Ohne Islay zum Kenner werden!

Drinks 8.1.2016

Kilchoman etwa kommt aus Islay – dem Malthead-Mekka schlechthin. Ob ein Islay-Whisky wiederum automatisch die Tür ins torfige Expertentum öffnet, ist die andere Frage. Darauf gibt es hundert Antworten aus hundert Destillerien.

Rauchige Whiskys zu mögen ist schick und gehört unter der Whisky-Gemeinde längst zum guten Ton des gerstehaltigen Gesprächs. Das funktioniert in beide Richtungen. Mit einem richtig rauchigen Whisky aus Islay beweist man bisweilen nicht nur guten Geschmack, sondern auch in Volumenprozente übersetzte Virilität. Einen Octomore zu bestellen – der derzeit torfigste Whisky überhaupt – bedeutet, dass man es ernst meint und einen so schnell nichts umhaut. Nicht einmal der Preis.

Umgekehrt schickt es sich so gar nicht mehr, etwas wie einen Glenfiddich zu bestellen – zumindest nicht die Standardabfüllung. Was lässt die Anerkennung eines süßen Speyside-Whiskies schon auf unser distinguiertes Degustationsvermögen schließen? Also.

Stimmt nicht!

Das war natürlich ironisch gemeint. Dennoch haben Islay-Whiskies in den letzten Jahren unter Fachtrinkern und Feingeistern eine Sonderstellung eingenommen, die es einmal näher unter die Lupe zu nehmen gilt. Ardbegs Marketing-Abteilung hat mit Astronautentricks Innovation bewiesen, Laphroaig im letzten Jahr 200-jährigen Geburtstag gefeiert und Bruichladdich mit dem Octomore einen Superlativ auf seiner Seite. Das ist alles hilfreich; vor allem anderen ist es aber recht rauchig.

In Irland torft nur Connemara und in den USA überhaupt keiner. Torfige Whiskies zeichnen somit nicht nur den schottischen Single Malt aus, sondern auch den Trinker ebenjenes. Also trinkt man immerhin Scotch und keinen Bourbon – das ist, durch die Brille der Laien-Klischees betrachtet, schon einmal gut. Amerikanischer Whisky ist ja bekanntlich viel schlechter als schottischer; das war ebenfalls Ironie, ist aber eine andere Geschichte. Zu Torf und Rauch lässt sich, wie über alle anderen Geschmäcker dieser Welt, wenig objektiv sagen. Manche mögen es nun einmal, wenn eine Flüssigkeit nach Mullbinden, nassem Tau oder Tankstelle schmeckt. Und manche nicht. Es ist also genauso wenig generell „gut“, wenn ein Whisky getorft ist, wenn eine Suppe nach Estragon schmeckt.

Es schmeckt gut – sonst nichts

Allerdings lässt sich auch nicht von der Hand weisen, dass einige Neulinge im Malt-Metier mit Islay-Whiskies nur wenig anfangen können. Menschen, die hingegen öfter Whisky trinken, haben sich besser an die weniger zugänglichen Geschmäcker gewöhnt. Ob man sich als Vieltrinker gezwungenermaßen auch besser auskennt, sei einmal dahin gestellt. Als Kinder mochten wir keinen Kaffee, keinen Kümmel und dachten, Korn stinkt. Wenn wir das heute noch immer denken, bedeutet das nicht, dass wir kulinarische Einfaltspinsel sind. Haben wir unsere Meinung darüber hingegen geändert, heißt das höchstens eines: auch unser Geschmackssinn hat sich verändert. Das geht Männern so und das geht auch Frauen so. Die Mär vom rauchigen Männer-Malt und den fruchtig-süßen Whiskylikören für die Frau hält sich zwar beständig, ist aber Blödsinn. Rauchige Whiskies zu trinken, zeugt also weder von fachlichem Fundament, noch ist es männlich. Es schmeckt einfach nur sehr gut – uns doch auch.

Andere Mütter haben auch…

Es gibt aber noch so viele andere Destillerien, aus denen es auch schmeckt, allein in Schottland. Und einmal ganz davon abgesehen, dass man mittlerweile auch getorfte Abfüllungen aus Highland-Produktion, wie etwa Edradours Ballechin oder den Benromach Peated aus der Speyside, findet, muss es doch gar nicht immer rauchig sein. Man räuchert ja auch nicht jedes Stück Fleisch – es gäbe ja sonst keine Mortadella! Weil Abwechslung schön ist; weil es unterschiedliche Tage, Tageszeiten und -formen gibt und weil es so viele verschiede Menschen und Bücher gibt, mit denen wir Whisky trinken wollen. Da trifft es sich doch gerade gut, dass es neben den sich auf Islay befindlichen Destillerien noch genau hundert andere davon gibt.

Braeval, zum Beispiel. Sie ist eine der jüngsten Brennereien in Schottland und wurde von Chivas Brothers ursprünglich als „Braes von Glenlivet“, also den „Flussufern des Glenlivets“ gegründet. Weil das der Glenlivet-Destillerie aber doch sehr ähnlich klingt, heißt sie nun Braeval und produziert Whiskies, die nicht nur Nachtische aller Art unnötig machen, sondern auch viele interessante Abfüller wie Douglas Laing Dun Bheagan oder Gordon & Macphail anzieht.

Da wäre auch Ben Nevis. Benannt nach dem höchsten Berg Schottlands, an dessen Fuße die Destille liegt, ist die Lage an pittoresker Schönheit nur schwerlich zu übertreffen. Dass der Whisky dort schmeckt, ist sowieso klar. Aber auch im grauen Deutschland trinkt man sich an Ben Nevis nur schwerlich satt. Schon die zehnjährige Abfüllung ist charakterstark wie andere Malts und Menschen mit 20 Jahren noch nicht, besitzt etwa so viele Schokolade- und Eichennoten wie ein mit Schokolade überzogenes Eichenfass und führt dazu, augenblicklich Flachmann und Fleece einpacken und gen Gipfel marschieren zu wollen. Aufpassen also!

Früchtebrot räuchert man auch nicht

Oder mal etwas aus dem Sherryfass? Zugegebenermaßen kandidiert die Whiskyreifung in gebrauchten Sherryfässern längst nicht sondern trinken. Zum Beispiel einen Fettercairn. Seine hauseigene Abfüllung „Fior“ ist eine Mischung aus 15-, 14- und 5-jährigen Malts, die gemeinsam im Ex-Bourbonfass lagern und dann in europäischen Ex-Sherryfässern nachzureifen. Das macht ihn so rot. So rot wie auf Islay nicht einmal Blumen wachsen! Und wer es exklusiver mag, probiere einmal den 22-Jährigen von Exclusive Malts und behaupte, dass hier noch irgendetwas fehle. Torf, zum Beispiel. Man räuchert ja auch kein Früchtebrot!

Torf entsteht nur sehr langsam. Der Torf am norddeutschen Teufelsmoor bei Worpswede wächst über rund 8.000 Jahre – und das geht in Laphroaigs Torfmooren nicht schneller. Das klingt zunächst dramatisch, glücklicherweise ist der Torf-Verbrauch, prozentual gesehen, aber wenig bedrohlich. Wer sich dennoch sorgt, kann sich auf angenehmste Weise aktiv gegen den Abbau von Torf einsetzen: einfach mal ein Gläschen aus dem Rest Schottlands trinken.

Photo credit: Islay via Shutterstock

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