Design erzählt – Die Top Fünf deutscher Gin-Designs

Drinks 10.11.2015 1 Kommentar

Deutscher Gin ist nicht nur der große Hype der letzten Jahre, er ist auch die Design-Spielwiese schlechthin. Von Manchen belächelt, von Anderen verehrt.  Zum zweiten Mal hat sich unser spiritueller Design-Experte Iven Sohmann auf Safari durch den Bilderwald begeben, hat ästhetische Konzepte verglichen und Schriftarten analysiert. Wir präsentieren sein strenges Verdikt: die Top Fünf des deutschen Gin-Designs!

Vom Verdauungstropfen zur Volksdroge. Vom Schickeriaschnaps zur Standardspirituose. Vom Seniorensprit zum Trendgetränk. Die Geschichte des Gins hat – ganz im Gegensatz zur Historie der hiesigen Hersteller – viele Kapitel. Das Gros der deutschen Destillerien gründete sich schließlich erst nach dem internationalen Boom, den der Scotch-Produzent William Grant & Sons im Jahr 2001 mit dem Release des Hendrick’s Gin auslöste. Trotzdem – oder gerade deshalb – sind die Packagings hierzulande betont geschichtsträchtig gestaltet, zum Teil sogar sagenumwoben.

Alter vor Schönheit?

Bereits bei der Wahl der Gebinde dominieren antiquierte Apothekerflaschen, gefolgt von anderen Traditionalisten wie der Steinzeugflasche, der Weinflasche oder dem Flakon. Unter diesen Voraussetzungen scheint der nostalgische Korkenverschluss beinahe alternativlos. Getreu dem schottischen Wegbereiter Hendrick’s bedienen auch die Etiketten und Siebdrucke der deutschen Gins die gesellschaftliche Sehnsucht nach Tradition und Handwerk. Wenn nicht formal, dann zumindest inhaltlich. Die Sujets reichen dabei von Seemannsgarn und Volkssagen über Adelsstand und Kolonialismus bis hin zu Brennkunst und Rohstoffromantik. Schon die Namen sprechen Bände. Nebst Kalauern wie Gin Dobre, The OriGINal und Gin & Ginnie finden sich etliche Wortmarken wie The Duke, Siegfried und Madame Geneva, die nur so vor Story strotzen. Doch Geschichte ist nicht alles. Prägnanz, Wertigkeit, Innovationsgehalt und Handhabbarkeit sind ebenfalls wichtige Kriterien bei der Bewertung der deutschen Gin-Designs, deren Top Fünf im Folgenden vorgestellt wird.

Platz 5: Gin Luum

Zu tief ins Glas geschaut? Gin Luum ködert mit Anglerfisch. Gekonnt kompensiert das grazil gestaltete Etikett die klobige, der kleinen Auflage geschuldete, Standardflasche. Das liebenswerte Tiefseemonster schwimmt in einem petrolfarbenen Meer von Botanicals. Seine nicht nur hinsichtlich der Fangzähne überspitzte Illustration defloriert das blumig-biedere Bauchetikett dabei mustergültig. Genau dieser Twist bewahrt den Kölnisch-Wasser-Lookalike aus Münster davor, in Schönheit zu sterben.

Die Komposition aus geprägtem Antiqua-Schriftzug, Spruchband und Ornamenten sorgt für ein äußerst edles Erscheinungsbild. Das gerippte Naturpapier und das versiegelnde Halsetikett – über dem leider mit dem monochromen Farbkonzept brechenden Korken – tun ihr Übriges. Dass das Krönchen und die kleinteiligen, zum Teil arschgeweihten Lückenfüller dabei etwas zu viel des Guten sind – geschenkt. Auch, dass die Story um Markenname und Maskottchen nur im wahrsten Sinne des Wortes einleuchtet, ist Meckern auf hohem Niveau. Dieses kleine Licht hat Starpotential!

Illustration: Vincent Strogalski
Design, Foto: Gin Luum

Platz 4: Elephant Gin

Kommt’n Elefant in ’ne Bar … Das Gebinde des Elephant Gin ist ein Flachmann in der Massephase. Die sperrige, weiße Individualflasche ist mit Naturkork verschlossen und mit Kordel und Bleisiegel verziert. Auch abseits des Flaschenhalses mangelt es dem Gin aus dem Hamburger Umland durch Siegelprägung, Bauch-, Streifen- und sogar beidseitig bedrucktem Rückenetikett nicht an aufwendiger Inszenierung. Drei Ecken, ein Elefant: Auf der kunstvollen Frankierung im erdfarbenen Stahlstichstil berauscht sich ein Dickhäuter vor Dschungeldeko. Auch die Typografie benimmt sich wie ein Elefant im Kolonialwarenladen: Verhaltensauffällige Antiqua-Varianten mit Meißel- und Spitzfederduktus sowie die händisch kalligrafierten Losangaben bestimmen das Schriftbild.

Diese glaubhafte Gestaltung kommt auch dem wohltätigen Anliegen zugute. 15% des Gewinns gehen an Stiftungen für den Erhalt der grauen Riesen, deren Namen die Batches im Übrigen tragen. Apropos Hintergrund: Die schatzkartige Darstellung der südafrikanischen Küste samt Streifzug durch Flora und Fauna ist ein weiterer Hinkucker. Insgesamt vielleicht sogar einer zu viel. Der Elephant Gin könnte etwas mehr Schwerpunktsetzung vertragen. Bei all den anderen Qualitäten aber garantiert kein Grund für ein langes Gesicht.

Design: Simon Frouws, Elephant Gin
Foto: Elephant Gin

Platz 3: Windspiel Gin

Der Windspiel Gin aus der Eifel betreibt die Politik der gebrannten Erdäpfel. Die antikgrüne Bordeauxflasche mit handlicher Wachstumsstörung beinhaltet das Destillat aus „in Vulkanerde gereiften Kartoffeln“ und lobhudelt deren deutschen Ziehvater Friedrich den Großen. Die Verpackung zu Ehren des „Kartoffelkönigs“ ist mit Korken, Krone, Kordel und güldenem Messingring samt Fähnchen allemal standesgemäß. Zudem ist diese praktische Gesamtkonstruktion das prägnanteste Alleinstellungsmerkmal des insgesamt sehr individuellen Packagings.

Auf dem rauchertapetengelben Bauchetikett posiert ein stolzer, lexikonartig illustrierter Windspiel – einer der Lieblingshunde des „Alten Fritz“, mit denen er sich sogar beerdigen ließ. Obwohl Kerning und Zeilenabstand der Antiqua-Schrift typografisch zu wünschen übrig lassen, beweist die Verpackung gerade mit ihrer Fülle an Feinheiten echte Ü-Ei-Qualitäten. Windspiel Gin – die perfekte Symbiose aus Gag und Geschichtsbuch und obendrein eine ziemlich heiße Kartoffel. Bloß nicht fallen lassen!

Design: Windspiel
Foto: Jörg Ladwig

Platz 2: Monkey 47 

„Diese affige Briefmarke auf dieser verkorkten Apothekerflasche!“ Der mit Preisen für Verpackung und Inhalt hochdekorierte Branchenkrösus Monkey 47 hat sich den Neid verdient. Monkey Business! Die dunkelbraune Individualflasche und das farblich reduzierte Bauchetikett sind mit ihren nostalgischen Anleihen an Pharmazie und Philatelie zu Stilikonen deutschen Gin-Designs geworden. Auf der überdimensionierten Briefmarke prangt ein, unter britischer Krone in einen viktorianischen Bilderrahmen gepferchter, Javaner-Affe mit Preiselbeerzweig über tropisch-deutscher Waldlandschaft vor indischem Kuppelbau. Das Stahlstichimitat in Lila-Grau hat offenbar viel zu erzählen.

Long story short: Der Affe heißt Max und stammt aus dem Berliner Zoo; sein Patenonkel ist der britische Weltenbummler Montgomery Collins – seines Zeichens Entwickler der Originalrezeptur aus den 50er Jahren. Es ist das bewegte Leben dieses Gin-Gentlemans, das hier inhaltlich diffus, aber handwerklich kuckucksuhrengenau bebildert wird. Von der partiellen Hochprägung des gestanzten Naturpapiers über die authentische Mischung von Antiqua-, Grotesk- und Schreibschrift bis hin zur Gravur Ex Pluribus Unum“ („Aus vielen eines“) am Metallring des Korkens – die Flaschenpost aus dem Schwarzwald ist eine kompositorische Meisterleistung. Haters gonna hate.

Design, Foto: Monkey 47

Platz 1: Gin Sul

Tears in Häfen. Die Hansestadt Hamburg und die Südwestküste Portugals lieben sich in einer Fernbeziehung. Ihre Tränen aus Abschied und Wiedersehen sammeln sie in einer weißgrauen, glasierten Tonflasche mit babyblauem Gin Sul-Aufdruck. Das Steinzeug aus Deutschland, der Naturkorken aus Portugal. Die Destille in Hamburg-Altona, die Botanicals von der Costa Vicentina.

Auf dem Spruchband über dem fachmännischem Schriftmix aus geometrischer Egyptienne, Schreibschrift und schattiertem Grotesk-Versalsatz tuckert ein bei Wellengang à la Fisherman’s Friend illustriertes Typschiff. Genauer gesagt: eine Ende der Siebziger Jahre in Hamburg ausgebootete HADAG-Fähre, die seitdem als Cacilheiro auf dem Tejo vor Lissabon verkehrt. Mehr braucht es nicht. Von den Zutaten bis zum Zierwerk auf der Flasche: Der „Gin des Südens kommt mit viel Liebe zum Detail. Und viel Detail zur Saudade – dem kaum übersetzbaren Gefühl von Sehnsucht, Fernweh und Weltschmerz. Welch schrecklich schöne Schmonzette. Gratulation und zum Wohle!

Design, Foto: Gin Sul

Ein großer Ginpool

Trotz der einheitlichen Nennfüllmenge von 500ml ist die Diversität der Top Fünf deutscher Gin-Designs beeindruckend. Neben der Verwendung unterschiedlicher Formen, Farben und Gestaltungsprinzipien glänzt die Auswahl auch mit thematischer Vielfalt – und das, obwohl die ihnen allen innewohnenden Reminiszenzen nicht von der Hand zu weisen sind. In detailreichen Geschichten erzählen sie von Reisen durch Raum oder Zeit oder eben beides. Der Wahrheitsgehalt ist dabei zu Recht sekundär. Eine gute Story ist eine gute Story.

Abseits der Packagings, die vor allem den Exportschlagern Monkey 47 und Gin Sul nacheifern, finden sich auch im Verfolgerfeld viele Wettbewerber mit starken eigenständigen Konzepten. Both’s Old Tom zieht beispielsweise mit Samtetikett in die Materialschlacht, Goldberner macht sich Freunde mit individueller Stickeralbumflasche und Skin Gin geht den Mittelweg per Chamäleon-Kollektion. Aus echter Tradition völlig allein auf weiter Flur – und deshalb Sieger der Herzen – ist der Eversbusch Doppel-Wachholder. Sein Packaging ist seit 80 Jahren praktisch unverändert. In Zeiten, in denen Kreativbranchenaussteiger noch und nöcher in den Markt drängen, wirkt die Gin gewordene Curryketchupflasche herzerfrischend. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Photo credit: Flasche via Shutterstock

Ein Kommentar

  1. DOC HOLIDAY

    Mein persönlicher, klarer Favorit: „I dream of Gini“ von Dactari. Das nenne ich mal Packaging, Design und Konzept. Übrigens auch auf diversen Design-Platformen gefeatured. Bedruckte Flasche, Papiereinschlag und wer will noch eine schwarze Kartonage … naja, jedem seinen Geschmack, deutsches Getränke-Design ist ja eh nicht so ganz auf der Höhe der Zeit… Grüße, Euer DOC

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