Pilsner Urquell und die Saazer Hopfenernte 2013

Drinks 14.11.2013

Josef Groll war der Brauer, der den wohl berühmtesten Bierstil Pilsener erfand. MIXOLOGY-Autor Dirk Hoplitschek hat sich an der Wiege von Pilsner Urquells umgesehen und dabei die Zukunft tschechischen Hopfens gerochen.

„(…) in our Pilsner Urquell minibus driving out towards Plzeň on a bright morning (…), I realize that hills are even more impressive when they are thickly coated with trees. (…) rolling Bohemian woodland suggests real magic and romance. (…) The brooding forests stride across the border between the two countries (…) and gave birth to the creepiest childhood fairy tales. Seing the forests now is intoxicating (…)” – Pete Brown, Three Sheets to the Wind

Für einen kurzen Moment schämte ich mich, während ich diese Worte las. Zogen doch jene Wälder unbeachtet am Fenster des Pressebuses vorbei. Wie unverfroren, eine Szenerie, die von anderen als so eindringlich empfunden wird, einfach zu ignorieren. Ich starrte zwei Minuten schuldbewusst in den Wald, entschied, dass die Bäume wohl für jemanden von der Insel imposanter sein müssen und widmete mich wieder meinem Buch.

Immer wieder huschte ein Lächeln über meine Lippen, während die Seiten vor mir die Erlebnisse eines Bierautors schilderten, der just die Reise beschrieb, auf der ich mich gerade befand. Auf dem Weg nach Pilsen, auf einer Pressereise zur Pilsner Urquell-Brauerei, der Heimstatt des ersten Lagers nach Pilsener Brauart überhaupt. Meine Mitstreiter, Vertreter unterschiedlichster Getränke- und Genussmedien, schien das wenig zu erregen. Die meisten dösten vor sich hin, vom Tannicht ebenso wenig beeindruckt wie von der vor uns liegenden Pilgerstätte der Bierkultur. Hin und wieder meldete sich unsere Reiseleiterin Betty Klimova, eine adrette Tschechin in den 40ern, und streute den ein oder anderen Informationshappen in das monotone Schnurren des Motors. Zeit genug, die Gedanken schweifen zu lassen und die Vorzeichen, unter denen ich diese Reise angetreten hatte, zu erwägen.

Pilsner Urquell gehört seit 1999 zu South African Breweries und damit seit 2002 zum zweitgrößten Bierkonzern der Welt. SAB Miller – es gibt wohl nur einen Namen, bei dem Liebhaber von Craft Beer die Dreschflegel noch schneller aus der Scheune holen. Und das wäre dann der Erzteufel AB InBev. Als Redakteur einer Bierbewertungsplattform mit ausgemachtem Craft-Beer-Fokus staunte ich demnach nicht schlecht, als man uns eine Einladung zu jener komplett bezahlten Pressereise zukommen ließ. Natürlich hatten wir den Deutschlandchef von SAB Miller, Frank Höhler, auf der Braukunst Live! 2013 auf die Bühne geholt, um vor der versammelten Craft-Beer-Gemeinde zu erläutern, was Pilsner Urquell da eigentlich zu suchen hatte. Er schlug sich nicht schlecht, doch auch wenn man sich stets um eine objektive Berichterstattung bemüht – SAB Miller und handwerkliches, innovatives Brauen mit höchstem Geschmacksanspruch? Das klingt ein wenig wie Fische und Bergsteigen.

Der grollende Innovator

Bei Pilsner Urquell selbst wird es hingegen schon schwieriger, denn die Brauerei hat nicht nur ein Qualitätsideal, sondern auch ein einzigartiges Vermächtnis. Es ist ziemlich genau 171 Jahre her, dass der hauptberufliche Brauer und nebenberufliche Sympathiebolzen Josef Groll von den verzweifelten Bürgern der böhmischen Stadt engagiert wurde. Sie müssen wirklich am Rande des Zumutbaren gewesen sein, denn nicht nur hatten sie zuvor mehrere Fässer lokaler Gebräue öffentlich in den Rinnstein gekippt (bei den bierliebenden Böhmen quasi ein Sakrileg), sie holten sich mit Josef Groll auch einen Mann, den sein eigener Vater, selbst kein Kind von Traurigkeit, als “ziemlich schroff” beschrieb – wohl eine höfliche Umschreibung für das, was man heute “Choleriker” nennen würde.

Folgerichtig blieb Groll gerade einmal drei Jahre, bevor man von einer Vertragsverlängerung absah. Bezeichnend, bedenkt man, dass er in dieser kurzen Zeit nicht nur einen Hefestamm von einem Mönch über die Grenze schmuggeln ließ (so die Legende), die Heißlufttrocknung von Malz in Pilsen einführte (wodurch das helle Pilsener Malz in dieser Form erst möglich wurde), sondern auch so ganz nebenbei den beliebtesten Bierstil der Welt aus der Taufe hob – ein Vermächtnis, von dem er nie wirklich erfahren sollte.

Seine Flagge wird mittlerweile von der tschechischen Brauerikone Vaclav Berka hochgehalten, einem kapitalen Braumeister wie er im Buche steht. Nachdem wir Schreiberlinge unter den amüsierten Blicken tschechischer Profis beim Hobbyfassbinden unsere “Craft”-Untauglichkeit unter Beweis stellen durften, führte uns Berka durch die Mälzerei und den Braukeller. Sagte ich Keller? Die Katakomben unter der Brauerei haben pharaonische Ausmaße und würden im Falle eines Luftangriffs wahrscheinlich für ganz Pilsen als Luftschutzbunker herhalten können – nasskalt, aber sicher nicht der schlimmste Ort, um sich zu verstecken. Immerhin stehen hier Reihe um Reihe doppelt mannshoher Holzfässer, von denen ein manches noch mit der unfiltrierten Variante des Urquells gefüllt ist. Für einen Bierkenner ist dieses sicher keine Sensation, doch die ausgeprägtere Bitterkeit im Abgang spielt schön mit dem weicheren Körper des Naturtrüben.

Etwas viel Marketing im Sud

Als unangenehm empfand ich auf dem gesamten Rundgang einzig eine Marketingfloskel, die immer wieder abgespult wurde – die seit Anbeginn der Zeiten unveränderte Rezeptur des Bieres. Wirklich? Industrielle Filtration, eine Skalierung auf größere, modernere Brauanlagen und die Weiterentwicklung der Produktionsmethoden der zugrunde liegenden Rohstoffe haben sich nie in der Rezeptur niedergeschlagen? Das geschmackliche Profil bewahren, das klingt eher machbar.

Den Abend verbrachten wir im beschaulichen Pilsen und seinen Gaststätten, um uns für die Arbeit des Folgetages zu stärken. Nach einem für Feinschmecker wenig reizvollen Frühstück im ansonsten untadeligen Hotel Angelo ging es nach Žatec, Deutschen besser bekannt als Saaz und als Heimstatt des halbfrühen Rothopfens (oder einfach “Saazer”). Beim Anblick der Felder und dem Duft der Hanfgewächse konnte ich nicht umhin, Zdeněk Rosa von Bohemia Hop zu fragen, ob man denn über das Züchten und Anpflanzen “modernerer” Hopfensorten nachdenke. Und siehe da – nicht nur werden Cascade, Simcoe und Co. in Zukunft eine größere Rolle spielen, auch Eigenkreationen aus Böhmen dürfen Kreativbrauer erwarten. Leider fuhren wir für unseren Selbstversuch im Hopfenpflücken nicht in deren Anbaugebiete, und so musste ich mich beim wohlverdienten Abschiedsbier in Saaz bei meiner “hop infusion” (man nehme frischen Hopfen und werfe ihn ins fertige Bier) mit dem normalen Halbfrühchen begnügen – frisch vom Feld immer noch eine Offenbarung für jeden “hop head”.

Zurück im echt tschechischen Pressebus (erkenntlich daran, dass sich im Kühlfach mehr Bier als Wasser befand), überlegte ich im melancholischen Sonnenschein des Spätsommers, was ich wohl von dieser Reise außer Hopfendolden mitnehmen würde? Hatte Pilsner Urquell mich überzeugt, dass sie “craft” sind? Nein, aber das war auch gar nicht die Absicht. Das Urquell gehörte auch schon zuvor zu den wenigen Bieren, zu denen ich griff, wenn ich im Supermarkt vor der eher uniformen Bierauswahl stand. Darin sehe ich mich bestätigt, und darin, dass das konstante Bemühen, den Ursprung eines Bierstils zu treffen, eine genauso reizvolle Reise sein kann, wie die wildesten Kapriolen meiner Bierwelt.

(Offenlegung: Im Rahmen der Pressereise übernahm Pilsner Urquell Fahrt- und Beherbergungskosten des Autors.)

Photo credit: Dirk Hoplitschek

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