Octomore

Rauch, Rauchiger, Octomore

Drinks 28.4.2017

Octomore ist der rauchigste Whisky der Welt, ist meist fünf Jahre alt und zuhause in der Bruichladdich-Destillerie. Wer Octomore trinkt, hat’s drauf. Oder nicht? Auf Spuren eines Whiskys, der Rauch, Rauheit und Realness verbindet.

Es könnte wieder einmal alles so einfach sein. Wenn Superlative nicht so attraktiv wären, Zwischenstufen für alle verständlich und Dezenz ein Kaufargument.

Ist es aber meist nicht, auch nicht beim Octomore. Spirituosen leben lange nicht mehr durch ihren bloßen Geschmack. Sie sind Ausdruck unserer Selbstbilder, die eine komplizierte Liaison mit dem Marketing des entsprechenden Produktes eingehen. Aber ist dieses Verhältnis wirklich so kompliziert, oder wünschen wir uns das bloß, weil Komplexität meist tiefgründiger anmutet, als sich als Marketingopfer wahrzunehmen?

Vier mal Laphroaig

Octomore, das ist Rauch, Rauheit und Realness, verbunden auf engstem Raum von nur 0,7 Liter mit mindestens 150ppm. „PPM“, das sind „parts per million“ und bezeichnet das Verhältnis von Torf und Wasser. Aufgefahren hat Octomore in seinen „07.1“- und „07.2“-Abfüllungen sage und schreibe 208 ppm. Und weil das zunächst lediglich eine Zahl ist, hält Laphroaig für einen Vergleich her. Auch über ihn sagen Menschen, denen der Torfmoor nicht zu den aromatisch heimatlichen Gefilden gehören, dass er schmecke, als lecke man einen Aschenbecher. Oder schlürfe eine Tankstelle.

Dabei verwendet Laphroaig Gerste, die gerade einmal um die 40 ppm zum Whisky beiträgt. Zwischen vier bis fünf mal so getorft darf man sich also den Octomore vorstellen. Was, zur Hölle, stellt man sich da allerdings letztlich vor? Wie es sich anfühlt, wenn man sich an einem Lagerfeuer verschluckt hat? Ein Saunagang beheizt mit Torf? In jedem Falle ist man sehr, sehr stark, wenn man einen Octomore bestellt. Weil man so wahnsinnig viel PPM und Prozente verträgt, weil Rauch immer irgendwie rough ist und Scharfes scharf.

1.700 Jahre für 1,70 Meter

Immerhin hat es Octomore mit seinen durchweg fünf Jahre lang gereiften Malts geschafft, Menschen zu zeigen, dass Whisky nicht per se besser wird mit dem Alter, ja dass es durchaus eine Berechtigung geben kann, einen Malt frühzeitig abzufüllen. Wer es nämlich rauchig frisch und nicht rauchig reif möchte, hat bei einem 30-jährigen Laphroaig nichts zu suchen, sei er noch so wertvoll. Wertvoll im Sinne von Geld. Torf ist wertvoll, im Sinne von Zeit.

Moor wächst pro Jahr um etwa einen Millimeter –  was bedeutet, dass es ein Weilchen dauert, bis der Torf gestochen und zum Darren der gekeimten Gerste verwendet werden kann. Das macht den Whisky nicht nur rauchig, sondern verleiht ihm auch eine gewisse Zauberkraft, die sagt „Hey, Du! Für deine Körpergröße habe ich 1.700 Jahre an Schottlands kantigen Küsten gelegen. Mit mir an Deiner Seite macht Dir keiner etwas vor. Ich bin alt, stark und überhaupt der Stärkste!“

Und dann ist es ja nicht nur der Rauch, sondern auch die Volumenprozente. Octomores Abfüllung „07.3“ dreht sich mit sage und schreibe 63% Vol. und bedarf somit einiger Tropfen Wasser. Nicht, weil man ihn nicht auch mit 63 Prozent trinken könnte, sondern weil man schlichtweg mehr schmeckt. Wir erinnern uns, Alkohol ist ein Nervengift und einige Tropfen Wasser nachzugeben hat nichts mit „verdünnen“ zu tun, sondern nennt sich „aufschließen“ – man öffnet sich regelrecht die Türen zu mehr Geschmack.

Octomore: Die Inseln nach Torf, Speyside nach Blume

Schade ist diese Entwicklung alleine für dezentere und filigranere Whiskys aus den Highlands, insbesondere der Speyside-Region. Da raucht in der Regel nichts, aber das bedeutet lange nicht, dass es diesen Whiskys an etwas fehlt – außer möglicherweise dem Superlativ. Denn der ist doch ein wenig wenig für einen solchen Whisky.

Ein Whisky, der bisweilen in ehemaligen Syrah-Rotweinfässern gelagert wird, nämlich bei der „07.2“-Abfüllung, hat es verdient, mehr als ein bloßer Imperativ zu sein. Wohingegen einige ihren Highland-Whisky nach der Anzahl seiner Ex-Sherryfassreifungen auswählen, scheint es auf Islay, insbesondere bei Octomore, lediglich um den Torfgehalt zu gehen.

So soll also der Highlander fruchtig, die Speyside blumig, die Küste mineralisch und die Insel rau schmecken. Das kann man natürlich so handhaben, wird den Whiskys aber nicht gerecht. So ein Octomore der rauchigste aller Whiskys sei – was er de facto ist – und ein Highlander der würzigste, so geht verloren, dass eben auch Octomore seine Süße hat. Seine Opulenz, die Wärme verspricht, gleichwohl der Geschmack an kalte Asche erinnert, seine moorigen Noten und die frischen Ofenpflaumen, die zumindest die 07.2 aufweist, sind so vieles mehr als „der rauchigste Whisky der Welt“. Genauso, wie nicht Speyside einfach nach Blume schmeckt.

Verdunsteter Regen reicht

Allerdings ist es natürlich erlaubt, sich den durch Marketing vermittelten Charakter eines Destillats durch seinen Verzehr zu eigen zu machen. So funktionieren erfolgreiche Geschäft nun einmal. Wenn ersehnte konstitutive Eigenschaften mit dem Kauf einer Flasche Octomore erwerbbar sind, ist das beneidenswert. Wenn es dann auch noch schmeckt, gibt es am System Absatzwirtschaft rein gar nichts auszusetzen.

Nichts für ungut – Octomore ist ein großartiger Whisky, der sowohl seinen Ruf als auch seine Rauchgemeinde verdient. Es wäre bloß schön, Octomore würde als mehr als der rauchigste Whisky gehandelt. Sondern als Whisky, der nach dem aus einem Steak austretenden Fleischsaft schmeckt, nach kalter Asche und Metall, nach pfeffriger Süße und verdunstetem Regen. Und das ist doch schon wunderbar genug.

Photo credit: „Zwei Bäuerinnen beim Torfstechen“ von Vincent van Gogh via Wikimedia

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