm dann die Bars El Floridita und Bodeguita del Medio sowie der Club de Cantineros.

Die Bodeguita del Medio, jene legendäre Bar, in welcher Ernest Hemingway laut eigener Aussage seine Mojitos bevorzugt einzunehmen pflegte, entwickelte sich zum Mekka für Fans dieses Drinks. Die Zahl der Mojitos, die dort jährlich über den Tresen gereicht werden, ist schwer zu überschätzen. Leider geht damit ein unvermeidliches Phänomen einher: es ist unwahrscheinlich, einen Mojito serviert zu bekommen, dem der Bartender bei der Zubereitung so etwas wie Aufmerksamkeit oder gar Hingabe zuteilwerden ließ. Reisebusse mit Pauschaltouristen machen für 15 Minuten an der Bar halt und innerhalb dieser Viertelstunde dürfen sich die Reisegruppen dann am kubanischen Klassiker gütlich tun. Die Bartender sind ohne Frage schnell und effizient, aber vermutlich birgt dieses Erlebnis wenig Magie. Es sind nun einmal Drinks vom Fließband, und darunter leidet die Qualität. Wayne Curtis bemerkt in seinem Buch „And a Bottle of Rum“ über seine generellen Erfahrungen mit Mojitos in Havana enttäuscht: “The mint wasn’t minty, the lime wasn’t limey, and the bubbly water wasn’t bubbly […] I’ve had better mojitos at airport bars.”

Jeder Drink hat sein Kairos

Es scheint, als sei es um den Mojito dieser Tage nicht zum Besten bestellt. Zum Schluss dennoch ein paar versöhnliche Sätze: Auch, wenn er in unseren Breiten in gehobenen Bars keine große Rolle mehr spielen mag: Er kann ein wunderbar erfrischender Drink sein. Zum richtigen Zeitpunkt und bei den richtigen Temperaturen. An diesen heißen Juliabenden, die „Mary Pickford!“ oder „Royal Bermuda Yacht Club!“ schreien. Oder eben „Mojito!“
Warum wir dann jetzt über den Mojito sprechen, obwohl sich der Sommer langsam aber sicher seinem Ende entgegen neigt? Vielleicht bekommen wir noch zwei südlichere Tage geschenkt. Dann wäre er doch noch einmal eine Option. Und wenn es wirklich schon Herbst werden sollte: Der nächste Sommer kommt bestimmt. Und wie eingangs erwähnt: Wiener Schnitzel geht ja auch irgendwie immer.

Mojito

Rezept

5 cl weißer Rum
2,5 cl frischer Limettensaft
2 BL feiner, weißer Rohrzucker)
20-25 Minzeblätter (vorzugsweise kubanische Hainminze; auf keinen Fall zu scharfe Pfefferminze)
Soda Water

Zubereitung

Minzeblätter zwischen den Handflächen leicht andrücken und ins Glas geben. Limettensaft, Rum und Zucker hinzugeben und gründlich verrühren (die Minze nicht zerdrücken), kurz ziehen lassen. Glas mit Eiswürfeln oder grob gestoßenem Eis auffüllen und erneut umrühren. Mit 3-4 cl Soda Water aufgießen. Wahlweise mit oder ohne Trinkhalm servieren.

Glas

Highball

Garnitur

Minzezweig

Photo credit: Drake via Wikipedia. Postproduktion: Tim Klöcker.

4 comments

  1. Helmut

    „er ist schlicht und einfach nicht mehr sophisticated genug“

    Ja, man gebe einfach statt weißem Rum einen heimgebrauten Melisse-Rum mit gelöstem Himalajasalz, statt weißem Rohrzucker piloncillo und statt vulgärer Minze die heimgezogene, mit Basilikum gekreuzte Variante dazu, reife das ganze in einem kleinen Holzfass und throwe es dem Gast dann ins Glas… und schon kommen die Avantgardisten und bestellen ohne Ende, garantiert!

    • Redaktion

      Lieber Helmut,

      bitte nicht falsch verstehen: weder wir in der Redaktion noch der geschätzte Autor Gabriel Daun haben etwas etwas gegen einen guten Mojito einzuwenden – ganz im Gegenteil! Die Formulierung, die du völlig korrekt zitierst, findet sich oben unmissverständlich im Zuge einer Diagnose der Tatsachen, nicht in einer Bewertung.

      Herzliche Grüße
      // Nils Wrage

      • Helmut

        Ich wollte mit meinem Kommentar keinesfalls implizieren, dass Ihr einen Mojito abwertet – im Gegenteil, der hervorragende Artikel beweist ja, dass dieser einst geliebte, heute vielgeschmähte Cocktail auf jeden Fall auch für Euch einen zweiten Blick wert ist.
        Mein etwas plumper Scherz ging mehr in die Richtung, dass die heutige Cocktailwelt vielleicht manchmal mehr auf abgefahrene Rezepturen als auf die Historie eines Cocktails wert legt, worunter Cocktails wie der Mojito, der Tequila Sunrise und andere Klassiker leiden.

  2. Harry

    Hallo,
    was kann ein Drink dafür, wenn er aufgrund häufiger Nachfrage nicht mehr überall mit der Sorgfalt zubereitet wird, die ihm eigentlich gebührt? Der Singapore Sling hat ja mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, gerade an seinem Ursprungsort, wo er von vielen Touristen bestellt wird, weil man den dort eben mal trinken muss.
    Dem Drink gegenüber finde ich die Einstufung als nicht sophisticated genug jedoch unfair und halte das Verbannen aus der Getränkekarte oder die (unterbewusste) Wertung eines Mojito-Bestellers als Nicht-Connaisseur deshalb auch nicht für die richtige Reaktion darauf, dass er so oft und gern getrunken wird. Viel besser fände ich eine sportliche Herangehensweise, die nicht vor der Verramschung kapituliert, sondern den Kampf dagegen aufnimmt. Nach dem Motto: „Sie wollen Mojito? Sie bekommen einen RICHTIGEN Mojito!“ Für den einen oder anderen Gast wird das dann sicher ein Augenöffner.

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