Spreewood Distillers

Spreewood Distillers: Anders als woanders

Drinks 6.10.2016 1 Kommentar

Und auf einmal stehen sie an der Brennblase: Bastian Heuser, Steffen Lohr und Sebastian Brack übernehmen die Spreewaldbrennerei und firmieren ab sofort als Spreewood Distillers. Was es damit auf sich hat, warum der Agenturschreibtisch irgendwann nicht mehr genug war und weshalb statt Gin lieber Whisk(e)y und Rum aus der Brennblase laufen werden, haben uns zwei von den dreien im exklusiven, großen Interview verraten.

Gut 50 wichtige Persönlichkeiten aus der deutschen Barszene haben in diesen Tagen ein besonderes Paket in der Post gehabt. Der Inhalt: eine Flasche mit spreewäldischem Rye Whiskey. Der stammt zwar noch aus der Zeit, in der Dr. Torsten Römer der Inhaber der Spreewald-Brennerei war, doch jetzt hat die Firma aus Schlepzig im Spreewald neue Inhaber, die man in der Barszene wohl kaum noch jemandem vorstellen muss: Bastian Heuser, ehemaliger Bartender und MIXOLOGY-Mitarbeiter sowie Mitinhaber von Cocktailian (Barworkz) und Steffen Lohr (der nach aktiver Bartenderzeit jahrelang als Markenbotschafter für Bacardi aktiv war) gehen unter die Brenner. Mit ihrer Agentur SmallBigBrands (also gemeinsam mit Sebastian Brack) und der Unterstützung von Freunden und Familie übernehmen sie die Brennerei im malerischen Spreewald und firmieren ab sofort unter dem Namen Spreewood Distillers. Ein Gespräch über persönliche Entwicklung, Roggen, Mikroklima und warum sie von Obstbrand lieber die Finger lassen.

Bastian, Steffen, plötzlich seid ihr beiden Brenner. Die Liste eurer bisherigen Aktivitäten ist lang: Bartender, Markenbotschafter, Agenturbetreiber, Autor – hat das noch nicht gereicht? Und vor allem: War der Wunsch, irgendwann eine eigene Brennerei zu betreiben, eher Teil eines langfristigen „Masterplans“ oder eine Entscheidung aus der Gelegenheit heraus? Zumindest von dir, Steffen, erinnere ich mich aus einem früheren Gespräch noch an die Aussage: „Irgendwann will ich mal selber Rum brennen.“

Bastian Heuser: Wie so oft im Leben waren es eher beide der angesprochenen Aspekte. Einerseits haben wir den gemeinsamen Bar-Background und die Liebe zu Spirituosen, andererseits haben wir beide in den letzten Jahren vor allen Dingen – oder eigentlich fast ausschließlich – am Schreibtisch gearbeitet. Da wächst irgendwann mehr und mehr der Wunsch, wieder in die eigentliche Produktion zu gehen, ein Produkt zu haben, das man am Ende in der Hand halten kann. In welche Richtung genau das dann wandern würde, war aber lange Zeit unklar. Wir haben jedenfalls nicht immer schon gesagt: „So, wo gibt’s eine Brennerei, die wir kaufen können?“

Ihr seid also nicht zur Brennerei gekommen wie die Jungfrau zum Kinde?

Steffen Lohr: Die Idee, zu brennen, war schon länger da. Wir haben uns zwar nicht hetzen lassen, aber eben doch immer mal wieder geschaut, welche Möglichkeiten es gibt, also sozusagen die Fühler ein wenig ausgestreckt. Ich weiß gar nicht mehr genau, was der Auslöser war, ich glaube, es war etwas mit deutschem Whisky…

Heuser: …ja, Sebastian und ich, wir waren relativ viel in Brandenburg unterwegs und hatten uns da mal eine Brennerei angesehen, Preussischer Whisky aus der Uckermark. Und die Inhaberin, Frau Bohne, hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass Dr. Torsten Römer im Spreewald einen Nachfolger sucht, der seine Brennerei übernehmen würde. Dann sind wir da mal hingefahren…

Lohr: …nach Schlepzig. Schlepzig. So heißt das dort, wo die Brennerei steht. Kannten wir vorher nicht.

Und dann seid ihr da einfach so hingefahren?

Lohr: Ja, allerdings ohne Termin, sondern eher nach dem Motto: Wir schauen uns das mal an, bevor die da für einen Termin alles schick machen. Aber tatsächlich war das ein entscheidender Punkt, der dafür sprach: Abgesehen davon, dass uns nach ungefähr zehn Sekunden klar war, dass wir dahin wollen, weil das ganze Anwesen einfach herrlich ist, war eben alles absolut top in Schuss und sauber – nicht nur die drei Brennanlagen, die da stehen, sondern auch die Lagerhäuser. Viele kennen das ja, diesen speziellen Geruch der „Warehouses“, man riecht den „Angel’s Share“. Dann hat man auch noch den Fluss gesehen. Es hat perfekt gepasst.

Und dann habt ihr einen Termin gemacht?

Heuser: Genau. Und da hat sich auch gezeigt, dass sich zwischen uns und Torsten Römer schnell ein guter Draht entwickelt. Das war mit Blick auf solch eine Unternehmensnachfolge nicht nur uns wichtig, sondern auch ihm. Es ging ihm nicht einfach darum, das zu verkaufen. Er wollte jemanden finden, der das dort wirklich fortsetzt.

Wenn wir jetzt von den Spreewood Distillers sprechen, geht es somit nicht einfach darum, dass ihr eine Einrichtung kauft und da euer Ding macht, sondern eher um eine Übernahme, die auf dem Bestehenden aufbaut?

Heuser: So kann man das ausdrücken, ja.

Lohr: Was Torsten Römer und seine Mitarbeiter da bislang gemacht haben, ist klasse. Nichtsdestotrotz sehen wir natürlich auch die ganzen Möglichkeiten, die sich da für die Zukunft noch bieten. Zunächst einmal hört ja die Anlage an sich mit der Brennerei noch lange nicht auf: Da gehört ja noch ein Café dazu, ein Hofladen, wo die Produkte derzeit verkauft werden, ein wunderschöner Biergarten und dann noch ein ganzes, noch leer stehendes Grundstück. Von daher haben wir nicht nur das Glück, die bestehenden Ressourcen weiter zu bewirtschaften und die Firma fortzuführen, sondern gleichzeitig auch noch unheimlich viel ausbauen und optimieren zu können. Und das ist für mich das eigentlich Schöne daran: Einerseits gibt es dort eine Basis, sozusagen ein Erbe, gleichzeitig ist es aber nicht so, dass wir da nun hingekommen sind und alles ist schon fertig.

Heuser: Wir haben lange genug im Agenturgeschäft von Jahr zu Jahr gedacht. Davon entfernen wir uns jetzt mit der Brennerei, bei der man eher in Dekaden denken muss, gerade wenn man fast ausschließlich gereifte Spirituosen macht. Uns war immer wichtig, dass wir, wenn wir eine eigene Brennerei machen, nicht einfach etwas Fertiges kaufen. Klar, gerne, wie im jetzigen Fall, etwas mit Wurzeln und Geschichte. Aber nichts, was wir nicht selbst noch weiter auf- und ausbauen können. Selber machen also. Letztendlich werden wir daher das, was Torsten Römer angefangen hat, in seiner Stilistik auch weiterführen – auch weil es uns zusagt –, aber natürlich ebenso eigene Ideen, also uns selbst dort einbringen.

Also viele neue Produkte?

Heuser: Nein, es geht gerade nicht um zahllose neue Produkte. Vielmehr geht es da um Fragen wie: Wie geht man z.B. das Thema Fassreifung an? Welche Möglichkeiten bietet das Klima überhaupt dafür? Mit neuen Kategorien oder Segmenten wollen wir vorsichtig sein – eben gerade, weil es ja darum gehen soll, das Bestehende fortzusetzen.

DER STORCH UND DER SCHMETTERLING

Das heißt konkret? Was wird denn derzeit dort hergestellt und wie wollt ihr damit umgehen?

Lohr: Neben vielen Obstbränden, die dort in letzter Zeit produziert worden sind, geht es im aktuellen Betrieb primär um Single Malt und Rye. Das machen die dort auch schon lange. Und das passt zu unserer Leidenschaft ebenso wie die Tatsache, dass die dort noch ungefähr 45 Tonnen kubanische Melasse liegen haben, die darauf wartet, verarbeitet zu werden.

Das heißt, der ehemalige Bacardi-Mitarbeiter Steffen Lohr wird nun endlich selbst Rumproduzent?

Lohr: Ja, im Prinzip schon. Auf Single Malt, Rye Whiskey und Rum wird der große Fokus der Haupt-Range liegen.

Heuser: Wobei wir insgesamt das Angebot in zwei Rubriken aufteilen werden.

Das bedeutet, ihr fahrt zweigleisig? Wie darf man das verstehen?

Lohr: Mit Whisk(e)y und Rum schauen wir natürlich in Richtung von Kennern und Bartendern. Da wird es die beiden Marken „Stork Club“ (Whisk(e)y) und „Papillon“ (Rum) geben – durchaus dann auch im höherpreisigen Segment angesiedelt.

Heuser: Unter Stork Club werden zunächst jeweils ein Single Malt und ein Rye vertrieben, das sind natürlich auch noch aktuelle Bestände, der Single Malt kommt zunächst mit 47% Vol., der Rye mit satten 55%. Dazu werden dann immer wieder Single Cask-Abfüllungen kommen, aber nur wenn es passt. Bei Rum wird es sowohl vor Ort gebrannten weißen und gereiften Rum als auch zugekaufte, bei uns gereifte und weiter veredelte Rums geben. Die beiden Marken sind die, die wir national ausbauen werden, allerdings nicht mit Blick auf den Einzelhandel, sondern mit klarem Fokus auf On-Trade und Fachhandel. Der offizielle Launch der Produkte erfolgt im Laufe des ersten Quartals 2017 und ab Ende 2019 schließlich gehen die ersten Whisk(e)ys in den Handel, die wirklich komplett aus unserer Hand stammen.

Lohr: Parallel dazu wollen wir aber mit einer lokalen Palette an unterschiedlichsten Likören, etwa Kräuter oder Brombeere – die es dort schon seit Jahren gibt und die super sind – auch bestimmte Produkte nur vor Ort anbieten. So hat das Spiel zwei Seiten und bleibt auch für uns interessanter.

Entschuldigt die Frage, aber: Es wird tatsächlich keinen Gin geben?

Heuser: Es ist zumindest nicht geplant, nein. Und wenn doch irgendwann, dann nicht als Marke im Sinne der beiden eben genannten, sondern als Teil der vor Ort erhältlichen Sorten. Aber wir müssen ja auch im Blick behalten, dass wir unsere Kapazitäten sinnvoll nutzen und nicht überstrapazieren.

VOM BARTENDER ZUM SPREEWOOD BRENNMEISTER

Eine neu übernommene Brennerei und aktive Markenentwicklung – das klingt, auch wenn vieles infrastrukturell schon existiert, nach viel Arbeit. Wer wird denn die Produktion vor Ort leiten?

Lohr: Darum werde ich mich kümmern.

Spricht man dann vom „Master Distiller“ Steffen Lohr?

Lohr: (schmunzelt) Wir sind ja wie Herr Römer selbst Autodidakten, und ich als Leiter vor Ort muss mir da auch noch eine ganze Menge Wissen drauf schaufeln. Wobei ich mich mittlerweile recht eng in die Materie eingearbeitet habe. Zudem übernehmen wir ja auch die gesamte Belegschaft mit, auch das gehört für uns zum Fortsetzungsgedanken – ich bin also nicht allein, sondern habe dort Menschen, die den Betrieb und das Handwerk kennen. Aber letztendlich bin ich dann verantwortlich dafür, dass am Ende aus allen Produktionsschritten – Brennen, Lagern, Abfüllung – ein fertiges, rundes Produkt entsteht, auf das wir unseren Namen setzen.

Die Kapazität vor Ort beläuft sich auf drei Brennanlagen. Du hast mir aber kürzlich schon erzählt, dass aller Voraussicht nacht noch eine neue Brennanlage dazu kommen könnte. Wie ist da der Stand?

Lohr: Ja, es sind drei Brennblasen. Eine davon ist allerdings noch eine echte, alte Holzbrennanlage, mit der man bestimmt tolle Obstbrände herstellen kann. Aber – und zu dem Schluss sind wir gemeinsam gekommen – das können andere besser. Das ist aus meiner Sicht die Königsklasse des Brennens, es wäre etwas vermessen, gleich damit anzufangen. Der Zugang zu den Früchten ist dann nochmal eine ganz andere Frage. Und wenn wir eine neue Blase bauen lassen, dann muss eine der alten dafür wegkommen, mehr Platz ist einfach nicht. Wahrscheinlich wird es aber schon darauf hinauslaufen, dass wir eine der jetzigen durch eine größere, neue ersetzen.

Heuser: Wir müssen ja auch sehen, wer wir sind und wo wir starten: Das ist eine regionale Brennerei, und ich fände es zumindest schwierig, das Obst-Segment zu bearbeiten. Die Streuobstwiesen, die für Obstbrand so wichtig sind, findet man eher in Süddeutschland, wo ja auch die absolute Mehrheit der bekannten Obstbrenner ihren Sitz haben. Wir könnten natürlich Äpfel aus dem Havelland einkaufen. Aber das wollen wir nicht. Die Entscheidung, beim Whisk(e)y und vor allem beim Rohstoff Roggen zu bleiben, ist ja nicht mit einem persönlichen Faible begründet, sondern genauso bewusst aus regionalen Gesichtspunkten getroffen!

ANDERS ALS WOANDERS

Das bedeutet, Getreide im Allgemeinen und Roggen im Speziellen sind Produkte, die für die Region Spreewald stehen?

Heuser: Tatsächlich ist Brandenburg Deutschlands mit Abstand größter Roggenproduzent. Es ist übrigens sogar so, dass einige US-Brenner, z.B. Wild Turkey, brandenburgischen Roggen zukaufen. Und Roggen gilt weltweit als das deutsche Getreide überhaupt. Das ist natürlich nicht allein der Beweggrund, wir lieben ja die Kategorie Rye auch ganz generell – aber es ist dennoch ein wichtiger Ansatzpunkt, wenn es um die Produktentwicklung geht. Regionale Ursprungsprodukte sind für uns keine leere Phrase.

Lohr: Zumal wirklich im nächsten Dorf die Agrargenossenschaft sitzt, mit denen stehen wir nun auch schon länger in Kontakt. Wir brauchen keine langen Wege und Produktketten, sondern stehen dann mit unseren Lieferanten im beinahe täglichen, direkten Austausch. Das war uns wichtig.

Heuser: Zumindest beim Roggen. Uns ist schon klar, dass wir keine Melasse aus Brandenburg bekommen. (lacht)

Der Rye Whiskey wird dann eine 100%-Mashbill haben, also tatsächlich komplett aus Roggen sein? Das wäre schon eine Seltenheit.

beide: Ja. Und Ja.

Und im Spreewald ist das Klima geeignet, um einen echten Rye Whiskey zu produzieren? Versteht das nicht falsch: Es ist nichts schlimm daran, wenn ein Rye aus dem Spreewald anders schmeckt als einer aus Kentucky. Doch die Frage ist dann, ob er sich in seiner Charakteristik eignet, um an der Bar eben wie ein Rye vermixt zu werden.

Heuser: Was viele nicht wissen, ist, dass der Spreewald ein fast einzigartiges und für die Fassreifung herausragend geeignetes Mikroklima besitzt. Deshalb hatte ich eben auch schon einmal das Thema Fassreifung angesprochen, bei dem man sich dort wirklich austoben kann. Man darf nicht vergessen: Das ist dort ein Sumpfgebiet mit einem feucht-milden Klima und wenig Wind. Trotzdem gibt es Jahreszeiten, also Ausdehnung und Kontraktion des Holzes. Das Ergebnis sind Fässer, die sehr saftig bleiben und eher Wasser verdunsten lassen – aber keinen Alkohol, der im Fass gehalten wird. Da die Hölzer relativ feucht bleiben und viel „arbeiten“, ergeben Fasslagerungen von Bränden dort sehr extraktreiche Spirituosen. Diese Kombination von Faktoren ist in Kontinentaleuropa so gut wie einzigartig. Das erlaubt uns dann auch, die Brände mit hohem Alkoholgehalt abzufüllen, wir müssen nicht oder nur sehr leicht verdünnen, einerseits, weil wir keinen großen Schwund haben, andererseits, weil die Brände diese Verdünnung gar nicht brauchen. Es ist jedenfalls anders als woanders. Und jetzt ist die Zeit dafür. Deshalb fangen wir jetzt an!

Ein Kommentar

  1. Cornelia Bohn

    Ein tolles Interview!

    Na dann……ran an die Arbeit, gutes Gelingen und einen super Start wünscht

    Cornelia Bohn
    Preussische Whiskydestillerie

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